Reisebericht: Triumph im strömenden Regen von London

Es ist fünf Uhr morgens und stockdunkel, als der Wecker klingelt. An viel Schlaf war in dieser Nacht sowieso nicht zu denken. Der Rucksack ist gepackt, der BVB-Schal liegt bereit: in wenigen Stunden wird mich der Flieger vom Flughafen Köln-Bonn aus ins Mutterland des Fußballs bringen. London calling … again!

Schon im ICE nach Köln blitzten neben mir die ersten gelben Trikots auf, am Flughafen noch ein paar mehr. Der Airbus einer englischen Billigfluglinie mit quietsch-orangenem Interieur war voll besetzt und die Crew hatte keine Probleme, ihr Budweiser zu Apothekenpreisen loszuwerden. Die Fangruppe im hinteren Teil des Fliegers hatte dem „Lernsaft“ (Copyright: Homer Simpson) offenbar schon reichlich zugesprochen. Bei der Landung in London-Gatwick stimmten sie laute Gesänge an. Die „normalen“ Passagiere an diesem Morgen blickten panisch um sich.

Vor dem Abflug.

Vor dem Abflug.

London empfing uns mit einem Wetter, das man auch mit reichlich gutem Willen nur als „very british“ bezeichnen kann: strömender Regen und Wind. Wesentlich freundlicher begrüßte uns schon der Beamte bei der Einreisekontrolle. Gut gelaunt fragte er uns, ob wir für das Fußball-Spiel gekommen sind, outete sich als Arsenal-Fan und informierte uns anschließend augenzwinkernd: „It’s cancelled.“ Aber er würde uns trotzdem gerne die Tickets abnehmen, die wir ja nun nicht mehr bräuchten. Ein netter Scherzkeks, der uns anschließend noch einen schönen Aufenthalt und viel Spaß wünschte.

The Arsenal Tavern Hostel

Mit dem Bus ging es nach London rein, mit der Tube dann weiter Richtung Highbury. Unser Hostel lag über einem Pub namens „The Arsenal Tavern“ und befand sich direkt in Islington, nur einen Steinwurf weit weg vom alten Arsenal Stadium.

The Arsenal Tavern. Über dem Pub befand sich unser Hostel.

The Arsenal Tavern. Über dem Pub befand sich unser Hostel.

Da wir noch nicht einchecken konnten, ging es zunächst mal in den Pub, der noch recht leer war. Die einzigen Gäste waren eine Gruppe Schwarzgelber, zu denen wir uns gesellten und uns erst einmal einen Plastikbecher mit Cider genehmigten. Im Pub liefen die Vorbereitungen aufs Spiel schon auf Hochtouren, der Barkeeper hatte die komplette Mitte freigeräumt und begann nun, den ganzen Laden mit der Gründlichkeit einer schwäbischen Hausfrau auszufegen. Hin und wieder kamen Arsenal-Fans rein, blieben unschlüssig stehen und machten beim Blick auf die schwarzgelbe Gruppe in der Ecke wieder kehrt.

Nach einigen Kaltgetränken war es an der Zeit, einzuchecken. Das Neun-Bett-Zimmer im Hostel wartete mit blau (!) lackierten Drei-Stock-Etagen-Betten und Knastatmosphäre auf. Doch wir waren offenbar nicht die ersten Borussen, die der günstige Preis dieses Etablissements und seine Nähe zum Stadion überzeugt hatte: diverse Aufkleber an den Betten und in der Nasszelle des Zimmers (als Bad konnte man das nun wirklich nicht bezeichnen) kündeten von früherer BVB-Präsenz in diesen Räumen.

Wir waren wohl nicht die Ersten...

Wir waren wohl nicht die Ersten…

Arsenal Cafe

Allmählich knurrte der Magen, das Frühstück war etliche Stunden her und das Bier machte sich schon im Kopf leicht bemerkbar. Also gingen wir auf einen Tipp ins „Arsenal Café“. In diesem Stadtteil trägt übrigens jeder zweite oder dritte Laden in irgendeiner Form „Arsenal“ im Namen. Wir waren eindeutig mitten im Refugium unseres Gegners. In dem kleinen Imbissladen wurden wir zunächst mit einer Mischung aus Neugier und Verwunderung empfangen. Die Inhaberin des Ladens fragte uns, ob wir extra für das Spiel gekommen seien. Am Ende unterhielten wir uns mit den Leuten im Cafè aber so nett und wurden von ihnen so freundlich und hilfsbereit behandelt, dass wir dort an den beiden nächsten Tagen, die wir noch zu Museums- und Sightseeing-Zwecken in der Stadt verbrachten, immer dort frühstücken gingen.

Die Pubs und Straßen rund um den Finsbury Park waren in schwarzgelber Hand.

Die Pubs und Straßen rund um den Finsbury Park waren in schwarzgelber Hand.

Gestärkt machten wir uns auf dem Weg zum inoffiziellen Treffpunkt der BVB-Fans in London: die Straßen und Pubs rund um den Finsbury Park waren bereits fest in schwarzgelber Hand, in die Pubs kam man nicht mal mehr hinein, der Lidl nebenan machte an diesem Tag vermutlich den Umsatz des Jahres. Auch im Park selbst sah man schwarzgelb, soweit das Auge reichte. Die Stadt London war aber auf die schwarzgelben Horden gut vorbereitet und hatte eine ganze Batterie von mobilen Toiletten aufgestellt. Die Polizei kam zwar hoch zu Ross angeritten und beobachtete die Fans auch ganz genau. Doch die Polizisten ließen uns weitestgehend in Ruhe und sagten auch nichts, als die Fans ihre Bierdosen mitten auf der Straße leerten, was in England eigentlich verboten ist.

Der Marsch zum Emirates

Von der Kavallerie begleitet startete dann um kurz nach 17 Uhr Ortszeit der BVB-Marsch singend vom Finsbury Park zum Emirates Stadium. Der Verkehr brach kurzzeitig zusammen. Aus ihren Autos heraus filmten die Leute die Borussen. An den Straßen standen staunend die Anwohner, in den Türen ihrer Häuser, an den Fenstern und manchmal sogar auf den Dächern, fast alle hatten ihre Handys gezückt und filmten oder fotografierten uns, während wir zahlreiche Gassenhauer anstimmten, darunter auch den Klassiker „Kommst du abends besoffen nach Haus…“ und in Anbetracht des vor der Tür stehenden Derbys auch „Wer nicht hüpft, der ist ein Scheißer“, was dazu führte, dass sich nun die ganze Horde hüpfend fortbewegte, denn anhalten durften wir nicht, dann schritten die Polizisten ein.

Der Marsch zum Stadion.

Der Marsch zum Stadion.

Nach einer knappen Stunde Marsch tauchte vor uns die markante Fassade des Emirates Stadium aus, einer dieser typischen Stadion-Neubauten der letzten Dekade: ein recht schickes Stadion an sich, aber wie fast alle dieser Neubauten eben irgendwie ein wenig steril und seelenlos. Es fehlt der Hauch der Geschichte, den man in den altehrwürdigen Stadien atmet und der zu einem Traditionsclub wie eben auch dem Arsenal FC einfach dazu gehört. Rauchverbot, Sitzzwang und Alkoholverbot gelten im Stadion. Dazu die enorm hohen Eintrittspreise – es ist wirklich kein Wunder, dass die einst so berühmte englische Fankultur immer mehr ausstirbt oder sich zumindest aus den Stadien in die Pubs verlagert.

Highbury Library

Vom Gästeblock wurde den englischen Zuschauern einmal mehr vor Augen geführt, was sie verloren haben, denn bei uns hielt sich selbstverständlich niemand an das Stehverbot. Die knapp 3.000 BVB-Fans veranstalteten einen guten Support. Es wurde durchgehend gesungen, zwischendurch ein Wechselgesang zwischen den beiden Seiten des Gästeblocks angestimmt. Die Arsenal-Fans schwiegen und staunten. Und plötzlich war auch völlig klar, wieso ihr Stadion auch innerhalb von England gerne als „Highbury Library“, also als Bibliothek, verspottet wird. Als die Gunners zwischendurch mal einen kurzen Gesang anstimmten, der genau so schnell wieder abebbte, wie er begonnen hatte, antwortete ihnen der Gästeblock kurz und treffend: „You are shit and you know it“.

Das Emirates Stadium.

Das Emirates Stadium.

Auf dem Rasen entwickelte sich ein mitreißendes Spiel. Beide Mannschaften spielten Offensivfußball auf hohem Niveau, doch die ersten dreißig Minuten gehörten eindeutig dem BVB, der sich mehr und bessere Chancen heraus spielte. In der 16. Minute ging Borussia dann auch folgerichtig in Führung: Marco Reus hatte den Ball zurückerobert, Robert Lewandowski spielte den Ball auf den in letzter Zeit leise kritisierten Henrikh Mkhitaryan und der hatte frei vor Arsenal-Keeper Szczesny keine Probleme, den Ball im Tor zu versenken. Doch nach einer halben Stunde verlor der BVB seine gute Ordnung, bzw. anders herum könnte man auch sagen: Arsenal fing an, seine Klasse zu zeigen und kam mehrfach gefährlich vor das BVB-Tor. In der 41. Minute glich Giroud aus, 1:1. In der zweiten Halbzeit spielte dann eigentlich fast nur noch Arsenal, die den BVB nun erbarmungslos unter Druck setzten und die Defensive zu Fehlern zwangen. Der BVB reagierte fast nur noch, von Gegenpressing war nichts mehr zu sehen und allmählich bekam man das ungute Gefühl, dass Borussia das 1:1 nicht über die Zeit würde retten können. Denn Arsenal war einfach verdammt stark.

Das Tor

Dann brach die 82. Minute an und stellte die ganze zweite Halbzeit auf den Kopf. Ich brüllte auf der Tribüne gerade noch „Verdammt noch mal! Ich nehme von mir aus auch einen unverdienten Sieg mit!“ und plötzlich passierte es: Wie ein Wahnsinniger und viel zu schnell für die konsternierten Gunners sprintete auf einmal Kevin Großkreutz die rechte Seitenlinie hoch Richtung Clock End. Dann schlug er eine perfekte Flanke auf Lewandowski und der fackelte nicht lange und drosch das Ding ins Netz – 2:1 für Borussia und der Gästeblock flippte völlig aus.

Damit war das Spiel entschieden. Die letzten zehn Minuten spielte die Mannschaft es dann relativ souverän runter und obwohl Arsenal noch mal alles nach vorne warf, brannte nichts mehr an. Der ersehnte und wichtige Auswärtssieg in der Champions League war unter Dach und Fach. Dass der Sieg am Ende in Anbetracht der zweiten Halbzeit doch einigermaßen glücklich war, juckte niemanden. Die Mannschaft feierte auf dem Rasen, kletterte geschlossen in den Gästeblock und durchlief die unteren Reihen, um mit den Fans abzuklatschen. Anschließend bekamen die Spieler noch einen eindeutigen Auftrag mit auf den Weg: „Wir woll’n den Derbysieg!“. Die zwei Niederlagen in der letzten Saison gegen den Erzfeind saßen auch im Moment des Triumphs noch tief.

Strömender Regen

Nach der obligatorischen Blocksperre entließ man uns in den strömenden Londoner Regen. Erst mal ein Bier an einem kleinen Supermarkt und ein wenig unterstellen, in der Hoffnung, dass man vielleicht noch halbwegs trocken zurück kommt. Dort kamen wir ins Gespräch mit einem Arsenal-Fan, der uns zum Sieg gratulierte und sich beeindruckt vom Gästeblock zeigte. Rührselig berichtete er uns, dass es früher in England auch ganz anders gewesen sei. Wir unterhielten uns lange mit ihm, am Ende versicherte er uns, er wolle unbedingt mal nach Dortmund kommen zu einem Spiel, um sich unser schönes Stadion anzusehen. Und überhaupt bewundere er den deutschen Fußball.

Mit solchen Aussagen war dieser Arsenal-Fan keine Ausnahme. Es hat den Anschein, dass die Engländer tatsächlich allgemein das „Fairplay“ einfach ernster nehmen. Den gegnerischen Fans nach dem Spiel zum Sieg zu gratulieren und ihnen zu sagen, dass sie ihren Support unglaublich geil fanden, ist für sie kein Problem. Auch die englischen Zeitungen, etwa die „Daily Mail“, berichteten unbefangen von den deutschen Fans, die das Emirates rockten – trotz der sportlichen Rivalität zwischen Deutschland und England. In deutschen Zeitungen wäre das irgendwie nicht denkbar.

Ein Pub will uns haben

Diese Lockerheit erstreckte sich allerdings nicht auf die strikte Trennung von Heim- und Gästefans, die in England im Umfeld des Stadions praktiziert wurde. Wir wollten eigentlich gerne noch ein paar Bier trinken und den Sieg etwas begießen. Doch fast alle Pubs waren für „Home Fans only“. Als wir den Plan schon fast wieder aufgegeben hatten, kamen wir zum Pub „The Blackstock“. Bei Licht betrachtet war das ein ziemlich heruntergekommener Laden, in dem sich durchaus etwas zwielichtige Gestalten herumtrieben. Doch es war dunkel und was wir sahen, war ein BVB-Fan, der rauchend vor der Tür stand. In dieser Kaschemme, die sich musikalisch übrigens strikt an die 90er Jahre hielt, waren die schönsten Farben der Welt offenbar willkommen! Wir gingen rein, vernichteten zu den Klängen der „Backstreet Boys“ und „Mambo Nr. 5“ das eine oder andere Pint und bekamen noch manchen Schulterklopfer von den paar Engländern, die sich ebenfalls dort herum trieben. Erst um weit nach 1 Uhr machte der Laden dicht, anders als die meisten Pubs in London, die für gewöhnlich um 23 Uhr schließen, auch am Wochenende. (Weltstadt und so…)

Ein grandioser Abend, der noch nicht einmal mehr dadurch verdorben werden konnte, dass ich bei der Rückkehr ins Hostel mein Bett nass vorfand, weil die Decke darüber den starken Regenfällen offenbar nicht standgehalten hatte.

Fußball-Sightseeing

Zwei Tage blieben wir noch in London. Nach einem zünftigen englischen Frühstück im „Arsenal Café“ ließen wir uns den Weg zum alten „Arsenal Stadium“ erklären und machten einen kurzen Abstecher dorthin. Das Stadion ist zu einer exklusiven Wohnanlage umgebaut worden, wobei man die Tribünen und die äußere Fassade aber komplett erhalten hat.

Das alte Arsenal Stadium von außen.

Das alte Arsenal Stadium von außen.

Hinein kommt man eigentlich nicht, das ist Privatgelände und durch eine Tür mit Zahlencode gesichert. Doch wir hatten Glück. Als wir gerade versuchten durch den Zaun wenigstens einen kleinen Blick ins Innere zu erhaschen, kam ein Bewohner heraus, winkte uns herein und sagte uns, falls irgendjemand uns fragen sollte, was wir dort zu suchen hätten, sollten wir ihnen sagen, wir seien mit dem Typ aus Appartment Nummer Soundso befreundet.

Das ehemalige Spielfeld des Arsenal Stadium ist zu einem Park umgestaltet worden.

Das ehemalige Spielfeld des Arsenal Stadium ist zu einem Park umgestaltet worden.

Somit bekamen wir noch einen exklusiven Blick hinter die Kulissen, der anderen Touristen eigentlich verschlossen bleibt. Das ehemalige Spielfeld ist zu einer Parkanlage umgebaut worden, die Wohnungen sind in die alten Tribünen hinein gebaut werden und sie heißen noch genau so wie früher: „East Stand“, „North Stand“ etc. Eigentlich ist das Ganze ziemlich schick geworden – mal davon abgesehen, dass an dieser traditionsreichen Stätte eben leider kein Fußball mehr gespielt wird.

Und jetzt: Derby!

Beim üblichen Sightseeing-Programm mit Big Ben, Buckingham Palace und Trafalgar Square begegneten wir immer wieder auch anderen Schwarzgelben, auch wenn der Großteil wohl direkt nach dem Spiel zurückgeflogen ist. Am Donnerstag begegnete uns unser Verein noch einmal am Puma Store in der Fußgängerzone. Die BVB-Trikots hingen nicht etwa irgendwo in der hintersten Ecke, sondern äußerst prominent direkt im Schaufenster. Das geht doch runter wie Öl und ist sicher auch ein Zeichen für die steigende Wertschätzung, die der deutsche Fußball im Allgemeinen und der BVB im Besonderen in England allmählich genießen.

Am Donnerstagabend flogen wir zurück in die Heimat und das Kapitel London ist abgehakt. Ab jetzt hieß es: volle Konzentration aufs Derby!

Mehr Fotos von dem Spiel in London gibt es übrigens bei westline.

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