Buchrezension: Christoph Ruf – Kurvenrebellen. Die Ultras

Ohne sie ist ein Fußballstadion heute nicht mehr denkbar. Sie sind diejenigen, die für lautstarken Support sorgen und mit kreativen und aufwändigen Choreografien für Begeisterung sorgen. Aber auch für Schlagzeilen, wenn mal wieder Pyrotechnik im Block abgebrannt wurde oder es zu „Krawallen“ im Umfeld eines Spiels gekommen ist. Es wird viel über sie geredet, aber selten mit ihnen. Auch deshalb, weil sie selbst nicht reden wollen. Sie erregen Faszination und Abscheu und jeder hat eine Meinung zu ihnen: Ultras.

Über Ultras ist in den Medien und auch in diversen Büchern mittlerweile so viel geschrieben worden, doch immer noch ist vielen gar nicht klar, was eigentlich mit „Ultra“ gemeint ist. Wer sind die? Und was wollen die eigentlich? Die Choreos finden alle klasse. Pyro finden aber die meisten doof. Diese Ultras wären doch so toll, wenn sie sich nur nicht immer gegen die Regeln auflehnen würden, stöhnt so manch ein Journalist oder Vereinsvertreter. Sie begreifen nicht, dass sowohl das eine als auch das andere unumstößlich zum Selbstverständnis dieser Szene gehört.

Maischbergers Tiefpunkt

Wenn in den letzten anderthalb Jahren über Ultras geredet oder geschrieben wurde, dann wurde meist nur geurteilt. Die bekannte TV-Moderatorin Sandra Maischberger erreichte wohl den Tiefpunkt ihrer journalistischen Karriere als die die Ultras als „Taliban der Fans“ bezeichnete“ und mit dazu beitrug, dass in einer ohnehin populistisch und unreflektiert geführten Debatte nicht nur die Ultra-Szene, sondern nahezu auch die ganze Fankultur an sich als etwas Gefährliches angesehen wurde.

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Christoph Ruf ist auch Journalist, doch er geht ganz anders an das Thema heran und damit ist es auch zu erklären, dass er Einblicke in die Szene erhielt, die wohl kein anderer Journalist in diesem Maße je bekommen hat. Denn eigentlich reden Ultras nicht mit Journalisten. Genauso wie sie aus Prinzip nicht mit der Polizei reden.

Dass diese Szene, diese faszinierende Subkultur auf viele „normale“ Fans oft so widersprüchlich wirkt und manche Dinge auch so wenig verständlich, versucht er gar nicht zu ändern. Nicht umsonst lautet der Untertitel des Buches „Einblicke in eine widersprüchliche Szene“.

Moderner Fußball, Gewalt und Rassismus

Ruf hat mit vielen Ultras gesprochen, nicht nur von Bundesligisten, sondern auch von Zweit- oder Drittligisten. Er hat sie gefragt, was sie antreibt, wie sie sich mit dem modernen Fußball auseinander setzen und wie mit Gewalt. Er arbeitet heraus, wie vor allem die Ultras in den 90ern rassistisches Gedankengut und entsprechende Sprechchöre aus den Kurven heraus drängten. Er verschweigt dabei aber auch nicht, dass es auch Ultra-Gruppen gibt, die rechtsoffen sind oder sogar mehr oder weniger offen mit rechtsradikalen Gruppen verbandelt sind.

Das letzte Drittel des Buches widmet sich ausschließlich dem Nazi-Problem im deutschen Fußball und dem Bezug der Ultras zu diesem Thema – mal als Opfer, mal als Täter. Neben Cottbus oder Aachen dient hier unter anderem der BVB als Beispiel, der sich seit längerem mit einer größeren Naziszene in der Stadt herumschlagen muss, die auch die Südtribüne zum Teil zu unterwandern versucht.

Pyrotechnik und Polizei

Vor allem aber beschreibt Ruf, was die Ultra-Szene eigentlich ist, wie sie entstanden ist und welche Werte sie vertritt. Es geht um ihre Rolle als kritische Mahner in Zeiten der Kommerzialisierung, als Kämpfer für Fanthemen wie Eintrittspreise und Anstoßzeiten. Eine Rolle spielt auch der Wandel und der Reflexion, dem auch diese Szene immer wieder und auch im Moment ganz stark unterworfen ist und das Verhältnis der Ultra-Gruppen verschiedener Vereine untereinander.

Natürlich geht es auch um Pyrotechnik und die Frage, warum diese so verdammt wichtig für die Ultras ist. Er spricht von Hausbesuchen, die auch innerhalb der Szene umstritten sind und schildert unverblümt und sehr deutlich, welcher Willkür Ultras und andere Fans von Seiten der Einsatzkräfte ausgeliefert sind und wie verhärtet die Fronten zwischen Polizei und Ultras mittlerweile ist. Das Polizei-Kapitel nimmt einen sehr großen Raum im Buch ein und wird ergänzt durch den Erfahrungsbericht eines Kölner Ultras. Dabei wird ganz deutlich, dass die für Außenstehende störrisch und pubertär wirkende, generalisierte Ablehnung der Polizei auf realen und erschreckenden Erfahrungen der Ultra-Szene mit ihr beruht. Wer die Erfahrungsberichte in diesem Buch liest, fragt sich nicht mehr, warum die Ultras nicht mit der Polizei reden, sondern eher warum die Polizisten offenbar unkontrolliert von jeglichen Staatsorganen persönliche Gewaltfantasien ausleben dürfen und sich benehmen können wie in einer Diktatur.

Schwer nachzuvollziehender Kodex

Doch bei aller Sympathie und allem Verständnis des Autors für die Szene, das man zwischen den Zeilen durchaus herauslesen kann, zeigt er sich über einige Dinge auch ebenso entsetzt und verständnislos wie alle Außenstehenden. Im Polizei-Kapitel äußert er sich konsterniert über die Einstellung, nach der es völlig in Ordnung ist, Polizisten zu verprügeln. Auch bei anderen Themen zeigt Ruf sich eher befremdet.

Der Kodex, den die Ultras untereinander pflegen, ist für Außenstehende schwer nachzuvollziehen. Selbst nach der Lektüre dieses Buches will sich dieser Eindruck von Widersprüchlichkeit nicht legen. Und sicher muss man nicht alles gutheißen, was Ultras so tun oder denken. Dennoch kann man nicht über eine Gruppe reden oder gar urteilen, wenn man praktisch nichts über sie weiß.

Und dieses Buch bringt auf jeden Fall Licht ins Dunkel. Christoph Ruf hat nach ausführlichen Recherchen und vielen Gesprächen ein ziemlich erhellendes, aber vor allem ein sehr faires Bild der Ultras gezeichnet. Es wird ihnen und ihrer Kultur viel gerechter als alles andere, was bisher über sie geschrieben wurde. Ein sehr gutes und wichtiges Buch!

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