Buchrezension: Marcel Rohr – Alex Frei, König des Strafraums

Im April 2013 hat der langjährige Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft und ehemalige BVB-Stürmer seine aktive Karriere beim FC Basel beendet, um Sportdirektor beim FC Luzern zu werden. Schon Ende 2012 erschien eine Biografie über ihn. Herausgekommen ist das aufschlussreiche Porträt eines Vollblutfußballers, der immer polarisiert hat und bei dem zwischen Genie und Wahnsinn manchmal auch nur ein schmaler Grat lag.

Wenn man an Alex Frei im schwarzgelben Trikot zurück denkt, dann fällt einem als hervorstechendstes Merkmal dieses Spieler sein verbissener Ehrgeiz und seine immer etwas kühle Distanziertheit ein. Man erinnert sich an seine Derby-Tore, seine Verbeugungen vor der Südtribüne, seine seltenen Interviews, die aber immer Hand und Fuß hatten. Aber auch an sein nie enden wollendes Gefluche auf dem Rasen, wenn ihm irgendetwas nicht passte, das ihm auch oft als Egoismus ausgelegt wurde. Ein Typ mit Ecken und Kanten, aber eine echte Persönlichkeit auf und abseits des Platzes.

Frei polarisierte

Polarisierte Alex schon in Dortmund von Anfang an, so muss man sagen, dass wohl doch der größte Teil der schwarzgelben Gemeinde immer hinter ihm stand und ihn selbst nach seinem Weggang noch sehr verehrte. Anders erging es ihm in seinem Heimatland, vor allem nachdem er zu seinem Heimatverein FC Basel zurück ging, der für die Schweizer Fußballfans so etwas wie das Äquivalent zum FC Bayern darstellt. So sehr ihn die Fans des FC Basel mochten, so sehr schien ihn die restliche Fußballschweiz abzulehnen. Am Ende ging es so weit, dass die Öffentlichkeit seinen Rücktritt forderte und er als Kapitän bei einem Länderspiel vom eigenen Publikum höhnisch ausgepfiffen wurde. Das gab am Ende den Ausschlag für seinen Rücktritt.

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Das unrühmliche Ende der Nationalmannschafts-Karriere des Alex Frei ist der Anfang des Buches. In den folgenden 13 Kapiteln – analog zu Freis Rückennummer, die er beim BVB und in Basel mit so viel Erfolg trug – wird sein sportlicher und privater Werdegang nacherzählt. Dabei erfährt man ungemein viel über den Menschen Alex Frei, den der Spieler während seiner Karriere oft so sorgsam unter Verschluss hielt.

Widersprüchlicher Charakter

So erfährt man, dass Alex auf dem Platz humorlos, verbissen, ehrgeizig und manchmal auch einfach „ein Idiot“ (Zitat Marco Streller) ist, aber privat ein sehr humorvoller Genussmensch ist, der isst, was er möchte, gerne ein Glas Rotwein oder ein Bier trinkt und der auch gerne mal die ganze Nacht um die Häuser gezogen ist.

Das Buch gibt tiefe Einblicke in den widersprüchlichen und trotzdem so starken Charakter von Alex Frei, in die bittersten Momente von seiner Karriere, es beleuchtet aber auch in seine größten Triumphe. Viele interessante Anekdoten und auch Hintergründe zum Vereinsgeschehen, seiner angeblich so schlechten Beziehung zu BVB-Trainer Jürgen Klopp, seinem Leben und Alltag in Dortmund und seinem heutigen Verhältnis zum Klub, zu Hans-Joachim Watzke, seinen Mitspielern und den Fans machen die Biografie auch für BVB-Fans auf jeden Fall lesenswert.

Tiefe Einblicke

Diese tiefen Einblicke sind deshalb möglich, weil Autor Marcel Rohr zum Einen sorgfältig an allen Orten, die jemals für den Spieler und den Menschen Alex Frei bedeutsam waren, recherchiert hat. Der Sportjournalist, der zuerst beim Boulevardblatt „Blick“ und jetzt für die „Basler Zeitung“ arbeitet, sprach mit den Eltern, Geschwistern und Freunden von Alex Frei, mit alten Weggefährten, mit seinem Berater, mit ehemaligen Trainern, Betreuern und Funktionären. Er sprach natürlich mit ehemaligen Mitspielern wie Marco Streller, aber auch mit Sebastian Kehl.

Zwischendurch beurteilt er die Dinge aus der Sicht des Sportjournalisten, berichtet auch von einem riesigen Krach, den er mal mit Alex Frei hatte, woraufhin beide drei Jahre lang nicht mehr miteinander redeten.

Frei gab selbst Auskunft

Entscheidend für den sehr persönlichen Charakter des Buches ist aber, dass Alex Frei selbst – nach einiger Bedenkzeit – sehr bereitwillig Auskunft gab. Zwanzig Stunden Gesprächsprotokolle mit dem Spieler sind die Grundlage für das Buch. Vielleicht war es für Frei selbst eine willkommene Möglichkeit, am Ende seiner aktiven Karriere Bilanz zu ziehen. Dabei fällt auf, dass er sein Tun und seine Entscheidungen ausgesprochen kritisch reflektiert, zugibt, dass er manches heute vielleicht auch anders machen würde.

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Und diese kritische Selbstreflexion macht das Buch auch deutlich interessanter als viele andere Fußballer-Biografien, die sich oft hölzern lesen und wenig wirklich Interessantes erzählen. Das Buch räumt auch mit so manchem auf, das ihm die Schweizer Presse unterstellte, er erklärt seine Sicht der Dinge und seine Motive für gewisse Entscheidungen, für die ihm in der Öffentlichkeit unlautere Motive unterstellt wurden.

Etwas konfuse Gliederung

Das Buch gliedert sich in 13 Kapitel und einen kurzen Statistik-Teil sowie einige Seiten mit Fotos. Ein kleines Manko ist der Aufbau des Buches, der irgendwie weder so richtig chronologisch noch wirklich systematisch erfolgt. So kommt z.B. seine Zeit in Dortmund im Buch vor der Schilderung der WM 2006. Auf zwei Kapitel Nationalmannschaft folgt dann auf einmal ein Kapitel über den FC Basel. Das wirkt manchmal etwas konfus. Es stört zwar nicht unbedingt das Lesevergnügen, setzt aber zumindest voraus, dass man die einzelnen Karrierestationen des Alex Frei einigermaßen kennt, denn sonst wird es verwirrend.

Dabei ist allerdings die Idee, das Buch mit dem Rücktritt aus der Nationalmannschaft zu beginnen, sehr gelungen, es ist ein guter Einstieg, man kommt dadurch sehr gut hinein – besser, als wenn es mit einer detaillierten Schilderung von Alex Freis Kindheit oder dergleichen beginnen würde.

Einer dieser „Typen“…

Fazit: Auf knapp 200 Seiten ist ein detailliertes und interessantes Porträt über den Fußballer und den Menschen Alex Frei entstanden, dessen größter Gegner, wie es scheint, oft genug er selbst war. Das Buch gibt Einblicke in seinen Werdegang, seinen Background und in eine ausgesprochen interessante Persönlichkeit. Die ganz großen internationalen Erfolge waren ihm nicht vergönnt, dennoch besteht kein Zweifel, dass im April 2013 eine große Karriere zu Ende gegangen ist und dass wieder einer von ihnen die Schuhe an den Nagel gehangen hat – einer von diesen „Typen“, die es im Fußball-Business heutzutage nur noch so selten gibt, nach denen alle immer schreien und die dann doch heftigen Gegenwind bekommen, wenn sie nicht so stromlinienförmig sind wie die große Masse der heutigen Fußball-Profis.

Marcel Rohr: Alex Frei – König des Strafraums, Stämpfli-Verlag, Bern 2013, 191 Seiten, gebundene Ausgabe, 26 Euro

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