Wembley calling! BVB steht nach großem Kampf im CL-Finale

Am Schluss liegen die Nerven blank. Real Madrid führt 2:0. Und sie drängen auf das dritte Tor. Fiele es, wäre der Traum von Wembley ausgeträumt für den BVB. Die Uhr läuft. Der Schiedsrichter gibt fünf Minuten Nachspielzeit. Fünf! Ein Engländer halt. Die fünf Minuten sind längst abgelaufen. „Jetzt pfeif doch endlich ab, Mann“, brüllen wir den Fernseher an. Er schaut auf die Uhr. Pfeift immer noch nicht ab. Und dann plötzlich – wir ahnen den Schlusspfiff mehr, als dass wir ihn wirklich hören – sehen wir die Dortmunder Bank auf den Rasen laufen. Es ist überstanden. Der BVB hat die „Hölle Bernabeu“ überlebt.

Was für ein großer Kampf! Dabei hatte die Ausgangslage nach dem 4:1-Sieg im Hinspiel sechs Tage zuvor eigentlich recht komfortabel ausgesehen. Doch niemand war sich zu sicher. Real Madrid ist immer in der Lage, im eigenen Stadion drei Tore zu schießen. Beinahe wäre ihnen das auch am Dienstagabend wieder gelungen.

Mitglied bei Real

Begleitet von acht- bis zehntausend Schwarzgelben war der BVB nach Madrid gefahren, um dort das Ticket nach London endgültig zu buchen. Eigentlich hätte an dieser Stelle übrigens kein Spielbericht stehen sollen, sondern vielmehr der Reisebericht von einem legendären Roadtrip nach Madrid. Doch es half nicht einmal, Mitglied bei Real Madrid zu werden, nicht mal über den dortigen Mitgliederverkauf gelangten wir an Karten. Jetzt bin ich wohl oder übel erst mal ein Jahr lang Mitglied bei Real Madrid.

Brinkhoff's vorm eigenen Fernseher.

Brinkhoff’s vorm eigenen Fernseher.

So hieß es statt Bernabeu und San Miguel: Marcel Reif und Brinkhoff’s vorm heimischen Fernsehgerät. Gleich zu Beginn des Spiels brach der befürchtete Orkan über den BVB herein. Real Madrid überrollte die Schwarzgelben regelrecht, fuhr Angriffswelle um Angriffswelle und brachte die Dortmunder Abwehr arg ins Schwimmen. Wäre Real in dieser Phase ein frühes Tor gelungen, dann wäre das Spiel wohl völlig anders gelaufen. Doch Roman Weidenfeller war wieder einmal der Fels in der Brandung. Er bügelte die Fehler seiner jungen Abwehrkollegen aus und vereitelte mit starken Reflexen mehrere Großchancen der Madrilenen – oder „Madritter“, wie mein Kumpel Andreas sie neben mir geringschätzig nannte.

Besser im Spiel

Irgendwie die erste Viertelstunde überstehen, dann wird Real das Tempo zurückfahren müssen, denn sie können es nicht über 90 Minuten gehen. Das war der Gedanke. Und das gelang. Nach etwa zwanzig Minuten kam der BVB besser ins Spiel, die Abwehr stabilisierte sich und lieferte fortan eine blitzsaubere Vorstellung ab, bei der vor allem Mats Hummels auf ganz hohem Niveau glänzte und der ganzen Welt wieder einmal zeigte, warum Reals Erzfeind, der FC Barcelona mehr als nur ein Auge auf ihn geworfen haben soll. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jürgen Klopp schon ein Mal wechseln müssen: nach 12 Minuten musste Mario Götze (ausgerechnet!) den Platz verlassen, die spätere Diagnose lautete: Muskelfaserriss im hinteren Oberschenkel. Für ihn kam der „Dortmunder Junge“, Kevin Großkreutz. Er übernahm die linke Seite, Marco Reus rückte in die Mitte.

Nach 13 Minuten kam auch der BVB zu seiner ersten Torchance durch Robert Lewandowski und hätte fast den Spielverlauf auf den Kopf gestellt. Doch insgesamt gehörte die erste Halbzeit Real Madrid, die aggressiv und mit atemberaubenden Tempo versuchten, aufs Tor zu drängen. Fast 70 Prozent Ballbesitz stand nach 45 Minuten für die Madrilenen zu Buche. Doch der Aufwand, den sie betrieben, blieb fruchtlos – vielleicht auch deswegen, weil Lukasz Piszczek es im Verbund mit Jakub Blaszczykowski wieder einmal meisterlich gelang, Cristiano Ronaldo aus dem Spiel zu nehmen. Und trotz all ihrer Bemühungen und einiger brandgefährlicher Situationen vor dem Dortmunder Tor konnte Madrid am Ende noch froh sein, dass es zur Pause 0:0 stand: die letzte Chance der ersten Halbzeit gehörte nämlich dem BVB, doch der wuchtige Schuss von Lewandowski knallte an die Unterkante der Latte und von da wieder aus dem Tor hinaus,

Durchatmen in der Pause

Pausenpfiff, durchatmen, neues Brinkhoff’s aus dem Kühlschrank holen. Bisher hatte der BVB dem Sturm gut standgehalten. Nach einer äußerst wackligen Anfangsphase hatte sich die Abwehr stabilisiert und hin und wieder konnte der BVB auch Konter setzen und für Entlastung sorgen.

Doch immer noch 45 Minuten zu spielen. Real musste jetzt alles nach vorne werfen. Aber die erste Chance nach Wiederanpfiff hatte wieder Borussia Dortmund durch Robert Lewandowski. Die Zeit verrann, der BVB gewann immer mehr an Sicherheit und das Bernabeu, das in der Anfangsphase noch einen Heidenrabatz veranstaltet hatte, wurde immer ruhiger. Der Glaube an das Wunder nahm ab im Real-Lager, das war von Sekunde zu Sekunde mehr zu spüren. Hören konnte man jetzt nur noch den Gästeblock, der zur Hochform auflief und zwischenzeitlich sogar mal von den genervten Madrid-Fans ausgepfiffen wurde.

Vorsichtige Gewissheit, dann Zittern

Nach 75 Minuten wich die Unruhe vorm Fernseher so langsam einer vorsichtigen Gewissheit: der BVB würde nach Wembley fahren. Keine zehn Minuten später war dieses Gefühl aber zum Teufel: in der 82. Minute konnte auch Weidenfeller nichts mehr machen, Real kam urplötzlich zum 1:0 durch Karim Benzema. Und dieses Tor veränderte die Körpersprache der Madrilenen wieder völlig. Sie glaubten wieder ans Weiterkommen und starteten einen letzten Sturmlauf in Richtung BVB-Tor.

Und wurde belohnt. In der 88. Minute schoss Sergio Ramos (der übrigens bei einem weniger lässigen Schiedsrichter auch schon Rot gesehen hätte für seine Attacken auf Lewandowski) das 2:0. Und jetzt rutschte uns das Herz in die Hose. Jetzt brauchte Real nur noch ein Tor und alles wäre vorbei. „Oh nein, die werden das jetzt doch wohl nicht in den letzten zehn Minuten noch versauen, oder?“ flüstere ich entsetzt. Das Bier ist alle. Egal. Jetzt steht bestimmt keiner auf und holt Neues.

BVB wankte

Unsere Spieler machen haarsträubende Dinge in ihrer Verunsicherung, bringen Real mit verunglückten Rettungsaktionen immer wieder ins Spiel. Doch wir hatten ja noch unseren Felsen im Tor. Weidenfeller war da. Was auf sein Tor kam, fing er oder wehrte es ab. Der BVB wankte. Aber er fiel nicht!

Fünf Minuten Nachspielzeit. Fast wäre uns das Ticket nach Wembley noch aus der Hand gerissen worden. Doch die junge BVB-Mannschaft, die so Großartiges in dieser Champions-League-Saison geleistet hatte, brachte es mit letzter Kraft irgendwie zu Ende. Abpfiff!

Die Fans lagen sich in den Armen, die Spieler brüllten ihre Erleichterung heraus und bildeten ein Jubelknäuel. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kehrte zurück, nachdem er sich die letzten Minuten des Spiel auf dem Klo eingeschlossen hatte, weil er es nicht mehr aushielt.

Feier bis in die Nacht

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Feier auf dem Alten Markt in Dortmund.

In Madrid feierten die Fans bis spät in die Nacht und auch die Mannschaft – nach einiger Anlaufzeit, denn nach dem Spiel waren die Spieler anscheinend so fertig, dass sie zuerst gar nicht mehr feiern gehen wollten. Doch Nuri Sahin, der Ortskundige, hatte dann doch noch eine kleine Feier in einer Madrider Bar organisiert. In der Dortmunder Innenstadt begannen nur wenige Minuten nach Abpfiff die Hupkonzerte.

Dieser Anblick kommt uns doch irgendwie bekannt vor...

Dieser Anblick kommt uns doch irgendwie bekannt vor…

Auch wir hissten die BVB-Flagge am Fenster und machten uns auf den Weg in die Stadt. Der Alte Markt war voll mit Menschen, im Bläserbrunnen standen Menschen, Tonnen von Plastikbechern und Glasschrott türmten sich in der Mitte des Platzes. Ein riesiger Henkelpott wurde über den Markt getragen und durch die angrenzenden Kneipen. Es gibt Städte, in denen so nicht einmal die Meisterschaft gefeiert wird. Für Dortmunder Verhältnisse hatte es etwas von einer „Meisterfeier light“.

 Presse verneigt sich

Die internationale Presse verneigte sich vor dem BVB und seinem großen Kampf. Die englische Tageszeitung „The Times“ brachte es auf den Punkt: „Das war nichr Mourinhos Abend. Es war nicht Reals Abend. Es war ein Abend, um anzuerkennen, dass dieses wundervolle junge Dortmund-Team zusätzlich zu seinem seidigen Stil auch Stahl hat – und so den erwarteten frühen Ansturm überlebte und sein Ticket im Finale von Wembley buchte.“

Der Henkelpott wird durch das "Wenkers" getragen. Foto: Andreas Vogel

Der Henkelpott wird durch das „Wenkers“ getragen. Foto: Andreas Vogel

Am 25. Mai kann Borussia nun also nach Europas Krone greifen und den Traum endgültig wahr machen. Die junge Mannschaft kann in die Fußstapfen der Helden von 1997 treten. Es wird ein erneuter, harter Kampf werden. Denn der Gegner hat nicht nur sportliche, sondern auch persönliche Gründe, dem BVB den Titel vor der Nase wegzuschnappen: es ist der FC Bayern.

Verlosung

Ein deutsches Finale in Wembley – das dürfte bei den Engländern keine Jubelstürme auslösen. Doch ist es auf jeden Fall eine Auszeichnung für die Bundesliga und die Arbeit, die in Deutschland in den letzten Jahren geleistet wurde.

Die 24.000 Karten für das Champions-League-Finale werden über die BVB-Homepage verlost, 80 Prozent der Karten gehen an Mitglieder und Dauerkarteninhaber. Auch wenn sich einige jetzt schon wieder darüber beschweren: wenn man mal ehrlich ist, ist das die fairste Lösung. Dadurch, dass die Tickets personalisiert sind, dürfte der Schwarzmarkt hier auch keine großen Chancen haben.

Alleine in den ersten sechs Stunden der Bewerbungsfrist gingen beim Verein 100.000 Kartenbestellungen ein. Ob mit oder ohne Karte: am 25. Mai wird London schwarzgelb sein. Es werden mehr als nur die 25.000 Fans mit Tickets anreisen. Das dürfte klar sein!

Nun schwelgen wir noch ein wenig in CL-Träumen und stellen dann fest: Samstag ist wieder Bundesliga. Der Gegner heißt: FC Bayern.

Fußball kann manchmal so skurril sein.

Real Madrid: Lopez – Essien, Varane, Ramos, Coentrao – Modric, Xabi Alonso, Di Maria, Özil, Ronaldo – Higuain

Einwechslungen: Kaka für Coentrao (57.), Benzema für Higuain (57.), Khedira für Xabi Alonso (67.)

BVB: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Gündogan, Bender- Kuba, Götze, Reus – Lewandowski

Einwechslungen: Großkreutz für Götze (13.), Kehl für Lewandowski (87.), Santana für Bender (91.)

Tore: 1:0 Benzama (83.), 2:0 Ramos (87.)
Gelbe Karten: Coentrao (26.), Higuain (43.), Ramos (79.), Khedira (81.) – Gündogan (43.), Bender (45.), Weidenfeller (83.)

Schiedsrichter: Webb (England)

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