Ein Zwischenfazit: Wohin geht die Reise des BVB?

Fußballdeutschland liegt in vorwinterlicher Starre – es ist mal wieder Länderspielpause. Eine gute Gelegenheit, einmal auf das erste Saisondrittel zu schauen und einen Ausblick zu wagen.

Die wichtigste Erkenntnis der aktuellen Pause ist wohl, dass an deren Ende der BVB einen weiteren Nationalspieler haben wird: Roman Weidenfeller wurde im „biblischen“ Alter von 33 Jahren erstmals für die Nationalelf berufen und wird wahrscheinlich am Dienstagabend sein erstes Länderspiel machen. Eine natürlich längst überfällige Berufung, die Weidenfeller sicher noch mehr Selbstbewusstsein geben wird, als er ohnehin schon hat. Stolz präsentierte er vor ein paar Tagen Fotos auf seiner Facebook-Seite im Nationaltrikot. Egal, ob einen die DFB-Elf interessiert oder nicht: es gab wahrscheinlich nicht einen BVB-Fan, der sich nicht wahnsinnig für unsere Nummer Eins gefreut hätte. Nun werden endlich für seine jahrelangen, konstant starken Leistungen im BVB-Tor honoriert.

Kevin mal wieder zuhaus

Ein bisschen schade ist es, dass Kevin Großkreutz nicht berufen wurde, obwohl er in dieser Saison überragende Leistungen auf der Rechtsverteidigerposition abgeliefert hat. Dass ein so variabler Spieler mit dieser Spielintelligenz auch der Nationalmannschaft gut zu Gesicht stünde, liegt auf der Hand. Dass er trotzdem bisher nicht über drei Länderspiele hinaus gekommen ist, hat abgesehen von seiner eher durchwachsenen letzten Saison wahrscheinlich eher keine sportlichen Gründe. Seine allseits bekannte Einstellung zu Ultra-Themen und Pyrotechnik, allzu bierselige Auftritte bei den Titelfeiern des BVB und sein Hang zur Provokation in Bezug auf den Erzrivalen haben ihm in den letzten Jahren einen gewissen Ruf beschert, der ihn zwar bei den BVB-Fans legendär gemacht hab, beim konservativen und weichgespülten DFB vermutlich eher so mittelmäßig gut angekommen ist.

Da nützt es ihm dann auch wenig, dass er sich in den letzten anderthalb Jahren öffentlich deutlich zurückgenommen hat und durch solche Dinge eigentlich kaum noch aufgefallen ist. Seine Chancen auf die WM 2014 dürften somit marginal sein. Für ihn natürlich schade, aus BVB-Sicht insofern gut, als dass er sich nicht dem zusätzlichen Verletzungsrisiko bei unwichtigen Länderspielen aussetzt. Ein Ausfall von Großkreutz wäre zur Zeit eine Katastrophe.

Zwei wichtige Spiele

Denn es stehen wichtige Spiele an. Erst kommen am Samstag die angeblichen „Überbayern“, die im letzten Aufeinandertreffen im Juli allerdings mal ganz irdisch mit 4:2 aus dem Westfalenstadion geschossen wurden. Und nur drei Tage später steht das richtungsweisende Champions-League-Spiel gegen den SSC Neapel an, das der BVB mindestens mit zwei Toren Differenz gewinnen muss, um die Chance aufs Achtelfinale zu wahren.

Das Spiel gegen die Bayern wird vielerorts schon als Vorentscheidung in der Meisterschaft betrachtet. Klingt ein wenig lächerlich, schließlich ist es erst Mitte November. So abwegig ist der Gedanke allerdings nicht, denn der Abstand auf den FCB betrüge im Falle einer Niederlage schon satte sieben Punkte. Und auch wenn der eine oder andere Spieler oder Offizielle betont, es sei keine Vorentscheidung, weil es ja noch viele Spiele seien: zumindest im Moment kann man sich nicht vorstellen, dass die Bayern in dieser Saison tatsächlich noch drei Spiele verlieren. Dass sie einen ziemlich unansehnlichen und langweiligen Fußball spielen ändert leider nichts an der Tatsache, dass sie Woche für Woche unter Beweis stellen, dass man die Punkte auch mit Schlafwagenfußball einfahren kann. Fakt ist, dass sie bisher erst vier Punkte liegen lassen haben.

Ärgerliche Punktverluste

Ganz anders sieht es beim BVB aus. An und für sich kann man mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden sein. Borussia ist Zweiter, die direkte Champions-League-Quali also aus eigener Kraft machbar. Wer allerdings vor der Saison insgeheim auf die 09. Deutsche Meisterschaft gehofft hat, der dürfte mittlerweile skeptischer geworden sein. Zwar spielt Dortmund den wohl attraktivsten Fußball der Liga und wenn die BVB-Maschine einmal ins Rollen gekommen ist, walzt sie den Gegner nieder. Freiburg, der HSV oder das jüngste Opfer, Stuttgart, können ein Lied davon singen. Aber dann gibt es eben auch Spiele wie in Gladbach, wo man über 90 Minuten drückend überlegen ist und dann am Ende nicht nur einen, sondern auch noch alle drei Punkte abgibt. Oder man verliert 1:2 ein Wolfsburg – ein Spiel, das man auch nicht zwingend verlieren muss.

Auch in der Champions League gab es beide Gesichter. Auf das 2:1 in London, in dem sich der BVB abgezockt im Stile einer Spitzenmannschaft zeigte, folgte eine wenig durchschlagkräftige Vorstellung gegen Arsenal im Westfalenstadion, die einen nun um das Weiterkommen zittern lässt. Eine auffällige Schwäche des BVB sind die Standardsituationen. Das beinhaltet zum einen die Unfähigkeit, nach eigenen Eckbällen auch nur einen Hauch Torgefahr zu entwickeln – man ist ja schon fast froh, wenn der Ball nur im Aus landet und kein Konter für den Gegner herausspringt – als auch die enorme Anfälligkeit für Gegentore nach Standardsituationen. Man kann nur hoffen, dass Jürgen Klopp es gelingt, diese Dinge spätestens in der Wintervorbereitung, wenn wieder mehr Zeit zum Trainieren ist, abstellen kann.

Starke Offensive

Die Offensive des BVB ist auch nach dem Abgang von Mario G. Stark und angsteinflößend für jeden Gegner. Pierre-Emerick Aubameyang hat sich gut eingefügt, ist schon jetzt eine echte Verstärkung und hat bereits sieben Treffer auf dem Konto (von denen er allerdings drei am ersten Spieltag in Augsburg erzielte). Es könnten allerdings locker doppelt so viele sein. An seiner Chancenverwertung muss er noch etwas arbeiten.

Henrikh Mkhitaryan bewegt sich momentan noch etwas zwischen Licht und Schatten. Sehr gute Auftritte wechseln sich ab mit Spielen, in denen der Armenier nicht großartig in Erscheinung tritt. Allerdings ist es albern, dass manch einer ihn jetzt schon abschreibt. Seine Ablösesumme löst natürlich eine gewisse Erwartungshaltung aus, aber „Miki“ wäre nicht der erste Spieler, der halt eine halbe Saison oder sogar eine ganze braucht, um sich vollständig ans Klopp-System zu gewöhnen. Dafür stellt Marco Reus in seinem zweiten Jahr unter Beweis, dass sich die teure Rückhol-Aktion allemal gelohnt hat. Und Robert Lewandowski? Tut das, was ein Robert Lewandowski eben tut: Tore schießen. Der – wahrscheinlich – zukünftige Bayern-Spieler verhält sich professionell und hat bereits neun Tore auf dem Konto. Seine Berater halten im Moment auch den Schnabel – alles gut also.

Verletzungspech

Pech hatte der BVB bis jetzt mit Verletzungen. Ilkay Gündogan hat seit Monaten Rücken und fällt schon so lange aus, dass man kaum noch weiß, wie er aussieht. Mit ihm ist erst in der Rückrunde wieder zu rechnen. Sebastian Kehl ist wochenlang ausgefallen und zwischenzeitlich hatte Borussia mit Nuri Sahin und Sven Bender nur noch zwei Sechser. Auch die beiden waren zwischenzeitlich verletzt, aber zum Glück während einer Länderspielpause, die dadurch ausnahmsweise mal gelegen kam.

Lukasz Piszczeks langer Ausfall war vorprogrammiert und man konnte sich darauf einstellen. Dass über seinen Ausfall überhaupt so wenig gejammert wurde, ist Kevin Großkreutz zu verdanken, der ihn glänzend ersetzt. Nichtsdestotrotz ist es erfreulich, dass der polnische Nationalspieler gute Fortschritte macht und eventuell schon dieses Jahr zurück kommt. Spannend wird es dann werden, wie schnell er wieder im Team ist, denn eigentlich kann man Kevin im Moment unmöglich raus nehmen. Aber Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft und zwei solche Hochkaräter für die rechte Seite zu haben, ist ein Luxus für Jürgen Klopp, von dem andere Trainer nur träumen können.

Subotic fällt lange aus

Ein herber Schlag ist natürlich die schwere Verletzung von Neven Subotic, die er sich in Wolfsburg zuzog. Der Serbe erlitt einen Kreuz- und Innenbandriss und die Saison dürfte für ihn gelaufen sein. Er spielte bis dahin eine gute Saison und somit ist es umso ärgerlicher, dass sie nun vorzeitig beendet ist. Man kann ihm nur wünschen, dass er sich gut erholt und gestärkt aus dieser Krise hervor geht. Wer seine Vita kennt, dürfte daran aber überhaupt keinen Zweifel haben. Das ist natürlich auch eine Chance für den dritten Neuzugang, Sokratis, seine Qualitäten unter Beweis zu stellen. In seinen bisherigen Auftritten überzeugte der schweigsame Grieche zumeist. Zudem ist er ein ähnlicher Spielertyp wie Subotic, so dass er ihn wahrscheinlich adäquat ersetzen kann. Ein Ausfall von Mats Hummels wöge wahrscheinlich noch etwas schwerer.

Passieren darf allerdings keinem von beiden etwas, denn zur Zeit stehen ansonsten nur noch die Nachwuchskräfte Koray Günter und Marian Sarr zur Verfügung, die aber beide in dieser Saison auch mit Verletzungen und Formschwankungen zu kämpfen hatten. Möglicherweise tut man den beiden keinen Gefallen, ihnen in dieser Situation jetzt den Rucksack aufzusetzen, einen Klasse-Verteidiger wie Subotic ersetzen zu müssen. Zur Zeit trainiert daher ein alter Bekannter von Klopp aus Mainzer Tagen beim BVB mit: Manuel Friedrich, der eigentlich ab Januar in Asien spielen wollte, zuletzt bei Leverkusen spielte und sich in den letzten Monaten bei Rot-Weiss Oberhausen fit hielt, könnte eine Alternative sein. Er wäre ablösefrei, würde nicht übermäßig viel verdienen und ist mit 34 Jahren sehr erfahren. Ein großes Risiko wäre es daher wohl nicht, ihn bis Saisonende als Innenverteidiger Nummer Drei unter Vertrag zu nehmen. Bisher hat sich der BVB allerdings noch nicht entschieden, ob er das will.

Quo vadis?

Marcel Schmelzer steckt nach seiner Verletzung in einer handfesten Formkrise. Sollte diese noch länger andauern stünde als mögliche Alternative Erik Durm bereit, der auf dieser Position bereits überzeugt hat oder natürlich auch Großkreutz, der auf die linke Seite wechseln könnte, wenn Piszczek zurückkehrt. Zwar ist er kein Linksfuß, doch spielen könnte er diese Position auch.

Wohin geht die Reise also beim BVB? Im Moment ist es tatsächlich schwer zu sagen. In der Champions League ist die Sache klar: gewinnt man nicht gegen Neapel, dürfte der Drops für diese Saison gelutscht sein und wir dürfen uns auf packende Begegnungen in der europäischen Fußballprovinz freuen. Vor ein paar Jahren hat man die Europa League noch mit Kusshand genommen, aber da kam man auch praktisch aus dem Nichts.Doch wenn man zuvor drei Jahre lang Champions League gespielt hat, ist es ein Abstieg, da braucht man gar nicht drumherum reden. Das Prestige ist durch die Aufblähung des Wettbewerbs niedrig, das Geld auch nicht der Rede wert und man spielt in der Bundesliga fast nur noch sonntags. Nein, die Europa League hat nichts mehr zu tun mit dem Mythos, der einst den UEFA-Cup umgab.

Bayern kann besiegt werden

In der Liga ist man auf einem guten Weg Richtung Champions-League-Plätze. Betrachtet man das Gefälle in der Liga, das sich ab Platz 3 auftut, so kann man sich kaum vorstellen, dass der BVB dieses Ziel nicht erreicht, wenn er sein momentanes Leistungsniveau einigermaßen konstant hält. Ob wir mit der Meisterschaft noch mal was zu tun haben, liegt nicht mehr allein in unseren Händen. Ohne einen zumindest kleinen Einbruch der Bayern wird das nichts.

Ein guter Anfang wäre es, sie am Samstagabend zu besiegen. Möglich ist das allemal. Nicht mit einer Leistung wie in Wolfsburg. Aber grundsätzlich ist der BVB wohl die einzige Mannschaft in der Bundesliga, die Bayern mit Sicherheit schlagen kann. Ich sage nicht: wird. Ich sage: kann. Denn natürlich muss die Klopp-Truppe einen guten Tag erwischen und vor allem ihre Torchancen konsequenter nutzen als es in den letzten Spielen der Fall war. Ein Faktor wird sicherlich sein, wie man Franck Ribery in den Griff bekommt. Denn der Franzose macht beim FC Bayern derzeit eben häufig den Unterschied.

Bloß nicht wieder ein Alleingang

Auf dem Papier ist es eine offene Partie. So stark die Bayern auch sind, haben sie sich mit dem BVB in den letzten Jahren doch häufig schwer getan. Möglicherweise könnte es auch ein psychologischen Effekt haben, wenn sie mal wieder ein Spiel verlieren und endlich diesen unsäglichen Unbesiegbarkeits-Nimbus verlieren. Dann könnte auch das Rennen um die Meisterschaft wieder offen werden.

Der Liga wäre es zu wünschen. Noch so eine langweilige Saison wie im letzten Jahr braucht wirklich kein Mensch.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s