BVB im Derby: Zu Besuch beim ungeliebten Nachbarn

Mindestens zwei Mal im Jahr geht ein Riss durch den Ruhrpott: dann gibt es nur noch schwarz-gelb oder blau-weiß. Jeder muss Farbe bekennen, Enthaltung wird nicht geduldet. Am Samstag ist es mal wieder so weit.

Nicht umsonst wird das Ruhrgebiet auch „Land der 1.000 Derbys“ genannt. Es gibt hier so viele Fußballvereine auf so verflucht engem Raum, dass sich das gar nicht vermeiden lässt. Doch wenn vom „Revierderby“ die Rede ist, dann ist klar, dass damit nur eine Paarung gemeint sein kann: Dortmund gegen Schalke. Wie Kommentator Marcel Reif es einst so treffend formulierte: „Das ist die Mutter aller Derbys.“

Nun geht es hier im Revier ja eher gemütlich zu. Bei durchschnittlich 2.000 Einwohnern pro Quadratkilometern in jeder größeren Ruhrgebietsstadt lässt es sich ja gar nicht vermeiden, dass man als Borusse auf Blaue trifft, wo man steht und geht. Blaue Mitschüler, blaue Kommilitonen, blaue Arbeitskollegen, blaue Nachbarn, vielleicht sogar blaue Freunde – oder einfach nur die Karre mit dem fetten Vereinsaufkleber, die vor einem auf der A40 im Stau steht. So sind wir im Alltag eben gezwungen, miteinander auszukommen.

Gelebte Rivalität

Und im Regelfall klappt das gut. Wir mögen diese Rivalität. Wir leben sie intensiv aus. Das würden wir ja schließlich nicht tun, wenn uns das nicht so einen diebischen Spaß machen würde. Diese Rivalität gibt es aber in verschiedenen Ausprägungen. Natürlich hassen die meisten BVB-Fans Schalke wie die Pest (nicht wahr, Kevin Großkreutz?). Doch die meisten würden wohl trotzdem nicht dem Arbeitskollegen ein paar aufs Maul hauen, nur weil er die falschen Farben vertritt. Auf der persönlichen Ebene beschränkt es sich also auf mehr oder weniger harmlose Frotzeleien. Je näher der Derbytag rückt, desto mehr flimmert die Luft. Die Sprüche werden derber, ebenso die Bilder und Witze, die auf Facebook ausgetauscht werden.

Natürlich gibt es auch auf beiden Seiten Gruppen, die von vornherein darauf aus sind, der anderen Seite auf die Mappe zu hauen. In diesem Zusammenhang ist wohl auch die Massenschlägerei am Dortmunder Flughafen in dieser Woche zu sehen. Hat es so schon immer, oder sicher zumindest seit den 1980er Jahren gegeben. Solange sich diese Gruppen irgendwo auf der grünen Wiese im gegenseitigen Einvernehmen die Knochen brechen, ist es deren Sache. Kritisch wird es in dem Moment, in dem Unbeteiligte, die nicht an einer Prügelei interessiert sind, mit hinein gezogen werden oder Kindern der Fanschal von hirnlosen Halbstarken als „Trophäe“ geraubt wird. Ersteres ist gefährlich und kann böse enden, Zweiteres ist an Armseligkeit nicht mehr zu überbieten.

Polemische Forderungen

Niemand will ein Kuschelderby. Eine gesunde Portion Hass macht den Reiz dieses Derbys aus. Doch der sollte sich in lauten und aggressiven Gesängen und kreativen Choreos äußern, in Häme nach dem Spiel gegenüber dem Verlierer. Das alles gehört zu einem Derby dazu. Doch solange es immer wieder im Stadionumfeld zu Straftaten kommt, werden wir hirnlose und polemische Forderungen wie „Alkoholverbot beim Derby“ oder „Derby als Geisterspiel austragen“ seitens der Politik und der Polizei ertragen müssen. Und wir müssen damit rechnen, dass unsere persönliche Freiheit beim Fußball immer weiter eingeschränkt wird.

Ohnehin ist es schade, dass sich mittlerweile fast die ganze Vorberichterstattung zum Derby fast nur noch um die Sicherheitsdebatte dreht. Denn dieses Spiel ist sportlich schon einfach so geil, dass eigentlich keiner über irgendwas anderes lesen will. Natürlich wird auch vor jedem Derby irgendein Ehepaar Koslowski ausgegraben, der eine Borusse, der andere Schalker, das dann erzählen darf, wie es seinen Alltag mit Frotzeleien und kurzfristiger Funkstille am Derbytag über die Bühne bringt. All diese Geschichten gleichen sich und sind mehr oder weniger zum Gähnen.

BVB auf dem Papier stärker

Kommen wir also lieber endlich zum Sportlichen. Tabellarisch sieht es momentan so aus, dass der BVB auf Platz 2 ist und Schalke auf Platz 6. Nach einer langen Negativserie von Niederlagen und nicht gewonnenen Spielen schienen die Gelsenkirchener zuletzt wieder leicht im Aufwind und holten zwei Siege in Folge. In der Champions League sind beide noch dabei, der BVB ist gerade gegen Donezk souverän ins Viertelfinale eingezogen, Schalke hat nach dem 1:1 bei Galatasaray auch zumindest noch Chancen darauf. Aus dem DFB-Pokal sind beide mittlerweile ausgeschieden.

Auf dem Papier ist der BVB stärker, sowohl was den Saisonverlauf angeht als auch, was die Qualität der Mannschaft angeht. In den meisten Mannschaftsteilen ist Borussia besser besetzt. Doch das war sie auch vor dem Hinspiel schon, das bekanntermaßen 1:2 verloren ging. Tatsächlich kommt es auf diese Parameter beim Derby nicht so sehr an, sondern viel mehr auf Leidenschaft, Biss, Aggressivität und auf die Tagesform.

Aggressivität fehlte

Lief der BVB im Hinspiel auch personell geschwächt und in einem völlig ungewohnten System mit Dreierkette auf, so ließ die Mannschaft aber auch jede Aggressivität in den Zweikämpfen vermissen und schien, als sei sie mit dem Kopf schon bei Real Madrid, die man drei Tage später im Westfalenstadion besiegte. Schalke spielte an diesem Tag weiß Gott nicht die Sterne vom Himmel, doch sie waren bissiger und galliger auf den Sieg. Und das reichte am Ende.

Eine solche Leistung wird einer Mannschaft wie der aktuellen normalerweise auch verziehen, wenn sie die Ausnahme ist, gerade nach den letzten paar Jahren. Doch eine solche Leistung im Derby ist nicht zu tolerieren. Und es ist unheimlich, wenn man sieht, dass selbst Spieler wie Kevin Großkreutz oder Sebastian Kehl, die ja nun WIRKLICH um die Bedeutung dieses Spiels wissen, sich von der allgemeinen Passivität anstecken lassen. Am Samstag hat die Mannschaft die Chance, diese Scharte auszuwetzen und die Fans für die Leistung im Hinspiel zu versöhnen.

Treter Jones ist gesperrt

Personell sieht es so aus, dass Jermaine Jones, seines Zeichens als Treter beim FC Schalke angestellt, aufgrund einer Gelbsperre beim Derby fehlen wird. Bei dieser Nachricht dürfte die medizinische Abteilung des BVB merklich aufgeatmet haben. Dies senkt die Wahrscheinlichkeit, dass nächste Woche BVB-Spieler mit gebrochenen Knochen im Lazarett liegen doch deutlich. (Wir alle erinnern uns noch an Jones‘ absichtlichen Tritt auf den gebrochenen Zeh von Marco Reus oder an das mindestens dunkelgelb-würdige Foul an Großkreutz im vorletzten Derby…)

Beim BVB ist immer noch Mats Hummels fraglich, der nach seinem Infekt immer noch Trainingsrückstand hat. Gut möglich, dass für ihn wieder Felipe Santana, der frisch gebackene Champions-League-Torschütze spielen darf. Fraglich sind auch beide Sechser. Manni Bender hat eine Bänderdehnung, Sebastian Kehl spielte schon gegen Donezk mit einer gebrochenen Rippe. Sollten beide ausfallen, dürfte mit Rückkehrer Nuri Sahin ein alter Derby-Hase mal wieder seine Chance über 90 Minuten bekommen.

Großkreutz dabei?

Eine Frage wird vielleicht noch sein, ob Klopp im Derby den Südtribünen-Veteranen aus Dortmund-Eving aufs Feld schickt. Möglich wäre, dass er entweder wieder für Lukasz Piszczek als Rechtsverteidiger spielt oder auch, dass Klopp dem eher zart gebauten Marco Reus für ein kampfbetontes Spiel wie dem Derby mal eine Pause gönnt und stattdessen Großkreutz bringt. Das hätte bei zwei offensiv ausgerichteten Sechsern auch den Vorteil, dass es defensive Stabilität ins Mittelfeld bringt. Zudem lebt er das Derby wie kaum ein anderer Spieler, was nun, da er seine Nerven und seinen Hass auf Schalke besser unter Kontrolle hat, ein entscheidendes Plus in Sachen Aggressivität sein könnte.

Am Samstag geht es um mehr als nur drei Punkte. Es geht darum, ob man in der nächsten Woche und in den nächsten Monaten verhöhnen kann oder selber verhöhnt wird. Es geht um die Ehre, auch wenn das ein starkes Wort ist. Zwei Derbyniederlagen in einer Saison – das darf man sich als BVB-Fan gar nicht ausmalen. Zumindest steht nächste Woche für Dortmund kein Champions-League-Spiel an. Dass die Mannschaft gedanklich schon beim SC Freiburg ist, scheint wohl – bei aller Sympathie für die Breisgauer – eher unwahrscheinlich. Ein Derbysieg würde jedenfalls die Woche nach dem Einzug ins Viertelfinale vergolden.

Die voraussichtliche Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Santana (Hummels), Schmelzer – Gündogan, Sahin – Blaszczykowski, Götze, Reus (Großkreutz) – Lewandowski

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