Pokalkrimi mit Happy-End

Angesichts der Dortmunder Pokalhistorie wurde es manch einem BVB-Fan am Dienstagabend wohl doch etwas mulmig zumute, als Schiedsrichter Weiner in der Münchner Allianz-Arena zur Verlängerung anpfiff. Zu oft schon hatten solche Spiele mit Pokalsensationen geendet und der BVB als Dauergast in der ersten Liga war selten derjenige, der für die Sensation sorgte.

Wie oft hatten selbst in der jüngeren Pokalgeschichte die Wulnikowskis dieses Landes den Favoriten aus der Fußballhauptstadt mit Glanzparaden in den Wahnsinn getrieben und ihn dann mittels zweier gehaltener Elfmeter nach 120 Minuten frühzeitig aus dem Wettbewerb befördert? Und mal ehrlich, als Tabellenführer und Champions-League-Finalist in der zweiten Hauptrunde gegen den Zweitligisten 1860 München raus zu fliegen, wäre nicht nur ziemlich peinlich gewesen, sondern hätte sich auch nahtlos in die Dortmunder DFB-Pokal-Pannenserie eingefügt.

1860 defensiv

Doch an diesem Abend ging alles gut. Dass der BVB ohnehin praktisch über die gesamte Distanz drückend überlegen war, nun, damit konnte man im Vorfeld rechnen. 1860 igelte sich in der eigenen Hälfte ein und weigerte sich, auch nur irgendwas in Richtung Offensive zu machen. Auch das ist keine Überraschung, wenn ein Zweitligist gegen Borussia Dortmund spielt und erst recht nicht, wenn dieser Zweitligist auch noch von Friedhelm Funkel trainiert wird. Davon abgesehen gibt es genügend Erstligisten, die gegen den BVB die gleiche Taktik anwenden.

Abgesehen von einem langen Ball auf Lauth, der dann wohl zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen wurde, machten die blauen Münchner nichts nach vorne. Anders der BVB. Nach 120 Minuten sollten nicht weniger als 34 Torschüsse und 18 Ecken für den Favoriten zu Buche stehen, doch eine Mischung aus Pech, Unvermögen, Unkonzentriertheit und Gabor Kiraly verhinderten die längst überfällige Dortmunder Führung.

Harmlose Standards

Auffällig war die erschreckende Harmlosigkeit der Standardsituationen, v.a. der Eckstöße. Wenn man bedenkt, dass der BVB etwa mit Nuri Sahin oder Marco Reus zwei eigentlich begnadete Spezialisten für solche Situationen in den eigenen Reihen hat, ist es wirklich erstaunlich, wie unglaublich schlecht die Ecken in den letzten Spielen kamen. 18 Eckstöße – und einer war noch harmloser und ungenauer als der andere. Auf der anderen Seite präsentiert Borussia sich bei gegnerischen Standards sehr anfällig. Diese beiden Dinge stechen ins Auge und trotz weniger Trainingstage, die Jürgen Klopp in den englischen Wochen zur Verfügung stehen, fragt man sich doch, ob er dazu nicht vielleicht sonntags nach dem Auslaufen mal eine kleine Einheit ansetzen sollte.

In der zweiten Halbzeit stellte der BVB das Visier etwas schärfer, doch erst traf Jakub Blaszczykowski nur die Latte (49.), dann vergab der BVB die vielleicht beste Chance der zweiten 45 Minuten, als Kevin Großkreutz den Ball nach einer blitzsauberen Kombination kurz vor dem Tor noch mal quer auf Robert Lewandowski schob, der den Ball gegen Kiraly und einen Abwehrspieler vertändelte. Natürlich sind das immer Sekundenbruchteile, in denen die Spieler eine solche Entscheidung treffen müssen, aber Großkreutz stand frei vor Kiraly und hätte den als gelernter Offensivspieler vielleicht auch einfach mal selbst versenken können.

Ein Ex-Löwe und ein Ex-Borusse

So blieb es spannend und die Stimmung auf den Rängen laut. Klar. Es spielte ja nicht der FC Bayern (der übrigens in gemeinschaftlichen Gesängen der BVB- und 1860-Fans erst mal kräftig beschimpft wurde. Frei nach dem Motto: der Feind meines Feines…). In der 69. Minute wechselte Jürgen Klopp Sven Bender aus und der Ex-Löwe, der ja einst von 1860 in den Ruhrpott kam, wurde von seinem ehemaligen Publikum mit warmen Applaus bedacht. Eine schöne Geste, die ihn bestimmt gefreut hat. Der mehr schlecht als recht getarnte Mario Götze, der ebenfalls im Publikum saß, um den alten Kollegen beim Kicken zuzuschauen, hat eine ähnliche Reaktion bei seinem Ex-Verein wahrscheinlich eher nicht zu erwarten.

Nach 90 Minuten stand es 0:0 und alleine das war für 1860 ein Grund zum Feiern. Jedenfalls brüllte der Stadionsprecher, als hätten die Löwen gerade das UEFA-Cup-Finale erreicht. Verlängerung also. Und es ging erst mal weiter wie zuvor: der BVB drückte aufs Tor und vergab Torchancen. Allmählich stellte sich erste Verzweiflung vor dem Fernseher ein. Es gibt ja so Spiele, wo der Ball einfach nicht rein will und wenn man noch drei Stunden weiter spielt. War das heute so eins?

Auba erlöst den BVB

Nein! War es nicht! Nach 105 Minuten rannte Reus erneut nach vorne, drang in den Strafraum ein und konnte von seinem Gegenspieler Stahl nur noch mit einer Notbremse gestoppt werden. Rote Karte für Stahl, Elfmeter für Borussia Dortmund. Sky-Kommentator Marcel Reif strapazierte die Nerven der zuschauenden BVB-Fans mit der hilfreichen Info, dass 1860-Torhüter Kiraly ja schon viele Elfmeter gehalten habe. Danke, Marcel. Halt nächstes Mal doch einfach die Klappe, ja?

Der eingewechselte Pierre-Emerick Aubameyang legte sich den Ball zurecht, schoss – und verlud Kiraly mit einem scharf geschossenen und platzierten Schuss. Endlich war der Bann gebrochen, 1:0 für Borussia! Große Erleichterung bei allen Schwarzgelben, die Löwen-Fans waren nun merklich ruhiger. Die letzte Hoffnung verloren sie dann kurz nach Beginn der zweiten Hälfte der Verlängerung: nach einem tollen Pass des ebenfalls eingewechselten Jonas Hofmann spielte Henrikh Mkhitaryan nach einem eigentlich schwachen Spiel zuerst den Torwart, dann noch einen Abwehrspieler im Sechzehner aus und versenkte die Kugel zum 2:0. Damit war der Drops gelutscht, der BVB steht im Achtelfinale des DFB-Pokals. Und auch wenn es ein hartes Stück Arbeit war und viele Nerven gekostet hat: wenn man am 17. Mai nach Berlin fahren sollte, kräht danach wirklich kein Hahn mehr. Bei diesem Wettbewerb geht es um das Weiterkommen und das hat der BVB geschafft!

Am Samstag geht es in der Bundesliga weiter mit den englischen Wochen und nach drei Auswärtsspielen hat Borussia nun endlich mal wieder ein Heimspiel. Zu Gast im schönsten Stadion der Welt sind die Freunde vom zweit-sympathischsten Bundesliga-Club, dem SC Freiburg.

1860: Kiraly – Volz (112. Tomasov), Schindler, Bülow, Wojtkowiak – Stark, Stahl, Wannenwetsch – Stoppelkamp, Adlung – Lauth (112. Friend)
BVB: Langerak – Großkreutz, Sokratis, Hummels, Durm – Bender, Sahin (69. Hofmann) – Blaszczykowski (99. Aubameyang), Mchitarjan, Reus – Lewandowski (105.+3 Schieber)
Tore: 0:1 Aubameyang (105./Foulelfmeter), 0:2 Mchitarjan (107.)
Schiedsrichter: Weiner (Ottenstein)
Zuschauer: 71.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Stark, Volz / Blaszczykowski
Rote Karte: Stahl (104., Notbremse)

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