Über Stadionsicherheit, Erbseneintopf und alkoholfreies Bier: Meine JHV-Premiere beim BVB

Am 25. November war es mal wieder so weit: Borussia Dortmund lud – für meinen Geschmack einige Stunden zu früh – zur alljährlichen Mitgliederversammlung in die Westfallenhalle 3B ein und ich wollte zum ersten Mal dabei sein. Vereinsmitglied war ich bereits im August 2011 geworden, nachdem ich zu der Ansicht gekommen war, dass mir die Dauerkarte auf der Südtribüne nicht mehr genug war und ich meinen Verein noch mehr unterstützen wollte. Dummerweise fand die letztjährige Jahreshauptversammlung am Tag nach unserem 1:0-Auswärtssieg in diesem Autoreifen-ähnlichen Gebilde in München statt. Ich hatte das Spiel mit einem Freund bei mir zuhause geschaut und den Sieg anschließend standesgemäß begossen. Das letzte Bier an diesem Abend war allerdings wohl schlecht gewesen. Daher plagte ich mich an besagtem Sonntag mit dem mindestens dritt- oder viertschlimmsten Kater in meinem bisherigen Leben herum und ließ die JHV deshalb lieber sausen.

Aber diesmal war ich dabei – nicht gerade ausgeschlafen, aber doch zumindest fit. Ich wusste eigentlich nicht, was mich erwartete. Wie läuft so eine JHV eigentlich ab? Das weiß man ja nicht, wenn man nicht dabei ist. In den Medien liest man immer nur von den Geschäftsbilanzen, den ernannten Ehrenmitgliedern und vielleicht noch, wann die Mannschaft aufgekreuzt ist.

An der Halle angekommen, erinnerte manches doch zunächst mal an einen Stadionbesuch, denn es hieß zunächst: (Mitglieds-)Karte vorzeigen. Allerdings war das Ordnerpersonal nicht in orangerote Warnwesten, sondern in feinen Zwirn mit schwarzgelben Krawatten gekleidet. Das mag es am Stadion auch geben, allerdings sicher nicht in den Stadionbereichen, die ich normalerweise zu Gesicht bekomme. Vereinsmaskottchen Biene Emma begrüßte am Eingang die Besucher, nur um dann kurze Zeit später ganz vorne in der Halle 3B aufzutauchen. Entweder kann sie wirklich fliegen oder es gab mehrere davon!

Gleich beim Betreten der Halle empfing den Besucher ein riesiges Bild von der Südtribüne, gegenüber in gleicher Größe das inzwischen legendäre Zitat von Jürgen Klopp: „Wir sind alle ein bisschen verknallt in diesen Verein.“ Vor den schwarz verhüllten Wänden prangten Fotos der Kapitäne der BVB-Geschichte, die Trophäen gewonnen hatten. Adi Preißler mit der Meisterschale und Michael Zorc mit dem DFB-Pokal 1989 waren natürlich dabei, aber auch Roman Weidenfeller mit der Schale und – ganz aktuell – Sebastian Kehl mit dem Pokal.

Das Podium ganz vorne war schlicht gehalten, mit dem BVB-Emblem und dem schlichten Schriftzug „Borussia Dortmund“. Davor funkelten die Meisterschale und der DFB-Pokal im Scheinwerferlicht. Anfassen war natürlich nicht erlaubt, fotografieren aber schon. Das war schon irgendwie ein erhebender Moment, den Trophäen mal so nah zu kommen.20121125_104328

Schon um kurz nach halb 11 begann sich die Halle zügig zu füllen. Ich hatte ehrlich gesagt mehrheitlich Anzugträger erwartet, aber tatsächlich war diese Mitgliederversammlung wirklich ein Querschnitt durch die BVB-Familie. Anzugträger waren tatsächlich einige vertreten, aber auch viele Fans, denen man die langjährige Südtribünenkarriere regelrecht ansehen konnte. Es waren auffällig viele junge Fans anwesend, aber auch einige sehr betagte Herrschaften, von denen auch einige für 50, 55, 60 oder 65 Jahre Mitgliedschaft geehrt wurden. Viele Fans erschienen im Trikot, mit Schal oder im BVB-Sweater. Die alten BVB-Legenden wie Hans Tilkowski saßen übrigens keineswegs separat für sich, sondern mitten unter den Fans.

Die Stimmung war, auch sicher befeuert durch den 2:1-Auswärtssieg am Samstag in Mainz und natürlich die Champions League-Gala bei Ajax Amsterdam unter der Woche, sehr gelöst und fröhlich. „Lass uns mal alle bei den Blauen eintreten und dann den Verein auflösen“, flachste einer. Knapp 1.300 Mitglieder waren schließlich anwesend – nach dem Gefühl der langjährigen Mitglieder doch mehr als sonst. Allerdings verzeichnete der BVB allein im Jahr 2012 bisher einen Zuwachs von 20.000 Mitgliedern auf mittlerweile 75.000 – irgendwie klar, dass sich diese Zahl niederschlägt. Problematisch könnte das in einigen Jahren mit den Ehrungen werden. Schon in diesem Jahr dauerten alleine die Ehrungen der langjährigen Vereinsmitglieder fast eine Stunde, die „25-jährigen“ mussten in drei Gruppen auf die Bühne, weil es so viele waren. Rauball konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und meinte: „Ich weiß nicht, wie wir das in ein paar Jahren machen sollen mit den Ehrungen. Aber bis es so weit ist, muss ich mich ja auch nicht mehr drum kümmern.“

Wer mal raus wollte, der brauchte Orientierungsvermögen. Ein junger Mann sprach zu seinen Freunden: „Ich hab ja echt meine Zweifel, ob ich meinen Platz jemals wieder finde! Im Notfall müsst ihr mir über What’s app die Koordinaten schicken.“ Sehen konnte man das Geschehen auf der Bühne aber auch, wenn man in der letzten Reihe saß: es gab drei große Leinwände in der Halle verteilt.

Vier Stunden dauerte die Veranstaltung, immer wieder brandete Applaus auf.  Der größte Jubel brach los, als gegen halb zwei die Mannschaft und Jürgen Klopp den Saal betraten und ganz vorne Platz nahmen. Lange blieben sie nicht, nach etwa 20 Minuten entließ Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Spieler. So verpassten sie leider die Berichte des Wirtschaftsrates und der Kassenprüfer. Ich bin sicher, sie werden untröstlich darüber sein…

Sowohl Rauball als auch Watzke konnten sich regelmäßige Seitenhiebe gegen die blauen Reviernachbarn und die Bayern nicht verkneifen. Quittiert wurden diese Bemerkungen mit Johlen und Gelächter. Die Atmosphäre war familiär, die Redner gaben sich volksnah und bodenständig. Sowohl sportlich als auch wirtschaftlich gab es fast nur Positives zu vermelden und somit war größere Kritik nicht zu erwarten. Einen Reibungspunkt gab es aber doch, der dann schließlich unter dem Tagesordnungspunkt „Anregungen und Wünsche“ zur Sprache kam. Marc Quambusch, der u.a. in der Faninitiative „Kein Zwanni“ engagiert ist, sprach das umstrittene DFL-Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ an. Er forderte unter großem Applaus vom Verein, dass er sich klarer gegen Populisten wie Rainer Wendt positionieren solle und mithelfen solle, die hysterische öffentliche Debatte zu versachlichen. Interessant war in dem Zusammenhang, dass Watzke sich in seiner Rede gegen ebenjenen Populismus ausgesprochen hatte. Noch einmal wiederholten die Verantwortlichen das Bekenntnis zu Stehplätzen und kündigten an, „bis zum letzten Blutstropfen“ für den Erhalt kämpfen zu wollen. Die weiteren Anregungen und Wünsche betrafen meist die Stadionarchitektur, die Einlasskontrollen und die Ticket-Verteilung. Der Wunsch einer Frau nach alkoholfreiem Bier im Stadion rief allgemeine Erheiterung hervor, doch Watzke versprach mit großem Ernst, diese Möglichkeit zu prüfen.

20121125_145804Nach fast vier Stunden war das allgemeine Magenknurren schon fast mit Händen greifbar und so beschloss Reinhard Rauball die Veranstaltung um 14.45 Uhr. Der Saal erhob sich geschlossen und sang, wie es Tradition bei der JHV ist, gemeinsam mit der Vereinsführung das Vereinslied „Wir halten fest und treu“ zusammen. Danach stürmten die Massen die benachbarte Halle, um die alljährliche kostenlose Verpflegung abzugreifen: es gab den schon berühmten Westfälischen Erbseneintopf mit Bockwurst und dazu wahlweise kühles Dortmunder Pils oder Softdrinks. Fast keiner lässt sich das entgehen, auch ich nicht – schließlich musste ich diesen sagenumwobenen Eintopf ja unbedingt mal testen. Er schmeckte in der Tat ziemlich gut, aber vor allem war das gemeinsame Essen es ein netter Abschluss dieser interessanten Veranstaltung, bei der man auch noch mal mit anderen Fans ins Gespräch kommen und ein wenig plaudern konnte.

Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung und ich werde wohl nächstes Jahr wieder dabei sein – falls wir nicht zufällig am Abend davor wieder in München gewinnen…

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