BVB präsentiert gegen Marseille filigranes Schnitz-Handwerk

Wenn in der 85. Minute die Klänge von „Im Jahre 1909…“ durch das Westfalenstadion schallen, bedeutet das in letzter Zeit meistens, dass der BVB mal wieder souverän einen Gegner in seine Einzelteile zerlegt und einen deutlichen Sieg eingefahren hat. Auch am Dienstagabend leuchtete der „Stern Borussia“ wieder auf, diesmal war es Olympique Marseille, das in präzisem Handwerk filetiert worden war.

Dabei war OM im Gegensatz zu etwa dem SC Freiburg gar nicht mal hoffnungslos unterlegen. Am Ende wies die Statistik sogar mehr Ballbesitz für die Franzosen auf und in der einen oder anderen Szene kombinierten sie durchaus gefällig. Bis auf ein oder zwei Szenen entstand daraus aber keine Gefahr für das Borussen-Tor. Der 3:0-Sieg des BVB war am Ende hochverdient. Denn trotz weniger Spielanteile spielte die meiste Zeit doch nur eine Mannschaft – und diese trug schwarzgelb.

Und so war es auch am Ende gar nicht so schlimm, dass Jürgen Klopp seine Sperre auf der Tribüne abbrummen musste und sein Co-Trainer Zeljko Buvac ihn an der Seitenlinie vertrat. Diese Konstellation wird es noch ein weiteres Mal geben, wie sich am Donnerstag herausstellte: die UEFA sperrte Klopp für ein weiteres Spiel. Somit wird Buvac den Übungsleiter beim Auswärtsspiel beim FC Arsenal in London am 22. Oktober wieder vertreten müssen.

Umschaltspiel

Gegen Marseille zog der BVB sein gefürchtetes Umschaltspiel auf: gefühlt noch rasanter als sonst schwärmten gleich fünf oder sechs Borussen bei einem Ballgewinn nach vorne und überrannten die Franzosen regelrecht. Das 1:0 in der 19. Minute war eine logische Konsequenz und ein spielerischer Leckerbissen: Ausgangspunkt war ein Freistoß für Marseille, der Ball landete bei Nuri Sahin und dann ging es aber mal ganz flott. Über Erik Durm gelangte der Ball zu Henrikh Mhitaryan, der legte den Ball quer. Dort stand wieder Durm, der erneut quer legte und der von hinten heran rauschende Robert Lewandowski brauchte den Ball aus kurzer Distanz nur noch einzuschieben. Ein absolutes Sahnetor!

Und nur drei Minuten später hätte Borussia erhöhen können: Kevin Großkreutz raste an der rechten Außenlinie durch bis zur Grundlinie, antizipierte den Raum, in den der Ball kommen würde und spielte einen tollen Querpass auf Lewandowski, der diese hundertprozentige Chance fast schon fahrlässig versemmelte.

Außenverteidiger geschnitzt

An dieser Stelle ein Wort zu den Außenverteidigern des BVB. Auch hier beweist sich das feine Handwerk der Borussia, denn im Gegensatz zu Bundestrainer Joachim Löw, der auf der Tribüne saß und hoffentlich genau hingeschaut hat, kann der BVB sich seine Außenverteidiger schnitzen. Dazu benötigt man lediglich Folgendes:

  • einen laufstarken, ausdauernden Offensivspieler mit Spielintelligenz und Defensivtreue
  • einen Trainer, der diesem Offensivspieler seine neuen Aufgaben vermitteln kann

Gegen Marseille gab Erik Durm auf der Linksverteidiger-Position sein Champions-League-Debüt. Nicht schlecht, dafür, dass Durm ursprünglich mal hauptsächlich für die U23 eingeplant war. Schon in der Vorbereitung bewies er, dass ihm die Rolle des rechten Verteidigers liegt, seit der Verletzung von Marcel Schmelzer ist er ohne zu Murren auf links gewechselt und spielt dort souverän seinen Stiefel herunter. Dabei beweist er trotz seines Alters schon eine erstaunliche Gelassenheit. Von vereinzelten Fehlern, die er (natürlich!) noch macht, lässt er sich nicht verunsichern. Was er spielt, sieht vielversprechend aus und man darf gespannt auf seine weitere Entwicklung sein.

Kevin mit dem Meisterstück

Als Meisterstück in Sachen „Außenverteidiger schnitzen“ darf aber zur Zeit getrost Kevin Großkreutz gelten. Nachdem es zu Beginn der Saison mal wieder so ausgesehen hat, als habe die Qualität im Kader den Dortmunder Jungen mittlerweile überholt, so hat er auch dieses Mal seinen Platz in der Mannschaft gefunden – und möglicherweise sogar die perfekte Position für ihn. In den ersten Spielen waren seine Leistungen auf der Rechtsverteidiger-Position noch so lala. Defensiv war er meist solide, doch die brandgefährlichen Offensivvorstöße, die man von Lukasz Piszczek gewöhnt ist, ließ er vermissen. Das änderte sich aber nach einiger Zeit: schon bei der Niederlage in Neapel war er noch einer der besten Borussen auf dem Platz, gegen Nürnberg wirkte er schon deutlich offensiver als vorher und gegen 1860 und Freiburg holte er sich weiteres Selbstvertrauen. Gegen Marseille, immerhin auf allerhöchstem Niveau in der Königsklasse, bewies Großkreutz nun endgültig, dass er die Transformation abgeschlossen hat – und er spielte wie Piszczek zu seinen besten Zeiten. Er rannte an der rechten Außenlinie entlang, als gäbe es kein Morgen. Vorne, hinten, Großkreutz war einfach überall: defensiv war an ihm nicht vorbei zu kommen, offensiv leitete er zahlreiche Angriffe ein. Zusammen mit Marco Reus war der beste Dortmunder inmitten einer ohnehin guten und geschlossenen Mannschaftsleistung.

Natürlich muss er diese Leistung in den nächsten Wochen bestätigen und ganz sicher wird er in nächster Zeit an seinem Spiel in Marseille gemessen werden. Doch gelingt ihm das, wird es wahrscheinlich selbst für einen Klasse-Verteidiger wie Piszczek nicht einfach werden, ihn wieder zu verdrängen. Schon jetzt hat er aber allen Skeptikern bewiesen, dass er in dieser Mannschaft einfach unverzichtbar ist.

Reus macht das 2:0

Unverzichtbar ist im Moment auch Marco Reus, der zweite gebürtige Dortmunder im Kader. In der 52. Minute setzte er einen Freistoß aus über 20 Metern scharf aufs Tor, Marseilles Torhüter Mandanda wischte ihn noch nach vorne raus, Aubameyang verwertete den Abpraller. Doch die TV-Bilder beweisen: der Ball war bereits beim Freistoß hinter der Linie gewesen, niemand hatte den Ball mehr berührt, also war Reus der Schütze des 2:0.

Das tröstete ein bisschen darüber hinweg, dass dem BVB kurz vor der Pause noch ein klarer Handelfmeter verwehrt geblieben war. Einen Elfmeter gab es aber trotzdem noch: wieder war Marco Reus beteiligt. Er wurde im Strafraum von N’Koulo umgerissen worden, Lewandowski verwandelte den Elfer sicher. Marseille fiel nach vorne überhaupt nichts ein und dass sie den Borussen auch sonst nicht viel entgegen zu setzen hatten, lag an einem anderen statistischen Wert, der weit mehr aussagte als der Ballbesitz: 126 Kilometer rannte die BVB-Elf, mehr als zehn Kilometer mehr als der Gegner. Dieser Aufwand wurde am Ende belohnt mit einem fantastisch heraus gespielten Sieg und den ersten drei Punkten der aktuellen CL-Saison.

Roman für Deutschland?

Der BVB ist also angekommen in der Königsklasse und kann nun unter Beweis stellen, ob er der Dreifachbelastung in diesem Jahr besser gewachsen ist. Schon am Samstag steht ein schweres Auswärtsspiel in Mönchengladbach an. Im Vorbeigehen nimmt man die Punkte dort bestimmt nicht mit, trotzdem könnte es sein, dass Klopp vor allem dem einen oder anderen Nationalspieler eine Pause verordnet. Apropos Nationalspieler: am Freitag gibt der Bundestrainer sein Aufgebot für die beiden WM-Quali-Spiele gegen Irland und Schweden bekannt. Am Mittwoch wurde er mit BVB-Trainer Klopp und Andreas Köpke in Dortmund gesehen. Der Inhalt des Gesprächs ist nicht bekannt, aber zumindest die Anwesenheit des Bundestorwart-Trainers könnte vermuten lassen, dass BVB-Torhüter Roman Weidenfeller endlich einmal seine wohlverdiente Chance in der Nationalelf bekommen könnte.

Borussia Dortmund: Langerak – Großkreutz, Subotic, Hummels, Durm – Bender, Sahin – Aubameyang (71. Blaszczykowski), Mkhitaryan (88. Sokratis), Reus (82. Hofmann) – Lewandowski
Olympique Marseille: Mandanda – N’Koulou, Fanni, Mendes, Mendy – Romao, Imbula – Payet (73. Lemina), Valbuena (81. Jordan Ayew), André Ayew – Khalifa (81. Thauvin)
Tore: 1:0 Lewandowski (19.), 2:0 Reus (52.), 3:0 Lewandowski (80./Foulelfmeter)
Zuschauer: 65.600
Schiedsrichter: Fernández (Spanien)
Gelbe Karten: Bender, Subotic / Fanni, N’Koulou, Romao

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