BVB gegen Bayern: Spitzenspiel mit Notbesetzung

Was wurde nicht alles in den letzten Tagen geschrieben über das kommende Spiel des BVB gegen den FC Bayern? Vom „deutschen Clasico“ war die Rede, vom „Gigantenduell“ und überhaupt wird die Meisterschaft ja am Samstagabend entschieden. Bei so vielen Superlativen im Vorfeld wären viele Fans wahrscheinlich nicht mal überrascht, wenn es am Ende mit Hängen und Würgen ein 0:0 dabei herauskommt.

Trotzdem ist das Spiel natürlich ein Besonderes. Auch wenn der eigentliche Feind immer noch in GE sitzt, so ist zumindest mein Herz groß genug um neben dem blauen Erzrivalen auch noch einen weiteren Verein zu verabscheuen. Und am FC Bayern gibt es nun mal einiges, weswegen man ihn ablehnen kann, steht dieser Verein doch wie kaum ein anderer für Arroganz, Größenwahn, Heuchelei und – neuerdings – auch noch für kriminelle Machenschaften verschiedenster Couleur. Dass das Fußvolk auf der JHV einem überführten Steuerbetrüger minutenlang mit Applaus und Sprechchören huldigte, der noch vor zwei Jahren lauthals krähte, Steuern in Deutschland zu zahlen, sei doch wohl eine Selbstverständlichkeit, zeigt deutlich das merkwürdige Moralverständnis jenseits des Weißwurstäquators. „Mia san mia“ – das heißt offenbar auch: wir müssen uns nicht an Gesetz halten.

Sportliche Rivalität

Dass Uli H. Erstens immer noch im Amt ist und sich zweitens nach wie vor in der Öffentlichkeit zeigt und sich sogar nicht entblödet, Wetten auf eine BVB-Niederlage abzuschließen, zeigt wes Geistes Kind er ist. In jedem anderen politischen oder unternehmerischen Amt wäre sein Verhalten ein Todesurteil gewesen. Doch beim FC Bayern sieht man über solche Kleinigkeiten lässig hinweg.

Abgesehen von all diesen Dingen ist es aber natürlich vor allem die sportliche Rivalität, die dieses Spiel so reizvoll macht. Zwei Jahre lang hat der BVB die großen Bayern geärgert und ihnen mit einer Bande von Halbwüchsigen drei Titel vor der Nase weggeschnappt. Und im Grunde muss man sich in München dafür bei den Dortmundern bedanken. Denn ohne diese zwei Jahre wäre man wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen zweihundertdrölfzig Millionen Euro in den Kader zu investieren um dann völlig überraschend in der letzten Saison drei Titel zu gewinnen, weil niemand mehr finanziell mit ihnen mithalten konnte. Auch wäre sonst die Gier nach Titeln vermutlich nicht so groß gewesen und man hätte vielleicht ein viertes CL-Finale hintereinander vergeigt.

Keine Schützenfeste

Auch unter dem neuen Trainer Pep Guardiala a.k.a. „The Messiah“ sind die Bayern bis jetzt ungeschlagen. Der auffälligste Unterschied zum letzten Jahr ist, dass sie den attraktiven, fast bvbesken Offensivfußball nun gegen etwas eingetauscht haben, dass wohl eine Art „Tici-Taca“ im Barca-Style sein soll, aber für den gemeinen Fußballfan so unterhaltsam anzuschauen ist wie das Testbild. Dennoch spielen sie sehr dominant, haben viel Ballbesitz und im entscheidenden Moment dann auch das Glück, noch die Bude zu machen. Ebenfalls auffällig im Vergleich zur Vorsaison ist, dass sie eigentlich keine Schützenfeste mehr feiern, sondern viele Spiele relativ knapp gewonnen haben. 27 Tore haben sie bis jetzt auf dem Konto – der BVB hat schon 32.

Allerdings haben sie auch erst 7 Gegentore kassiert – der BVB schon 11. Die Bayern sind mittlerweile seit 37 Spielen unbesiegt. Das ist eine beeindruckende Bilanz, die allerdings mit Vorsicht zu genießen ist, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie viele Gegner in der letzten Saison schon vor dem Anpfiff die weiße Flagge gehisst hatten. Irgendwann muss diese Serie einfach mal reißen. Und es gibt nicht wenige Stimmen, die überzeugt sind, dass der BVB im Moment vielleicht sogar in ganz Europa die einzige Mannschaft ist, die diesen FC Bayern schlagen kann.

Probleme in der Abwehr

Blöd nur, dass ebenjener BVB mehr oder weniger ohne Abwehr antreten muss. Als sei der Kreuzbandriss von Neven Subotic nicht schlimm genug, zog sich Mats Hummels im Länderspiel gegen England einen knöchernen Bandausriss zu und fällt zwei Monate auch. Auf Marcel Schmelzer musste verletzt raus und fällt drei Wochen aus. Zwar hat man unter der Woche dann doch Manuel Friedrich unter Vertrag genommen (an dieser Stelle: Herzlich Willkommen!), dennoch sind die Alternativen äußerst rar gesäht. Entsprechend mies gelaunt präsentierte sich Jürgen Klopp am Donnerstag bei der Pressekonferenz.

Auch die Bayern kommen nicht in Bestbesetzung. Neben Bastian Schweinsteiger, der noch länger ausfällt, musste nun auch Franck Ribery passen. Letzteres könnte tatsächlich eine Schwächung für den Rekordmeister sein, denn der Franzose befindet sich seit einigen Monaten in absoluter Topform und hat häufig den Unterschied ausgemacht. Sein regulärer Vertreter Shaqiri ist ebenfalls verletzt, somit wird Guardiola wohl nicht drum herum kommen, Mario Götze von Beginn an zu bringen.

Rückkehr von Mario G.

Dass das ursprünglich sicher nicht geplant war, kann man schon daran ablesen, dass Götze beide Länderspiele jeweils über 90 Minuten machte. Seine Rückkehr ins Westfalenstadion war natürlich ebenfalls ein großes Medienthema in den letzten Tagen. Götze selbst hätte vermutlich gut daran getan, einfach den Mund zu halten, doch der Mittelfeldspieler, der in den letzten Monaten häufiger durch wenig intelligente Entscheidungen aufgefallen ist, schwadronierte ausführlich darüber, dass es „das schwerste Spiel seiner Karriere“ würde, dass vielleicht ein paar Pfiffe kommen würde. Diese, so ist er überzeugt, seien aber letztlich ja auch nur Ausdruck der Wertschätzung seiner Leistung für den BVB. Hut ab, für ein solch verqueres Weltbild brauchen andere Leute harte Drogen.

Viele Medienvertreter, Bayern-Fans und neutrale Fußballfans jammerten auch schon mal prophylaktisch über die Pfiffe und Beleidigungen, die Götzes Mario im Westfalenstadion durch die bösen und asozialen BVB-Fans sicherlich zu erdulden haben wird. Wie kann man es einem Spieler nur so übel nehmen, dass er für ein besseres Angebot den Arbeitsplatz gewechselt habe? Das würde man doch selbst nicht anders machen! Und überhaupt habe der BVB doch eine Stange Geld für ihn bekommen.

Der Grund für die Wut

So richtig diese Aussagen sind, so wenig treffen sie den Kern der Sache. Niemand ist sauer, weil Götze zu den Bayern gegangen ist. Die Leute sind sauer, weil er zum FC Bayern gegangen ist, nachdem er noch drei Wochen vorher Liebesschwüre in Richtung BVB abgegeben hat. Es ist erstaunlich, dass es so vielen Leuten so schwer fällt, sich vorzustellen, dass man sich als Fan hochgradig verarscht vorkommt, wenn ein Spieler immer wieder von seiner Verbundenheit zum Verein und zur Stadt schwadroniert, um dann Hals über Kopf ausgerechnet zum sportlich größten Rivalen zu wechseln. Dass die Neuigkeit darüber ausgerechnet einen Tag vor dem wichtigen CL-Halbfinale gegen Real Madrid ans Tageslicht kam, war ebenfalls nicht dazu angetan, Wohlwollen und Verständnis für Götze zu schüren – egal, ob er mit dieser Enthüllung etwas zu tun hatte oder nicht.

Dass Götze im Westfalenstadion ausgepfiffen werden wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche, auch wenn verschiedene BVB-Vereinsfunktionäre und Spieler unter der Woche die leise Hoffnung äußerten, dies möge nicht geschehen. Diese Aussagen waren im Übrigen höchst überflüssig, denn in irgendeiner Weise muss man den Fans schon mal zugestehen, ihrem Unmut über den Wechsel Luft zu machen. Ihn auszupfeifen, solange er noch das BVB-Trikot trug, verbot sich von selbst, denn dazu war das eine Spiel, dass er nach Bekanntgabe des Wechseln für den BVB noch machte, einfach viel zu wichtig. Offiziell verabschiedet wurde er nicht. Nun kehrt im im Trikot der „Roten“ zurück. Ich sehe nichts Verwerfliches daran, ihn und die übrigen Bayern mit einem Tinnitus nach Haus zu schicken. Das Schmerzensgeld fällt mit 12 Millionen Euro per anno ja durchaus fürstlich aus.

Und natürlich werden alle anderen Bayern-Spieler genauso ausgepfiffen. Das heißt: Götze wird nicht ausgepfiffen, weil er man beim BVB gespielt hat, sondern weil er bei Bayern spielt. Gut, vielleicht werden seine Pfiffe etwas lauter ausfallen als bei den anderen.

Die Abwehr-Alternativen

Aber wer wird nun dafür zuständig sei, Götze von seinem Job abzuhalten? Das wird die spannende Frage. Als absolut sicher darf man Sokratis und Kevin Großkreutz in der Startelf annehmen. Wer neben Sokratis innen verteidigt ist offen. Die beiden in Frage kommenden Alternativen sind Sven Bender (positionsfremd) und Manuel Friedrich (ohne Spielpraxis). Beide Möglichkeit sind riskant, Bender ist aber die wahrscheinlichere. Im defensiven Mittelfeld würde dann wohl Sebastian Kehl neben Nuri Sahin spielen.

Ebenso fraglich sind die beiden Außenpositionen. Großkreutz wird eine von ihnen bekleiden, aber welche? Für die linke Seite stünde auch noch der junge Erik Durm zur Verfügung. Obwohl er in seinen Einsätzen durchaus überzeugte, könnte Klopp das Risiko zu groß sein, ihn gegen Arjen Robben ins Feld zu schicken. Denkbar wäre also auch eine Lösung, bei der Großkreutz links gegen Robben verteidigt (den er in den vergangenen Jahren ja schon mehrfach erfolgreich aus dem Spiel nahm) und auf der rechten Seite Jakub Blaszczykowski gegen Götze. Diese Lösung verspricht mehr Routine, hätte allerdings auch den gravierenden Nachteil, dass damit außer Jonas Hofmann praktisch keine Alternativen mehr auf der Bank säßen, um die Offensive noch mal anzukurbeln. Die erste Elf müsste also tatsächlich stechen.

Am wahrscheinlichsten ist wahrscheinlich dann doch eine Viererkette, die aus Durm, Bender, Sokratis und Großkreutz besteht.

110 Prozent

Und gerade gegen die Bayern lohnt es sich vielleicht, einmal die alte Fußballphrase zu bemühen, nach der die Einstellung wichtiger als die Aufstellung ist. Wenn eine Mannschaft die Bayern schlagen kann, ist es der BVB. Aber vor allem das letztjährige Pokalviertelfinale hat gezeigt, dass das nur mit 110 Prozent möglich ist.

Und auch auf den Rängen brauchen wir die. In diesem Spiel braucht der BVB mehr denn je seinen zwölften Mann. Es gilt: Anfeuern bis die Stimme versagt. Auch, wenn der BVB in Rückstand gerät. Gerade dann! Und selbst wenn der BVB verliert, werden wir uns nicht die Blöße geben, uns von den paar Bayern-Fans, die ja doch nur singen, wenn sie gewinnen, im eigenen Stadion verhöhnen zu lassen, denn keiner von uns würde jemals mit ihnen tauschen wollen – sonst wären wir nicht BVB-Fans. Wir brauchen jede Stimme! Also, Leute, egal ob ihr auf der Süd steht oder auf der Haupttribüne sitzt: kleidet euch in die schönsten Farben der Welt, schnappt euch ein Bier, um die Stimme zu ölen und schreit unsere Mannschaft nach vorne!

Die voraussichtliche Aufstellung: Weidenfeller – Durm, Bender, Sokratis, Großkreutz – Sahin, Kehl – Reus, Mkhitaryan, Aubameyang – Lewandowski

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