BVB verpflichtet Nuri Sahin: Der verlorene Sohn korrigiert seinen Irrtum

Wie angekündigt hat Borussia Dortmund einige Personalien im Trainingslager abgearbeitet. So verlängerte nach Neven Subotic und Sven Bender am Freitag auch Linksverteidiger Marcel Schmelzer wie erwartet seinen Vertrag bis 2017. Diese Meldung ging allerdings fast völlig unter, weil am Nachmittag die Sensation durchzusickern begann, dass Nuri Sahin vor einer Rückkehr zum BVB steht, was noch zwei Tage zuvor heftig dementiert worden ist.

Zuerst die kurzfristig für 18 Uhr anberaumte Pressekonferenz, dann die ersten Gerüchte auf Twitter, Sahin sei am Dortmunder Flughafen gesehen worden. Am späten Nachmittag herrschte weitgehend Klarheit und in der Pressekonferenz bestätigten Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc und ein freudestrahlender Nuri Sahin das, was alle Welt mittlerweile ohnehin schon wusste. Der Server der BVB-Homepage brach kurzzeitig zusammen, auch lokale Nachrichtenportale wie ruhrnachrichten.de oder westline.de ächzten unter der Last der Zugriffe.

Der verlorene Sohn kehrt also heim, nachdem er in der Fremde nicht glücklich geworden war. Der BVB leiht ihn zunächst für anderthalb Jahre aus, soll aber für den Sommer 2014 eine Kaufoption für den defensiven Mittelfeldspieler besitzen, die sich auf etwa 10 Millionen Euro belaufen soll – also genau die Summe, für die er nach der Meisterschaft 2011 zu Real Madrid gewechselt war.

Kontakt nie abgerissen

Mit großen Hoffnungen und dem Traum, sich bei einem der ganz großen Vereine durchsetzen zu wollen, war Sahin damals nach Madrid gegangen. Die Gründe für sein Scheitern sind vielfältig. Zahlreiche Verletzungsprobleme sorgten dafür, dass er fast nie spielte und bei seinen wenigen Einsätzen nicht die Qualität offenbarte, für die er in Dortmund so geschätzt und mit der er die Begehrlichkeiten großer Vereine geweckt hatte.

Der Kontakt nach Dortmund war in der Zeit nie abgerissen, auch das kam am Freitag zur Sprache. Schon bei seinem Wechsel 2011 hatte Aki Watzke ihm versichert, dass er jederzeit zurück kommen könne und der BVB-Geschäftsführer konnte seine Genugtuung am Freitag nur schlecht verbergen, dass dies nach nur anderthalb Jahren nun Realität geworden war. Schließlich hatte der BVB Sahin damals nur äußerst ungern ziehen lassen. Auch zur Mannschaft und zu Jürgen Klopp hatte er offenbar regelmäßigen Kontakt – in dieser Intensität ist das sicher ungewöhnlich im Geschäft Profifußball und es zeigt auch, dass Sahins Draht nach Dortmund niemals wirklich abgerissen war. Wer seiner offiziellen Seite bei Facebook folgt, hat mitbekommen, dass er weiterhin sehr regen Anteil an dem nahm, was sich in Dortmund so tat.

CL-Erfahrung fehlte

Möglicherweise kam sein Wechsel ins Ausland einfach zwei, drei Jahre zu früh. Denn auch wenn Nuri in Dortmund groß auftrumpfte und der Lenker einer jungen, erfolgreichen Mannschaft war, fehlte ihm die Erfahrung auf internationalem Parkett. Zwar ist er bereits seit einigen Jahren türkischer Nationalspieler, aber auch dort war er nicht immer Stammspieler. Was ihm völlig fehlte war Champions-League-Erfahrung, die einem Spieler eine Reife auf internationalem Niveau verleiht, die man braucht, um sich bei einem Spitzenclub wie Real Madrid durchzusetzen.

Dazu kommt, dass bei einem solchen Verein mit einem unberechenbaren Trainer wie José Mourinho nicht die Nestwärme herrscht, die Sahin aus Dortmund kannte. Dass sich auch seine Frau in Madrid angeblich nicht wohl gefühlt haben soll, rundet das Bild ab. Vielleicht wäre es auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht gut gegangen. Denn das Umfeld in Dortmund war für ihn und seine Leistungsfähigkeit offenbar wichtiger als ihm damals selbst klar gewesen ist. Und so schlug auch sein kurzes Gastspiel beim FC Liverpool fehl.

Die Sache stand eigentlich von Anfang an unter keinem guten Stern und nur zu oft hörte man in den letzten anderthalb Jahren auch angesichts der rasanten Entwicklung des BVB die Vermutung, dass „Sahin sich vermutlich in den A***‘ beißt“, weil er den BVB verlassen hat. Dass er das tatsächlich getan hat, bestätigte er am Freitag in der Pressekonferenz – auch wenn er es etwas druckreifer formulierte: „Ich habe sehr früh gemerkt, dass ich nur bei Borussia Dortmund sein will. Weil ich gemerkt habe, sowohl als Fußballer als auch als Mensch, dass ich nur bei Borussia Dortmund funktioniere.“

Sahin gewinnt bei dem Wechsel

Ein sehr ehrliches Eingeständnis, das zeigt, dass Sahin wohl auch schon sehr frühzeitig klar wurde, dass es ein großer Fehler war, den BVB zu verlassen. Auf eine Art muss es für ihn einer Niederlage gleichkommen, dass er in Spanien gescheitert ist und nun wieder zu seinem Heimatverein geflüchtet ist. Andererseits muss man sich fragen, ob er sich sportlich eigentlich überhaupt verschlechtert hat. Er wechselt von einem Europa-League-Teilnehmer, der im Mittelfeld der Premier League herum krebst (Liverpool) zu einem CL-Teilnehmer, der die „Hammergruppe“ als Sieger abgeschlossen hat, amtierender Deutscher Meister und Pokalsieger ist und in allen drei Wettbewerben noch sehr gut dabei ist (BVB). Und dass die Diskrepanz zwischen seinem alten und neuen (alten) Arbeitgeber beileibe nicht mehr so groß ist, wie noch im Sommer 2011, davon konnte Sahin sich im Herbst ja auch überzeugen. Dazu ist er wieder in seinem vertrauten Umfeld, in der Nähe seiner Familie. Für den Spieler ist der Wechsel also auf jeden Fall ein Volltreffer.

Und für den Verein? Im defensiven Mittelfeld ist der BVB mit Gündogan, Kehl, Bender und Leitner eigentlich schon sehr gut besetzt. Fakt ist aber auch, dass Sebastian Kehl nicht jünger wird und dass er ähnlich wie auch Sven Bender leider recht verletzungsanfällig ist. Die Planung mit Sahin scheint ja auch eine langfristige zu sein, er ist bis 2014 ausgeliehen und einige Äußerungen der BVB-Bosse deuten darauf hin, dass man im Normalfall gewillt ist, die Kaufoption zu ziehen. Es ist zudem durchaus denkbar, dass Jürgen Klopp auch schon im Hinblick auf einem etwaigen Lewandowski-Abgang zur nächsten Saison einen Systemwechsel plant. Das eine oder andere Mal hat er schon mit einem 4-3-3 experimentiert. Falls Lewandowski geht, könnte es also eine Dreierkette mit Gündogan – Sahin – Bender (Kehl) und davor Kuba, Götze und Reus als „falscher Neuner“ geben.

Im Hinblick auf die großen Belastungen, denen der BVB ausgesetzt ist, seitdem man wieder unter den ersten fünf Plätzen mitmischt, braucht man einen Kader, der auch in der Breite exzellent besetzt ist. Denn, erinnern wir uns: das ist genau das, was die Bayern seit vielen Jahren so stark macht! Ein Spieler dieser Klasse ist immer eine Verstärkung. Seine Spielübersicht ist im Normalfall überragend und seine Standardsituationen sind eine Waffe. Nur das mit den Elfmetern sollte er lieber lassen, auch wenn er bereits flachste: „Ich hab ihm [Klopp] gesagt, dass er jetzt wieder einen sicheren Elfmeterschützen hat.“

Nicht zwangsläufig Stammspieler

Abzuwarten bleibt jetzt, in welcher körperlichen Verfassung Sahin sich befindet und wie schnell er sich in die Mannschaft einfügen kann. Den Großteil seiner Mitspieler kennt er ja noch, da der BVB sich in den letzten Jahren erfreulicherweise doch durch eine recht große Personalkontinuität auszeichnet. Im zwischenmenschlichen Bereich sollte es also keine Schwierigkeiten geben. Allerdings spielt der BVB mittlerweile etwas anders als 2011, wo das Spiel noch ganz und gar auf ihn zugeschnitten war.

Klar ist, dass Nuri Sahin beim BVB nicht einfach da anknüpfen kann, wo er im Mai 2011 aufgehört hat. Das Spiel hat sich verändert, die Mannschaft hat sich weiterentwickelt und verstärkt und die Konkurrenz gerade auf seiner Position ist groß. Symptomatisch dafür ist seine frühere Rückennummer 8 mittlerweile ja auch an Ilkay Gündogan vergeben, Sahin wird mit der 18 auflaufen – die aber beim BVB zum Glück auch keine völlig unerfolgreiche Tradition besitzt…

Dass er um seinen Platz in der ersten Elf kämpfen muss und sich vielleicht sogar erst mal hinten anstellen muss, ist ihm aber bewusst: „Die Konkurrenz ist da, klar. Ich denke, dass ich die Mannschaft mit meiner Qualität nach vorne bringen kann. Ich bin nicht hier, um jemanden den Platz wegzunehmen.“ Das wird er allerdings zwangsläufig müssen, denn ein Dasein als Bankdrücker plant er auf Dauer sicher nicht. Allerdings wird er sich seinen Platz genau so hart erarbeiten müssen wie jeder andere Spieler auch. Bei Jürgen Klopp hat noch nie jemand einen Stammplatz aufgrund früherer Meriten erhalten und da wird er für Sahin keine Ausnahme machen.

Fans überwiegend erfreut

Das Echo bei den Fans über seine Rückkehr zum BVB war überwiegend positiv. Wirklich übel genommen haben ihm seinen Wechsel ohnehin nur wenige. Dennoch halten ihn manche seit seinem Wechsel für einen Söldner. Bei diesen Fans wird Sahin es allerdings sehr schwer haben und er wird sie nur durch Leistung überzeugen können. Und vor allem dadurch, dass er dann nicht beim ersten größeren Angebot wieder die Segel streicht, sondern seinen großen Worten von „Heimat“ und „Zuhause“ auch durch sein Verhalten Nachdruck verleiht.

Es hat aber ganz den Anschein, als wenn Sahin vom „Abenteuer Ausland“ erst mal gründlich die Nase voll hat. Er wollte jetzt offenbar wirklich nur noch nach Hause. „Ich bin überglücklich wieder Zuhause zu sein. Ich habe glaube ich nur drei, vier Stunden geschlafen. Das ist mein Verein, mein Zuhause.“ Während der Pressekonferenz wirkte er glücklich und sehr erleichtert. Auf Facebook postete er am späten Abend ein Foto mit dem schlichten Kommentar „home sweet home“.

Vielleicht setzt er sich die Tage mal in Ruhe mit Robert Lewandowski bei einer Tasse Kaffee zusammen und erzählt ihm, wie schön es im Ausland ist.

In diesem Sinne: Willkommen in der Heimat, Nuri!

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