Leere und Stolz: Die dunkle Seite der Macht hat gewonnen

Nach dem Abpfiff herrschte nur noch Leere in den schwarzgelben Köpfen. Enttäuschung und abgrundtiefe Leere. Wir waren so nah dran. Doch in der 89 Minute in Wembley hat der glatzköpfige Holländer alle schwarzgelben Träume zerstört. Und wir sind nun um eine Erfahrung reicher, auf die wir liebend gern verzichtet hätten: wir wissen nun, wie es sich anfühlt, ein Champions-League-Finale zu verlieren.

Dabei kann man der Mannschaft absolut nichts vorwerfen, denn sie lieferte ein grandioses Spiel in Wembley ab und schnürte die Bayern zeitweise so sehr am eigenen Sechzehner ein, dass diese gehörig wankten. Die Borussen pressten früh und aggressiv und ließ die Bayern nicht ins Spiel kommen.

Chancenverwertung

Dass sie am Ende nur wankten aber nicht fielen, liegt zum Teil daran, dass der BVB mal wieder einfach zu verschwenderisch mit seinen Torchancen umging. Weder Robert Lewandowski noch Jakub Blaszczykowski noch der für den verletzten Götze aufgestellte Kevin Großkreutz brachten ihre hochkarätigen Chancen im Tor unter. So verliefen die starken ersten zwanzig Minuten ohne BVB-Tor und die Bayern fanden allmählich zu ihrem Spiel zurück und befreiten sich aus der schwarzgelben Umklammerung. Die Roten kamen selbst zu zwei guten Chancen vor der Pause, die Roman Weidenfeller aber glänzend parierte.

Vor dem Spiel am Alten Markt: da war die Stimmung noch gut.

Vor dem Spiel am Alten Markt: da war die Stimmung noch gut.

Es war ein Spiel auf ganz hohem Niveau und am Ende wurde der erste Fehler der Borussen bestraft: in der 60. Minute schoss Mandzukic das 1:0. Lange konnte sich der Favorit über diese Führung nicht freuen, denn nur acht Minuten später legte Dante Marco Reus im Strafraum. Der Schiri gab es Elfmeter, versäumte es aber, den schon vorbestraften Dante auch vom Platz zu stellen. (Er hatte in der ersten Halbzeit auch schon eine Tätlichkeit von Ribery an Lewandowski übersehen, die zwingend eine rote Karte nach sich hätte ziehen müssen) Ilkay Gündogan übernahm die Verantwortung und zimmerte den Elfmeter ins Netz – 1:1. Alles wieder offen.

Kräfte schwanden

Von da an war klar, dass der nächste Fehler das Spiel entscheiden würde. Die Bayern verzeichneten nun ein Chancenplus, der BVB verteidigte nur noch. Die Kräfte schwanden. Für die Bayern machte sich nun ihre breiter aufgestellte Ersatzbank bezahlt, durch die sie im Laufe der langen Saison weniger Körner gelassen hatten, als die Borussen. Zudem waren einige Dortmunder angeschlagen: Lukasz Piszczek quält sich ja bereits seit Wochen mit Hüftproblemen herum und Kevin Großkreutz spielte seit der 70. Minute mit Verdacht auf Mittelfußbruch und feilte weiter an seinem Legendenstatus. (Am nächsten Tag stellte sich die Verletzung zum Glück nur als schwere Prellung heraus.)

Weidenfeller war auf dem Posten und rettete mehrfach für seine geschlagenen Vorderleute. In der 89. Minute war er dann aber machtlos, als Robben den Ball über die Linie stolperte. Ein extrem bitteres Ende für den BVB. Wäre das Gegentor zehn Minuten früher gefallen, hätte die Dortmunder vielleicht noch mal letzte Kräfte mobilisieren können, doch so war es einfach zu spät.

Ebenbürtige Gegner

Dennoch standen sich in Wembley zwei ebenbürtige Gegner gegenüber und dieses Finale hätte am Ende eben so gut durch eine Einzelaktion für die richtigen Farben entschieden werden können. Doch so obsiegte am Ende die dunkle Seite der Macht. Sicher nicht unverdient. Aber auch nicht so deutlich und klar, dass die Bayern sich nun als für alle Zeiten überlegen fühlen müssten. Knapp war es ja beispielsweise auch beim Pokalfinale 2008, das bekanntlich ebenfalls mit 2:1 an die Nordösterreicher ging. Doch der Unterschied zwischen den beiden Mannschaften war damals doch deutlich zu sehen. Am Samstag war das nicht der Fall.

Nach dem Abpfiff flossen Tränen. Bei den Fans auf den Rängen, bei den Fans in der Dortmunder Innenstadt, in der Westfalenhalle und sicher auch in so manchem heimischen Wohnzimmer. Die Tränen flossen aber auch bei den Spielern, die völlig fertig auf dem heiligen Rasen von Wembley lagen und denen es – laut den Aussagen von Sebastian Kehl und Neven Subotic – auf dem anschließenden Bankett im Natural History Museum nur mit Hilfe von reichlich Alkohol

gelang, die allererste Enttäuschung ein wenig zu überwinden.

Spieler sehr enttäuscht

Als sie am nächsten Tag von 15.000 Fans im Westfalenstadion begeistert empfangen und für die tolle Saison bejubelt wurden, schlichen die Spieler bedröppelt und nach wie vor sichtlich geknickt und erschöpft über den Rasen. Diese Wunde wird auch bei ihnen tief sitzen, doch wenn man den Charakter der Mannschaft kennt, dann darf man einigermaßen gewiss sein, dass diese Niederlage sie dazu anspornen wird, noch härter zu arbeiten und zu trainieren. Vielleicht weckt diese Niederlage nach drei Jahren Höhenflug ja eine Gier in den Spielern, die sie zu noch größeren Leistungen anspornen wird. Subotic etwa erklärte, dass er sich unmittelbar nach dem Spiel vorgenommen habe, in diesem Sommer so hart an sich arbeiten zu wollen, wie noch nie in seinem Leben.

Am Sonntag wurden die Spieler im Westfalenstadion wie Helden empfangen. Sie schlichen aber reichlich geknickt über den Rasen.

Am Sonntag wurden die Spieler im Westfalenstadion wie Helden empfangen. Sie schlichen aber reichlich geknickt über den Rasen.

Der Weg ist noch nicht zu Ende. Einige Spieler werden ihn nicht mehr weiter gehen, weil sie es vorziehen, sich anderen Vereinen anzuschließen oder weil der Verein nicht mehr mit ihnen plant. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke versprach aber den Fans, dass auch in der nächsten Saison eine schlagkräftige Mannschaft auf dem Platz stehen wird. In den nächsten Tagen und Wochen dürfte die eine oder andere Neuverpflichtung bekannt gegeben werden.

Stolz um die Leere zu füllen

Und was bleibt nun, um die Leere zu füllen? Darauf gibt es nur eine Antwort: Stolz. Denn wir haben wahrlich allen Grund, stolz auf diese immer noch junge Mannschaft zu sein, die es zwei Jahre lang geschafft hat, das geldscheißende Monstrum aus München hinter sich zu lassen und in diesem Jahr eine absolut grandiose CL-Saison gespielt hat.

Dieser Mannschaft wurden keinerlei Chancen eingeräumt und doch schloss sie die „Todesgruppe“ als Erster ab und darf sich somit immerhin inoffiziell „Sieger des Europapokals der Landesmeister“ nennen. Danach fegte sie den ukrainischen Meister aus dem Wettbewerb, kam dann mit etwas Glück aber auch einer bärenstarken Moral gegen Malaga weiter und lieferte anschließend noch einmal eine Gala gegen den spanischen Meister ab. Der Weg ins Finale war ein Triumphzug. Helden sind sie trotz der Niederlage im Finale.

Dass es am Ende nicht ganz gereicht hat, ist traurig und die meisten Borussen werden daran wohl noch ein paar Tage zu knabbern haben. Am Ende haben eben wirklich die berühmten Nuancen entschieden. Diese Saison geht an die Bayern. Sportlich betrachtet. Doch wenn man einen Blick darauf wirft, wie unterkühlt die Bayern-Kunden in Wembley den so heiß ersehnten CL-Titel „feierten“, wenn man liest, dass nach einem CL-Sieg gerade einmal lächerliche 150.000 Menschen auf dem Marienplatz sind – dann weiß man doch schnell wieder, dass Titel nicht alles sind.

Niemals würden wir tauschen

Selbst in der Bitterkeit der Niederlage würde wohl kein Borusse mit einem Bayern-Fan tauschen wollen.Was nützt es, Titel zu gewinnen, wenn man sich über sie nicht freuen kann? Der Fußball umfasst so viel mehr als nur die Jagd nach Titeln.

Nächste Saison geht es weiter. Die Mannschaft ist immer noch jung, immer noch längst nicht am Ende ihrer Entwicklung. Sie wird zurück kommen. Und das wahrscheinlich stärker als jemals zuvor.

Jetzt ist erst mal Sommerpause. Zeit, sich zu besinnen, zur Ruhe zu kommen, das Erlebte zu reflektieren und zu verarbeiten– und spätestens in zwei, drei Wochen wird sich bestimmt auch der enttäuschteste Fan wieder auf die neue Saison freuen.

Borussia Dortmund: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Bender (90.+2 Sahin), Gündogan – Blaszczykowski (90.+2 Schieber), Reus, Großkreutz – Lewandowski
Bayern München: Neuer – Lahm, Boateng, Dante, Alaba – Javi Martínez, Schweinsteiger – Robben, Müller, Ribéry (90.+1 Luiz Gustavo) – Mandzukic (90.+4 Gomez)
Tore: 0:1 Mandzukic (60.), 1:1 Gündogan (68./Foulelfmeter), 1:2 Robben (89.)
Schiedsrichter: Rizzoli (Italien)
Zuschauer: 86.298 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Großkreutz / Dante, Ribéry

Advertisements

Ein Gedanke zu „Leere und Stolz: Die dunkle Seite der Macht hat gewonnen

  1. Pingback: Knappe Niederlage im Champions League Finale 2013: Borussia Dortmund – FC Bayern München 1:2 (0:0) > Borussia Dortmund > BVB, Champions League, Finale, Ilkay Gündogan, Saison 20122013, Wembley

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s