Fans und Polizei: Eine neue Dimension der Kriminalisierung

Die neue Saison ist noch keine drei Wochen alt, da kocht der alte Konflikt zwischen Fußballfans und Polizei erneut hoch – und zwar deutlich verschärfter als zuvor. Konnte man den überzogenen Einsatz in Dortmund am Sonntag beim Heimspiel gegen Braunschweig noch als Einzelfall abtun, so muss man sich spätestens nachdem am Mittwochabend eine Hundertschaft beim CL-Quali-Spiel gegen PAOK Saloniki die Schalker Nordkurve stürmte, fragen, ob nicht doch mehr dahinter steckt.

1:1 endete am Mittwoch das Hinspiel der Champions-League-Quali zwischen Schalke 04 und PAOK Saloniki, doch darüber sprach kaum jemand. Thema des Abends war – nicht nur in der Schalker Fanszene – der scharfe Polizeieinsatz, bei dem eine Hundertschaft plötzlich die Nordkurve stürmte, Pfefferspray und Tränengas einsetzte und in brutaler Weise die dort stehenden Fans (und wenn man Augenzeugenberichten glauben darf sogar gegen Frauen und Kinder) attackierte.

Provozierendes Banner

Der Grund für diesen Einsatz war nicht etwa Pyrotechnik, eine Schlägerei oder sonst etwas, das den Einsatz vielleicht noch gerechtfertigt hätte, sondern eine recht große Fahne des mazedonischen Klubs FK Vardar Skopje, das von den griechischen Fans offenbar als Provokation aufgefasst wurde und durch das sich auch ein griechischer Polizist beleidigt fühlte.

War es am Sonntag noch eher lächerlich, dass auf dem Weg zum Westfalenstadion eine große Ultragruppe im Regen eingekesselt wurde und ihr ganzes Material ausbreiten musste, weil man dort ein möglicherweise beleidigendes Banner gegen TSG-Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp oder ein Banner mit der Aufschrift „ACAB“ vermutete, so hat der Sturm der Schalker Nordkurve schon eine ganz andere Dimension.

Beängstigende Bilder

Die Bilder vom Mittwochabend sahen nicht aus, als kämen sie aus einem demokratischen, freiheitlichen Staat, der die Grundrechte seiner Bürger achtet. Bilder dieser Art von Polizeieinsatz kennt man sonst eher aus der Türkei, aus Russland oder aus dem arabischen Raum. Dass eine mazedonische Flagge die Griechen aufgrund der ethnischen und völkerrechtlichen Auseinandersetzungen der beiden Länder provoziert, ist vielleicht noch nachvollziehbar. Dass die Polizei eine Hundertschaft in voller Kampfmontur wegen eines Banners, das offenbar noch nicht mal einen strafrechtlichen Hintergrund hatte, in die Kurve schickt und dort mit Pfefferspray aus nächster Nähe auf die Leute los geht, ist hingegen alles andere als nachvollziehbar. Ganz im Gegenteil, es ist ein Skandal.

Stellungnahme der Polizei

Am Donnerstag äußerte sich die Polizei in einer Pressekonferenz und rechtfertigte den Einsatz. Die Aussage, der Einsatz habe der Deeskalation dienen sollen, ist an Hohn für alle Betroffenen wohl nicht mehr zu überbieten.

„Ein seit Mitte der ersten Spielhälfte im Nordbereich durch die Gelsenkirchener Ultras aufgehängtes Banner führte bei den griechischen Fans zu massiven Unmutsäußerungen. Durch den Inhalt und die Darstellung des Banners fühlten sich die griechischen Gäste als Volksgruppe erheblich beleidigt und verunglimpft. Nach Aussage eines der griechischen Polizeibeamten handelte es sich bei dem Inhalt des Banners um volksverhetzende Tatbestände. Auch er selbst fühlte sich erheblich beleidigt und gab an, dass besagtes Banner u. a. schon für die erheblichen Ausschreitungen während des Spiels Rapid Wien gegen PAOK Saloniki im Jahre 2012 mit verantwortlich war. Die mehr als 2000 griechischen Fans drohten mit Blockstürmen, Spielfeldsturm und Spielabbruch,“ heißt es in der Pressemitteilung der Polizei und weiter: „In einem solchen Fall wäre Leib und Leben zahlreicher, auch unbeteiligter Zuschauer gefährdet worden. Auch die griechischen Vereinsverantwortlichen forderten umgehend eine Entfernung des Banners. Frühzeitig wurden die Einsatzkräfte von griechischen Fans massiv bedrängt, tätig zu werden und das Banner entfernen zu lassen. Ansonsten wurden die oben beschriebenen Verhaltensweisen angedroht. […]Um eine unmittelbar bevorstehende Eskalation der Situation zu verhindern und die Sicherheit auch unbeteiligter Personen weiterhin gewährleisten zu können, wurde nach vergeblichen Versuchen durch Vereinsseite der unverzichtbare Einsatz von Polizeikräften zur Entfernung des Banners im betroffenen Block N beschlossen.“

Aggressive PAOK-Fans

Zusammengefasst: die PAOK-Fans fühlten sich durch das Banner beleidigt und weil es schon einmal bei einem ähnlichen Vorfall zu Ausschreitungen gekommen war und die griechischen Fans, die schon während des Spiels immer wieder durch Böller und Rauchbomben sowie aggressives Verhalten aufgefallen waren, mittlerweile so aggressiv waren, dass mit ihnen nicht mehr zu reden war, entschloss sich die Polizei die Heimkurve zu stürmen.

Man sollte annehmen, das logischere Vorgehen in einem solchen Fall wäre eher, den Gästeblock abzuriegeln – was gerade im Plexiglaskäfig, den die Schalker für Gäste eingerichtet haben, eigentlich keine so große Schwierigkeit darstellen sollte.

Der FC Schalke reagierte in folgender Weise auf den Vorfall: „„Dieser Einsatz war völlig unverhältnismäßig. Wir können dies absolut nicht gutheißen und bringen dafür nicht das geringste Verständnis auf.“ Auch der BVB hatte sich am Sonntag irritiert über den Einsatz gezeigt.

Vereine nicht eingeweiht

In beiden Fällen war das Vorgehen der Polizei mit den gastgebenden Vereinen offenbar nicht abgesprochen. Schon in der Vergangenheit hatten sich Polizeivertreter und diverse Innenminister darüber mokiert, dass die Vereine angeblich nicht konsequent genug gegen angeblich gewaltbereite oder kriminelle Fans vorgingen. Hat die Polizei nun beschlossen, sich über das Hausrecht der Vereine hinwegzusetzen und eigenmächtig eine scharfe Strategie zu fahren?

Und nach einer neuen Strategie sieht es aus, wie auch Rechtsanwalt Thomas Wings, der Augenzeuge des Vorfalls wurde, vermutet. Tatsächlich spricht vieles dafür. Pauschale Kriminalisierung von Fußballfans durch die Polizei ist zwar nichts Neues, aber vor allem der Vorfall auf Schalke zeigt doch eine gänzlich neue Dimension. Auffällig auch, dass beide Vorfälle im Ruhrgebiet passierten, bei zwei großen Topvereinen mit einer starken und traditionsbewussten Fanszene.

Neue Strategie?

Schon in meinem Nachbericht zum Braunschweig-Spiel habe ich vermutet, dass hier präventiv ein Zeichen gesetzt werden sollte, um schon zu Beginn der Saison eine Drohkulisse aufzubauen und von Vornherein auf das Prinzip Abschreckung zu setzen, damit – so die Logik – gar nicht erst „Schlimmeres“ auf den Tribünen passiert. Die Haltung der Polizei gegenüber Fußballfans ist seit vielen Jahren aggressiv und dass Bürgerrechte manchmal nicht mehr viel zählen, sobald man ein Trikot oder einen Fanschal trägt, weiß wohl fast jeder, der schon mal bei einem Auswärtsspiel seinen Klubs war.

Doch die Bilder aus Gelsenkirchen waren ein anderes Kaliber. Sie waren erschreckend und lösen bange Gedanken daran aus, was passieren sollte, wenn im Block tatsächlich mal ein aus Polizeisicht schweres Vergehen (z.B. Pyrotechnik oder eine Schlägerei) vorkommen sollte. Ist möglicherweise genau das die Absicht der Polizei? Einschüchterung der Fans durch brutales Vorgehen schon bei völlig harmlosen Vorgängen? Tatsache ist, dass es am Mittwochabend ja nicht nur die Ultras traf. Auch in der Nordkurve stehen genügend normale Fans, die einfach nur Fußball schauen und ihren Verein unterstützen wollen, es stehen dort auch Kinder. Diese wurden durch den Polizeieinsatz genau in ihrer Gesundheit gefährdet, wie diejenigen, die das strittige Banner hochhielten. So kann man einfach nicht in eine Menschenmenge hinein gehen. Bei diesem Vorgehen hätte es leicht auch zu schweren Verletzungen kommen können.

Statistik

Einen interessanten Aspekt greifen übrigens Carsten Schulte und Chris Rohdenburg vom Internetportal www.westline.de noch heraus: die Fans, die durch das Pfefferspray verletzt wurden, werden mit ziemlicher Sicherheit in der Polizeistatistik aufgeführt werden. Und genau mit dieser Verletzten-Statistik wird dann wieder Stimmung gegen die Fans gemacht und auf die angebliche Gefährlichkeit von deutschen Stadien hingewiesen. Der blanke Hohn.

Der Sturm der Schalker Nordkurve sollte auch den letzten, der immer noch der Meinung ist, dass Polizeigewalt immer durch asoziale Fans ausgelöst wird, davon überzeugen, dass für Fußballfans in diesem Land offensichtlich nicht die gleichen Rechte und Gesetze gelten, wie für alle anderen Bürger. Es sollte jeden Fußballfan, der regelmäßig ins Stadion geht, aufhorchen lassen. Hier geht es nicht um die Farben. Hier geht es nicht um Schalke. Oder um den BVB. Hier geht es um alle Fußballfans und das Umfeld, dem wir uns künftig aussetzen, wenn wir ins Stadion gehen.

Sicheres Stadionerlebnis? Ich habe mich nie unsicher gefühlt im Stadion. Nicht mal dann, wenn einer dieser hochgefährlichen Bengalos im Block 13 neben mir abgebrannt wurde. Wenn ich mich nun unsicher fühle, dann nur deshalb, weil ich neuerdings offenbar jederzeit damit rechnen muss, von einer wild gewordenen Horde des Team Green wegen eines unliebsamen Banners oder einer sonstigen Nichtigkeit, attackiert zu werden.

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2 Gedanken zu „Fans und Polizei: Eine neue Dimension der Kriminalisierung

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