Stell dir vor, der BVB spielt gegen Bayern und keinen juckt’s

Eigentlich unfassbar. In wenigen Stunden steigt DAS Topspiel der Fußball-Bundesliga, der entthronte Meister empfängt den Deutschen Meister, die beiden besten Mannschaften Deutschlands messen sich im direkten Duell – und auf beiden Seiten interessiert’s einfach niemanden. Auch die Medien halten sich zurück. Kein „Giganten-Gipfel“, kein „deutsches Clásico“, kein „Hass-Duell“ und auch kein „Nord-Süd-Derby“. Es wirkt eher wie eine Art Pflicht-Testspiel vor dem wahren „Giganten-Duell“ in drei Wochen – im Volksmund auch „Champions-League-Finale“ genannt.

Normalerweise hätte das Bundesliga-Spiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München gerade jetzt genug Zündstoff geboten. Bayern hatte den BVB aus dem Pokal geworfen und danach reichlich damit angegeben. Nun ja, wer mit einem äußerst knappen 1:0-Sieg im DFB-Pokal aufschneiden muss, der hat’s wohl auch nötig. Dann folgte letzte Woche der Hammer, als die Bajuwaren Dortmunds Supertalent Mario Götze verpflichteten.

Götze und Uli

Der Transfer an sich ist nicht die Sauerei – schließlich ist es das gute Recht der Bayern, sich um das wohl größte deutsche Talent zu bemühen – sondern der Zeitpunkt, an dem der Transfer aus Münchner Kreisen an die Boulevard-Presse durchsickerte: zwei Tage vor dem CL-Halbfinalspiel gegen Real Madrid und drei Tage nach dem bekannt wurde, dass Bayern-Präsident Uli Hoeneß im großen Stil Steuern hinterzogen hatte. Nur Fans mit dem naiven Gemüt eines Vierjährigen können ernsthaft an einen Zufall glauben. Dazu wurden im Folgenden Details aus den Verhandlungen und dem Umgang gegenüber dem BVB bekannt, die jeglichen Stil und Fairness vermissen ließ und deutlich zeigt, dass der FC Bayern wohl sportlich und wirtschaftlich, aber nicht charakterlich ein großer Verein ist.

Ja, und dann ist da eben noch diese Hoeneß-Geschichte. Dass ausgerechnet ein Mann, der sich über viele Jahre so sehr den Status einer Hassfigur vieler Fans erarbeitet hat, nun über seinen eigenen Größenwahn stolpert (und vielleicht auch über sein trügerisches Gefühl, so mächtig zu sein, dass er über dem Gesetz steht), müsste eigentlich eine besondere Genugtuung sein. Da könnte man eigentlich so schön Gesänge wie „Steht auf, wenn ihr Steuern zahlt“ anstimmen. Doch der Uli macht sich nicht mal die Mühe nach Dortmund zu kommen, er besucht stattdessen ein Spiel der Bayern-Basketballer gegen Alba Berlin.

Wembley calling!

Normalerweise würde über diesem Spiel auch mal wieder die Frage nach der „wahren Nummer 1“ im deutschen Fußball stehen. Schließlich hätte diese souveräne Meisterschaft der Bayern schon irgendwie einen kleinen Makel, wenn nicht zumindest einmal der hartnäckige Konkurrent in der Bundesliga auch geschlagen wird.

Doch auch darüber redet niemand. Um den Grund dafür zu erklären, benötigt man nur ein einziges Wort: WEMBLEY.

Deutsches Finale

Erstmals in der Geschichte der Champions League gibt es ein deutsches Finale und zumindest in dieser Saison hat die Bundesliga im internationalen Vergleich somit die Nase vorn. Der BVB trifft im Nationalheiligtum des englischen Fußballs auf Bayern München. Wer darauf vor der Saison einen Zwanni gesetzt hat, konnte am Donnerstag wohl seinen Job kündigen und schon mal nach einem schönen Haus an der Côte d’Azur Ausschau halten. Wobei der überraschendere Teil dieser Final-Konstellation sicherlich die Schwarzgelben sind, denn den Bayern gelang der Finaleinzug in den letzten Jahren ja öfter.

Für die Bayern steht durch diese Paarung weit mehr auf dem Spiel als nur ein möglicherweise zum dritten Mal hintereinander verlorenes Finale. Auf dem Spiel steht die Arbeit und der Erfolg einer ganzen Saison. Auch wenn es von Münchner Seite heftigst dementiert wird, doch es ist absehbar, dass die ganze Rekord-Saison, die Meisterschaft und auch das mögliche Double nichts mehr wert wären, sollte ausgerechnet der BVB, der sie in den letzten Jahren so gedemütigt hat, diesen Henkelpott gewinnen, nachdem sie sich in Bayern seit Jahren so schmerzlich sehnen. Sollte der FC Bayern ausgerechnet des wichtigste Spiel der ganzen Saison gegen den BVB wieder verlieren. Und dass obwohl der BVB bis zum Halbfinal-Einzug eigentlich nie den Anspruch vertreten hat, den Pott mit den großen Ohren in dieser Saison wieder nach Dortmund zu holen.

B-Elf gegen B-Elf

Der Druck ist also auf Seiten der Bayern ungleich größer als beim BVB, wo schon der Final-Einzug selbst fast den Status eines Titelgewinns genießt.

Vor diesem „Spiel der Spiele“, vor dem es dann übrigens noch genug Hype und Medientheater geben wird, wird sich weder Jupp Heynckes noch Jürgen Klopp in die Karten schauen lassen. Klopp hat nach eigener Aussage einen Plan, wie man die Bayern in dieser Saison noch mal schlagen kann. Er wisse aber noch nicht, ob er diesen im Ligaspiel schon umsetzen werde. Der zweite Satz darf wohl getrost als Nebelkerze gewertet werden. Denn man darf wohl annehmen, dass Klopps Bayern-Besieger-Plan die Namen Reus, Götze, Piszczek und Lewandowski enthält. Diese Herren werden am Samstag bei der Generalprobe zum CL-Finale wohl nicht dabei sein.

Es wird tatsächlich zu der skurrilen Situation kommen, dass der BVB gegen Bayern spielt und beide mit der B-Elf auflaufen werden – um Kräfte zu schonen nach den Champions-League-Halbfinals, aber auch um dem Gegner keine Möglichkeit zu geben, die eigenen Schwächen herauszufinden. Auch der FC Bayern wird nicht mit der besten Elf auflaufen. Einige angeschlagene Stars wie Schweinsteiger, Lahm und Ribery reisten gar nicht erst mit in den Ruhrpott.

Keine Generalprobe

Welchen Wert hat dieses Spiel also noch? Rein sportlich hält er sich in der Tat in Grenzen. Doch darüber hinaus wird Dortmund seine Europapokal-Helden feiern wollen! Denn dazu hatten die BVB-Fans – abgesehen von den paar Tausend, die in Madrid waren ja noch gar keine Gelegenheit. Und ein bisschen Druck aufbauen für das CL-Finale in London kann ja auch nicht schaden.

Doch eine Generalprobe für Wembley wird es nicht. Die Voraussetzungen sind ganz andere. Auch wenn Klopp sagt, man wolle das Spiel nicht abschenken, ist es doch völlig logisch, dass sich beim BVB nun alle Energien auf das Champions-League-Finale konzentrieren. Selbst wenn die Münchner B-Elf dem BVB am Samstag die Hütte voll hauen würde, hätte das keinerlei Aussagekraft für das Finale. Denn ein Champions-League-Finale ist etwas völlig anderes als ein bedeutungsloses Bundesliga-Spiel, das nicht einmal mehr tabellarisch irgendwelche Auswirkungen haben wird.

Deshalb denken sich dieser Tage wohl viele BVB-Fans: Zieht den Bayern die Lederhosen aus! Aber wenn die Energie nur ausreicht, um sie ihnen einmal auszuziehen, dann zieht sie ihnen um Himmels willen erst am 25. Mai aus!

Die voraussichtliche Aufstellung: Weidenfeller (Langerak) – Schmelzer, Hummels, Santana, Großkreutz – Sahin, Kehl – Blaszczykowski, Leitner, Hofmann – Schieber

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