Pfiffe gegen Neuer: Diese Fans habt ihr euch selbst geschaffen

Es hatte schon ein bisschen was von Slapstick, was Nationaltorwart Manuel Neuer da beim Länderspiel gegen Kasachstan in Nürnberg fabrizierte. Er verdaddelte kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit ein Dribbling an der Strafraumgrenze und Kasachstans Heinrich Schmidtgal sagte danke. Die Kritik der DFB-Oberen entzündete sich aber nicht am Patzer des Keepers, sondern an der Reaktion des Publikums.

Nun sind Spieler des FC Bayern im Frankenland ohnehin nur mittelmäßig gern gesehen. Den 1. FC Nürnberg verbindet nicht nur eine herzliche Rivalität mit den Bayern, sondern auch eine langjährige Fanfreundschaft mit Schalke 04 – dem Verein, von dem Neuer einst nach München wechselte und in dessen Fanszene er seitdem als „Judas“ geächtet und verachtet wird.

Das Nürnberger Publikum pfiff den Torwart nach dieser Aktion erst mal gründlich aus und beklatschte in der Folge hämisch jeden leichten Ball, den er vom Boden aufnahm. Dass es sich bei einem Heim-Länderspiel sicher nicht gehört, den eigenen Keeper auszupfeifen, darüber gibt es wohl keine zwei Meinungen. Auch man die Bayern nicht mag, aber wenn man sich zur deutschen Nationalmannschaft bekennt und als Fan der DFB-Elf zu den Länderspielen geht, dann muss man die Vereinsbrille auch zuhause in der Schublade lassen!

Zwei Seiten des Problems

Allerdings kann man dieses Problem auch mal von einer anderen Seite betrachten. Einen der eigenen Nationalspieler auszupfeifen ist entweder ein Zeichen mangelnder Identifikation oder mangelnden Respekts. Sich mit einer Nationalmannschaft zu identifizieren, die im Wesentlichen aus Spielern von Bayern München und Borussia Dortmund besteht, garniert mit ein oder zwei Spielern von Real Madrid und dem FC Arsenal, dann erschwert das einem Großteil der Bundesliga-Fans wohl, sich mit der Nationalmannschaft zu identifizieren.

Ohne das jetzt empirisch belegen zu können, aber gefühlt ist diese Blockbildung unter Joachim Löw extrem geworden. Zumindest in der eigenen Erinnerung war die Nationalmannschaft früher heterogener, was die Vereinsherkunft anbelangt.

„Eventisierung“ bringt andere Fans hervor

Das zweite Problem ist die Tatsache, dass die Länderspiele wie überhaupt der ganze Profifußball in Deutschland im Zuge der WM 2006 eine „Eventisierung“ durchgemacht hat, wie sie vorher nicht absehbar war. Es geht bei dem Besuch der Spiele nicht mehr um das Fußballspiel, es geht um das „Erlebnis“. Egal ob im Stadion oder auf der Fanmeile bei den großen Turnieren: je mehr lächerliche Assecoires, desto besser. Dass es einmal Hasenohren in schwarz-rot-gold geben würde und es auch noch tatsächlich Menschen gibt, die diese auf ihr Haupt setzen würden – das hätte man in den 70ern mal Günter Netzer und Gerd Müller erzählen sollen, die hätten sich schlapp gelacht.

Vor den Spielen gibt es Programm, mittelmäßig begabte Komiker steuern die Stadionhymne bei und selbst das Absingen der Nationalhymne hat mittlerweile etwas Eventmäßiges an sich. Da wird sich aufgeregt über Nationalspieler, die das Absingen der Hymne verweigern. Vor nicht einmal 10 Jahren kannte selbst ein Großteil der Zuschauer doch nicht einmal den Text der deutschen Nationalhymne!

Coca-Cola-Fanclub

Und der DFB selbst war sich nicht zu blöde, einen Coca-Cola-Fanclub Nationalmannschaft“ ins Leben zu rufen, bei dem sich die Spieler nach dem Kasachstan-Kick auch noch via Transparent artig für die Unterstützung bedanken mussten.

Dazu kommt, dass die Ticketpreise nicht nur in der Bundesliga, sondern auch bei den Länderspielen in den letzten Jahren deutlich angezogen haben. Dass man sich mit hohen Eintrittspreisen ein Eventpublikum heranzieht, ist keine völlig neue Erkenntnis. Da muss man nur mal nach England schauen. Dass diese Eventfans für ihr Geld auch etwas geboten kriegen möchten, ist auch nichts Neues.

Wie oft mussten sich die Bayern im eigenen Stadion Pfiffe von den Sitzplätzen gefallen lassen, weil das Operettenpublikum mit einer 1:0-Halbzeitführung gegen den Tabellen-Fünfzehnten nicht zufrieden war? Die Hemmschwelle, auch die eigene Mannschaft (oder Teile davon) auszupfeifen, sinkt in dem Maße, wie der Eventcharakter zunimmt.

Patriotismus nicht mit Hype verwechseln

Und das passiert nun eben auch zunehmend bei der Nationalmannschaft. Nach der WM 2006 war man sich in der Öffentlichkeit einig, dass die Deutschen patriotischer geworden seien. Doch das ist nicht der Grund, warum um die Nationalmannschaft so ein Hype veranstaltet wird. Es ist ja auffällig, dass von diesem Patriotismus außerhalb des Fußballs nicht viel zu spüren ist.

Die Nationalmannschaft wird deshalb seit 2006 so gehyped, weil die Massen in diesem Jahr den Fußball als Event für sich entdeckt haben. Ein Event stellt aber deshalb noch nicht gleich eine emotionale Bindung her. Deshalb sind viele dieser „Eventfans“ auch wieder verschwunden, wenn das Event keinen Unterhaltungswert mehr bietet, sprich: wenn die Mannschaft nicht mehr gut spielt.

Ansprüche steigen

Das ist zwar bei der deutschen Nationalmannschaft in absehbarer Zeit nicht zu erwarten, doch ganz offensichtlich ist ein 4:1 gegen Kasachstan nicht mehr „Event“ genug für die Eventfans. Sechs oder sieben Tore hat man sich gegen diesen Fußballzwerg wohl doch erwartet! Und ein Torwart, der diesem Zwerg auch noch ein absolut lächerliches Tor schenkt, muss folglich das Missvergnügen der Besucher erregen. Schließlich hat man dafür nicht den Eintritt bezahlt!

Die Entwicklung der letzten Jahre wird der DFB nicht rückgängig machen, der Eventcharakter bei den Länderspielen ist so gewollt. Doch dann meine ich, darf man auch nach dem Spiel nicht rumheulen, wenn das Eventpublikum seine Ansprüche nicht befriedigt sieht und seinem Unmut Ausdruck verleiht. Jede Medaille hat schließlich ihre Kehrseite.

Zum Glück ist diese Entwicklung im deutschen Vereinsfußball noch nicht so weit fortgeschritten. Und da wären wir wieder bei der Geschichte, warum ich mit der Nationalmannschaft nichts anfangen kann.

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Ein Gedanke zu „Pfiffe gegen Neuer: Diese Fans habt ihr euch selbst geschaffen

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