Manchmal passt es einfach nicht: der „Fall“ Perisic

Gerade erst hat der BVB den Trainingsbetrieb wieder aufgenommen, da sitzt er schon mitten drin im Transferkarussell, das sich in ganz Europa wieder gewohnt hektisch dreht. Mehr als der übliche Laktattest, den Jürgen Klopp mit seinen Mannen in der Helmut-Körnig-Leichtathletikhalle wie jedes Jahr absolvierte, um zu überprüfen, inwieweit Weihnachtsgans, Schoko-Nikoläuse und Feiertags-Pils ihre Spuren bei den Spielern hinterlassen haben, beschäftigte die Medien und die Fans der offenbar unmittelbar bevorstehende Wechsel von Ivan Perisic zum VfL Wolfsburg.

Wirklich überraschend kommt der Transfer, den selbst die seriösen Sportmedien als „so gut wie fix“ vermelden, wohl für niemanden. Schon vor der Winterpause gab es entsprechende Gerüchte und dass Perisic mit seiner Reservistenrolle in Dortmund nicht zufrieden ist, weiß die Fußballwelt auch, seitdem er sich vor einigen Wochen öffentlich darüber beklagte. Erneut, sollte man sagen. Denn bereits in seiner ersten Saison riss dem Kroaten im Winter der Geduldsfaden und er klagte den Medien sein Leid über seinen Stammplatz auf der Bank. Dass ein hochtalentierter und ehrgeiziger Spieler auf Dauer nicht mit einem Dasein als Ergänzungsspieler zufrieden sein kann, ist nachvollziehbar. Dass er schließlich sogar soweit ging, öffentlich zu mutmaßen, der Trainer könne möglicherweise etwas gegen ihn persönlich haben, hingegen nicht. Mit diesen Aussagen verspielte er bei vielen Fans einiges an Kredit.

Nein, überraschend ist dieser Transfer für niemanden, der sich ein bisschen mit Borussia Dortmund beschäftigt. Eigentlich hatte jeder genug Zeit, sich eine Meinung über diesen irgendwie am Ende vielleicht unausweichlichen Transfer zu bilden. Und trotzdem scheint keiner so recht zu wissen, was er jetzt damit anfangen soll. Einerseits sind die kolportierten 8 Millionen Euro viel Geld für einen Spieler, der den Durchbruch beim BVB irgendwie nicht richtig geschafft hat und in erster Linie aufgrund seines Hammer-Tores zum 1:1 gegen den FC Arsenal im ersten Champions-League-Gruppenspiel der Saison 2011/12 in positiver Erinnerung bleiben wird. Andererseits konnte in der Hinrunde der aktuellen Saison schon hin und wieder der Eindruck entstehen, der BVB-Kader sei in der Breite nicht gut genug besetzt, vor allem im Vergleich zu den Bayern. Ist es da klug, einen Spieler abzugeben, der offensiv durchaus seine Glanzmomente hat und den man durchaus in der 75. Minute noch mal bringen kann, um noch etwas Torgefahr zu verbreiten? Und irgendwie hofften ja doch viele bis zum Schluss, dass Ivan Perisic doch noch explodiert und den Durchbruch schafft. Mit einem Abgang im Sommer hatten sich viele schon abgefunden, aber ist es nicht zu früh, ihn im Winter schon abzugeben?

Fakt ist aber, dass Perisic trotz seiner herausragenden Fähigkeiten im Offensivbereich auch in der abgelaufenen Hinrunde defensiv weiterhin oft genug ein Risikofaktor war. Das führt in einem Spielsystem, dessen Basis die defensiv solide Grundordnung ist, nun mal nicht zwingend zu einem Stammplatz. Fakt ist, dass er es in anderthalb Jahren nicht geschafft hat, das taktische Konzept von Jürgen Klopp zu verinnerlichen und deshalb selbst dann oft wie ein Fremdkörper in der Mannschaft wirkte, wenn er eigentlich gut spielte. Und Fakt ist, dass Perisic auch durchaus nicht immer Offensivfeuerwerk abbrannte, sondern gerade in den letzten Wochen oft genug auch einfach unsichtbar war, wenn er gespielt hat.

Dass das nicht reicht, um an einem Ausnahmekönner wie Marco Reus vorbei zu kommen, ist logisch. Es hat aber in anderthalb Jahren auch nicht gereicht, um an Kevin Großkreutz vorbei zu kommen, der vielleicht nicht ganz die technischen Fähigkeiten von Perisic hat, aber dafür ein viel besseres taktisches Verständnis, meist auch eine größere Einsatzbereitschaft und defensiv insgesamt viel solider spielt. Auch an ihm kam Perisic nie vorbei, obwohl Großkreutz bisher sicher auch nicht die Saison seines Lebens spielt.

Tatsächlich kann man darüber diskutieren, ob der Kader breit genug aufgestellt ist. Vor allem, was den Sturm und die Außenverteidiger-Positionen angeht, darf das durchaus bezweifelt werden. Das Mittelfeld allerdings dürfte der wohl am besten besetzte Mannschaftsteil beim BVB sein, selbst wenn für Perisic im Winter kein Ersatz mehr geholt wird. Mit Götze, Reus, Kuba, Großkreutz, Leitner, Bittencourt und im Notfall noch Schieber gibt es immer noch sieben Spieler, die eine der drei offensiven Mittelfeldpositionen bekleiden können. Auch Lewandowski im Mittelfeld wäre eine Alternative, die sich aber mangels adäquater Alternativen im Sturm eher verbietet.

Es stellt sich neben den sportlichen Aspekten aber eben auch noch die Frage, ob man einen Spieler, der so unzufrieden ist, mit Macht halten sollte oder ob er am Ende nicht vielleicht einen vermeidbaren Unruhefaktor in einem ansonsten recht harmonischen Umfeld darstellt. „Reisende soll man nicht aufhalten“, schrieb auch manch ein Fan dieser Tage zum Thema „Perisic“. Diese Frage stellt sich natürlich auch bei einem Robert Lewandowski mit seinen nie endenden und unendlich nervigen Wechselgerüchten, nur ist dieser im Gegensatz zu Perisic eine tragende Säule unserer Mannschaft und für den Erfolg unverzichtbar.

Am Ende muss man, was Ivan Perisic angeht, vielleicht feststellen: manchmal passt es eben einfach nicht. Die Voraussetzungen können noch so gut sein, der Spieler kann noch so herausragende Fähigkeiten haben und noch so begeistert vom Verein sein, aber manchmal passen Spieler und Verein vielleicht einfach nicht zusammen. Es ist schade, dass der BVB einen hochtalentierten und eigentlich auch sympathischen Spieler verliert und es ist schade für Ivan Perisic, dass er sich am Ende in Dortmund nicht durchsetzen konnte.

Ivan Perisic wird den Verein also aller Voraussicht nach noch in der Winterpause verlassen. Auch wenn die Hoffnungen und Erwartungen, die Spieler und Verein aneinander hatten, am Ende vielleicht nicht erfüllt werden konnten, hat Perisic dennoch einige sehr wichtige Tore für den BVB geschossen und kann sich mit Fug und Recht „Doublesieger 2012“ nennen, was er sich mehr als verdient hat.

Vielleicht kann er sein Potenzial bei einem anderen Verein besser ausschöpfen und den großen Durchbruch schaffen. Vielleicht braucht er einfach ein anderes System, um seine Stärken besser ausspielen zu können. Ich wünsche ihm für seine Zukunft, wo auch immer die liegen mag, alles Gute!

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