Wembley-Karten: Echte Liebe, echte Fans und echte Enttäuschung

Alea iacta est, die Stunde der Wahrheit ist vorüber. Mittlerweile hat auch der letzte Fan die Benachrichtigung erhalten, ob er zu den knapp 25.000 Glücklichen gehört, der Tickets für das Champions-League-Finale zugelost bekommen hat oder nicht. Und nun macht sich bei denen, die leer ausgegangen sind, neben der Enttäuschung, das Spiel nicht im Wembley-Stadion verfolgen zu können, auch Wut und Frustration breit.

Natürlich war jedem, der sich für Tickets beworben hat, von vornherein klar, wie gering die Chancen sind, tatsächlich Glück zu haben. Doch vielen wird es so gegangen sein: als in den Internetforen, den sozialen Netzwerken, dem Freundeskreis oder der Familie die ersten Erfolgsmeldungen auftauchten, begannen sie etwas hektischer und in kürzeren Abständen das Postfach zu überprüfen. Mit jeder weiteren Bestätigung scheint die eigene Chance auf ein Ticket zu schwinden. Jede weitere Stunde, die ins Land zieht, ohne dass die erlösende Mail vom BVB hereinflattert, tötet ein kleines Stückchen Hoffnung. Als der Freitag schon halb herum war, dämmerte langsam die Gewissheit im Hinterkopf herauf: Wembley calling – doch ich darf dem Ruf nicht folgen.

Gewissheit

Am Abend wird aus der Befürchtung Gewissheit. Da ist sie, die Mail mit dem Betreff „Wembley-Karten: Leider hat es nicht geklappt“. Enttäuschung. Frust. Noch mehr, wenn man vielleicht auch letztes Jahr beim Pokalfinale, beim Saisonfinale oder auch schon bei vielen anderen Spielen in den letzten Jahren leer ausgegangen ist. Der enttäuschte Fan öffnet die Mail und sieht jetzt erst den Trostpreis, den der BVB ihm schickt, einen 5-Euro-Gutschein für den Fanshop.

Vielleicht war das seitens des Vereins tatsächlich als nette Geste gemeint, doch dieses „Geschenk“ stieß nun vielen enttäuschten Fans besonders bitter auf. Hatte es doch irgendwie etwas von „Ok, nun können wir dir schon leider kein Ticket verkaufen, dann sei doch so nett und kauf wenigstens noch einen unserer völlig überteuerten Fanartikel, ja? Wir geben dir auch einen kleinen Rabatt darauf!“ Mal ehrlich, was bekommt man für 5 Euro im BVB-Fanshop? Ein Set Autoaufkleber oder ein Mannschaftsposter aus der vorletzten Saison vielleicht. Vielen Dank auch!

„Echte Liebe“

Der Fan fühlt sich verhöhnt, wenn er in diesem Moment auch noch so was lesen muss. Und damit sind wir beim Stichwort „Echte Liebe“. Dieser Marketingslogan könnte zum Bumerang für den BVB werden, wenn er ihn weiter so medial überstrapaziert wie es Vertriebs- und Marketingdirektor Carsten Cramer derzeit tut und ihn gleichzeitig so konterkariert. „Mehr als eine halbe Million Bestellungen sind ein klares Zeichen für die Echte Liebe, die Borussia Dortmunds Fans gegenüber diesem Klub und seiner authentischen, erfolgreichen Mannschaft empfinden“, sagte Cramer nach Ablauf der Bestellfrist für die Wembley-Karten.

Klingt ja erst mal gut. Und in der Tat war dieser Marketingslogan – obgleich natürlich als solcher erkennbar – doch zunächst irgendwie passend für den Verein und seine außerordentlich leidenschaftlichen und verrückten Fans. Das ist das einzig beständige Kapital des Vereins, das einzige Pfund, mit dem er auch wuchern konnte, als er sonst nichts zu bieten hatte. Und es steht nicht zu erwarten, dass sich die Struktur dieser Fangemeinde mal grundlegend ändert – vorausgesetzt, die Preisschraube wird nicht zu stark angezogen und die Stehplätze bleiben erhalten.

Liebe zu Vermarktungszwecken

Doch auch der treueste Fan fühlt sich betrogen, wenn er merkt, dass seine Liebe – die er ja tatsächlich aufrichtig für den Verein empfindet – nur solange erwidert wird, wie er bereit ist, finanziell in sie zu investieren. Wenn er das Gefühl bekommt, seine Liebe wird nur deshalb wertgeschätzt, weil man den Verein damit wirksam vermarkten kann. Und dieses Gefühl drängt sich nun mal unweigerlich auf, wenn Herr Cramer bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit von der „Echten Liebe“ schwafelt. Wenn er z.B. über die Pläne zum Bau eines neuen Servicecenters am Westfalenstadion sagt: „Ziel ist es, die Marke BVB in einer allumfassenden Erlebniswelt anfassbar und erlebbar zu machen.“ Aus seiner Sicht ist der BVB eine Marke. Aus marketingtechnischer Perspektive ist der BVB eine Marke.

Doch für diejenigen, durch die diese Marke finanziert werden soll, ist der BVB ihr Herzensverein und nicht irgendeine Marke! Auch wenn im modernen Profifußball unternehmensähnliche Strukturen vorherrschen und das Geschäft teilweise den freien Kräften des Marktes unterworfen ist, so wird dieses Geschäft niemals ein Business wie jedes andere sein und einen Fußballverein kann man niemals so vermarkten wie irgendeine andere Marke. Die Kaffeesorte oder die Turnschuhmarke kann man mal wechseln, wenn sie einem nicht mehr gefällt. Doch den Verein wechselt ein echter Fan sein Leben lang niemals. Was nicht heißt, dass er sich nicht schweren Herzens mal von ihm zurück ziehen kann, wenn er ihn fortwährend enttäuscht.

Sponsorenkarten

Diese Diskussion hat auf den ersten Blick nicht viel mit der Ticket-Auslosung für Wembley zu tun, doch sie gärt schon länger besonders in der aktiven Fangemeinde und schaut man mal genauer hin, findet man durchaus Bezugspunkte. Jedem muss natürlich klar sein, dass man bei diesem Spiel und der Vielzahl an BVB-Fans niemals ein Ticketsystem gefunden hätte, das allen gerecht wird, denn dazu gibt es zu wenig Karten.

Dass zehn Prozent der Karten an Sponsoren gehen, ist für den einfachen Fan schon ein Ärgernis, das man im modernen Fußball aber wohl schlucken muss, denn Tatsache ist, dass die Vereine aus Sponsorengeldern mittlerweile ungefähr genau so einnehmen wie aus den Ticketverkäufen. Wenn dann aber Karten aus dem Sponsorenkontingent bei ebay oder anderen Abzock-Plattformen wie Viagogo auftauchen, dann ist die Grenze dessen, wofür man noch Verständnis haben kann, erreicht. Mithin kann man sich natürlich auch fragen, ob es wirklich zehn Prozent sein müssen oder ob fünf nicht genügt hätten. Schließlich geht ohnehin gut ein Drittel aller 90.000 Karten an irgendwelche Sponsoren.

Die Fünf-Prozent-Hürde

Fünf Prozent gehen an das BVB-eigene Reisebüro Best Travel. 80 Prozent gingen an Mitglieder und Dauerkarteninhaber. An sich eine große Zahl, doch dann gibt es noch das berüchtigte freie Kontingent von fünf Prozent, auf das sich jeder bewerben konnte. „Jeder“, das waren auch nicht wenige Bayern-Fans, die nun aus dem BVB-Kontingent Karten erhalten haben. Zwar hat der Verein vorher angekündigt, Mittel und Wege zu haben, um Bestellungen von Bayern-Fans herauszufiltern, doch dieser Satz sollte wohl eher der Abschreckung dienen und entbehrte letztlich jeder Grundlage, wenn man hört, dass sogar Bayern-Fans direkt aus München Karten aus dem BVB-Kontingent erhalten haben. Egal wie viele es am Ende waren – jeder Bayern-Fan, der am Ende an Stelle eines treuen Borussia-Fans seinen Hintern im Wembley-Stadion parkt, ist einer zu viel!

Das Argument des BVB für diesen freien Verkauf war, dass er „zum Beispiel auch Fans eine Chance geben, die ohne Mitgliedschaft und Dauerkarte aber regelmäßig die Heimspiele des BVB besuchen.“ Ist ja nett gemeint, aber wie viele werden das sein? Bei über 50.000 Dauerkarten und der momentanen Run auf Karten ist es wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass da einer ohne Dauerkarte trotzdem alle 17 Heimspiele besucht hat. Irgendeiner wird sich immer ungerecht behandelt fühlen, aber bei so einem Spiel, sollten wirklich die zahlenden Mitglieder des Vereins und die Dauerkarteninhaber, deren Schnittmenge insgesamt den Anzahl von Karten ja auch schon im Verhältnis 1:6 oder 1:7 gegenüber stehen dürfte, den Vorzug erhalten.

Woran misst man die Liebe?

Denn es kommt einfach ein Gefühl von Ungerechtigkeit auf, wenn ein Fan, der Mitglied ist und seit zig Jahren eine Dauerkarte besitzt, leer ausgeht, vielleicht sogar bei den meisten CL-Auswärtsspielen war, beim Finale leer ausgeht und an seine Stelle dann jemand fahren darf, der in seinem Leben erst zwei BVB-Spiele besucht hat und eigentlich nur auf gut Glück mal eine Bewerbung losgeschickt hat.Wir reden hier von knapp über 1000 Karten. Doch angesichts der ohnehin geringen Zahl von Karten ist das viel!

An was misst man denn die „Echte Liebe“? Wenn es überhaupt einen Parameter gibt, an dem der BVB das ermessen könnte, dann wären es Vereinsmitgliedschaft und Dauerkarte! Und dass man sich hier trotzdem ziert, diese Parameter uneingeschränkt zu belohnen, zeigt doch, dass der Verein an der „Liebe“ der Fans unmittelbar gar nicht interessiert ist. Mit dem freien Kontingent hat der BVB frühzeitig sichergestellt, dass eine halbe Million Kartenwünsche eintreffen. Eine Zahl, mit der man dann erneut wunderbar die „Echte Liebe“ der Fans vermarkten kann. Zufall oder Taktik?

Wut gegen andere Fans

Doch die Wut der Leerausgegangenen richtet sich nicht nur gegen den Verein. Sie richtet sich auch gegen andere Fans. Oft waren in den letzten Tagen Kommentare wie „Toll, diese Leute, die noch nie auswärts waren und jetzt nach Wembley fahren“ zu lesen. Irgendwie herrschte bei vielen das latente Gefühl, dass viele der Glücklichen diese Karten rein vom Einsatz her eigentlich weniger verdient gehabt hätten als man selbst.

Wenn natürlich Wembley-Karten bei ebay auftauchen und für 4000 Euro dort angeboten werden, dann ist die Wut berechtigt. Diesen Kreaturen mögen die Finger abfaulen, mit denen sie dieses Angebot verfasst haben! Doch das ist ja nicht die Masse der Fans.

Sicher, es werden einige Leute dabei sein, die in dieser Saison vielleicht noch nicht so oft auswärts gefahren sind. Doch liegt das nicht zum Teil auch daran, dass sie eben bei diesen Gelegenheiten an der Hotline einfach mehr Pech hatten? Oder andersherum, dass die, die jetzt schimpfen in den letzten Monaten sagenhaftes Glück hatten, weil sie an die Karten heran gekommen sind? (Ich rede an dieser Stelle ausdrücklich nicht von Donezk-Fahrern.) Ich selbst habe in dieser Saison nicht ein einziges Mal Auswärtskarten über den BVB bekommen. Nicht, weil ich nicht wollte. Sondern, weil die dämliche Hotline sich geweigert hat, mir eine Leitung zu geben.

Echte Fans

Es gibt Fans und Sympathisanten. Aber es gibt nicht „echtere“ Fans als andere. Es gibt vielleicht welche, die engagierter sind. Das ist aber auch eine Geld- und Zeitfrage. Ein Student hat naturgemäß mehr Zeit, durch die süddeutsche Provinz zu tingeln oder unter der Woche in die Ukraine zu fliegen als jemand, der voll berufstätig ist und vielleicht noch eine Familie zu versorgen hat. Deswegen muss der andere aber kein schlechterer oder weniger leidenschaftlicher Fan sein. Noch nicht einmal denen, die ihr Herz für den BVB vielleicht in den letzten Jahren erst entdeckt haben, kann man per se vorwerfen, sie seien nur Erfolgsfans.

Nicht alle sind schließlich in BVB-verrückten Familien aufgewachsen und an Papas Hand im Alter von vier Jahren zum ersten Mal ins Westfalenstadion gepilgert. Das gilt gerade für die, die nicht im Umfeld des Ruhrpotts sozialisiert wurden. Auch 95/96 hat der BVB einen großen Zulauf an Fans gewonnen. Einige sind vielleicht abgesprungen, als die Zeiten schwierig wurden und der Fußball rumpelig. Aber sehr viele sind doch auch dabei geblieben. Die „neuen“ Fans, die erst in den letzten Jahren zur BVB-Gemeinde dazu gestoßen sind, müssen natürlich erst mal noch unter Beweis stellen, dass ihre Leidenschaft echt ist. Auch hier wird es so sein: einige werden abspringen. Viele werden aber auch dabei bleiben.

Mitglieder und DK-Inhaber bevorzugen

Dass „alte“ BVB-Fans trotzdem sauer sind, wenn die Frischlinge Wembley-Karten kriegen und sie nicht, ist natürlich trotzdem nachvollziehbar und irgendwie auch nicht fair. Aber da gibt es dann wirklich nur eine Lösung: künftig dürfen solche Karten eben wirklich nur noch an Fanclubs und an Mitglieder gehen, vielleicht noch an Dauerkarteninhaber. Aber sonst an niemanden. Jetzt könnte man argumentieren, dass auch der Erhalt einer Dauerkarte in den letzten Jahren ja reines Glück ist, doch gilt das in diesem hohen Maße ja eigentlich nur für die Südtribüne. Und die Mitgliedschaft steht jedem offen. Nun sind 62 Euro im Jahr nicht gerade günstig, aber sicher immer noch billiger als 4.000 Euro für eine Karte bei ebay zu bezahlen. Und letztens Endes reden wir hier von fünf Euro im Monat.

Was nun bleibt, neben der Freude über das Erreichen des Finals, ist die persönliche Enttäuschung, dass man leer ausgegangen ist. Und das Gefühl, dass der BVB erneut in Ticketfragen nicht das bestmögliche System gefunden hat. Es kann nicht wahr sein, dass ein Champions-League-Finalist nicht in der Lage ist, mal seinen Ticketverkauf auf ein wirklich professionelles Niveau zu heben. Natürlich würde das nicht das Grundproblem lösen – die zu wenigen Karten auf zu viele Wünsche – aber es würde zumindest einiges an Frustpotenzial beseitigen.

Den Bogen nicht überspannen

Es wäre schön, der Verein mal etwas von dieser „Echten Liebe“ an seine Fans zurückgeben würde – und zwar nicht in der Form eines Servicecenters, in dem die Fans dann noch mehr Geld ausgeben dürfen, sondern in der Form einer professionellen und wenigstens halbwegs fairen Ticketverteilung. Und noch etwas sei dem Verein an dieser Stelle ans Herz gelegt: Die Fans wissen, dass ihr sie vermarktet. Aber lasst es sie nicht zu sehr spüren. Überspannt den Bogen nicht, sonst besteht die Gefahr, dass das Band reißt. Ihr braucht die Fans. Und sei es nur als Werbeelement für die „Marke BVB“.

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3 Gedanken zu „Wembley-Karten: Echte Liebe, echte Fans und echte Enttäuschung

  1. Sehr guter und ausführlicher Kommentar. Hoffentlich liest sich den auch beim BVB mal jemand durch. Eine Idee bez. der Ticketverteilung hätte ich auch noch: Ich würde die Dauerkarteninhaber insofern miteinbeziehen, dass dejenigen, die schon länger als 10 Jahre am Stück eine Dauerkarte besitzen, bevorzugt in der Verteilung berücksichtigt werden. da trifft man auch die Fans, die in den schwersten Zeiten zum BVB gehalten haben. Aufgrund der Spielweise wurde in diesen Jahren bestimmt keine Dauerkarte verkauft.

    • Ja, das ist keine schlechte Idee! Das könnte man ja anhand der DK-Nummern auch technisch sicher irgendwie lösen. Man sieht aber: Auch wenn man nie die perfekte Lösung finden wird, aber Ideen gibt es genug, um das bestehende System zu verbessern. Es wäre wünschenswert, dass der BVB sich solche Ideen mal zu Herzen nimmt, bzw. einfach mal die Fans mit ins Boot holt bei der Konzeption eines neuen Systems.

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