Buchrezension: Catrine Clay – Trautmanns Weg

Fußballerbiografien gibt es wie Sand am Meer. Und viele davon gleichen sich stark. Die Biografie über Bert Trautmann fällt völlig aus dem Rahmen. Das Buch ist ganz anders – einfach deshalb, weil Trautmanns Lebensweg abenteuerlich und voller überraschender Wendungen war. Schon der Untertitel „Vom Hitlerjungen zur englischen Fußball-Legende“ bringt diese ungewöhnliche Biografie auf den Punkt.

Als Bert Trautmann im Juli 2013 kurz vor seinem 90. Geburtstag starb, trauerten Fußballfans in Deutschland, aber vor allem in England um ihn. Er war hochdekoriert, hatte unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den „Order of the British Empire“ verliehen bekommen. In Erinnerung blieb er den Menschen aber nicht durch seine Auszeichnungen, sondern durch seine Furchtlosigkeit, mit der er seinen Strafraum beherrschte und gegnerische Stürmer zur Verzweiflung brachte. In Erinnerung bleibt er durch seinen Ehrgeiz, aber auch durch seinen Einsatz für Fairplay und Menschlichkeit – zwei Dinge, die er wohl erst in England so richtig kennen gelernt hat.

Hitlerjugend und Fallschirmjäger

Denn aufgewachsen ist der gebürtige Bremer während der NS-Diktatur, für die er sich als Knabe schnell begeistert. Er tritt in die Hitlerjugend ein und ist sehr empfänglich für die Propaganda, mit der die Jugendlichen gedrillt und auf Krieg abgerichtet wurden. Mit 17 meldet Trautmann, der Zeit seines Lebens immer ein sportlicher Überflieger gewesen war, sich freiwillig zur Luftwaffe, später geht er zu den Fallschirmjägern. In Gesprächen mit der BBC-Reporterin Catrine Clay, die die Grundlage für das Buch bildeten, gab er zu, in dieser Zeit ein absolut überzeugter Nazi gewesen zu sein.

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Er meldet sich freiwillig für die gefährlichsten Einsätze und wird nie schwer verwundet. Zweifel an der NS-Ideologie kommen ihm selten, trotz der traumatischen Erlebnisse an der Front und obwohl er gelegentlich auch mitbekommt, welch furchtbare Verbrechen im Schlepptau der Wehrmachtseinheiten begangen werden. Im März 1945 wird er von Engländern gefangen genommen und kommt in britische Kriegsgefangenschaft.

Die eigentliche Erziehung

„Damals begann meine eigentliche Erziehung, mit 22, in England,“ sagte Trautmann selbst. Obwohl er sich den politischen Umerziehungsmaßnahmen der Briten zunächst widersetzt und – wie es manchmal den Eindruck macht – schon aus reinem Trotz Nazi bleibt, verändert sich der junge Mann, als er nach Aufhebung des Fraternisierungsverbots auch privat Engländer kennen lernt und überrascht feststellt mit welcher Freundlichkeit und Herzensgüte sie ihm, dem Kriegsfeind, begegnen.

Clay zeichnet eindrucksvoll das Bild eines ehrgeizigen und zerrissenen jungen Mannes, der alles woran er geglaubt hat, vor sich einstürzen sah. Ein Mann, der furchterregende Wutanfälle ausleben konnte und zu großem Trotz neigte.

In einer Kriegsgefangenmannschaft beginnt Trautmann Fußball zu spielen, zunächst als Stürmer, bevor er dann eher zufällig zum Torhüter gemacht wird und sich schnell einen Namen macht. Er bleibt 1948 freiwillig in England, obwohl er aus der Gefangenschaft entlassen wird und spielt für den Amateurverein St. Helens Town, bis ihm ein Jahr später ein Profivertrag von Manchester City angeboten wird.

Gegenwind in Manchester

Seine Verpflichtung wird allenthalben mit Entsetzen aufgenommen, Manchester hatte eine große jüdische Gemeinde, viele Mitglieder waren Holocaust-Überlebende und so gibt es viel Protest gegen die Verpflichtung des deutschen Torhüters nur vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Catrine Clay beschreibt anschaulich, wie stark diese Zeit Trautmann prägte, wie sehr ihn der massive Gegenwind auch erschreckte und wie sehr es ihn am Ende berührte, dass ein Rabbi schließlich zur Besonnenheit mahnt und die Leute auffordert, ihm, dem ehemaligen Kriegsgefangenen, eine Chance zu geben. In den folgenden Jahren treibt ihn neben seinem sportlichen Ehrgeiz auch das Ziel an, den Engländern zu beweisen, dass es auch „gute Deutsche“ gibt. Er wird heimisch in England, heiratet eine Engländerin und bekommt einen Sohn mit ihr.

Die anfängliche Ablehnung des Volkes schlägt schnell um in Bewunderung, als Trautmann im Tor von Manchester City herausragende Leistungen zeigt. Endgültig zur Legende wird er während des gewonnenen FA-Cup-Finals 1956, als er nicht nur glänzend hält, sondern überdies eine Viertelstunde lang mit Genickbruch spielte und diesen nur durch viel Glück überlebte. Noch als alter Mann wurde er in Manchester erkannt, angesprochen und um Fotos und Autogramme gebeten, 2007 wurde er gar zum besten ManCity-Spieler aller Zeiten gewählt.

Charakterliche Wendung

Trautmann besaß eine interessante Persönlichkeit und dass er Clay so ehrlich und bereitwillig Rede und Antwort stand, spricht noch mal für ihn. Denn er hatte durchaus Charakterzüge an sich, die nicht besonders angenehm waren und er sprach auch über Dinge, die er getan hatte und für die er sich hinterher schämte. Trautmann wird also in diesem Buch keineswegs auf einen Sockel gehoben, er wird mit seinen guten und schlechten Seiten beschrieben. Dennoch kann sich auch der nachgeborene Leser, der „Trauty“ nie in Aktion gesehen hat, nach der Lektüre durchaus vorstellen, warum er das Zeug zur Legende hatte. Die charakterliche und ideologische Wandlung des Torhüters arbeitet Clay sehr anschaulich heraus.

Was dieses Buch außerdem ungewöhnlich macht und von vielen anderen Fußballer-Biografien abhebt, ist, dass es eigentlich keine reine Biografie, sondern auch ein Geschichtsbuch ist. Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, unter den Trautmann aufwuchs, die NS-Ideologie, der Kriegsverlauf, die Nachkriegszeit in England – Clay widmet all diesen geschichtlichen Ereignissen relativ lange Passagen. Die Idee hinter diesem Buch war somit auch eher, Weltgeschichte mit Trautmann zusammen zu erzählen.

Späte Jahre fehlen

Der Ansatz ist interessant, aber man sollte es vor der Lektüre wissen. Ein bisschen fraglich ist es auch, ob es diesen Ansatz gebraucht hätte, denn populärwissenschaftliche Bücher über den Zweiten Weltkrieg gibt es eigentlich sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache mehr als genug und Trautmanns Biografie ist eigentlich so interessant, dass sie auch für sich genommen, mehrere hundert Seiten füllen könnte. Ein bisschen schade ist es auch, dass Clay das Buch im Grunde genommen mit dem FA-Cup-Sieg von 1956 beendet. Der weitere berufliche und private Lebensweg von Bert Trautmann wird im Nachwort zwar noch angerissen, aber nicht mehr vertieft. Dabei folgten auf seine Spielerkarriere noch viele weitere, interessante Jahre als Trainer u.a. bei Preußen Münster, aber auch in Pakistan, Liberia und Burma, über die man auch gerne etwas mehr gelesen hätte.

Doch durch den gewählten Ansatz beschränkt sich das Buch eben doch auf die Jugend in der Hitlerzeit, der Kriegsgefangenschaft und die anschließende Zeit in England. Denn letztlich wollte Clay wohl gar keine vollständige Biografie schreiben, sondern vor allem ein Porträt dieser ungewöhnlichen ideologischen Wandlung und diesen absolut nicht selbstverständlichen Legendenstatus von Bert Trautmann zeichnen. Und das ist ihr exzellent gelungen!

Catrine Clay: Trautmanns Weg. Vom Hitlerjungen zur englischen Fußball-Legende, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2013, 303 S. geb. 24,90 €

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