Ein unvergesslicher Europapokal-Abend im Westfalenstadion

Es ist doch immer wieder erstaunlich wie nah totale Leere und totale Eskapade beim Fußball beieinander liegen können. In der 90. Minute überwog bei den meisten der 80.000 im Westfalenstadion die Enttäuschung. In der 94. Minute war kollektives Ausrasten angesagt.

Der BVB hat seinen Fans mal wieder einen Abend beschert, den sie so schnell nicht vergessen würden. Und er begann auch schon mit einem Ausrufezeichen. Die Ultras hatten mal wieder eine Wahnsinns-Choreo auf der Süd auf die Beine gestellt, die einen beeindruckenden Anblick bot.

Als das Spiel angepfiffen wurde, war der BVB-Mannschaft die Nervosität deutlich anzumerken. Es ging um den Einzug ins Halbfinale der Champions League, doch dieser Gedanke schien die Mannschaft in der ersten Halbzeit eher zu lähmen als zu beflügeln. Zahlreiche Abstimmungsprobleme und Fehlpässe offenbarten dieses Dilemma. Die Spanier agierten clever und als Borussia in der Defensive mal einmal nicht richtig aufpasste, stand es prompt 1:0 für Málaga.

Da war es passiert

Verdammt! Nun musste der BVB schon zwei Tore schießen, um das Weiterkommen zu sichern. Doch allzu große Besorgnis kam zu diesem Zeitpunkt auf der Tribüne noch nicht auf, eher ein leises Unbehagen. Zwei Tore in einem Heimspiel – normalerweise zu schaffen. Málaga parkte in der Folge auch nicht den Mannschaftsbus vor dem eigenen Strafraum, sondern suchte auch selbst gelegentlich Offensivaktionen. Allerdings begannen sie nach ihrem Führungstreffer mit extremem Zeitspiel. Der Torwart brauchte gefühlt fünf Minuten für jeden Abstoß. Ständig lag ein Spanier auf dem Boden und immer dauerten diese Unterbrechungen gefühlt Stunden. Man kennt es ja, man hat es alles schon erlebt, Sevilla hat es 2010 ja (mit Erfolg) genau so gemacht. Aber trotzdem macht es einen wahnsinnig.

Foto: Andreas Vogel

Die Choreo von der Osttribüne aus betrachtet. Foto: Andreas Vogel

Doch in der 40. Minute schlug der BVB zurück: nach einem tollen Hackentrick von Marco Reus, der bis dahin überhaupt nicht auf dem Platz gewesen ist, war es einmal mehr Robert Lewandowski, der das Ding ins Netz zimmerte. 1:1 – psychologisch guter Zeitpunkt, der Optimismus ist wieder da.

Wie im Hinspiel

Die zweite Halbzeit begann mit einer Riesenchance für Málaga, doch Roman Weidenfeller hielt den BVB im Spiel. Es entwickelte sich nun ein offener Schlagabtausch, in dem der BVB allerdings ein Plus an Chancen verzeichnete. Doch es war zum Mäusemelken, das Ding wollte wie im Hinspiel einfach nicht rein.

Nur am Rande bekamen die Zuschauer mit, dass über das Stadionmikrofon mal wieder ein gewisser „Herr Pieper“ ausgerufen wurde, der sich nach dem Spiel am Infostand unter der Nordtribüne einfinden sollte und etwa 30 Sekunden später die Zuschauerzahl verkündet wurde. Ob die UEFA diesen Trick wohl irgendwann noch mal durchschaut…?

Abseits und so

Langsam wurden die Versuche des BVB verzweifelter und dann passierte es: Eliseu schoss das 2:1 für Málaga. Aus einer Abseitsposition heraus. Bitter, bitter, bitter – doch das Schicksal sollte diese Ungerechtigkeit noch am selben Tag ausgleichen.

Noch 10 Minuten zu spielen, der BVB lag 1:2 hinten und allmählich machte sich Enttäuschung breit. Der Glaube, dass der BVB das noch aufholen würde war bei den meisten Fans nicht groß. Man begann innerlich, sich mit der Niederlage abzufinden und sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass der Traum von Wembley ausgeträumt war. Als die 90. Minute anbrach, sah man den Einen oder Anderen schon enttäuscht das Stadion verlassen. Wären sie mal lieber geblieben!

Unglaubliches Finish

Vier Minuten Nachspielzeit gab der schottische Schiedsrichter Thompson, der insgesamt einen schwachen Tag erwischt hatte. Und plötzlich schien noch mal ein Ruck durch die Mannschaft zu gehen. In der 92. Minute war es wieder Reus, von dem man wiederum fast die ganze zweite Halbzeit nichts gesehen hatte, der das 2:2 schoss. Und plötzlich lag wieder Spannung in der Luft. Das Westfalenstadion tobte und schrie die Mannschaft nach vorn. Der BVB würde doch nicht etwa wirklich…..?

Und der BVB tat es tatsächlich!!! Es war die 94. Minute, Gewusel im Strafraum, Lewandowski irgendwie beteiligt, auf einmal kommt der Ball zu Felipe Santana und der stochert den Ball im Liegen ÜBER DIE LINIE!!!!!! Der Torschütze wurde an der Südwestecke unter einem schwarzgelben Knäuel begraben und was in diesem Moment auf den Tribünen los war kann man mit Worten nicht beschreiben. Das ultimative Fußballwunder hatte sich ereignet, etwas völlig Verrücktes, das nur alle Jubeljahre mal passiert und den Fußball doch so unberechenbar macht, so emotional, so wunderschön für die Einen und so absolut grausam und schrecklich für die Anderen.

Vier Dortmunder inklusive des Torschützen standen bei dem Tor im Abseits. Doch wenn man bedenkt, dass auch das 2:1 von Málaga schon Abseits war, ist es eher unverständlich in welcher Wiese sich der Trainer und die Verantwortlichen von Málaga nach dem Spiel über angebliche Ungerechtigkeit mokierten. Ihre Fans erwiesen sich hingegen als gute Verlierer und applaudierten der Dortmunder Mannschaft und den Fans.

Sternstunde der Vereinsgeschichte

Er geht also weiter, der Traum von Wembley, zumindest noch für zwei Spiele. Eins ist jetzt schon klar, egal, wenn der BVB im Halbfinale zugelost bekommt – es wird diesmal ein richtig dicker Brocken werden. Vielleicht wird es Real Madrid, vielleicht Barcelona oder der FC Bayern. Doch dieser Sieg wird ein großes Selbstbewusstsein bei der Mannschaft bewirkt haben. Und wer weiß, wie weit sie auf der Welle der Euphorie noch surfen kann?

Eines ist jedenfalls mal klar: dieses Málaga-Spiel wird sich einreihen in die Sternstunden der Vereinsgeschichte. Es wird eine dieser Geschichten sein, die Eltern in einigen Jahren ihren mit großen Augen lauschenden Kindern erzählen werden, wenn sie ihnen erklären wollen, was an diesem Verein so verdammt großartig ist. Jeder, der dabei war, wird sich immer an diesen Abend erinnern und an den Moment, in dem Felipe Santana den Ball über die Linie stocherte.

Weitere Artikel in diesem Blog:

Dortmunder Nächte: Málaga ist Deportivo La Coruna 2.0

Neulich auffa Süd

Borussia Dortmund – Málaga CF: 3:2

BVB: Weidenfeller – Piszczek , Subotic , Felipe Santana, Schmelzer- Gündogan (86. Hummels), S. Bender (Sahin)- Blaszczykowski (72. Schieber), M. Götze , Reus – Lewandowski

Málaga: Willy – Jesus Gamez, Sergio Sanchez , Demichelis , Antunes – Toulalan, Camacho – Duda (74. Eliseu), Isco – Joaquin (87. Portillo), Julio Baptista (83. R. Santa Cruz)

Tore: 0:1Joaquin (25., Linksschuss, Isco), 1:1 Lewandowski (40., Rechtsschuss, Reus), 1:2 Eliseu (82., Rechtsschuss, Julio Baptista), 2:2 Reus (90. + 1, Linksschuss, Subotic), 3:2 Felipe Santana (90. + 2, Rechtsschuss, Schieber)

Gelbe Karten: S. Bender (1. Gelbe Karte),Schmelzer (1.), Jesus Gamez (2. Gelbe Karte), Toulalan(2.)

Zuschauer: 65829 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Thompson (Schottland)

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