Martin Kind, das Gießkannenprinzip und die Grundrechte des Menschen

Was ist bloß mit dem deutschen Fußball los? Seit fast einem Jahr vergeht kaum eine Woche, ohne dass die „Sicherheitsdebatte“ nicht in irgendeiner Form weiter geführt wird. Mittlerweile kriegt man Gänsehaut bei jedem kleinen Vorfall, egal ob das Pyrotechnik im Block ist oder gewalttätige Auseinandersetzungen im Rahmen von Fußballspielen – sicher in der Schwere nicht gleichzusetzen, das soll hier ausdrücklich betont werden. Eine Gänsehaut, weil man schon weiß, was daraus wieder gemacht wird.

Dass es immer wieder Vollidioten gibt, denen die emotionsgeladene Stimmung rund um den Fußball und vielleicht auch das obligatorische Bierchen vorm Spiel nicht so gut bekommt und die deswegen randalieren – das will doch niemand ernsthaft bestreiten. Die immer härteren Repressionen gegen Fans führen allerdings nur zu weiterer Gewalt, denn der Mensch lässt sich eben nicht gerne gängeln und bevormunden.

Hannoveraner und Polizei bei Achim

Der neuste Fall: Am Freitagabend kam es irgendwo in der niedersächsischen Provinz bei Achim zu einer Auseinandersetzung zwischen Hannoveraner Fans, die auf dem Weg zum Auswärtsspiel bei Werder Bremen waren, und der Polizei. Die Fans stürmten die Gleise, zündeten Pyrotechnik, der Bahnhof Achim wurde zeitweise gesperrt. Hört sich alles wieder nach Bürgerkrieg an, doch befasst man sich mal mit der Ursache der Auseinandersetzung, so ist zu lesen: die Fans wollten den Zug nach Bremen in Achim verlassen, um auf anderen Wegen und vor allem – nicht von der Polizei begleitet – zum Stadion fahren. Die Polizei wollte das verhindern.

Ist das nicht eigentlich ihr gutes Recht? Natürlich hatte das Spiel Derbycharakter, es gibt eine gewisse Rivalität aufgrund der geografischen Nähe der beiden Vereine Hannover 96 und Werder Bremen. Aber wenn es ein solches Risikospiel war, muss doch die Frage erlaubt sein, warum es dann offensichtlich in Ordnung war, das Spiel auf einen Freitagabend zu legen, noch dazu im Winter, wo es bekanntlich früh dunkel wird. Und wer lässt sich schon gerne von der Polizei eskortieren? Da fühlt sich doch jeder Fan unwohl!

Kinds Reaktion bedenklich

Bei allem Verständnis für die Einsatzkräfte, die natürlich bestrebt sind, Konflikte zwischen rivalisierenden Fans zu verhindern bevor sie entstehen: aber wir leben in einem Land, das sich zu einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt und in dem mir prinzipiell eigentlich keiner vorschreiben darf, wohin ich gehen darf und wohin nicht.

Bedenklich ist die Reaktion des Präsidenten von Hannover 96, Martin Kind, auf die Vorfälle. In einem Interview mit dem NDR zog er im Gespräch mit einem außerordentlich sensationsgeilen Journalisten („Denken Sie, dass die Ultras so ein Fremdwort wie „inakzeptabel“ überhaupt verstehen?“) die Möglichkeit in Betracht, den Ultras ab der nächsten Saison keine Karten mehr zu verkaufen. Nicht etwa den Leuten, die sich nachweislich etwas zuschulden kommen lassen haben, sondern DEN ULTRAS. Pauschal.

Der Fall Pogatetz

Schon bereits bei einem früheren Vorfall, als einige Hannover-Fans den zum Lokalrivalen VfL Wolfsburg abgewanderten Emanuel Pogatetz beschimpften, bezeichnete er diese als „Arschlöcher“ und dachte über Stadionverbote nach. Sicher ist das nicht die feine englische Art, wie sich die Fans in dem Fall benommen haben, aber seien wir mal ehrlich: wenn ich als Spieler ausgerechnet zum Lokalrivalen wechsele, muss ich damit leben, dass an den Blumen, die mir beim Ex-Verein künftig zugeworfen werden, frei nach Otto Rehagel eben noch die Töpfe mit dran hängen.

Fußball ist immer ein hochemotionaler Sport gewesen und war nie dafür bekannt, sonderlich feinfühlig zu sein. Natürlich nicht, denn Fußball ist mehr als nur ein Freizeitvergnügen. Man geht nicht zum Fußball, um sich berieseln zu lassen, sondern man geht ins Stadion, um aktiv teilzuhaben und um sich all den Ärger, den man vielleicht im realen Leben die Woche über so hatte, von der Seele zu schreien. Natürlich müssen gewisse Grenzen eingehalten werden, aber die waren im Fall Pogatetz wohl kaum überschritten.

Das Gießkannen-Prinzip

Martin Kind möchte nun das Problem, dass es einzelne Vorfälle gibt, in denen es vielleicht auch zu Gewaltausübung kommt, mit der Gießkanne lösen. Damit bewegt er sich völlig auf der Linie des DFB, der „Ausschreitungen“ (ob man unsere Ausschreitungen in Bahrain oder Syrien wohl auch als solche betrachten würde?) gerne auch mal damit ahndet, dass er einfach mal komplette Tribünen sperrt oder Kartenkontingente einschränkt. Wenn es noch irgendwas bringen würde, dann könnte man vielleicht noch von dem Zweck, der die Mittel heiligt, reden, aber es bringt doch offensichtlich GAR NICHTS! Sonst wäre doch schon Ruhe, oder?

Im Gegenteil. Stattdessen wird unsere Rechtsordnung mit Füßen getreten und Hunderte oder sogar Tausende büßen für die Verfehlungen einiger weniger Idioten. Es soll gar nicht klein geredet werden, dass es solche Idioten gibt. Und die wenigsten dürften Einwände haben, wenn man diese Randalierer erwischt und sie auch entsprechend hart bestraft. Aber eine ganze Gruppe oder sogar eine ganze Tribüne kann nicht haftbar gemacht werden für die Verfehlungen einiger Personen.

Selbstreinigung kann nur von innen kommen

Die Befürworter solcher Gießkannen-Strafen hoffen, durch diese Maßnahmen einen Selbstreinigungseffekt der Fanszene zu erreichen. Dabei übersehen sie eine Kleinigkeit: Selbstreinigung kann nicht von außen erzwungen werden, sie kann immer nur aus der Gruppe selbst kommen, wenn die allgemeine Akzeptanz für eine Sache nicht mehr da ist. Beispiel Bengalos: möglich, dass es da irgendwann den Effekt gibt, dass Fans andere Fans aktiv davon abhalten, sie zu zünden. Das wird aber nicht passieren, solange die Akzeptanz dafür prinzipiell noch vorhanden ist. Einstellungen zu verändern ist ein Prozess, das geht niemals von heute auf morgen.

Abgesehen von der Akzeptanz haben andere Fans aber auch nicht immer die Möglichkeit, einzugreifen. Wenn z.B. im Westfalenstadion auf der Südtribüne im Block 13 eine Schlägerei ausbricht, dann habe ich, wenn ich im Block 11 stehe, verdammt wenig Möglichkeiten, das in irgendeiner Weise zu unterbinden.

Das liebe Geld

Grundsätzlich ist es nicht nur himmelschreiend ungerecht, sondern auch in unseren Gesetzen nicht vorgesehen, dass Menschen für die Vergehen anderer Menschen haftbar gemacht werden können, wenn sie selbst damit nichts zu tun hatten. Deswegen haben wir nach 1945 auch solche Maßnahmen wie Sippenhaft abgeschafft. Nur für Fußballfans scheinen diese Grundrechte mal wieder nicht zu gelten.

Doch wir wissen ja alle, dass auch in demokratischen Gesellschaften gerne mal ein Auge zugedrückt wird, wenn es um Geld geht. Oder auch zwei Augen, wenn es um viel Geld geht.

Ein Premiumprodukt

So ist es wohl auch hier. Als Beleg dafür darf die abschließende Äußerung Kinds in besagtem NDR-Interview dienen, wörtlich zitiert: „Die Bundesliga ist ein Premiumprodukt und darf nicht als Plattform für Chaoten missbraucht werden.“

Premiumprodukt. Nicht etwa Volkssport. Nein, Premiumprodukt. Ein Produkt muss verkauft werden. Und es passt eben nicht in dieses Bild, das uns das Hochglanzprodukt Bundesliga verkaufen möchte, dass auch Emotionen dazu gehören. Emotionen, die über bloßes Klatschen bei Toren hinaus gehen.

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis uns selbst das Auspfeifen des Gegners als „unsportlich“ und verachtenswert propagiert wird. Die Professionalisierung des Fußballs war nötig, um seinen Erhalt auf Dauer zu gewährleisten. Aber sein Gesicht völlig zu verändern, wird die Menschen verprellen, mit deren Leistung das Hochglanzprodukt Bundesliga so gerne wirbt: die Fans, die für die Stimmung im Stadion verantwortlich sind.

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