Sorry, Marcel, aber wir sind jung und brauchten die Punkte…

Dass den geneigten BVB-Fan kein Nachmittag zum Zurücklehnen erwartete, war wohl im Vorfeld des Spiels schon jedem klar. Dass dieses Spiel irgendwie wichtig war, lies sich daraus schließen, dass Marcel Reif das Spiel kommentierte. Eines lässt sich schon aus der Historie ablesen: wenn der BVB auf den 1. FSV Mainz 05 trifft, dann ist immer Feuer drin. So war es auch diesmal und das führte am Ende zu einem Spiel mit drei Elfmetern und einer Mannschaft, die das Spiel nicht in voller Mannschaftsstärke beenden durfte.

Für die erste Überraschung sorgte BVB-Trainer Jürgen Klopp schon vor dem Anpfiff. Als etwa eine Stunde vorm Spiel die Mannschaftsaufstellung bekannt gegeben wurde, tauchte auf diesem Bogen ein Name auf, den wir lange, lange vermisst haben: Lukasz Piszczek. Das war so nicht zu erwarten gewesen, da Klopp noch am Dienstagabend Spekulatius über ein mögliches Startelf-Comeback des Polen ins Reich der Fabeln verwiesen hatte.

Viel Spekulatius

Und Raum für weiteres Weihnachtsgebäck ließ er den Journalisten auch jetzt, denn sowohl Piszczeks bravouröser Vertreter Kevin Großkreutz als auch der junge Erik Durm fanden sich auf der Liste. Das stürzte den TV-Sender Sky in heillose Verwirrung und sie präsentierten eine mutmaßliche taktische Aufstellung, in der Piszczek auf der rechten Außenbahn vor Großkreutz agieren könnten.

Das erwies sich natürlich als Unsinn, „Piszczu“ spielte Rechtsverteidiger, Erik Durm Linksverteidiger und Allzweckwaffe Großkreutz durfte sich im defensiven Mittelfeld neben „Iron Man“ Sven Bender austoben. Also, jedenfalls zunächst, denn auf dieser Position sollte er das Spiel nicht beenden.

Neben Sokratis in der Innenverteidigung durfte Manuel Friedrich in seiner alten Heimat ran. Im offensiven Mittelfeld begann diesmal Pierre-Emerick Aubameyang, Henrikh Mkhitaryan blieb dafür auf der Bank, Kuba wurde ebenfalls ins defensive Mittelfeld verfrachtet, so dass der BVB taktisch etwas ungewohnt in einem 4-3-3 bzw. 4-3-2-1 agierte.

Mainz dominiert

So richtig toll klappte das aber von Beginn an nicht. Es war eine Mannschaft auf dem Platz, die stark presste und den Gegner zu Fehlern zwang, doch diese Mannschaft trug rot-weiß. Der BVB kam nicht zu spielgestaltenden Elementen, meist war er zur Reaktion gezwungen. Wer ein Faible für schwarzen Humor pflegt, könnte positiv hervorheben, dass Borussia diesmal kaum Torchancen versemmelte. Kunststück, es gab nämlich praktisch keine Tormöglichkeiten für schwarzgelb. (Eckstöße kann man derzeit beim BVB ja eher nicht als solche einordnen…) Auch Mainz spielte sich aber trotz der optischen Überlegenheit wenig Chancen heraus.

Man muss ehrlich anerkennen, dass Mainz die bessere Mannschaft auf dem Platz war und das Konzept von Thomas Tuchel aufging – abgesehen von der Tatsache, dass es zur Pause noch 0:0 stand. Aus BVB-Sicht war das praktisch das einzig Positive. Denn eine Halbzeit in Mainz reichte aus, um das nächste Bett im BVB-Lazarett zu belegen: ausgerechnet „Iron Manni“ musste nach einer guten halben Stunden den Platz mit einer Oberschenkelblessur verlassen, für ihn kam Nuri Sahin. Möglicherweise war das aber zumindest zum Teil auch ein taktischer Wechsel, denn der BVB benötigte dringend etwas Kreativität im Spielaufbau. Dennoch kurios: da spielt der Bender gegen Neapel 90 Minuten blutüberströmt und wirft sich mit gebrochener Nase in Kopfballduelle, in die andere nicht mal mit Motorradhelm gehen würden und scheidet dann mit so einer banalen Oberschenkelsache vorzeitig aus.

Radikale Maßnahmen

Nach der Halbzeitpause entschloss sich Jürgen Klopp zu einer ebenso radikalen wie auch riskanten Maßnahme: er nahm Marco Reus und Kuba, beide angeschlagen, vom Feld und brachte dafür Mkhitaryan und Sebastian Kehl. Das Wechselkontingent war damit nach 45 Minuten bereits komplett ausgeschöpft. Taktisch stellte er nun wieder auf das gewohnte 4-2-3-1 um. Kehl bildete mit Sahin die Doppelsechs und Großkreutz durfte nach ewigen Zeiten mal wieder auf seine eigentliche Stammposition ins linke offensive Mittelfeld rücken.

Eine Verbesserung des Dortmunder Spiels war durch diese Maßnahme zunächst mal nicht zu erkennen. Um es deutlich zu sagen, aus Dortmunder Sicht schickte es sich an, ein richtiges Kackspiel zu werden. Ein Tor für Mainz lag eher in der Luft als eins für den BVB. Eine hohe Fehlpassquote und individuelle Fehler führten zu wachsender Unsicherheit.

Toller Freistoß

Und urplötzlich führte Borussia 1:0. Was war passiert? Der BVB bekam einen Freistoß aus 18 Metern aus halblinker Position vorm Tor zugesprochen. Und Aubameyang, bisher nicht als Freistoß-Schütze großartig in Erscheinung getreten, schnappte sich die Kugel und trat einen perfekten Freistoß, der zunächst an den Innenpfosten und von da aus in Tor prallte. Unfassbares Glück, aber das muss man eben auch mal haben. Sky-Kommentator Marcel Reif, der in den vergangenen 69 Minuten beinahe orgiastisch die Mainzer Überlegenheit gegen den großen BVB bejubelt hatte, sackte enttäuscht vor seinem Mikro zusammen. „Und da ist das Tor…“, brachte er gerade noch tonlos hervor.

Jetzt begann die heiße Phase eines Spiels, das zwar temporeich war, aber phasenweise eher von der Spannung als von seiner Hochklassigkeit lebte. Nur ein paar Minuten später war das Glück des BVB schon wieder aufgebraucht und ausgerechnet der lang vermisste Rückkehrer Piszczek wurde Hauptdarsteller in einem Melodram namens „Blödester Elfmeter aller Zeiten“. Er riss Choupo-Moting von hinten im Strafraum um, aber derart ungestüm und reflexartig, dass er sich vermutlich selber jetzt immer noch fragt, was ihn in dieser Szene bloß geritten hat. Vorwürfe mag man ihm trotzdem nicht machen. Er hat sein erstes komplettes Spiel seit sechs Monaten gemacht und natürlich fehlt ihm da jetzt die Routine, fehlt ihm die Spielpraxis und hier und da sicher auch noch die Spritzigkeit und die Handlungsschnelligkeit.

Entsetzen des Kommentators

Der Gefoulte trat selbst an und verwandelte den Elfmeter souverän, begleitet von Reif’schen Emotionsausbrüchen. „Das ist absolut verdient!“ jubilierte der Chef-Kommentator. Ernsthaft, ich gehöre wirklich nicht zu den Fans, die ständig Marcel Reif auf dem Kieker haben, ich finde eigentlich, dass es weitaus schlimmere Kommentatoren gibt als ihn. Bisweilen finde ich ihn sogar sehr unterhaltsam. Aber diese Einseitigkeit am Samstag ging gar nicht.

Zum Entsetzen des Kommentators bemühte sich der BVB nun, diese Partie völlig unverdient auch noch zu gewinnen. Nach einem schönen Angriff vollendete erneut Aubameyang – oder besser gesagt: hätte vollendet, wenn nicht Soto den Ball mit der Hand abgewehrt hätte. Wäre prima gewesen, wenn Soto von Beruf Torwart wäre, doch das ist er nicht und so gab es folgerichtig die rote Karte und Elfmeter für den BVB. Robert Lewandowski trat an und beendete seinen Torentzug. Gewohnt souverän verwandelte er den Elfer und der BVB führte zwölf Minuten vor Schluss 2:1. Doch das Ding war noch lange nicht durch.

Lewandowski und die 11

Mainz reagierte mit wütenden Angriffen, doch vor allem der überragende Sokratis warf sich immer wieder dazwischen. Es ist wirklich fantastisch, was der zur Zeit spielt, ein absoluter Glücksgriff für den BVB. Als die Nachspielzeit sich bereits dem Ende zuneigte, fiel Durm im Strafraum über den Mainzer Torwart – übrigens nicht der überaus „sympathische“ Wetklo, der noch heute in S04-Bettwäsche schläft, sondern ein Jüngelchen namens Karius. Dieser Karius, dessen Name mich stark daran erinnert, dass ich mal wieder zum Zahnarzt gehen sollte, musste nun zum zweiten Mal an diesem Tag einen Elfmeter gegen sich hinnehmen. Und auch diesen verwandelte Lewandowski souverän und schraubte sein Torkonto damit mal locker auf 11 Tore hoch.

Wenn man mal ehrlich ist, war das kein Elfmeter. Ich würde nicht so weit gehen und von einer Schwalbe sprechen, aber Durm nimmt den Kontakt schon seeeehr dankbar an. Am Ende egal, die Nachspielzeit war zu diesem Zeitpunkt ohnehin fast abgelaufen und der Elfmeter am Ende sicher nicht spielentscheidend. Eine Tatsache, die sogar der frisch gebackene FSV-Fan Marcel Reif einräumte.

Sorry, Marcel…

Wie kann man dieses Spiel am Ende einordnen? Ein verdienter Sieg? Eher ein glücklicher Sieg, zumindest in der Höhe sicher nicht verdient. Andererseits ist das völlig egal, denn wer am Ende die Tore macht, hat den Sieg dann irgendwo auch verdient. Der Freistoß von Aubameyang war genial und zumindest der erste Elfmeter eine absolut klare Sache. Und wen interessiert das auch am Ende? Dafür hat man in Gladbach verloren, in Wolfsburg und auch zuhause gegen die Bayern – alles Spiele, die man auch ohne weiteres deutlich hätte gewinnen können, wenn nicht sogar müssen.

Dennoch, lieber Marcel Reif, falls du das hier liest: Natürlich schämen wir uns angemessen in Grund und Boden, auf eine solche infame und dreckige Art und Weise den wackeren Mainzern den Sieg und die drei Punkte gestohlen zu haben. Jawohl, ich schäme mich nicht, es zu sagen. Dreckige Diebe sind wir, nicht besser als die Schelme, die Elkin Soto in dieser Woche sein Auto gestohlen haben. Worte vermögen wohl nicht auszudrücken, welche Trauer dein Herz als leidenschaftlicher FSV-Fan tragen muss. Deshalb ganz ehrlich und aufrichtig: Sorry! Aber, hey dude, you know… Wir sind jung und brauchten die Punkte…

Nun wartet Saarbrücken

Ende der Ansage. Der BVB ist nun auch in der Bundesliga wieder auf Kurs und kann schon in einer Woche Leverkusen den zweiten Platz im direkten Duell wieder abluchsen. Doch zuvor steht noch ein Pokalspiel beim 1. FC Saarbrücken an. Mit Schrecken erinnert sich der geneigte BVB-Fan an so manches Ausscheiden bei einem Drittligisten. Und auch im Ludwigsparkstadion wird man wieder mit einer stark ersatzgeschwächten Mannschaft auflaufen müssen. Aber das darf selbstverständlich keine Ausrede sein. Bei allem Respekt für Saarbrücken, aber von einem Champions-League-Finalisten und einer Spitzenmannschaft in der Bundesliga kann man erwarten, den letzten im Wettbewerb verbliebenen Drittligisten auch mit der B-Mannschaft raus zu werfen.

FSV Mainz 05: Karius – Pospech, Bell, Noveski, Park – Geis, Soto – Polter (89. Saller), Zimling (64. Malli), Nicolai Müller (46. Choupo-Moting) – Okazaki
Borussia Dortmund: Weidenfeller – Piszczek, Friedrich, Sokratis, Durm – Großkreutz, Bender (32. Sahin) – Blaszczykowski (46. Mkhitaryan), Reus (46. Kehl), Aubameyang – Lewandowski
Tore: 0:1 Aubameyang (70.), 1:1 Choupo-Moting (74./Foulelfmeter), 1:2 Lewandowski (78./Handelfmeter), 1:3 Lewandowski (90.+4/Foulelfmeter)
Schiedsrichter: Aytekin (Oberasbach)
Zuschauer: 34.000 (ausverkauft)
Gelbe Karte: Bell (2) / –
Rote Karte: Soto (78./Handspiel)

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