Auf dem Weg zur 100.000: Die Mitgliederflut beim BVB

Wer am Freitag vor dem Hannover-Spiel mal einen Blick ins Mitgliedermagazin „Borussia“ werfen konnte und sich das Vorwort des BVB-Präsidenten Dr. Reinhard Rauball zu Gemüte führte, der stieß beim genauen Lesen auf eine zunächst mal ziemlich beeindruckende Zahl: 95.000.

95.000. So viele Mitglieder hat Borussia Dortmund mittlerweile. Noch vor drei Jahren waren gerade einmal schlappe 40.000. Auch schon keine schlechte Zahl, aber doch weit hinter Mitglieder-Riesen wie dem FC Bayern oder auch den Blauen.

Imposant ist vor allem die kurze Zeit, in der sich die Mitgliederzahl beim BVB vergrößerte. Nur mal als Rechenbeispiel: vor Beginn der aktuellen Saison, Anfang Juli stand man noch bei 88.000 Mitgliedern. Das bedeutet einen Zuwachs von 7.000 Mitgliedern innerhalb von nur drei Monaten. Der Mitgliedsbeitrag ist mit 62 Euro im Jahr nicht gerade sehr billig, gerade wenn er vielleicht noch für mehrere Familienmitglieder aufgebracht werden muss.

Die Kampagne

Woher kommt diese Mitglieder-Explosion? Beginnen muss man sicher bei der „Welche Farbe hat dein Herz?“-Kampagne des BVB . Diese wurde im April 2007 gestartet. Zu diesem Zeitpunkt gab es exakt 25.385 Mitglieder beim BVB, ein halbes Jahr nach Beginn der Kampagne stand man immerhin schon bei 30.000. Doch damit allein lässt sich das nicht erklären, denn nach anfänglich hohen Eintrittszahlen kamen im folgenden Jahr 2008 nur noch ungefähr 2.000 neue Mitglieder hinzu.

Ein entscheidender Grund sind sicherlich die sportlichen Erfolge. Ohne die Meisterschaft 2011, das Double 2012 und das Champions-League-Finale 2013 hätte es einen solchen Zuwachs vermutlich nicht gegeben. Doch diese Erfolge sind nicht nur deshalb ein Grund, weil sie Euphorie und Begeisterung ausgelöst haben – und dem BVB mit Sicherheit auch viele neue Fans beschert haben – sondern weil mit ihnen plötzlich ein Problem einher ging, dass beim BVB länger nicht mehr in der Form existiert hat: die Schwierigkeit, an Karten zu kommen.

Vorkaufsrecht

BVB-Mitglieder haben ein Vorkaufsrecht auf Eintrittskarten. Bei manchen Auswärtsspielen mit kleinem Gästekontingent werden Karten oft sogar nur an Mitglieder verkauft. Gut möglich, dass dieses Privileg für viele einen Anreiz bietet, die Mitgliedschaft abzuschließen. Oft genug liest man während eines Vorverkaufs in den einschlägigen BVB-Foren, wie manche User frustriert von der Hotline des BVB darüber schwadronieren, ihre Mitgliedschaft wieder zu kündigen. Denn so habe man „ja schließlich keinen Vorteil mehr davon“.

Um sich zusammenzureimen, dass bei dem kleinen Mitgliedskontingent und einer Mitgliederzahl von 90.000+ auch der Großteil der Mitglieder leer ausgehen wird, braucht man keine höhere Mathematik. Wer nur deshalb Mitglied wird, sollte ohnehin mal seine Motive überprüfen. Denn eine Mitgliedschaft ist vor allem eine ideelle Sache. Wer nur aufgrund der 10 Prozent Rabatt im Fanshop und dem Vorkaufsrecht auf Tickets Mitglied wird, verliert möglicherweise ganz schnell dass Interesse an einer Mitgliedschaft, wenn der Verein sportlich irgendwann mal wieder eine Talsohle durchschreitet.

Volles Programm

Ein interessantes Phänomen in den aktuellen Zeiten des Erfolgs ist die enorm schnelle Bereitschaft von „neuen“ Fans, gleich das volle Programm zu fahren – und das am besten gleich für die ganze Familie. Häufig liest man von Fans, die erst seit 2010 oder 2011 zum BVB gehen, aber schon nach den ersten paar Spielen eine Dauerkarte erwerben, Vereinsmitglied werden und ihr Auto schwarzgelb lackieren. Normalerweise wächst die Liebe doch eher langsam, aber stetig wie eine Pflanze.

Natürlich hat der BVB eine große Strahlkraft und ein großes Potenzial, die Massen zu begeistern, gerade seit Jürgen Klopp Trainer geworden ist. Verrückt und mit einem leichten Hang zur Hysterie ausgestattet war das BVB-Umfeld schon immer, selbst in den 60er Jahren. Doch heute nimmt das eine ganz neue Dimension an. Vielleicht ist das auch ein Produkt unserer schnelllebigen Zeit. Trends werden exzessiv verfolgt, bis sie irgendwann von einem Tag auf den anderen völlig out sind, „Stars“ werden hochgejubelt, als kämen sie buchstäblich von einem anderen Stern. Das lässt sich vom Fußball ohne Probleme auf andere Kultur-Bereich übertragen, sei es Musik, seien es Schauspieler, sei es Technik, sei es Mode.

Trend Borussia?

Ob der „Trend Borussia“ auch irgendwann von einem Tag auf den anderen out sein wird? Oder haben wir es hier wirklich mit einem Fall von 95.000 mal „Echte Liebe“ zu tun? Die Frage lässt sich an dieser Stelle nicht beantworten. Das wird man wirklich erst sehen, wenn es vielleicht mal sportlich irgendwann nicht mehr so gut laufen sollte, irgendwann in hoffentlich ferner Zukunft, in einer Post-Klopp-Ära.

In einer Hinsicht hat der BVB jedenfalls auf die Mitgliederflut reagiert und zwar mit einem eigentlich überfälligen Schritt, nämlich einer kleinen Reform der Ticket-Modalitäten. Heimlich, still und leise, ohne große Ankündigung. Als die Vorverkaufstermine für die kommenden Spiele in dieser Woche veröffentlicht wurde, fand sich bei den Heimspielen gegen Bayern München und den SSC Neapel plötzlich der Hinweis, dass kein freier Vorverkauf stattfinden wird. Karten für diese Spiele können nur noch von Mitgliedern erworben werden.

Members only

Was für Auswärtsspiele schon häufig praktiziert wurde (und deshalb auch den Einwand Herrn Watzkes, dass diese Regelung eigentlich nicht so richtig legal sei, ad absurdum führte), wird nun erstmals für zwei Heimspiele mit großer Magnetwirkung angewendet. Bayern und Neapel sind klassische Spiele für „Rosinenpicker“ und klassisch interessante Spiele für den Schwarzmarkt.

Natürlich gibt es auch Mitglieder, die ihre Karten verkaufen – viel zu viele leider. Sollte diese Regelung so beibehalten werden, was man spätestens sehen wird, wenn der Vorverkauf für das Derby anfängt, wird das sicher noch einen weiteren Anreiz bieten, Vereinsmitglied zu werden. Für den Verein ist das also mit Sicherheit kein Nachteil. Trotzdem – oder gerade deswegen – müsste der BVB es viel stärker verfolgen, wenn Karten aus dem Mitgliederkontingent auf dem Schwarzmarkt auftauchen.

Keine Karten den Rosinenpickern

Natürlich könnte man argumentieren, dass nun Fans, die keine Mitglieder sind, kaum noch eine Möglichkeit haben, für solche „Knallerspiele“ Karten zu bekommen. Auf der anderen Seite steht es jedem Fan frei, sich Karten gegen Hertha oder einen anderen Gegner dieser Kategorie zu besorgen. Wer nur zu Spielen gegen Bayern, dem Derby oder den CL-Spielen gehen will, ist ein „Rosinenpicker“ und darf sich nicht beschweren, wenn für ein solches Spiel dann eben erst einmal andere die Möglichkeit bekommen. Einen Vorteil bietet eine solche Lösung auch in der Hinsicht, dass sich z.B. Fans der Blauen oder der Bayern nicht länger über das BVB-Kontingent mit Karten eindecken können. In den letzten zwei Jahren war es nicht so schlimm, aber viele Fans erinnern sich sicher noch an die Derbys, bei denen fast die komplette Nordtribüne blau war. Kein schöner Anblick.

Ein Wunsch

Eine hundertprozentig gerechte Lösung für die Kartenverteilung wird man ohnehin nicht finden, das habe ich hier schon oft angemerkt. Die Karten für Knallerspiele nur noch Dauerkarteninhabern und Mitgliedern zu überlassen, ist ein erster Schritt. Allerdings gibt es eine Kategorie von Leuten, die meiner Ansicht nach bei CL-Spielen eine Karte garantiert bekommen sollten: Südtribünen-Dauerkarteninhaber ohne Option.

Es ist himmelschreiend ungerecht, dass Leute, die aufgrund einer schwachsinnigen UEFA-Regel ihre normalen Plätze nicht einnehmen dürfen, sich auf dem freien Markt mit hunderttausend anderen Fans um teure Sitzplatzkarten prügeln müssen und sich dann das Spiel am Fernseher anschauen müssen, während irgendein Hans und Franz, die einmal im Jahr ins Stadion gehen, eine Karte bekommt. Gerecht wäre es, wenn der Verein diesen 10.000 Fans einen Ersatzplatz garantieren würde. Man könnte ihnen vor der Saison einen Ersatzplatz in der günstigsten Kategorie anbieten und sie genau wie bei der regulären Champions-League-Option dann entscheiden lassen, ob sie diesen haben wollen. Wenn sie ihn ablehnen, könnte man ihnen die Option entziehen – genau wie bei der regulären Option.

Dass stattdessen die Optionen der wenigen abgegeben Karten vom Verein offenbar sogar verlost werden, statt sie dann wenigstens den Fans anzubieten, die schon am längsten auf eine Option warten, ist eine Frechheit.

Großer Verein – große Verantwortung

Somit gibt es weiter in diesem Punkt einiges zu verbessern. 95.000 Mitglieder sind eine Marke. Bald wird man sicher die 100.000 knacken. Doch ein Verein, der viele Fans hat, hat auch eine größere Verantwortung ihnen gegenüber. Gerade weil sich an den Rändern in Erfolgszeiten auch viele Leute tummeln, die nach der ersten Saison, die auf Platz 8 beendet wird, schnell wieder weg sind, sollte der Verein sich neben der Akquise von neuen Fans vor allem auch um die Fans kümmern, die auch in schlechten Zeiten an seiner Seite waren. Denn sie sind sein Kapital und die Konstante, mit der er rechnen kann. Und nicht diejenigen, die beim ersten Misserfolg weg sind.

Noch ein Hinweis: Die diesjährige Mitgliederversammlung von Borussia Dortmund findet am Sonntag, den 24. November 2013 ab 11 Uhr in der Westfalenhalle 3b statt.

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2 Gedanken zu „Auf dem Weg zur 100.000: Die Mitgliederflut beim BVB

    • Ja gut möglich, dass es damit begann. Der BVB hat erst in den 2000er Jahren wirklich offensiv angefangen um Mitglieder zu werben. Bin mir nicht sicher, aber ich glaube, andere Vereine waren da früher dran. Allerdings ist der Mitgliedsbeitrag beim BVB auch höher als woanders, z.B. bei den Blauen.

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