Das Böse siegt erneut: der schleichende Tod der Traditionsvereine

Das war wirklich ein Saisonfinale zum Vergessen – und diesmal soll ausnahmsweise gar nicht die Rede von der Übermacht der Bayern in dieser Saison sein. Vielmehr von den neuen „Projekten“ im Fußball auf der einen Seite und dem zunehmenden Niedergang vieler Traditionsvereine auf der anderen.

Es ist ja gar nicht so, dass man als Fußballfan prinzipiell etwas dagegen hat, wenn sich Vereine aus den unteren Ligen das ambitionierte Ziel stecken, irgendwann vielleicht mal in der Bundesliga kicken zu wollen. Wenn dieses Ziel am Ende mit einer klaren Vereinsphilosophie, harter Arbeit und daraus entstehenden, natürlich wachsenden Strukturen passiert, wird sicher kein Fan eines Traditionsvereins sagen: „Den Drecksclub wollen wir nicht.“ Nein, diese Arbeit würde jeder anerkennen und für vorbildlich halten.

„Talentschmiede“

Wenn ein Verein hingegen innerhalb von 18 Jahren von der Kreisliga A in die Bundesliga aufsteigt, weil ein Mäzen Jahr für Jahr das Portemonnaie weiter öffnet, um immer teurere Spieler zu verpflichten und dann noch medial das Märchen von der „Schmiede für Talente aus der Region“ erzählt wird, während gleichzeitig Chinedu Obasi und Demba Ba die Tore für Hoffenheim schießen, dann will man uns für dumm verkaufen.

Möglich, dass Hoffenheim wirklich einmal diese Linie der Jugendförderung verfolgt hat, mit der es sich nach ihrem Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse angepriesen hat. Tatsache ist aber, dass der Verein dieser Linie schon lange nicht mehr praktiziert. Und so ist Hoffenheim alles andere als ein Vorzeigeprojekt, das beispielgebend für die Bundesliga sein könnte. Sondern es ist ein langweiliger Dorfclub ohne Tradition, ohne Fans, ohne Charakter, der künstlich mit aller Gewalt in die erste Liga geschoben wurde. Es hatte speziell in dieser Saison den Anschein, dass sie selbst nicht so richtig wissen, was sie eigentlich mit ihrer Bundesliga-Zugehörigkeit anfangen sollen. Die wenigen Hoffenheim-Fans unterliegen einem ständigen Rechtfertigungszwang statt über den Vorwürfen ihrer Gegner zu stehen. Offenbar ahnen sie im Stillen selbst, dass es so wie bei ihnen eigentlich nicht ablaufen sollte.

Professionalität kann man nicht kaufen

Hoffenheim ist aber auch ein Beweis dafür, dass auch mit allem Geld der Welt keine professionellen Strukturen erkauft werden können, denn diese müssen wachsen. Ein Verein muss in diese Strukturen hinein wachsen. Die rasende Fluktuation auf der Führungsebene und das unwürdige Theater um den mit fadenscheinigen Ausflüchten ausgebooteten Torhüters Tim Wiese war eines Profivereins nicht würdig. Nun gibt es in den höheren Spielklassen natürlich auch einige Traditionsvereine, die diese Professionalisierung bis heute vermissen lassen. Doch diese Vereine haben andere Dinge, mit denen sie den deutschen Fußball bereichern. Hoffenheim hingegen bereichert den deutschen Fußball dagegen auch schon lange noch nicht einmal mehr mit schönem Fußball, wie es in ihrer ersten Bundesliga-Saison immerhin noch der Fall war.

Welche Daseinsberechtigung hat dieser Verein also? Warum darf dieser Verein in der Bundesliga spielen, während etwa der FC St. Pauli, der 1. FC Kaiserslautern oder auch der 1. FC Köln ihr Potential und ihre Attraktivität in den Niederungen der zweiten Liga verschwenden müssen? Wäre die Bundesliga mit diesen Vereinen nicht viel attraktiver (und somit auch besser zu vermarkten) als mit Hoffenheim oder Wolfsburg? Ich wiederhole die Frage: welche Daseinsberechtigung hat ein Verein wie die TSG Hoffenheim?

Jeder fängt klein an

Was ist sie anderes als das Spielzeug eines gelangweilten Milliardärs, der zwischen seinen Florida-Urlauben nichts mit sich anzufangen weiß und sich dann erinnert hat, dass er irgendwann in seiner Jugend mal für diesen Verein gekickt hat. Bei allem Respekt vor der Treue zu seinem Heimatverein, aber es kommt doch auch niemand auf die Idee, dass DJK TuS Körne oder TuS Eving-Lindenhorst unbedingt in der Bundesliga spielen müssen.

Natürlich kann man argumentieren, dass alle Vereine irgendwann mal klein anfingen. Auch der BVB war in den ersten 40 Jahren seiner Existenz ein mehr oder weniger kleiner Stadtteilverein, dem außer den Leuten am Borsigplatz keiner die Daumen drückte. Noch kurz nach Kriegsende war das so und gut zehn Jahre später war Dortmund Deutscher Meister. Allerdings waren die Strukturen damals noch erheblich durchlässiger, was vor allem daran lag, dass es noch nicht um so furchtbar viel Geld ging wie heute. Es gab ja offiziell gar keinen Profifußball in Deutschland.

Trotzdem sind die Strukturen in einem für die damaligen Verhältnisse gesunden Maß gewachsen. Und zu diesen Strukturen zählt eben auch eine stabile Fanbasis, eine Verankerung in der Region und vor allem im Bewusstsein der Menschen in der Region.

Der Fall Salzburg

Es ist ja schön und gut, dass man z.B. in Leipzig gerne wieder erstklassigen Fußball sehen möchte, nur allzu verständlich. Aber muss man sich deshalb mit Dietrich Mateschitz einlassen? Mit dem Mann, der mit dem Geld, dass er durch seine ekelhaft süße Brause verdient hat, den Traditionsverein Austria Salzburg erst übernommen und dann solange an ihm herum operiert hat, bis nichts mehr von dem übrig war, was diesen Verein einmal ausgemacht hat? Der Fall Salzburg liest sich wirklich wie ein Horrorfilm und sollte jedem ein warnendes Beispiel sein.

„RasenBall“ Leipzig ist gerade in die 3. Liga aufgestiegen. Man kann sich vielleicht streiten, ob man wirklich ihren Relegationsgegner Sportfreunde Lotte im bezahlten Fußball gebraucht hätte, doch Leipzig braucht man dort ganz sicher nicht. Hier geht es nicht um Neid oder um Kommerz. Sondern es geht darum, dass dieses „Modell“ immer mehr Nachahmer findet. Wenn andere Milliardäre sehen, dass es funktioniert, werden sicher irgendwann auch andere auf die Idee kommen, dass sich ihr Heimatverein SpVgg Kleinkleckersdorf doch eigentlich auch ganz gut in der Bundesliga machen würde. Verdrängen werden sie die Traditionsvereine, die meist eine Fanbasis, viel Herzblut und viel Folklore zu bieten haben, aber finanziell notorisch klamm sind.

Schlechtes Wirtschaften

Natürlich sind viele Traditionsvereine selbst Schuld. Es ist zum Heulen, wenn man sich anschaut, wie dilettantisch und unsauber in der Vergangenheit etwa bei Rot-Weiß Essen gewirtschaftet wurde. Oder jetzt ganz aktuell bei Alemannia Aachen, die sich soeben aus dem bezahlten Fußball verabschiedet haben. Oder auch beim MSV Duisburg, dem erst vor wenigen Tagen durch die DFL die Lizenz für die zweite Liga verweigert wurde und dem jetzt sogar der Zwangsabstieg in die fünfte (!!!) Liga droht. Gleichzeitig darf sich ein Kunstprojekt wie Leipzig in der 3. Liga breit machen und durch die Hintertür die 50+1-Regel umgehen.

Die 50+1-Regel hat den deutschen Fußball lange für Investoren, Besitzern und sonstigen englischen Verhältnissen bewahrt. Sie hat dafür gesorgt, dass wenigstens ein Minimum an Chancengleichheit sichergestellt war. Einschränkend könnte man natürlich fragen, inwieweit man noch von Chancengleichheit sprechen kann, wenn man sieht, welch verrückt hohen Sponsorengelder der FC Bayern von Audi, Adidas oder der Telekom kassiert. Doch dieser Protest geht von unten nach oben. Fans von Borussia Mönchengladbach oder Hannover 96 würden mir wahrscheinlich vorhalten, dass auch der BVB Sponsorengelder kassiert, von denen viele Bundesligisten nur träumen können.

Sponsoren

Letztlich sind Vereine wie der FC Bayern, der BVB oder auch Schalke 04 nicht deshalb groß geworden, weil sie plötzlich viele Sponsorengelder erhalten haben. Sondern die heutigen Sponsoreneinnahmen sind eine Folge des gestiegenen Markenwerts der Vereine durch die Erfolge und durch gute Vermarktung, wenn man so will. Und das wiederum war ein Prozess, der klein begann und mit der zunehmenden Professionalisierung der Bundesliga immer weiter ging. Natürlich hat der FC Bayern mit dem Standort München einen Vorteil gegenüber dem BVB und Schalke, die im strukturschwachen und vergleichsweise armen Ruhrgebiet angesiedelt sind. Andererseits hätte diesen Standortvorteil sicher auch der Hamburger SV und Hertha BSC Berlin – ohne diesen aber wirklich positiv nutzen zu können und in dauerhafte sportliche Erfolge ummünzen zu können. Vergleicht man diese beiden Vereine mit der Entwicklung von Schalke und Dortmund, so zeigt sich, dass der Standort nur bis zu einem gewissen Grad eine Rolle spielen muss.

Standortvorteile haben Hoffenheim und Leizig sicher auch nicht. Sie haben nur das Geld ihrer Mäzene. Viele hatten gehofft, dass die Kraichgauer wieder in der zweiten Liga verschwindet und fast die ganze Saison sah es auch danach aus. Bundesliga-tauglich präsentierten sie sich allenfalls an den letzten zwei, drei Spieltagen. Ausgerechnet der BVB schaffte es nicht, dem Verein den Todesstoß zu versetzen. Am Ende zog Hoffenheim in der Relegation gegen den 1. FC Kaiserslautern den Kopf aus der Schlinge. Das Projekt bleibt in der höchsten deutschen Spielklasse, während der eine Traditionsverein weiter in der zweiten Liga kicken muss und der zweite, Fortuna Düsseldorf, der in der ganzen Saison nicht einmal auf einem direkten Abstiegsplatz stand, ihm Gesellschaft leisten muss.

Es muss etwas passieren!

Ein Spiegelbild für die Entwicklung, die der deutsche Fußball in den letzten Jahren nimmt. Traditionsvereine wie Duisburg oder Aachen sterben einen schleichenden Tod. Gefühlt fast täglich hören wir neue Hiobsbotschaften von Traditionsvereinen, die finanziell und sportlich kollabieren. Und auf der anderen Seite steigen Vereine wie Leipzig in den bezahlten Fußball auf.

Es muss dringend etwas passieren, sonst wird der deutsche Fußball mit seiner attraktiven Landschaft von Traditionsvereinen bald mausetot sein und an seine Stelle wird eine Armada von seelenlosen Vereinen treten, die den Besitzer genau so schnell wechseln können wie die Vereinsfarben. Vielleicht wird die Bundesliga dann irgendwann nach amerikanischem Modell reformiert, so dass ganze Vereine zwischendurch auch mal in andere Städte verlegt werden. Identifikation? Gibt es dann sicher nicht mehr in diesem Maße wie jetzt. Was das mit der einzigartigen Stimmung in den deutschen Stadien anstellen würde, braucht wohl nicht gesagt zu werden.

Wehret den Anfängen

Alles Schwarzmalerei? Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird? Doch wann ist der Punkt erreicht, an dem man etwas unternehmen muss? Es kommt darauf an, den Anfängen zu wehren. Sonst hat man irgendwann den Zeitpunkt verpasst, an dem man noch handlungsfähig ist.

Zwei Dinge müssen dringend in naher Zukunft passieren: die Traditionsvereine müssen sich wirtschaftlich konsolidieren. Sie müssen aufhören, nur irgendwie vor sich hin zu wurschteln, sondern ihren Spielbetrieb auf solide Füße stellen, damit solche Schreckensmeldungen wie Aachen und Duisburg in Zukunft ausbleiben.

Mäzenatentum abschaffen

Und als Zweites muss seitens des DFB und der DFL die schleichende Unterwanderung der 50+1-Regel gestoppt werden. Mäzenatentum muss verboten, oder doch zumindest auf eine bestimmte Summe begrenzt werden. Es muss wenigstens so geregelt sein, dass Milliardäre nicht unbegrenzt Geld in einen Verein pumpen dürfen. Es ist die eine Sache, wenn jemand einem klammen Vereine ein oder zwei Millionen gibt, weil sonst die Lizenz und damit auch das weitere Überleben des Vereins gefährdet ist. Aber es ist eine völlig andere Sache, wenn ein Verein mit zig Millionen Euro zuerst in die Bundesliga geschubst wird und dann auch noch weiter am Leben gehalten wird.

Leider scheint es im Moment utopisch zu sein, dass der DFB sich zu solch einem Schritt durchringen kann. Umso wichtiger ist es, dass die Fans weiter ihre Stimme erheben, weiter in der Wunde bohren und dafür sorgen, dass dieses Thema nicht in Vergessenheit gerät.

Wer sich über das Schicksal von Austria Salzburg und die Mildtätigkeit des Herrn Mateschitz informieren möchte, dem sei dies hier ans Herz gelegt.

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3 Gedanken zu „Das Böse siegt erneut: der schleichende Tod der Traditionsvereine

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