Pöbeleien im Internet: „…der verdient ja schließlich auch genug!“

Früher ging man als Fan ins Stadion, schaute die Spiele, oder hörte das Spiel in der Radioübertragung. Anschließend schaute man die Sportschau und vielleicht ging man mit seinen Freunden noch in eine Kneipe um das Spiel bei ein oder zwei Bierchen noch einmal Revue passieren zu lassen. Wenn einem nicht gefallen hatte, was man sah oder hörte, verlieh man seinem Unmut im Stadion vielleicht durch Rufe oder Pfiffe Ausdruck und wenn man den Depp von Stürmer, der die hundertprozentige Torchance in der 90. vergeben hat, zufällig in der Kneipe traf, sagte man ihm vielleicht auch ins Gesicht, dass man ihn für eine Lusche hielt. Der Fan 2.0 geht nach Hause, schaltet seinen Computer ein und legt online los.

Der Stammtisch ist aus den Kneipen sicher nicht verschwunden, doch zumindest hat sich in den Weiten des Internets eine Art „Parallelstammtisch“ gebildet. Jeder, der einmal nach einer Niederlage seines Vereins in seinem Stammforum mitgelesen hat, weiß was gemeint ist. Dann ist alles schlecht. Der Trainer. Das System. Die Mannschaft. Die Stimmung im Stadion. Und der Sportdirektor sowieso.

Stammtisch 2.0

Dass nach dem Sieg der Gewinn der Champions League nicht mehr in weiter Ferne liegt, ist die Kehrseite der Medaille. Das war an den Stammtischen in den Kneipen früher auch nicht anders.

Doch regelmäßige Nutzer von Fanforen kennen das Phänomen der letzten Jahre, dass es immer wieder User gibt, die verleitet durch die Anonymität, die das Internet bietet, zu einer Wortwahl gegenüber anderen Menschen zu greifen, die sie face-to-face niemals benutzen würden. Und seit soziale Netzwerke wie Facebook salonfähig geworden sind, hat diese Erscheinung noch mal eine ganz andere Dimension angenommen.

Hildebrand und „Don Jannis“

Der jüngste Fall im Fußball betraf den Schalker Torwart Timo Hildebrand. Der Dorstener mit dem Namen „Don Jannis“ (zweifellos nicht sein Klarname) fühlte sich am Wochenende befleißigt, Hildebrand auf dessen Facebookseite einmal mitzuteilen, was er von ihm hält. Und das ist wohl nicht allzu viel. Nun muss ein Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, es sich schon gefallen lassen, wenn er auch öffentlich für seine Leistungen kritisiert wird. Damit müssen Fußballer genau so leben wie andere Spitzensportler, wie Schauspieler, Sänger oder auch Politiker, erst recht, wenn sie den Menschen mit einer eigenen Facebook-Seite eine Plattform dafür bieten. An Kritik, selbst wenn sie scharf sein sollte, ist auch nichts auszusetzen, solange sie nicht unter die Gürtellinie zielt.

Hildebrand Don Jannis

Doch die Botschaft, die „Don Jannis“ Hildebrand mit auf den Weg geben wollte, hatte mit sachlicher Kritik an dessen Leistung nicht mehr viel zu tun: „Du dummer basdart! Erschieß dich bitte. Du kanns nix.“ Hildebrand ging an die Öffentlichtkeit und postete ein Foto dieses Kommentars auf seiner Facebook-Seite. „Don Jannis“ erreichte kurz darauf ein veritabler Shitstorm, seine Seite wurde überflutet von hasserfüllten Kommentaren.

Dem jungen Mann wurde schnell bewusst, was er da – möglicherweise aus einer Bierlaune heraus – angerichtet hatte. Sogar der Bürgermeister von Dorsten entschuldigte sich öffentlich für den Spruch. Der Übertäter selbst sah ein, dass sein Handeln unter aller Sau war und schickte Timo Hildebrand am Donnerstag einen handgeschriebenen Entschuldigungsbrief. Der Torhüter nahm die Entschuldigung an und damit dürfte die Sache zumindest für ihn und „Don Jannis“ vom Tisch sein.

Auch Anna Loos beschimpft

Doch das Thema ist es durchaus wert, mal eine grundsätzliche Debatte über das Verhalten im Netz – auch Prominenten gegenüber – zu führen. Erst vorletzte Woche wurde die Schauspielerin Anna Loos auf ihrer Facebook-Seite auf üble Weise beschimpft und beleidigt. Auch sie ging an die Öffentlichkeit damit und forderte ihre anderen Facebook-Fans auf, ihr zu helfen, die Übeltäter zu finden.

Timo Hildebrand war also mitnichten ein Einzelfall. Auf fast allen Facebook-Seiten von Fußball-Profis tauchen neben Fan-Kommentaren auch immer wieder beleidigende Postings auf. Doch das ist ja nicht die einzige Möglichkeit, Menschen auf Facebook zu diffamieren.

Facebook-Gruppen

Systematisch wird dies auch über die Gruppen gemacht, die Facebook kaum kontrollieren kann oder will. Klar, dass dabei vor allem diejenigen in der Schusslinie stehen, die ohnehin stark polarisieren. Die Seite „Ich hasse Kevin Großkreutz“ hat mittlerweile (Stand 21.März) fast 50.000 Likes, die Seite „Kevin Großkreutz trägt seinen IQ als Rückennummer“ immerhin gut 12.000.

Großkreutz polarisiert natürlich stark und hat gerade die Fans des FC Schalke auch gerne und oft provoziert. Er hat sich somit auch selbst in die Schusslinie gebracht, doch wenn man liest, dass er nach seinem Disput mit Gerald Asamoah im Pokalhalbfinale gegen Greuther Fürth vor einem Jahr, sogar Morddrohungen erhielt, dann muss man doch klar festhalten, dass da Grenzen zunehmend überschritten werden.

Reflexion?

Und wenn dann das „Verbrechen“ des betreffenden Menschen auch noch ausschließlich darin besteht, das er schlechte Leistung gebracht hat, muss man sich wirklich fragen, was in solchen Menschen eigentlich vorgeht, die ihnen dann „Erschieß dich“ auf die Pinnwand schreiben. Ich will jetzt eigentlich nicht die Enke-Keule rausholen und den meisten Fußballfans dürfte wohl klar gewesen sein, dass sich am Betriebsklima in den Stadien trotz all der gut gemeinten Reden nach dem Selbstmord des Nationaltorhüters nichts ändern würde. Dazu ist dieser Sport viel zu emotional.

Doch hätte man schon meinen können, dass es zumindest ein kleines bisschen die Sinne dafür schärft, dass auch Fußball-Profis Menschen sind, die ihre eigene Leistung oft weit mehr reflektieren als es der Öffentlichkeit bewusst ist. Zu einem Bekannten oder Arbeitskollegen, der gerade keine gute Arbeit leistet, ginge man doch auch nicht hin, um ihn aufzufordern, sich zu erschießen.

Gehalt als Rechtfertigung

Und dennoch scheint diese Hemmschwelle bei Prominenten, wie eben bei Fußball-Profis nicht zu existieren. Warum ist das so? Ein Satz, den man in diesem Zusammenhang sehr oft hört, ist „Der verdient doch so viel Geld, da kann er sich nicht beschweren, wenn er sich sowas mal anhören muss!“ Es gibt unter den Fußballern sicherlich auch solche, denen das Geld so wichtig ist, dass es ihnen in der Tat scheißegal ist, was anderen von ihnen denken.

Doch der größere Teil der Spieler wird solche Aussagen wohl trotz des dicken Bankkontos als sehr verletzend empfinden. Nicht zuletzt deshalb, weil sie diesen Postings relativ hilflos ausgeliefert sind und dem Hater nicht einmal etwas Passendes entgegnen können – zumindest wenn sie nicht gerade wie Hildebrand an die Öffentlichkeit damit gehen. Sind also die hohen Gehälter der Spieler wirklich ein Freifahrtschein für jeden Hans und Franz, der nach einem schlechten Spiel oder einfach bei schlechter Laune mal im Internet Dampf ablassen will?

Ins Gesicht sagen würden sie es nicht

Die Rede ist hier ausdrücklich nicht von berechtigter (oder auch unberechtigter) Kritik an der Leistung des Spielers. Auch was Pöbeleien angeht, gibt es sicher auch noch verschiedene Qualitätsstufen. Doch solche Aussagen wie die des „Don Jannis“ sind eindeutig unterste Schublade, sie sind nicht nur verletzend, sondern auch ungerecht und menschlich einfach unglaublich schlecht. Es spricht für „Don Jannis“, dass er sich entschuldigt hat, doch in den meisten Fällen gehen solche Sachen einfach durch. Dabei dürfte es wohl als gesichert gelten, dass 98 Prozent dieser Internet-Hater zu feige wären, dem verhassten Prominenten ins Gesicht „Erschieß dich“ zu sagen. Aber im Internet gehen sie ja kein großes Risiko ein, da sitzt die Tastatur dann locker.

Noch einmal: Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen damit leben, dass man über sie redet, müssen damit leben, dass man sie vielleicht nicht mag und sie müssen mit Kritik leben. Aber diese feigen Pöbeleien in der Anonymität des Internets rechtfertigen ihr Geld und ihre Prominenz nicht. Auch Prominente haben schließlich ein Recht auf ihre Würde. Der eine oder andere scheint einfach zu vergessen, dass er sich auch im Internet immer noch mit „richtigen Menschen“ unterhält. Bei vielen steckt noch nicht einmal System dahinter, sondern Gedankenlosigkeit – so wohl auch im Fall „Don Jannis“. Ihnen ist in diesem Moment einfach gar nicht in letzter Konsequenz klar, was sie da eigentlich gerade schreiben.

Diese Entwicklung wird man wohl nicht völlig eindämmen können. Aber es muss mal ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass man es im Internet ähnlich halten sollte, wie im richtigen Leben: erst nachdenken, bevor man etwas zu einem Menschen sagt. Erst nachdenken, bevor man auf „Senden“ klickt.

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Ein Gedanke zu „Pöbeleien im Internet: „…der verdient ja schließlich auch genug!“

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