Im Schatten des Giganten

Dieser Tage ist, wenn man die Nachrichten verfolgt, schwer zu glauben, dass es in Deutschland noch einen anderen Fußballverein außer dem FC Bayern gibt. Art und Umfang der Berichterstattung explodieren. Nicht mal eine Meisterschaft des FC Schalke oder eine UFO-Landung auf dem Borsigplatz könnte medial noch überdimensionaler aufgebauscht werden. Liegt es daran, dass die Presse nichts anderes zu berichten weiß? Tut sie das, weil sie weiß, dass Themen wie „Euro-Rettung“ und „Syrien“ mittlerweile so wenig Reiz bei den Zuschauern erzeugen wie eine Dokumentation über das Paarungsverhalten von Amöben? Ist die Berichterstattung gar vom FC Bayern selbst gesteuert, der damit von seinem kriminellen Präsidenten ablenken will? Nein, alles Unsinn. Ein unglaublicher Verdacht drängt sich auf: In Wirklichkeit steckt niemand anderes als das BVB-Triumvirat dahinter. Schließlich kann dem BVB gar nichts Besseres passieren.

Fassen wir mal zusammen: Zuerst wurde das Triple der Bayern wochenlang abgefeiert, als habe das noch nie eine Mannschaft auf diesem Planeten geschafft. Selbst der sonst so seriöse Nachrichten- und Dokumentationskanal „Phoenix“entblödete sich nicht, eine einstündige Sondersendung über die verregnete und gemessen an dem zu feiernden Ereignis doch einigermaßen blutleere und kühle Feier der Münchner am Marienplatz zu senden. „Mia san mia“ wohin mal auch umschaltete.

Langweilige Sportlektüre

Die Lektüre von Sportzeitschriften lohnt sich derzeit nicht, wenn man kein Bayern-Fan ist. Dazu muss man die Bayern noch nicht einmal hassen oder ablehnen, sie können einem auch völlig wurscht sein, es lohnt sich trotzdem nicht. Ich kaufe ja auch keine Zeitschrift, in der ich mich erst durch zwanzig Seiten Arminia-Bielefeld-Berichterstattung quälen muss, ehe ich endlich zu einer zehnzeiligen Meldung nebst Archivbild von Kevin de Bruyne im Werder-Trikot gelange, in der dann steht, dass der BVB nach wie vor keinen weiteren Neuzugang verpflichtet hat.

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte das mediale Theater dann Anfang der Woche, als der Messias an der Säbener Straße Einzug hielt. Vorab, es ist durchaus löblich, wie gut Pep Guardiola in der kurzen Zeit seit seiner Verpflichtung deutsch gelernt hat. Darüber hinaus konnte man aber eigentlich nur enttäuscht werden: weder verwandelte er das Mineralwasser vor ihm auf den Tisch spontan in einen fruchtigen, dunkelroten Tempranillo noch wandelte er zum Einstand ein paar Meter auf der Isar. Was die gesamte deutsche Presse selbstverständlich nicht davon abhielt, die kurze Pressekonferenz nach allen Regeln der journalistischen Kunst aufzubauschen und aufzublähen. Aus ihrer Sicht verständlich: aus irgendeinem Grund klicken die Leute so einen Mist ja an. Und sei es nur, um sich darüber zu amüsieren, wie lächerlich das Theater ist. Genau wie es auch genügend BVB-Fans gab, die masochistisch genug waren, sich die Triple-Feier in voller Länge reinzuziehen und dann im BVB-Forum darüber zu jammern, dass ein Verein, der seine Erfolge so wenig genießen könne, sie gar nicht verdient habe.

Wunder im TV?

Die Presse hofft auf weitere Wunder. Deshalb überträgt Sport1 live das Bayern-Training am Mittwoch. Übermorgen gibt es dann auf Eurosport eine Zusammenfassung mit den Highlights vom gemeinsamen Frühstück der Bayern-Spieler und am Freitagabend zur Primetime sendet RTL2 den kompletten Mitschnitt vom Mähen der Trainingsanlage des FC Bayern durch den Greenkeeper – inklusive ausführlichem Interview mit dem langjährigen Bayern-Fan und professionellen Trainingsbeobachter Alois Wachtelmayr (73, Rentner). Der Zuschauer muss schließlich umfassend informiert werden, über alles was beim Rekordmeister und Rekordpokalsieger sowie Champions-League-Gewinner und Steuerhinterziehungsmeister so passiert.

Und parallel murrt in Dortmund Robert Lewandowski – statt sich auf die Hochzeit mit seiner hübschen Karatekämpferin zu freuen – herum, dass er jetzt gleich in dieses gelobte Land in Nordösterreich wolle. Jetzt sofort. Und auch nur dorthin. Madrid doof, London doof, Manchester doof. Dortmund sowieso doof. Aber bei Fußballspielern ist es mitunter wie bei Kleinkindern: man darf ihnen halt nicht alles erlauben. Und dann muss man dabei bleiben, auch wenn sie plärren, sonst untergräbt man seine Autorität als Erziehungsberechtigter. So hat Papa Watzke irgendwann beim Mittagessen auf den Tisch gehauen und gesagt: „Ich hab die Faxen dicke! Ich hab Nein gesagt und wenn du jetzt noch ein Wiederwort gibst, dann kreist hier der Hammer!“ Gute Ruhrpott-Erziehung eben.

Unruhe beim BVB

Und wo bleiben sie denn, die neuen Spieler? Wir hören immer nur von Absagen. Der geht dorthin, der woanders hin und niemand geht nach Dortmund. Allmählich bricht Panik aus im schwarzgelben Fanlager. Schließlich hatte Präsident Rauball doch höchstpersönlich angekündigt, man werde sich noch wundern und auch Watzke selbst sagte doch, man werde massiv investieren. Selbst das vorzeitige Durchsickern des neuen BVB-Trikots kann die transferhungrige Meute nicht besänftigen.

Doch es besteht kein Grund zu Panik. Es ist zu auffällig, hinter diesen ganzen Geschichte steckt ein Plan – ausgebrütet durch das BVB-Triumvirat am Ende der Saison 2011/ 2012. Man wusste ja von vornherein ganz genau, dass die Bayern zurück schlagen würden. Sie würden einkaufen, auf Teufel komm heraus und dagegen würde man nichts machen können. Selbst in diesem Maße aufrüsten kam nicht in Frage. Das letzte Wettrüsten mit den Bayern hatte in das Vorzimmer der Pathologie geführt. Also musste man das Beste aus der zu erwartenden Überlegenheit der Bayern machen – und diese positiv für sich nutzen.

Plan A scheiterte knapp

Plan A sah vor, die Liga zum Schein ein wenig wegzuschenken. Nicht so weit natürlich, dass die erneute CL-Quali in Gefahr war, nein. Aber genug, um die Bayern in Sicherheit zu wiegen. Zwei Derbys knapp zu verlieren war übrigens auch Teil des Plans, der unter anderem beinhaltet, den Erzrivalen in der neuen Saison geradezu vernichtend zu schlagen. Dafür wurde jetzt eigens zu Ermittlungszwecken ein verdeckter Mitarbeiter dort eingeschleust – der sich allerdings im Moment noch wenig konspirativ verhält und erst jüngst sein Facebook-Profil mit Aufnahmen von Schale und Pokal nebst einigen Aufnahmen vom Westfalenstadion zu verschönerte. Dem muss noch mal einer seine Aufgaben erklären.

Variante A des Masterplans sah ursprünglich vor, die Bayern so in Sicherheit zu wiegen, dass sie Dortmund im Champions-League-Finale auf die leichte Schulter nehmen und es vergeigen würden. Doch diesen Braten rochen die Münchner wohl und fielen nicht darauf rein. Zudem gibt es dort, wo es Konspiration gibt, auch immer einen Verräter. Den Doppelagenten in den eigenen Reihen, der dann die Seiten wechselt, hatte man nicht einkalkuliert. Mist, Pech gehabt.

Das alternative Ende

Doch das Triumvirat wäre nicht das Triumvirat, wenn es nicht auch ein alternatives Ende ausgeheckt hätte, einen Plan B: die Rückbesinnung. Seine jüngsten Erfolge hatte der BVB eigentlich immer errungen, wenn ihn niemand auf der Rechnung hatte. Im Windschatten der Bescheidenheit hatte die Mannschaft zwei phänomenale Jahre hingelegt. Und nun? Alles konzentriert sich auf Bayern. Jeder rechnet nur mit Bayern. Alle berichten nur über Bayern. Und die Bayern selbst sind so verliebt in sich und ihren neuen Trainer, dass sie völlig vergessen, dass die Welt außerhalb der Münchner Stadtgrenzen noch weiter geht.

Dazu hat der BVB bis jetzt nur Abgänge vermeldet und außer dem Innenverteidiger Sokratis (der jetzt nicht der Kracher-Transfer war, auf den viele gehofft haben) noch niemanden verpflichtet. So langsam glaubt niemand mehr dran, dass Dortmund sich bis zum Saisonbeginn überhaupt noch in der Breite großartig verstärken kann, schließlich müssen auch die Abgänge aufgefangen werden. Dem Triumvirat muss von Anfang an klar gewesen sein, was ein Bayern-Triple und das Ausbleiben von namhaften Neuzugängen beim BVB auslöst. Die perfekten Bedingungen, um unbemerkt zum großen Schlag auszuholen.

Perfekte Ausgangslage

Die totale Underdog-Schiene kann eine Mannschaft, die im Champions-League-Finale stand und nur denkbar knapp unterlag, natürlich nicht mehr fahren, ohne sich lächerlich zu machen. Das weiß auch das Triumvirat. Doch wer sich an die Vereinspolitik der letzten Jahre erinnert, kommt zu dem Schluss: so wie es zur Zeit läuft, muss das Triumvirat es einfach geplant haben. Denn tatsächlich kann dem BVB doch gar nichts Besseres passieren als der monströse Hype um die Bayern und ihre Rekord-Saison. Der ganz große Medienhype um den BVB ist vorbei, die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf München und seinen Messias und im Schatten des Giganten kann an der Strobelallee in Ruhe der nächste Coup vorbereitet werden. Der BVB ist wieder Jäger und nicht länger Gejagter.

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6 Gedanken zu „Im Schatten des Giganten

  1. Da spricht ja der pure Neid aus dir. Ich denke die Medien würden auch über den BVB berichten wenn es dort gerade was zu berichten gäbe. Du vergisst wohl auch die permanenten News über Lewandowski… Ich bin selbst kein Bayern Fan aber ich akzeptiere und bewundere deren Arbeit.

    • Nein, Neid ist es ganz sicher nicht, was mich zu diesem Artikel bewogen hat, ich weiß auch nicht so recht, wo in meinem Text du den herausliest. Ich sehe auch keinen Grund für Neid, Titel sind nicht alles im Fußball-Leben, ich würde nie mit denen tauschen wollen. Ok, bewundern tue ich die jetzt auch nicht besonders, ich bewundere eher Vereine wie Freiburg, die mit bescheidenen Mitteln und wenig Geld richtig was auf die Beine stellen. Ich akzeptiere dennoch, dass die Bayern sportlich eine sehr gute Saison gespielt haben, das bestreite ich auch an keiner Stelle in meinem Artikel. (Wie sie sich abseits des Platzes verhalten ist eine andere Geschichte und mit ein Grund dafür, warum ich diesem Verein keinen sonderlich großen Respekt entgegenbringe – das hat aber auch nichts mit Neid zu tun, sondern mit einer natürlichen Abneigung gegen Arroganz)

      Ich mache mich hauptsächlich über den Medienhype um die Bayern lustig, den ich unverhältnismäßig finde, da es zwar viele Bayern-Fans gibt, aber weitaus mehr Fußballfans, die nicht Bayern-Fans sind – von daher ist das Berichterstattung für eine Minderheit. Mich interessieren die Bayern im Grunde nicht, ich bräuchte über die nicht mehr Berichterstattung als über Hannover 96 oder meinetwegen Bayer Leverkusen. Dass Sport1 sogar deren Training überträgt ist einfach lächerlich – und so ein Theater wird um keinen anderen Verein gemacht.

      Und über Lewandowski würde mit Sicherheit auch nicht in dem Maße berichtet, wenn es nicht ausgerechnet die Bayern wären, zu denen er unbedingt will.

      Ich wünsche mir nicht die gleiche Art Berichterstattung beim BVB – im Gegenteil, ich bin froh, dass in Dortmund jetzt mal wieder etwas Ruhe eingekehrt ist. Ich wünsche mir so eine Art Berichterstattung über keinen Verein, denn alles was zu viel ist, nervt irgendwann nur noch. Deshalb ist der ganze Text auch eigentlich keine Bayern-Kritik, sondern eher eine Medienkritik. Noch mal: an welcher Stelle liest du da Neid heraus?

      Und nur mal so ganz allgemein: auch wenn du schreibst, du seist kein Bayern-Fan. Dieser Neid-Vorwurf ist das ultimative Totschlagargument, mit der jegliche ( selbst noch so berechtigte) Kritik an diesem Verein unglaubwürdig gemacht werden soll. Wenn ich wünschte, mein Verein würde wie die Bayern agieren, dann wäre ich Bayern-Fan und nicht BVB-Fan geworden, so einfach ist das. Deswegen entbehrt dieser Neid-Vorwurf absolut jeder Grundlage. Das meine ich jetzt nicht nur auf deinen Kommentar bezogen, sondern ganz allgemein (weil das ja auch immer der Standard-Vorwurf von Bayern-Fans ist).

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