Buchrezension: Hardy Grüne – Wenn Spieltag ist

Die Bundesliga hat in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag gefeiert und kann wohl ohne Wenn und Aber als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Zahlreiche Bücher erschienen in diesem Jahr anlässlich des Jubiläums. Eines der vielleicht wichtigsten erschien erst Ende Oktober. Es befasst sich mit den Menschen, ohne die diese Liga niemals eine solche Erfolgsstory hätte werden können: Fans.

Auf 256 Seiten bietet Hardy Grüne den Fans in der Fußball-Bundesliga eine Bühne und beschreibt zugleich den Wandel, den Fans und Fankultur in 50 Jahren durchlebt haben. Das Buch gliedert sich in acht Kapiteln, in denen jeweils ein fanspezifischer Themenkomplex zusammen gefasst wird: Fans, Kurve, Farbe, Auswärts, Gewalt, Frauen, Kommerz und Ultras.

Kurve und Farbe

Während „Kurve“ und „Farbe“ sich mit den Identifikationspunkten der Fans auseinandersetzen, wird im Kapitel „Auswärts“ das Abenteuer Auswärtsspiel in Zeiten des Schwarzweiß-Fernsehens, aber auch der heutigen Zeit beleuchtet. Das Kapitel „Gewalt“ widmet sich vor allem dem „dunklen Zeitalter“ des Fußballs, den 80er und frühen 90er Jahren, in denen der Fußball im Gegensatz zu heute tatsächlich ein Gewaltproblem hatte. Auch die aktuelle Sicherheitsdebatte kommt zur Sprache und soviel sei verraten: sie wird relativ neutral und differenziert dargestellt.

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Von Co-Autorin Nicole Selmer stammt das Kapitel „Frauen“ und sie räumt mit einigen Vorurteilen gründlich auf. In ihrem Text beschreibt sie anschaulich, dass weibliche Fankultur ebenso heterogen wie die übrige Fankultur ist. Neben den „Schwärmerinnen“ und Eventfans gibt es auch Ultra-Frauen und auch viele ganz normale, weibliche Fans, die ihre Leidenschaft für den Verein ausleben und regelmäßig ins Stadion gehen. Treffend veranschaulicht sie, dass Frauen im Stadion sich auch heute im 21. Jahrhundert noch gegen die Männer durchsetzen müssen und oft genug auf der Tribüne nicht richtig ernst genommen werden – obwohl sie genau so viel oder in einigen Fällen sogar mehr Ahnung von Fußball haben als Männer.

Frauen und Ultras

Dazu eine kleine Anmerkung von einer „persönlich Betroffenen“: ich interessiere mich nicht die Bohne für Gender Studies und dergleichen. Ich bin generell ein Mensch, der sich relativ gut durchsetzen kann und hatte nie übermäßig Probleme, im Stadion von den Männern ernst genommen zu werden. Doch hin und wieder spüre auch ich diese Geringschätzung. Und das ist vor allem dann zum Haareraufen, wenn es durch „Männer“ geschieht, die noch mit der Rassel um den Weihnachtsbaum gerannt sind, als ich mein erstes Spiel auf der Süd gesehen habe.

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Das Kapitel „Ultras“ ist vom zweiten Co-Autor Christoph Ruf verfasst worden, der gerade ein ganzes Buch zum Thema Ultras veröffentlicht hat (Anm. d. Autorin: Kurvenrebellen ) und somit sehr vertraut mit der Thematik ist. Er erläutert in einem kurzen Abriss die Entstehung der Ultra-Kultur, ihr Wesen und ihre Grundsätze. Er stellt die Probleme, die sich im Verhältnis zu den Vereinen und den anderen Fans ergeben, sachlich dar und beschreibt ebenfalls die Verdienste, die sich Ultras vielfach um den Verein und auch sozial erworben haben.

Das Kapitel „Kommerz“ ist fast selbsterklärend: es geht um Vermarktung und deren Grenzen, um Merchandising, TV-Rechte, Sponsoren und um den Kampf gegen den modernen Fußball.

Kleiner Kritikpunkt

Die Texte bieten einen ziemlich vollständigen Überblick über alle Themen, die Fans und Fankultur in den letzten 50 Jahren bestimmten. Sie sind dabei prägnant, auf den Punkt, aber doch knapp gehalten, weshalb sich das Buch auch ohne Probleme an einem Nachmittag durchlesen lässt.

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Etwas schade ist es, dass gerade das erste Kapitel, „Fans“, ein bisschen misslungen ist. Grüne versucht sich hier an einer „Typologie“ der Fans, die im Großen und Ganzen zu simpel ist und in der sich viele Fans nicht wiederfinden dürften. An manchen Stellen mögen die Einschätzungen treffend sein – erstaunlich differenziert ist der Typ „Hooligan“ beschrieben – doch an anderen Stellen verallgemeinert diese Typologie zu stark. So mag es sicherlich „Kutten“ geben, die eigentlich nur zum Saufen ins Stadion gehen, sich clown-mäßig ausstaffieren und sich im Übrigen immer wie der letzte Voll-Asi aufführen. Das dürfte aber kaum auf die Mehrheit zutreffen und diffamiert somit im Grunde jeden, der eine Kutte trägt. Leider zieht sich speziell dieses Klischee durch das ganze Buch. Nun ist die Typologie möglicherweise auch nicht so ganz bierernst gemeint, aber ich zum Beispiel finde mich in keinem der „Typen“ wieder.

Phänomenale Bildersammlung

Ein Grund, das Buch nach dem ersten Kapitel direkt wegzulegen ist es aber auf keinen Fall, auch wenn man sich über manche Stereotype etwas ärgern kann. Im Großen und Ganzen hat Grüne – selbst Fußballfan – schon versucht, alle Themen relativ differenziert darzustellen und in weiten Teilen ist das auch gelungen.

Das eigentliche Highlight dieses Buches sind die Bilder. Rund 400 tolle Fotos aus 50 Jahren deutscher Fankultur machen dieses Buch zu einem absoluten Must-have. Dabei finden sich Schwarzweiß-Bilder aus den überfüllten Kampfbahnen genau so wie Bilder von aufwändigen Choreografien aus der Neuzeit. Plakate aus den 70ern genau so wie Doppelhalter oder Spruchbänder aus der letzten Saison. Bilder von Ultras, Kutten, Normalos, Eventfans, Schwärmern und allen anderen Facetten des Publikums in den Stadien. Bilder von Platzstürmen und den Ritualen aus den 70ern, als Fahnen im Mittelkreis angebetet wurden. Bilder von Pyrotechnik, Bilder aus Sonderzügen, auch ein Bild von einem Fan, der einen Fotografen anpinkelt. Eine so liebevoll zusammengestellte Bildersammlung zu dem Thema ist mir zumindest sonst nicht bekannt.

Klare Empfehlung

Fazit: Abgesehen von dem nicht ganz so gelungenen Einstieg zeichnet dieses Buch ein sehr schönes und vollständiges Porträt von 50 Jahren deutscher Fankultur, ihren Höhepunkten und Tiefpunkten und vor allem ihrem Wandel und ihrer ständigen Dynamik. Denn das zieht sich durch: Fankultur war immer einem Wandel unterworfen und somit haben wir wahrscheinlich auch heute noch nicht den endgültigen „Aggregatzustand“ erreicht. Die Bilder sind einfach klasse und das Buch wird sich gut in jeder Fußball-Bibliothek machen. Klare Kaufempfehlung!

Hardy Grüne (Hrsg.): Wenn Spieltag ist. Fußballfans in der Bundesliga, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2013, 256 S., 29,90 Euro (gebundene Ausgabe)

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