BVB in Gladbach: Winterurlaub auf dem Ponyhof

Es ist viel zu früh, als der Wecker klingelt und mich aus dem Schlaf reißt. Viel zu früh für einen Sonntagmorgen. Beim Blick aus dem Fenster bessert sich die Laune nicht: es ist grau, es ist sichtlich kalt und vom Himmel kommt etwas herab, das ziemlich körniger Regen, aber auch ziemlich nasser Schnee sein könnte. Uäääh.

Aber es hilft ja nix, am Nachmittag spielt der BVB auf der grünen Wiese am Stadtrand von Mönchengladbach und ich bin dabei. Auf Frühstück habe ich eigentlich grad gar keinen Bock, die innere Uhr steht noch auf „Nacht“. Doch das zu erwartende Bier auf der Fahrt kommt nicht gut auf nüchternen Magen. Also würgt man sich doch noch zwei Scheibchen Toast herunter, bevor man sich fertig macht und dann geht’s raus in das Mistwetter.CIMG3289

V+ und BVB? Pfui!

Im Regionalexpress nach Düsseldorf, den ich noch so gerade eben erreiche (am frühen Morgen plane ich meine Zeit gerne seeeehr knapp), bessert sich meine Laune langsam. Wenn man im Warmen sitzt, verliert die weiße Pracht da draußen doch ein bisschen ihren Schrecken. In Castrop-Rauxel steigen die ersten BVB-Fans ein, packen ihren Vorrat an flüssiger Verpflegung aus und machen es sich im Vierer neben mir bequem. Aber eines muss ich an dieser Stelle unbedingt mal loswerden: auch wenn man es noch so gerne trinkt, aber Veltins trinken auf dem Weg zu einem BVB-Spiel? Pfui! Auch wenn es nur V+ war: Pfui! Das passt ideologisch nicht zusammen! CIMG3294

In Herne steigt Andreas ein und hat eine Tüte mit Bier dabei. Er stellt mir die eigentlich rhetorische Frage, ob ich lieber Brinkhoffs oder Bitburger trinken möchte. Ist der Papst eigentlich katholisch? In Wanne-Eickel stoßen Matthias und Matthias zu uns. Der eine ist Gladbach-Fan und hatte bereits das Vergnügen (?) mit uns der letzten Meisterfeier des BVB beizuwohnen, da der Titel nun mal im Heimspiel gegen Gladbach perfekt gemacht wurde. Der andere Matthias ist BVB-Fan, aber neutral gekleidet. CIMG3297

Bier zu Apothekenpreisen

In Düsseldorf steigen wir um und versorgen uns noch schnell mit weiterer Flüssignahrung, die wir zu Apothekenpreisen erstehen. Was uns am meisten überrascht: alle Züge sind pünktlich. Trotz Schnee.

Das hatten wir nicht einkalkuliert und war für uns eigentlich auch ziemlich dumm. Denn auf diese Art und Weise fanden wir uns schon um halb zwei nachmittags auf der grünen Wiese am Stadtrand von Mönchengladbach wieder.

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Zwei Stunden gilt es bis zum Anpfiff totzuschlagen. In einer Gegend, in der das Spannendste das Bürogebäude neben dem Stadion ist, dass inzwischen fertig ist. Interessant. Vor über einem Jahr, beim letzten Gastspiel des BVB in Gladbach, war es nur halbfertig. Das war genau so spannend, wie es sich liest.

Eine Wurst zum Preis von zweien…

Da wir nichts Besseres zu tun haben, betreten wir das Stadion um viertel vor zwei und steuern den nächsten Versorgungsposten an. Der Hunger, den ich morgens nicht hatte, kommt nämlich nun doppelt. Es gibt Bratwurst, Pommes und Pommes mit Currywurst. Wir entscheiden uns für letztere. Schlecht sieht sie gar nicht mal aus, nur leider ist die Wurst von außen zwar braun, aber von innen kalt. Ich erwarte im Stadion ja nun echt keine Gourmetküche (genauer: ich WILL dort gar keine Gourmetküche), aber für stolze 5 Euro habe ich dann doch zumindest den Anspruch, dass die Wurst heiß ist.

Nun ja. Mir fällt, während ich sie mampfe, das Lied „Trotzdem HSV“ von Norbert und die Feiglinge ein, in dem es heißt: „Das Stadion liegt irgendwo am Arsch. Zwischen ihm und dir ist noch der lange Marsch. Und bist du endlich da, hast du ein großes Loch im Bauch. Der Wurstverkäufer lächelt schon, er weiß das nämlich auch. Er verkauft dir eine Wurst zum Preis von zweien. (5 Mark 90 bitte!) Sie schmeckt wie fettes Wasser mit nem Hauch von Schwein. Mit Bier spülst du den Nachgeschmack herunter und den Durst, das ist genauso teuer, warm und alkoholfrei wie die Wurst.“CIMG3321

Warum Sitzplätze?

Episch. Ganz so schlimm wie in dem Lied ist es dann allerdings nicht, denn das Bier, das wir uns anschließend im Stadion gönnen, enthält nachweislich Alkohol. So ein leeres Stadion hat bei einem solchen Wetter übrigens auch irgendwie etwas Deprimierendes an sich. Gegen viertel vor drei füllt sich der Borussia-Park aber und der Gästeblock beginnt, sich warm zu singen. Als das Spiel angepfiffen wird, spüre ich bereits meine Beine nicht mehr.

Jetzt mal ehrlich, Leute: Warum zur Hölle gibt es einen solchen Bedarf nach Sitzplätzen??? Dass die Vereine damit mehr Geld verdienen können, ist klar, aber Sitzplätze kann man doch nur in dem Maße installieren, wenn die Nachfrage dafür da ist. Zu drei Vierteln der Saison ist es kalt und das Wetter ist mies. Wie kann man scharf darauf sein, sich 90 Minuten nicht zu bewegen und sich den Hintern auf der Plastiksitzschale buchstäblich abzufrieren? Und von Komfort kann man wohl auch nicht reden, wenn selbst ich mit verhältnismäßig winzigen 1,65 Metern schon aufpassen muss, meinem Vordermann nicht die Knie in den Rücken zu rammen.

Zum Spiel selbst will ich gar nicht viel schreiben. Mario Götze agierte als Stürmer und verwandelte den Elfmeter zum 1:0. Ein Mensch namens Younes glich irgendwann zum 1:1 aus und in der Folge musste der BVB froh sein, nicht in Rückstand zu geraten. Und kurz vorm Ende musste man sich als BVB-Fan doch über den vergebenen Sieg ärgern, als Sebastian Kehl das Kunststück fertig brachte, den Ball aus gefühlt zehn Zentimetern Entfernung übers Tor zu dreschen. Am Ende ein leistungsgerechtes, aber dennoch ärgerliches Unentschieden, das sich genau so ätzend anfühlte, wie es sich anhört.

Rückreise

Am Ende hatte man noch Glück im Unglück, dass Verfolger Leverkusen den Matchball beim Tabellenachtzehnten Fürth nicht verwandelte und selbst nicht über ein 0:0 hinaus kam. Die Bayern lachen sich unterdessen ins Fäustchen und vergrößern ihren Abstand zu Dortmund auf 17 Punkte. Aus einer mäßig spannenden Saison wird allmählich eine stinklangweilige.

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Nach dem Spiel lag noch die Rückreise wie ein Achttausender vor uns. Team Green unterhielt die bei den Shuttle-Bussen wartenden Fans mit einer Verfolgungsjagd gegen etwa hundert BVB-Fans, die plötzlich zurück Richtung Stadion rannten. Was genau der Auslöser war, konnten wir nicht erkennen, auf jeden Fall verschwanden die beiden Matthiasse in dem Gewühl. Ob die Fans provoziert hatten oder nicht, konnten wir nicht erkennen, aber in jedem Fall darf hinterfragt werden, ob es nötig ist, mit Unmengen von Pfefferspray auf einzelne Leute loszugehen, Flüchtende gezielt zu verfolgen und mit dem Schlagstock zu attackieren. Wir haben keinen Angriff auf Polizisten seitens der Fans erkannt, obwohl wir wirklich direkt daneben standen. Die Frage der Verhältnismäßigkeit bei der Gewaltanwendung durch die Polizei stellt sich also auf jeden Fall.

Erster Klasse zurück ins Ruhrgebiet

Andreas und ich erwischten irgendwann einen Shuttle-Bus, der dann aber noch eine halbe Ewigkeit dort stand und nicht abfahren durfte. Zwischenzeitlich kam sogar ein Ordner an die Tür und brüllte „Alle raus! Hinten im Bus ist eine Schlägerei.“ Nö, da war keine Schlägerei. Und es stieg dann auch keiner aus. Der passive Widerstand hatte überraschenderweise Erfolg und kurz darauf fuhr der Bus endlich ab. Der Sonderzug nach Dortmund stand schon am Bahnhof in Rheydt, als wir dort ankamen.

Es sollte noch fast eine halbe Stunde dauern, bis der Zug losfuhr. Dafür reisten wir dann erster Klasse zurück ins Ruhrgebiet. Ok, erster Klasse in einem zirka 50 Jahre alten Zug, aber immerhin – erster Klasse! Der Zug brauchte nur eine gute Stunde bis nach Dortmund, was schon fast die beste Nachricht an diesem Tage war. Ich kam tiefgefroren zuhause an und überlegte, wann ich das letzte Mal im Stadion so gefroren hatte. Antwort: am 19. Dezember 2009. Auch wenn es da ungefähr noch 14 Grad kälter war als am Sonntag.

Fazit des Tages, frei nach Forrest Gump: Auswärtsfahrten sind wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt!

That’s it. Jetzt steht das vorgezogene „Pokalfinale“ bei den Bayern an.

Mehr Bilder von unserer Reise auf den Ponyhof gibt’s übrigens hier.

Bor. Mönchengladbach: ter Stegen – Jantschke, Stranzl, Dominguez, Daems – Rupp (90.+3 Brouwers), Nordtveit, Marx – Hanke (63. de Jong), Younes (80. Mlapa), Wendt
Borussia Dortmund: Weidenfeller – Piszczek (82. Sahin), Subotic, Hummels (46. Santana), Schmelzer – Kehl – Großkreutz, Gündogan, Leitner (71. Bajner), Reus – Götze
Tore: 0:1 Götze (31./Foulelfmeter), 1:1 Younes (67.)
Schiedsrichter: Perl (Pullach)
Zuschauer: 54.010 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Jantschke (6), Marx (4), ter Stegen (2) / Santana (2)

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