„WIR DIE WAND“: Die Südtribüne erzählt von sich

Die Südtribüne im Dortmunder Westfalenstadion – seit vielen Jahren ist sie ein fester Bestandteil der deutschen Fankultur, bekannt und berühmt längst in ganz Europa. Sie ist ein Mythos, die größte Stehplatztribüne in einem europäischen Fußballstadion. Klaus Mertens hat ihr nun mit „WIR DIE WAND“ einen 90-minütigen Kinofilm gewidmet.

Am 2. September war die Premiere im Dortmunder Cinestar, zu der neben vielen Fans auch BVB-Legende Norbert Dickel und natürlich Kevin Großkreutz, der Vertreter der „Süd“ auf dem Rasen, erschienen. Seit Ende letzter Woche läuft der Film nun in ausgewählten Kinos in ganz Deutschland. Am Montagabend in Dortmund war die Nachfrage so hoch, dass der Film parallel in zwei großen Kinosälen gezeigt wurde. Viele Zuschauer kamen in Trikots, mit Schal oder sonstiger BVB-Klamotte, statt Popcorn gab es bei vielen stilecht eher Pils. Fast wie im Stadion.

Gänsehaut schon beim Vorspann

Den ersten Gänsehautmoment gibt es schon beim Vorspann, als die singende Südtribüne in Totale gezeigt wird. Dann kommen die Fans zu Wort. Der Film beginnt mit einer Aufnahme der noch leeren Sütribüne kurz nach Öffnung der Stadiontore, wenn sich nur vereinzelt Fans dorthin verirrten. Der erste Fan, den der Zuschauer nun kennenlernt, ist niemand anderes als „Borsti“. Abgesehen, von denen, die ihn ohnehin persönlich kennen, hat sich vermutlich jeder Fan irgendwann in seinem Leben schon mal gefragt, wer dieser verrückte Typ ist, dessen Zaunfahne bei jedem Heim- und Auswärtsspiel sowie nahezu bei jedem Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft hängt, eigentlich ist.

Filmplakat "WIR DIE WAND"

Filmplakat „WIR DIE WAND“

Analog zum „zwölften Mann“ erzählen insgesamt zwölf Menschen von ihrer Leidenschaft zum BVB und zum Fußball, von ihrer Begeisterung für die „Süd“ und davon, wie sich das mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte verknüpft. Es gibt dabei keinen Interviewer, auch keinen Sprecher im Off. Die Kamera folgt den Menschen bei ihrem Alltag auf der Tribüne, zeigt ihre Rituale vor Spielbeginn, die Gespräche mit ihren Freunden und Bekannten auf der „Süd“ und beobachtet sie während des Spiels.

Stinknormales Bundesliga-Spiel

Gedreht wurde das Ganze am 20. April 2013 beim Heimspiel gegen Mainz. Das war das Heimspiel zwischen dem denkwürdigen CL-Spiel gegen Malaga und dem ebenfalls ziemlich denkwürdigen CL-Spiel gegen Real Madrid, grauer Bundesliga-Alltag also. Es endete 2:0 für den BVB und war beileibe kein Spiel, das einem nachhaltig in Erinnerung bleibt. Der BVB ging nach 33 Sekunden in Führung, vergab dann in der Folge gefühlte dreihundert Millionen Torchancen, bis kurz vor dem Ende Robert Lewandowski das erlösende 2:0 erzielte.

Dass man für dieses Projekt ein „stinknormales“ Bundesliga-Spiel auswählte und nicht etwa ein Highlight wie etwa das Derby (das in der letzten Saison aus BVB-Sicht sowieso alles andere als ein Highlight war) oder ein anderes Kracher-Spiel, gibt dem Film, der ohne eine einzige Spielszene auskommt, eigentlich erst seinen Reiz, weil er dadurch die Südtribüne so zeigt, wie sie eben bei den meisten Spielen ist.

Völlig unterschiedliche Fans

Die interviewten Fans sind völlig unterschiedlich. Ein Bergmann in Frührente, ein Mathematik-Professor, eine verwitwete Sachbearbeiterin, eine Rentnerin, der Vorsänger vom „Block Drölf“, ein Gewürzmischer (kennt irgendjemand diesen Beruf?) und auch eine Prostituierte von der Linienstraße, um nur einige Beispiele zu nennen – der Hintergrund der Protagonisten ist so heterogen wie die Struktur der Südtribüne. Nicht alle Fans haben die gleichen Redeanteile, manche tauchen auch nur kurz auf und geben ein, zwei Statements ab.

Die Gelbe Wand im Westfalenstadion. Foto: Claus Langer/WDR

Die Gelbe Wand im Westfalenstadion. Foto: Claus Langer/WDR

Einer der Protagonisten ist übrigens auch Nobby Dickel, der launige Anekdoten über die Fans erzählt und von seiner Gänsehaut berichtet, die ihn noch jedes Mal überfällt, wenn er vor der Südtribüne steht. Es ist nicht so, dass die Fans 90 Minuten lang nur berichten, wie toll sie die Süd finden. Zur Sprache kommen auch ernste Themen wie Nazis auf der Tribüne und Homophobie.

Ein paar Fremdschäm-Momente

Bei allen Stärken, die der Film hat, gibt es aber dennoch auch ein paar Kritikpunkte. Zunächst hat der Film an manchen Stellen doch durchaus Längen. Die vielen „Aaaaaahs“ und „Oooooohs“ bei vergebenen Torchancen sind zwar natürlich dem Spielverlauf geschuldet, dennoch wird es irgendwann etwas zu viel, wenn man ständig Fans sieht, die sich ob einer verbaselten BVB-Chance die Haare raufen oder sich die Hände vors Gesicht schlagen.

Auch gibt es den einen oder anderen Fremdschäm-Moment, etwa wenn Sachbearbeiterin Ute bei der Einwechslung von Moritz Leitner beim Nachnamen „Bleibtreu“ statt „Leitner“ ruft oder wenn die Prostituierte Anna-Kathrin erzählt, dass sie Mario Götze „süß“ findet, was übrigens zusammen mit ihrem sehr kurzen Auftritt für eine insgesamt etwas klischeehafte Darstellung ihrer Person sorgt.

Zu viel Wetklo

Ebenfalls etwas überrepräsentiert sind die wüsten Beschimpfungen der Mainzer Torhüters Christian Wetklo. So gerechtfertigt oder zumindest nachvollziehbar diese angesichts des Verhaltens von Wetklo in den letzten Spielen auch waren: der Hintergrund dieser Ausbrüche wird an keiner Stelle im Film erklärt, so dass diese Szenen für einen Zuschauer, der nicht regelmäßig im Stadion ist, ein Bild auf die Südtribüne werfen, das ihr nicht gerecht wird. Das Bild des tumben, pöbelnden Fußballsfans wird wahrlich schon oft genug bedient.

Auch wenn es keinen Sprecher gibt, so hätte man ja vielleicht einen der Fans den Hintergrund erklären lassen können oder auch Norbert Dickel. In einer anderen Szene hat man das nämlich auch so umgesetzt: als Kevin Großkreutz beim Aufwärmen gezeigt wird und kurz darauf bei seiner Einwechslung von den Fans gefeiert wird, sagt Dickel einige Worte dazu, warum er so ein Publikumsliebling ist. Ähnlich hatte man das in der Wetklo-Sache auch handhaben können.

Schöner Film

Der Film wird wahrscheinlich vor allem den Zuschauern gefallen, die selber öfter ins Stadion gehen. Vor allem Fans, die selbst regelmäßig auf der Südtribüne stehen oder zumindest schon mal öfter dort gestanden haben, finden sich sicherlich in der einen oder anderen Szene wieder. Manchem Nicht-Stadiongänger fehlt dagegen möglicherweise ein bisschen der Wiedererkennungswert, von dem der Film auch sehr stark lebt. Die Kritikpunkte wiegen allerdings nicht so schwer, dass es sich nicht trotzdem lohnen würde, diesen Film anzuschauen.

Klaus Mertens ist mit „WIR DIE WAND“ ein sehr schönes und stimmungsvolles Porträt der Südtribüne und der Menschen, die sie bei jedem Heimspiel mit Leben füllen und sie zur „Gelben Wand“ machen, gelungen. Klare Empfehlung für jeden BVB-Fan!

Der Film läuft in nächster Zeit in verschiedenen Kinos in Deutschland. Am 3.Oktober 2013 wird er ab 21.45 Uhr beim WDR ausgestrahlt.

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