Kein schöner Heimauftakt für den BVB

Nun hat man sich monatelang auf das erste Heimspiel des BVB gegen Braunschweig gefreut, doch am Ende war irgendwie alles enttäuschend. Das hatte man sich anders vorgestellt. Das Spiel, die Polizei, die Ultras – vieles trug an diesem Tag dazu bei, dass die Euphorie des Saisonbeginns erst einmal einen leichten Dämpfer erhielt. Schon vor dem Spiel fiel auf, dass aus Block „Drölf“ nichts kam. Ein paar Minuten vor dem Anpfiff das erste Raunen: „Sind die Ultras eingepennt oder was ist los?“ Eingepennt waren sie nicht. Vielmehr hatten sie bereits eine Stunde vor dem Anpfiff auf der Süd bekannt gegeben, dass sie kurzfristig beschlossen hatten, an diesem Tag nicht zu supporten. Davon hatte aber die restliche Süd größtenteils nichts mitbekommen und das restliche Stadion schon mal gar nicht.

Polizei kesselte Ultras ein

Den Grund erfuhr man in der Halbzeit per SMS von daheim schauenden Freunden oder auch erst nach dem Spiel durch den Blick in die Weiten des Neulands. Die Polizei hatte zunächst die „Desperados“, dann auch mehrere kleinere Fanclubs und einzelne Fans ohne Begründung vor dem Spiel eingekesselt und ihr gesamtes Material durchsucht.

Gemeinsam mit den beiden anderen großen Ultra-Gruppierungen entschlossen die „Desperados“ sich kurz vor dem Spiel zu einem Support-Verzicht, um auf das Verhalten der Polizei gegenüber den Fans von Borussia Dortmund aufmerksam zu machen. Soweit die Fakten.

Angebliche Hinweise auf Straftaten

Warum entschloss sich die Polizei überhaupt zu dieser weitreichenden Kontrolle? Und das am zweiten Spieltag, ohne bisherige Vorfälle in der Saison, gegen einen Gegner, zu dem es eigentlich keine Vorgeschichte gibt und mit dem die BVB-Fanszene nicht mal im Ansatz irgendwie verfeindet ist? Angeblich haben der Polizei „Hinweise auf geplante Straftaten“ vorgelegen. Was sich erst einmal plausibel anhört, fliegt der Einsatzleitung ganz schnell um die Ohren, wenn man genauer drauf schaut. Im Verdacht hatte man nämlich laut Polizei etwaige Plakate, die Schmähbotschaften gegen TSG-Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp enthalten könnten oder auch das Kürzel ACAB.

Schmähbotschaften gegen Dietmar Hopp? Bei einem Spiel gegen Eintracht Braunschweig? Wahnsinnig wahrscheinlich. ACAB? Nun, natürlich ist es nicht nett, alle Cops pauschal als „bastards“ zu bezeichnen, aber so richtig strafbar ist es auch nicht. Und wenn es das wäre, erfüllt es doch maximal den Straftatbestand einer Beleidigung. Die Polizei rechtfertigt also die systematische Durchsuchung einer großen Gruppe von Fußballfans, weil der Verdacht auf Beleidigung vorlag? Das muss doch selbst in den Ohren eines Polizisten lächerlich und vorgeschoben klingen. Am Ende fand man nichts außer einer Sturmhaube, die man beschlagnahmte.

Präventivschlag?

Die Gründe, die von der Polizei für ihren völlig überzogenen Einsatz vorgebracht wurden, sind nicht plausibel und klingen ganz stark nach einem Vorwand. Für viel wahrscheinlicher halte ich es, dass man seitens der Polizei gegenüber den Ultras gleich zu Beginn der Saison schon mal präventiv ein Zeichen setzen wollte und ihnen sozusagen zeigen wollte, wer der Boss ist und wer im Zweifelsfall am längeren Hebel sitzt.

Es ist dabei an Heuchelei kaum zu überbieten, dass die Polizei auch nach „12:12“ immer wieder von „Dialog“ gesprochen hat und laut jammernd beklagte, dass die Ultras diesen verweigern würden und auf der anderen Seite bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Drohkulisse aufbauen. Dass noch nicht einmal der BVB im Vorfeld über die geplante Aktion in Kenntnis gesetzt wurde, was beim Verein mit erheblichem Befremden aufgenommen wurde, untermauert den Verdacht, dass man eigenmächtig ein Zeichen setzen wollte – präventiv sozusagen, bevor einer überhaupt mal im Block auf dumme Gedanken kommt.

Eine Frage des Respekts

Dass man mit solchen Aktionen im Regelfall aber keinen Gehorsam, sondern eher Bockigkeit hervor ruft, hat sich aber offenbar immer noch nicht überall herum gesprochen. Die Polizei wird nicht müde, über zu große Belastung zu jammern – und konterkariert sich dann selbst, indem sie starke Kräfte für einen völlig überzogenen und in keiner Weise zu rechtfertigenden Einsatz abstellt. Sie fordert pausenlos Respekt ein und bringt diesen selbst aber gerade Fußballfans nicht entgegen.

Keine Frage, dass auch die Fans es manchmal auch an Benehmen vermissen lassen und durch eine grundsätzliche Anti-Haltung die Beamten nicht gerade gewogen stimmen. Doch so langsam summieren sich die Hinweise, dass auch bei der Polizei eine ähnliche Haltung gegenüber Fans vorherrscht. Fußball ist ein Sport, ein Freizeitvergnügen – und angesichts der Statistiken, die untermauern, wie wenig Vorfälle es bei diesen Menschenmassen tatsächlich gibt – dann ist das nicht mehr nachzuvollziehen.

Die Polizei hat an diesem Tag dafür gesorgt, dass sich die Fronten ein weiteres Mal verhärtet haben. Wenn das die Exekutive ist, die unsere Demokratie und unsere Grundrechte verteidigen soll – dann hätte ich gerne eine andere!

Boykott trotzdem diskussionswürdig

Dennoch will ich auch noch ein paar Worte zum Boykott verlieren. Befürworter des Boykotts argumentieren, dass es das richtige Mittel war, weil nun auf breiter Basis über das Thema diskutiert wird. Die Frage ist, ob es da nicht auch andere Mittel und Wege gegeben hätte, als einen 90-minütigen Boykott. Beim ersten Heimspiel von den Braunschweigern an die Wand gesungen zu werden, ist demütigend. Durch den relativ spontanen Entschluss wusste kaum einer im Stadion überhaupt, was vor sich ging und Tatsache ist eben auch, dass sich die Südtribüne in den letzten Jahren an die lautstarken Ultras und den Vorsänger gewöhnt haben und es aus dem Stehgreif schwierig ist, eigenständig Stimmung zu entwickeln. In der ersten Halbzeit gelang das gar nicht, in der zweiten schon besser, auch weil die Südwestecke viele Lieder anstimmte.

Ein Boykott war etwa bei „12:12“ das allerletzte Mittel, um Druck zu erzeugen und so ein Mittel sollte nicht inflationär eingesetzt werden. Zwar betonten die Ultras in einer Stellungnahme, in der sie den Boykott erklärten, dass am Freitag gegen Bremen umso mehr Gas gegeben werde. Aber was ist, wenn die Polizei sie am Freitag wieder durchsucht? Wird dann der Support wieder komplett eingestellt? Es gibt hier und da die Befürchtung, dass demnächst bei jedem kleinen Vorfall der Support eingestellt wird. Bei manchen Leuten bestätigt so was auch die Meinung, es handle sich bei den Ultras um Selbstdarsteller, denen es lediglich um ihre eigene Sache und nicht um den Verein gehe.

Mannschaft hätte Unterstützung gebraucht

Denn dem Verein hat man mit dem Boykott sicher keinen Gefallen getan. Das Spiel stand lange auf der Kippe und die Mannschaft, die zum Teil extrem verunsichert spielte und außerdem drei Neuzugänge (vier, wenn man Großkreutz auf der ungewohnten Position mitzählt) integrieren musste, hätte dringend die Unterstützung der Fans gebraucht. Am Ende ist man mit einem blauen Auge davon gekommen. Doch in gewisser Weise wurden Erinnerungen wach an das letzte Derby, wo man 0:1 hinten lag und die Ultras plötzlich den Support einstellten, weil ihnen eine Fahne geklaut wurde und das Derby am Ende mit 1:2 verloren ging. Das sind Gründe, die außerhalb der Ultra-Szene kaum jemand nachvollziehen kann – auch wenn in diesem Fall ein überzogener Polizeieinsatz natürlich um einiges schwerer wiegt und daher eher verstanden wird, als eine abhanden gekommene Fahne.

Und auch das Argument, dass man den 70.000 anderen Fans ja schließlich nicht verboten habe, selbst Stimmung zu machen, zieht nicht. Wie schon oben angemerkt, hat sich die Struktur der Süd in den letzten Jahren so gewandelt, dass man tatsächlich auf den Vorsänger und die Ultras angewiesen ist. Das ist so gewollt gewesen, dagegen ist auch nichts zu sagen, aber daraus erwächst auch eine gewisse Verantwortung.

Nicht zur Regel werden lassen

Verständlich, dass die Leute unmittelbar nach dem Polizeieinsatz keinen Bock auf Eskalieren hatten, aber musste es wirklich ein 90-minütiger Boykott sein? Hätte dann nicht in Fußballgottes Namen auch eine Halbzeit gereicht? Oder die erste halbe Stunde? Oder hätte man nicht lieber beim nächsten Heimspiel gegen Bremen auf die Missstände aufmerksam machen können – nachdem man zuvor die restlichen Fans mit ins Boot geholt hat?

Hätte, wenn und wäre, jetzt ist es eh egal. Die Ultras haben ihre Entscheidung getroffen und letztendlich ist das ja auch ihr gutes Recht. Für ihre Gründe herrscht allgemein Verständnis vor, über das Mittel des Protestes kann man sich vielleicht streiten. Sollte man aber jetzt nicht mehr. Denn mit Werder Bremen steht schon der nächste Gegner vor der Tür. Der Boykott ist durchgezogen worden und am Ende hat es ja tatsächlich erreicht, dass auf breiter Basis über die Polizeiaktion diskutiert und berichtet wird, was auf jeden Fall viel wert ist. Dennoch hoffe ich, dass sich diese Form des Boykotts jetzt nicht als Standardmittel etabliert, sobald etwas vorfällt, wodurch die Ultras sich ungerecht behandelt fühlen. Denn bei allem Verständnis für ihren Ärger, das ich wirklich habe: am Ende geht es im Stadion vor allem immer noch darum, den Verein zu unterstützen.

Sowas ähnliches wie Fußball

Apropos Stadion: Fußball wurde am Sonntag übrigens auch gespielt. Oder zumindest etwas, das dieser Sportart entfernt ähnelte. Der BVB tat sich gegen tief stehende Braunschweiger enorm schwer, bis der eingewechselte Jonas Hofmann mit einem Tor und einem herausgeholten Elfmeter, den Marco Reus verwandelte, die Weichen auf Sieg stellte. Das Beste an diesem Spiel war der Schlusspfiff und damit das sichere Wissen, zumindest die drei Punkte im Sack zu haben. Sechs Punkte aus zwei Spieltagen – das ist voll im Soll. Und dieser Hofmann, ich glaub, das könnte einer werden… Vielleicht bringt Klopp ihn am Freitag ja sogar als Überraschung in der Startelf.

Stellungnahme der Fanabteilung zum Polizeieinsatz und Boykott

Ausführliche Stellungnahme von The Unity, Desperados und Jubos

BVB: Weidenfeller – Großkreutz, Sokratis, Hummels, Schmelzer – Bender, Sahin – Blaszczykowski (60. Reus), Mchitarjan (90.+2 Ducksch), Aubameyang (68. Hofmann) – Lewandowski
Braunschweig: Davari – Elabdellaoui, Bicakcic, Correia, Reichel – Kratz, Theuerkauf – Hochscheidt (65. Perthel), Kruppke (77. Ademi), Caligiuri (65. Boland) – Jackson
Tore: 1:0 Hofmann (75.), 2:0 Reus (86./Foulelfmeter), 2:1 Kratz (89.)
Schiedsrichter: Sippel (München)
Zuschauer: 80.200
Gelbe Karten: – / Theuerkauf (2)

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4 Gedanken zu „Kein schöner Heimauftakt für den BVB

  1. Durch diesen Bericht wird einiges an Unklarheiten ausradiert. Und ich bestätige dich in deiner Meinung, daß der 90minütige Boykott zu übertrieben war. Letztlich wurde die Mannschaft für eine Aktion der Polizei bestraft. Aber logischerweise kann man den Unmut und Frust der Fans ebenfalls verstehen. Sehr heikles Thema – von Dir hervorragend aufgearbeitet! Mein Kompliment, Sylvia!

  2. Da muss ich zustimmen: Sehr schöner, differenzierter Artikel! Anmerken möchte ich noch folgendes: Obwohl es ein unnötiger, provokanter und willkürlicher Polizeieinsatz war, gibt es schon noch Schlimmeres, als Fahnen und Banner herzeigen zu müssen. Für mich hat das eine andere Qualität als eine Kontrolle bis auf die Unterhose. In irgendeiner Form müssen Kontrollen vor dem Stadion sein, wenn auch nicht aus diesem Grund. Mir kam die Reaktion der Ultras ein bisschen zu eingeschnappt rüber für das, was wirklich – so weit bekannt – passiert ist.

    Die andere Qualität eines Polizeieinsatzes konnte man dann gestern in GE erleben, wie du ja auch im anderen Artikel beschreibst. Wobei diese Art der Provokation von den blauen Ultras auch wirklich unverantwortlich war – die wussten ja genau was sie taten.

  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 34 in 2013 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2013

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