Die Hoffenheim-Story: Das „Projekt“ schmiert ab

Der Dorfverein aus dem Kraichgau, der sich seit einigen Jahren noch mit dem Zusatz „1899“ schmückt, um nicht vorhandene Tradition zu suggerieren, steht vor dem Abstieg. Man kann nicht behaupten, dass der TSG Hoffenheim aus der Liga viel Mitleid entgegen schlägt. Und das hat seine Gründe.

Wer die Januar-Ausgabe des Magazins „11 Freunde“ aufmerksam gelesen hat, dem ist vielleicht in der Rubrik „Es stand in 11 Freunde 4/1979“ folgende Passage aufgefallen: „Dorfvereine im Portrait: Im beschaulichen Hoffenheim hat man große Ziele. Nächstes Jahr soll der Aufstieg in die Kreisliga B klappen.“

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Das war lange vor Dietmar Hopp und seinen Millionen. Der SAP-Mitbegründer begann 1990 eine Menge Geld in den Verein zu pumpen. Damals spielte die TSG noch Kreisliga A. 18 Jahre später stieg der Verein in die Bundesliga auf. Das ging zu schnell für den Geschmack der meisten Fans.

Das sind keine gewachsenen Strukturen, hier wurde ein Verein mit Macht nach oben gepusht. Und in diesem Zusammenhang ist es völlig uninteressant, ob Herr Hopp möglicherweise wirklich an seinem Verein hängt. (Angeblich soll er mit seiner Projekt-Idee bei zwei weiteren Vereinen zuvor abgeblitzt sein…) Und es besteht ein Unterschied, ob man aus Sympathie zu seinem Heimatverein mal in einer Notsituation ein paar Tausend in den Verein pumpt oder eine solche Menge an Geld, dass es einfach nur noch unmoralisch erscheint.

Talente aus der Region

In ihrer ersten Bundesliga-Saison 2008/09 spielte die Mannschaft unter Trainer Ralf Rangnick immerhin einen zugegeben sehr schön anzusehenden und auch erfolgreichen Fußball. Völlig überraschend wurde Hoffenheim Herbstmeister und der eine oder andere Fan dürfte einen veritablen Brechreiz angesichts solcher Lobeshymnen wie „Hoffenheim tut der Bundesliga gut“ bekommen haben. Klar war das guter Fußball. Doch dieser Fußball ist eben in erster Linie erkauft worden, auch wenn man nicht müde wurde zu betonen, dass es ein „Projekt“ sei, bei dem es darum gehe, Talente aus der Region zu fördern.

Schon in der Rückrunde ging es wieder bergab, Hoffenheim wurde am Ende Siebter, in den beiden darauf folgenden Saisons jeweils Elfter. Zu wenig für die Ansprüche des Dietmar Hopp, der von der Champions League fabulierte und irgendwann vernehmen ließ, irgendwann müsse auch mal Schluss sein mit den Finanzspritzen und irgendwann müsse das Projekt sich auch mal selbst tragen. Derzeit sieht es aber nicht danach aus, als könne es das in nächster Zeit.

Rangnick geht, das Chaos kommt

Als im Januar 2011 Ralf Rangnick den Verein verließ, begann das Chaos. Seitdem macht der Club hauptsächlich aufgrund interner Querelen, personeller Fluktuation und unzufriedenen Äußerungen von sich reden. Mit Marco Kurz ist aktuell bereits der vierte Trainer seit Rangnick – in nur zwei Jahren – im Amt, Interimstrainer nicht mitgezählt. Leistungsträger wie Luiz Gustavo, Demba Ba oder Vedad Ibisevic verließen den Verein. Andere Leistungsträger der Aufstiegssaison haben nie wieder die Form ihrer ersten Bundesliga-Saison erreicht, spielen teilweise so schlecht, dass man gar an ihrer Bundesliga-Tauglichkeit zweifeln muss. Teure Neuzugänge wie Ryan Babel entwickelten sich zu Flops, die keiner gegnerischen Abwehr das Fürchten lehren musste.

Von der Idee, Talente aus der Region zu fördern, hatte man sich schon längst entfernt. Ohnehin hatte der Verein das mit der „Region“ ja auch in der ersten Bundesliga-Saison schon eher großzügig ausgelegt. In einer globalisierten Welt gehören ja auch Brasilien und Nigeria irgendwie im weitesten Sinne noch zur Region Kraichgau…

Großbaustelle Tor

Und dann schuf man sich am Ende der Saison 2011/12 auch noch völlig ohne Not eine Großbaustelle im Tor. Tom Starke, der nicht weltklasse, aber doch solide hielt und zudem beliebt beim Publikum war, wurde abgesägt. Er wechselte als Nummer 2 zu den Bayern und Hoffenheim holte stattdessen Tim Wiese. Die Wiese-Story ist an sich schon eine Lachnummer, ein Mann, der großspurig ankündigte, in der nächsten Saison bei einem Topverein und international zu spielen und dann bei Hoffenheim landete.

Doch noch mehr zum Lachen war das, was Wiese, den man sogar zum Kapitän gemacht hatte, im Hoffenheimer Kasten veranstaltete: er patzte unerklärlich oft, teilweise wirkten seine Fehler wie Slapstick-Einlagen. Entsetzen im Kraichgau, doppelte Schadenfreude in der Liga, denn die meisten gönnten das sowohl Wiese als auch Hoffenheim. Man versuchte es mit Koen Casteels im Tor, doch der war auch nicht besser. In der Winterpause wurde Tim Wiese vorerst aus dem Tor genommen und die Kapitänsbinde war er auch los. „Zu seinem eigenen Schutz“ geschehe diese Maßnahme, beeilte sich der Verein klarzustellen. Aha.

Gomes, die Bahnschranke

Zu Wieses eigenem Schutz verpflichtete Hoffenheim dann den Brasilianer Heurelho Gomes, der zu diesem Zeitpunkt die Nummer 4 (!) bei den Tottenham Hotspurs war und von dem es ein Best-of-Video bei Youtube gibt. Oder vielleicht trifft es „worst-of“ eher. Wer dieses Video gesehen hat, fragte sich unwillkürlich, warum Hoffenheim nicht lieber gleich wieder Wiese ins Tor stellte. Zu Gomes‘ Ehrenrettung muss hinzugefügt werden, dass er bis dato in Hoffenheim noch keine haarsträubenden Fehler gemacht hat. Am Ende der Saison wird er aber zu Tottenham zurückkehren.

Unterdessen wurde bekannt, dass Wiese als einziger Spieler im Kader keinen Vertrag für die zweite Liga besitzt und im Falle des Abstiegs „den Verein verlassen darf“. Darf. Ein Euphemismus für „Wenn wir absteigen, kann sich der teure Kerl als erstes vom Acker machen“.

Letzter Akt

Am Donnerstag folgte dann das bislang letzte Kapitel in der unglücklichen Beziehung Wiese-TSG: der Torhüter reagierte auf den Frust wie ein normaler Mensch und soff sich hin und wieder einen. Auf einer Karnevalsfeier soll er dann auffällig geworden sein. Bei einem Handballspiel letzte Woche passierte ihm etwas Ähnliches und nun strich der Verein Wiese kurzerhand aus dem Profikader. Er darf nicht mehr mit den Profis trainieren, sondern muss alleine für sich (!) trainieren. Klingt alles sehr nach Vorwand. Denn auf der Abschussliste steht Wiese ganz offensichtlich schon länger. Jetzt ist es schon so weit gekommen, dass man mit einem Tim Wiese beinahe schon so etwas wie Mitleid hat.

Professionalisierung im Eiltempo?

Professionell wirkt vieles nicht, was in Hoffenheim vor sich geht. Und ist das ein Wunder? Viele langjährige Bundesligisten wie der BVB oder Schalke haben erheblich länger gebraucht, die Professionalisierung ihres Vereins einzuleiten und umzusetzen und dabei kamen sie nicht einmal aus der Kreisliga A, sondern waren oft sogar Gründungsmitglieder der Liga.

Und bis heute tun sich einige Vereine schwer. Auch in das Geschäft Profifußball muss ein Verein ja irgendwie erst mal „hineinwachsen“. Und die TSG soll in 18 Jahren das geschafft haben, woran andere Vereine mittlerweile seit 30 oder 40 Jahren arbeiten? Unwahrscheinlich. Fakt ist, dass der Verein nach wie vor von Hopps Finanzspritzen abhängig ist und sich nicht allein tragen kann. Und Tatsache ist auch, dass der Verein nicht besonders professionell geführt wurde – anders lässt sich diese Kette von Fehlentscheidungen und die enorme personelle Fluktuation in allen wichtigen Positionen kaum erklären. Hoffenheim ist ein künstlich hoch gepimptes Gebilde, dass sich modern gibt und dennoch nie den Charakter eines Dorfvereins verloren hat.

Nicht zu gut um abzusteigen

Vom internationalen Geschäft redet niemand mehr. Den Großteil der Saison hat die TSG auf dem Relegationsplatz verbracht. Den sind sie jetzt los. Nun stehen sie auf einem direkten Abstiegsplatz. Wenn sie am Wochenende das Kellerduell gegen Greuther Fürth verlieren, sind sie Letzter. Es sieht momentan nicht so aus, als würde der Kelch noch mal an Hoffenheim vorüber gehen. „Too good to go down“? Fragt mal nach bei Hertha BSC Berlin.

Tatsache ist, dass die Spieler nicht den Eindruck machen, als sei ihnen wirklich klar, in welcher Lage ihr Arbeitgeber eigentlich steckt. Die meisten Auftritte der Mannschaft wirken uninspiriert und lustlos. Und das ist ein Punkt, in dem Hoffenheim einen klaren Nachteil gegenüber seinen direkten Konkurrenten hat. Um den Abstieg zu vermeiden, muss man den Abstiegskampf zunächst einmal annehmen. Das ist nicht der Fall. Stattdessen machte sich mit Marvin Compper sogar ein langjähriger Spieler aus dem Staub. Manager Andreas Müller, übrigens auch schon der dritte seit Jan Schindelmeiser den Verein im Sommer 2010 verließ, wütete in einer Pressekonferenz (soweit sein schwäbisches Temperament das zulässt). Er verlangte, dass die Spieler nicht nur an andere Vereine denken sollten, „sondern hier mal kämpfen“. Bei dem Wort „hier“ pochte er energisch mit den Fingerknöcheln auf sein Pult.

Kein Identifikationsgut

Man scheint empört ob der Tatsache, dass sich offenbar keiner der hochbezahlten Profis mit dem Verein identifizieren kann. Aber ist das so erstaunlich? Der Verein hat keine Geschichte, keine Tradition, keine große Fanbasis, keine Philosophie und noch nicht mal einen DAX-Konzern, mit dem man sich vielleicht noch identifiziert, weil VW tolle Autos baut. Und auch wenn die Profis sicher nicht am Hungertuch nagen, gibt es vermutlich etlichen Vereine, die mehr Gehalt zahlen. Zusammenhalt scheint es in der Mannschaft nicht zu geben, keinerlei Teamgeist.

Wenn Hoffenheim absteigt, werden die Zuschauer wegbleiben. Es soll zwar inzwischen sogar eine Ultragruppe in Hoffenheim geben, aber wenn man mal ehrlich ist, kann man die echten Fans dieses Vereins wahrscheinlich mit der Lupe suchen. Als toller Fußball und Event geboten wurde, kamen sie ins Sinsheimer Stadion, aber kommen sie auch noch, wenn die Gegner nicht mehr Borussia Dortmund oder Bayern München heißen, sondern MSV Duisburg und FC Ingolstadt?

Kommt das Projekt zurück?

Traditionsvereine können im Abstiegskampf auf ihre treue Fanbasis zählen. Sicher können sie sich trotzdem nicht immer retten, aber sie wissen dennoch, dass der Großteil ihrer Fans eben auch in der zweiten Liga bei der Stange bleibt.

Das Projekt schmiert ab. Kommt es zurück? Vielleicht. Das hängt davon ab, ob Hopp weiter Geld locker macht. Doch solange das der Weg ist, den der Verein geht, wird jeder Erfolg immer auf tönernen Füßen gebaut sein. Das reicht nicht, um sich nachhaltig in der Spitzengruppe der Bundesliga zu etablieren, zumal Hopp diese Unterstützung irgendwann vielleicht nicht mehr leisten will oder kann. Vielleicht schlägt man auch einen anderen Weg ein, der die Versäumnisse aufholt, die durch den rasanten Weg in die erste Liga entstanden sind. Vielleicht verschwindet der Verein auch ganz in der Versenkung.

Ein Abstieg von Hoffenheim wäre jedenfalls auch mal ein deutliches Signal an andere „Projekte“. RB Leipzig lässt grüßen.

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