Anti-Söldner: Gerrard, Großkreutz und der Gegenentwurf

In Zeiten, in denen Fußballprofis ihre Vereine wechseln wie das Hemd und Küsse auf das Vereinswappen nur allzu inflationär verteilt werden, sind die Typen, die so ganz anders sind, umso wertvoller für die Fans. Sie sind nur noch eine kleine Minderheit, diese Spieler, die sich ihren Kindheitstraum erfüllt haben und für „ihren“ Verein spielen. Und auch dort bleiben, vielleicht sogar ihre ganze Karriere hindurch. Sie sind selten geworden, diese Anti-Söldner. Spieler wie Liverpools Steven Gerrard scheinen langsam auszusterben.

Der FC Liverpool hat das große Glück, einen dieser selten gewordenen Spieler in seinen Reihen zu haben. Steven Gerrard ist 33 Jahre alt und in der Nähe von Liverpool geboren. Von seinem Vater bekam er die Liebe zu dem Verein schon in die Wiege gelegt. Mit neun Jahren trat er in die Jugend des FC Liverpool ein, mit knapp 18 wurde er Profi. Seit 1998 ist Gerrard im Profikader, das heißt er spielt jetzt seit 15 Jahren für seinen Lieblingsclub. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich das noch mal ändert, denn gerade erst verlängerte er seinen Vertrag bei den „Reds“ bis 2015. Wenn dieser Vertrag ausläuft, wird er 35 Jahre alt sein – und vermutlich in Rente gehen. Falls er nicht noch ein Jahr in Anfield dran hängt.

Steven Gerrard ist ein Anti-Söldner wie er im Buche steht. Gerade weil Typen wie er so ein rares Gut geworden sind im knallharten Geschäft des Profifußballs, verdient er es, dafür einfach mal gewürdigt zu werden.

Natürlich teilt sich die große, weite Fußballwelt nicht nur in Gut und Böse, in Söldner und Urgesteine, in Steven Gerrards und Mario Götzes. Zwischen dem Eigengewächs, dass von der F-Jugend bis zur Fußball-Rente in ein und demselben Verein kickt und einem Spieler, der auch ohne zu zucken erst das Wappen seines Vereins auf dem Trikot küsst, um dann zwei Tage später zum Erzrivalen zu wechseln, weil der besser zahlt, gibt es eine ganze Palette von Grauschattierungen.

Kein Problem mit Söldnern

Zunächst mal ist gegen einen Söldner ja zunächst einmal nichts einzuwenden. Solange dieser tut, wofür er bezahlt wird, seine Arbeit gut macht und keine Treueschwüre gegenüber seinem aktuellen Verein abgibt, obwohl er schon weiß, dass er diese auf jeden Fall brechen wird, ist es ja auch kein Problem. Die Fans wissen, was sie an so einem Spieler haben. Er wird ihren Verein, der ihnen alles bedeutet, eine Zeitlang sportlich weiter bringen und ihm im besten Fall bei seinem Weggang noch eine hübsche Stange Geld in die Kasse spülen. Dass sie an so einen Spieler aber besser nicht ihr Herz hängen sollten, wissen die Fans von Vornherein.

Gleichzeitig ist auch nicht jeder Spieler, der einmal sagt, dass sein Herz an einem bestimmten Verein hängt oder dass er sich mit dem Verein identifizieren kann und dann trotzdem wechselt, gleich ein Söldner. Fußballprofis können sich durchaus mit mehreren Vereinen identifizieren und verbinden eine gute Zeit mit einem bestimmten Verein möglicherweise mit einer insgesamt glücklichen Zeit, die sie in der Stadt hatten. Trotzdem kann immer mal der Fall eintreten, dass der Spieler woanders eine bessere Perspektive sieht. Sportlich. Oder auch finanziell. Kein Problem, solange der Wechsel korrekt abläuft und sich hinterher niemand verraten fühlt. Auf den Abgang kommt es an.

Grauzone

Das Gros der Spieler lässt sich heutzutage vermutlich in diese Kategorie einordnen. Keine richtigen Söldner, aber eben auch keine Urgesteine, sondern irgendwas dazwischen. Spieler, die sich mal mehr, mal weniger mit ihrem Club identifizieren. Spieler, die eben kommen und auch wieder gehen. Viele bleiben sicher eine Weile im kollektiven Gedächtnis des Vereins hängen, meist aufgrund ihrer sportlichen Fähigkeiten, manche auch wegen charakterlicher Eigenheiten. Doch wie stark sie auch weit nach ihrer aktiven Zeit im kollektiven Fan-Gedächtnis hängen bleiben, hängt vielleicht weniger von ihrem sportlichen Wert ab, als man vielleicht zuerst meint.

Der BVB hatte in jüngerer Vergangenheit einige Spieler, die noch in die Kategorie „Anti-Söldner“ fielen: Michael Zorc ist auch für jeden jungen BVB-Fan eine Vereinslegende, obwohl viele unter 25 ihn vielleicht gar nicht mehr haben spielen sehen. Er wäre auch dann noch in diesem kollektiven Gedächtnis verhaftet, wenn er jetzt nicht Sportdirektor wäre. Wenn der Name „Zorc“ fällt, dann denkt man vielleicht gar nicht mal zuerst an die unzähligen Tore, die er als Mittelfeldspieler für Borussia schoss, sondern vor allem an den langjährigen Kapitän, der mit 17 Jahren beim BVB anfing und seine Karriere mit 34 Jahren beim BVB beendete.

Legenden

Auch Lars Ricken ist neben seinem legendären Tor zum 3:1 im Champions-League-Finale vor allem deshalb eine Vereinslegende, weil er trotz vieler Angebote, die er gerade als junger Spieler erhielt, dem Verein einfach nie den Rücken kehren wollte. Mit 17 Profi beim BVB geworden, mit 31 seine Karriere beim BVB beendet.

Beide sind gebürtige Dortmunder. Doch auch der Brasilianer Dede, gebürtig aus Belo Horizonte, hat es nach 13 Jahren beim BVB in den Rang einer Vereinslegende geschafft. Dass er 2011 noch mal einen Wechsel in die Türkei antrat, weil er sich noch zu fit für das Altenteil fühlte und in Dortmund keinen Stammplatz mehr hatte, konnte damals jeder verstehen. Und für Dedes Abschied ist das Wort „tränenreich“ erfunden worden, der Mann kam ja wochenlang aus dem Weinen nicht mehr heraus. Kein gebürtiger Dortmunder, aber ein Spieler, dem man seine Liebe zum Verein ohne weiteres abnehmen kann.

Eine aussterbende Spezies?

Doch gewinnt man mittlerweile den Eindruck, dass solche Spieler immer seltener werden im modernen Fußball. Steven Gerrard ist wohl das prominenteste Beispiel. Mit Andreas Lambertz (Fortuna Düsseldorf) und Steven Cherundolo (Hannover 96) fallen einem spontan zwei Spieler ein, die bereits zehn bzw. vierzehn Jahre ununterbrochen für ihre aktuellen Vereine spielen. Auch beim BVB gibt es mit Roman Weidenfeller und Sebastian Kehl zwei Spieler, die mit mittlerweile elf bzw. elfeinhalb Jahren Vertragsdauer langsam zu den Vereinsveteranen gezählt werden dürfen. Trotzdem ist das längst nicht mehr die Regel.

Manche Spieler, die man als kommende Vereinslegende wähnte, brachen überraschend ihre Brücken hinter sich ab. So wie Manuel Neuer, der als gebürtiger Gelsenkirchner seit frühester Kindheit für Schalke 04 gespielt hat, regelmäßig in der Nordkurve stand, wohl sogar Mitglied bei den Ultras Gelsenkirchen war – und dann 2011 zum FC Bayern wechselte. Selbst für Außenstehende war das bei seinem Background kaum nachzuvollziehen. Einem Spieler, der so als Hardcore-Fan seines Vereins galt wie Neuer hätten wohl nur ganz große Pragmatiker einen solchen Wechsel zugetraut. Einen Wechsel in Ausland? Ok. Aber zu den Bayern? Ein Unding.

Das tut dann oft besonders weh, wenn sich eine dieser potenziellen Legenden plötzlich als Hardcore-Söldner entpuppt. Deshalb hat auch der Wechsel von Mario Götze zum FC Bayern solche Wellen geschlagen: er hat seit seiner Kindheit für den BVB gespielt. Seine Identifikation mit Borussia Dortmund hätte doch eigentlich viel höher sein müssen!

Großkreutz hat das Potenzial zur Legende

Andersherum freuen sich die BVB-Fans heute über einen Mats Hummels, der seine gesamte Jugend beim FC Bayern verbrachte, 2008 zum BVB kam und mittlerweile doch eine erstaunlich hohe Identifikation mit dem Verein zeigt sowie ein ebenso erstaunliches Desinteresse am FC Bayern. Ob das so bleibt? Wir werden sehen.

Am Ende dieser kleinen Story muss in einem BVB-Blog natürlich zwingend noch der Name Kevin Großkreutz fallen. Wenn einer im aktuellen BVB-Kader das Zeug zur Vereinslegende hat, dann ist es wohl der Junge aus Dortmund-Eving, der es von der Südtribüne in die BVB-Mannschaft geschafft hat. Es gibt aktuell wohl in Deutschland keinen Profi, der die Liebe zu seinem Verein so offensiv und kompromisslos auslebt und sich selbst so sehr immer noch als Fan sieht: Dortmund-Tattoo auf der Wade, provokante Anti-Schalke-Sprüche, nach wie vor lückenlose Kenntnis des aktuellen Südtribünen-Liedguts, Bengalos auf der Meisterfeier und die prompte Einweisung sämtlicher Neuzugänge in Sachen „Revierderby“ – das sind nur einige Dinge, mit denen er sein Fan-Sein auch als Profi regelmäßig unterstreicht.

Dass er immer noch glühender BVB-Fan ist, wird nie jemand anzweifeln. Publikumsliebling ist er aktuell natürlich längst. Ob er es aber auch im langfristigen Kollektivgedächtnis der Fans irgendwann den Status „Vereinslegende“ haben wird, hängt wohl davon ab, wie lange er für den BVB spielen wird. Nachdem er 2009 von Rot-Weiss Ahlen in seine Heimatstadt zurückkehrte, geht er nun in seine fünfte Saison mit dem BVB. In wenigen Tagen wird er erst 25, das heißt, es könnten rein theoretisch noch etliche Jahre werden, die er die Schuhe für „seinen“ BVB schnürt. Seinen Vertrag verlängerte er vor ein paar Monaten bis 2016.

Kevin Großkreutz bei der Vorstellung des Derby-Trikots im Herbst 2011.  Er könnte das Zeug zur Vereinslegende haben.

Kevin Großkreutz bei der Vorstellung des Derby-Trikots im Herbst 2011. Er könnte das Zeug zur Vereinslegende haben.

Er spricht aber auch manchmal davon, dass er gern mal in England spielen würde. Vor allem der FC Liverpool soll es ihm angetan haben – womit wir wieder bei Steven Gerrard wären. Ein Grund für einen Wechsel wäre für Großkreutz sicher, wenn er in Dortmund sportlich keine Rolle mehr spielte. Allerdings wird er vor jeder Saison aus der Mannschaft geschrieben und am Ende spielt er nicht zuletzt aufgrund seiner enormen Vielseitigkeit doch fast immer. Mittlerweile ist es ein Running Gag, bei jedem Ausfall egal auf welcher Position bei der Frage nach dem möglich Ersatz zu sagen: „Dann macht der Kevin das eben.“

Das Potenzial zur Legende hat er auf jeden Fall. Vom Background her, sportlich und auch charakterlich.

Ein Sport für das Herz

Der Wert solcher Spieler, die den absoluten Gegenentwurf zu den Söldnern bilden, lässt sich in Zahlen überhaupt nicht bemessen. Sie sind es, die ihrem Verein ein Gesicht geben und den Fans zeigen, dass es wenigstens noch ein paar Spieler gibt, denen ein Derbysieg noch genauso viel bedeutet wie ihnen selbst, die für den Verein genauso durchs Feuer geben würden. Vielleicht braucht man solche Spieler, um das Gefühl zu haben, dass es in diesem knallharten Business doch noch einen Rest von Ehrlichkeit gibt. Vielleicht sind sie einfach ein nostalgischer Rest der „guten, alten Zeit“, die dem Fan das Gefühl geben, dass sich zwar vieles, aber eben doch nicht alles im Fußball geändert hat. Und irgendwie ist ein Verein, der einen solchen Spieler hat, auch einfach sympathischer. Der psychologische Wert solcher Spieler ist enorm hoch. Denn Fußball ist eben ein emotionaler Sport, den die Fans nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Herzen aufnehmen.

Natürlich funktioniert das Geschäft nicht ohne Söldner. Und wenn Robert Lewandowski am 10. Spieltag das Siegtor im Revierderby schießt, wird jeder BVB-Fan darüber jubeln und den Spieler dafür feiern. Dennoch geht jedem Fußballfan einfach das Herz auf, wenn Steven Gerrard sagt: „When I die, don’t bring me to the hospital. Bring me to Anfield. I was born there and will die there.“

Advertisements

6 Gedanken zu „Anti-Söldner: Gerrard, Großkreutz und der Gegenentwurf

  1. Das Champions League Finale ist 3:1 ausgegangen (siehe Kapitel „Legenden“). Das sollte man nicht falsch machen 😉 Könnt diesen Kommentar gerne löschen nach der Korrektur.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s