Buchtipp: „Unser ganzes Leben“ – Die Fans des BVB

Bücher über die Geschichte von Borussia Dortmund gibt es viele. Sie konzentrieren sich meist auf die historischen Fakten, die sportlichen Erfolge und Niedergänge und am Rande ein bisschen um die Folklore rund um den Verein.„Unser ganzes Leben“ geht einen anderen Weg. Dieses Buch stellt die Menschen in den Vordergrund, die sonst eher in der Kategorie „schmückendes Beiwerk“ abgehandelt werden und ohne die der Verein aber ganz sicher niemals das geworden wäre, was er heute ist.

Ulrich Hesse und Gregor Schnittker haben etwas ganz Neues gewagt und ein Buch ausschließlich über die Fans des BVB geschrieben. Warum wurde so ein Projekt eigentlich nicht schon vor vielen Jahren realisiert? Gerade in den vergangenen Monaten wurde der BVB im Ausland, vor allem in England, zu einer Art „Sehnsuchtsort“ verklärt. Da war es fast logisch, dem Phänomen „BVB-Fans“ ein eigenes Buch zu widmen.

Mammutaufgabe

Dabei entpuppte sich dieser an sich logische Plan als ziemliche Herausforderung: Die Autoren schildern eingangs die komplizierten und aufwändigen Recherchen und verstehen ihr Buch „eher als einen Anfang als ein Ende“. Es hat sich aber definitiv gelohnt, dass die Beiden sich dieser Mammutaufgabe gestellt haben, denn herausgekommen ist ein liebevoll gestaltetes und reich bebildertes Sammelsurium von Anekdoten, Geschichten und Fakten über die Fans des BVB und die Fankultur in Dortmund.

Geschichten von Fans

Hier kommen Menschen zu Wort, die nach dem Zweiten Weltkrieg vom Borsigplatz bis zum Stadion Rote Erde zu Fuß durch die zerstörte Stadt pilgerten, um die ersten Heimspiele des BVB nach Kriegsende zu erleben, die 1947 auf LKWs nach Herne fuhren, um dort das Finale der Westfalenmeisterschaft gegen Schalke 04 zu sehen. Es reden Zeitzeugen der glorreichen 1950er und 60er, in denen Borussia Dortmund so große Erfolge errang, aber auch verrückte Allesfahrer, die in den 70ern und 80ern den Verein begleiteten und guten Fußball und Erfolge eher ausnahmsweise mal zu sehen bekamen.

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Jüngere Fans erzählen schließlich davon, wie im damaligen Westfalenstadion die „südländische Fankultur“ Einzug hielt, die Südtribüne brannte und der BVB 1997 schließlich den Thron des europäischen Fußballs bestieg. Aber natürlich erzählen sie auch vom wirtschaftlichen und sportlichen Niedergang im neuen Jahrtausend, der sportlichen Wiederauferstehung unter Jürgen Klopp und den letzten drei Jahren, in denen die Fußballstadt Dortmund von einem Rausch in den nächsten fiel.

Wandel der Fankultur

Doch dieses Buch ist keine reine Geschichtensammlung. Beschrieben wird auch der Wandel der Fankultur in Dortmund von seinen Anfängen, in denen die Herren noch im Sonntagsstaat mit Hut und Krawatte ins Stadion pilgerten bis hin in die heutige Zeit, in der die Ultras auf den Tribünen für lautstarke und farbenfrohe Unterstützung sorgen, aber auch Protest organisieren, wenn sie Missstände erkennen.

Bei der Lektüre zeigt sich schnell, dass die Fans von „damals“ in manchen Punkten gar nicht so anders waren als die „modernen“ Fans. Dieses Buch sorgt dafür, dass die Schwarzweißbilder des scheinbar so wenig fanatischen Publikum von damals mit Leben und Farbe gefüllt werden. Auch die Meisterschaften in den fünfziger und sechziger Jahren wurden für die damalige Zeit durchaus exzessiv gefeiert, wie auch das Bildmaterial beweist: da wurde kurzerhand ein großer BVB-Schriftzug mitten auf die Straße gepinselt. Und so manch ein Spruch, der auf den Plakaten im Publikum zu lesen war, war für die Zeitgenossen durchaus martialisch: „Der alte Geißbock bekommt den Gnadenstoß“, ist etwa auf einem Plakat im Meisterschaftsspiel gegen den 1. FC Köln aus dem Jahr 1963 zu sehen.

Suche nach „Erbse“

Das Buch ist aber auch keineswegs eine reine „Jubel-Sammlung“, denn es beschreibt die in den frühen 80ern aufkommende Hooligan-Problematik ebenso wie den zunehmenden Terror der rechtsradikalen „Borussenfront“, der schließlich das Dortmunder Fan-Original Peter „Erbse“ Erdmann aus Dortmund flüchten ließ. Die Suche der Autoren nach „Erbse“ bildet eine Klammer um das ganze Buch und wird zwischen den einzelnen Kapiteln unter dem Stichwort „Das Phantom“ geschildert.

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Auch das als Reaktion auf die Probleme entstandene Fanprojekt bekommt seinen Platz im Buch, genau wie die in den 90ern so beliebten und mehr oder weniger gut gepflegten Fanfreundschaften, etwa zum Hamburger SV. Auch die zunehmende Organisation der Fans u.a. auch in der Fanabteilung als Reaktion auf den wirtschaftlichen Beinahe-Crash 2005 wird thematisiert, immer unterfüttert von den Geschichten der Fans, die es miterlebt haben.

Prädikat: lesenswert

Bisweilen ist es etwas schwierig, den Überblick über all die Personen, die in diesem sehr lesenswerten Buch ihre Geschichte erzählen, zu behalten, doch das Anliegen der Autoren war es gerade, möglichst viele Fans zu Wort kommen zu lassen. Es hat den Vorteil, dass dadurch ein ziemlich vollständiges Bild entsteht.

Fazit: „Unser ganzes Leben – Die Fans des BVB“ beschreibt die Dortmunder Fankultur in all ihren Facetten und erzählt von der Liebe und der Leidenschaft der Menschen zu ihrer Borussia, die nicht zu allen Zeiten gesellschaftsfähig war, sich aber durch die Geschichte des Vereins zieht wie ein roter Faden, von 1909 bis zur Gegenwart. Die sportlichen Hintergründe sind der Rahmen für ihre Geschichte. Am Ende ist noch mehr als vorher klar, wie sehr die Fans des BVB ihren Verein geprägt haben und welche Bedeutung sie für die Geschichte des Vereins insgesamt haben. Ohne sie wäre sein Gesicht ein völlig anderes.

„Unser ganzes Leben“ gehört in jeden schwarzgelben Bücherschrank und eignet sich perfekt, um in der Sommerpause die lange Zeit zu überbrücken, bis auch in Dortmund endlich wieder der Ball rollt und ein neues Kapitel Fangeschichte geschrieben werden kann.

Diese Rezension erschien ursprünglich auf www.westline.de.

Weitere Rezensionen zum Buch:

Unser ganzes Leben – Ein Buch über Fans – mit Fans, von Fans? (schwatzgelb.de)

Rezension: Unser ganzes Leben – Die Fans des BVB von Uli Hesse und Gregor Schnittker (Ostwestf4ale)

 

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2 Gedanken zu „Buchtipp: „Unser ganzes Leben“ – Die Fans des BVB

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