BVB kriecht der Winterpause auf dem Zahnfleisch entgegen

So schnell kann es gehen: war man unter der Woche nach dem Auswärtssieg in Mainz und dem Pokalsieg beim 1. FC Saarbrücken als BVB-Fan noch recht guter Dinge, so zeigt die Stimmungskurve nach der Heimniederlage am Samstag gegen Bayer Leverkusen erst mal wieder nach unten.

In diesem Spiel lief nichts zusammen für den BVB und die 80.645 Zuschauer im ausverkauften Westfalenstadion sahen die bisher wohl schlechteste Saisonleistung der Schwarzgelben. Dabei schien gar nicht mal die zusammen gewürfelte Abwehrformation das Problem zu sein, sondern vielmehr die absolute Unfähigkeit der Offensivabteilung auch nur einen Hauch von Torgefahr zu entwickeln. So reichte den Leverkusenern eine gute Organisation und eine gute Aktion von Heu-Ming Son, der von einem haarsträubenden Friedrich-Fehlpass profitierte, um den 1:0-Sieg unter Dach und Fach zu bringen. Selbst nach einer roten Karte für Spahic verloren die Pillendreher nicht ihre Ordnung und der BVB konnte aus der Überzahl kein Kapital schlagen.

Weitere Verletzte

Dieser Sieg für Leverkusen war absolut verdient, denn zwar kreierten auch sie in einem insgesamt eher unattraktiven Spiel nicht Torchancen am laufenden Band, doch ihr Auftritt war klar strukturiert und hatte Hand und Fuß. Der Auftritt des BVB hingegen ist mit „uninspiriert“ und „planlos“ noch vorsichtig umschrieben. Und zudem reihten sich mit Sven Bender (Bänderdehnung) und Nuri Sahin (Außenband-Teilabriss) noch zwei weitere Spieler in die ohnehin schon ellenlange Verletztenliste ein.

Dazu schwächte der BVB sich auch noch selbst, als Sokratis kurz vor Spielende – bereits mit Gelb verwarnt – den Ball nach einer Entscheidung des insgesamt sehr schwachen Schiedsrichters Meyer auf den Boden donnerte. Der Grieche sah dafür regelkonform Gelb-rot. Und Jürgen Klopp kann schon mal anfangen zu überlegen, wie man in Hoffenheim am kommenden Samstag ohne Innenverteidiger gewinnt. Eine absolut dumme Aktion des ansonsten in den Wochen so starken Sokratis.

Erschreckende Harmlosigkeit

Erschreckend war die Harmlosigkeit und Ideenlosigkeit in der Offensive, die über die gesamte Spieldistanz keinerlei Druck entwickelte. Und hier gibt es keine Ausreden, denn bis auf Marco Reus, der später von der Bank kam, stand die Offensive als einziger Mannschaftsteil in Bestbesetzung auf dem Platz. Doch Lewandowski hing vorne in der Luft und speziell Aubameyang und Mkhitaryan lieferten einen glücklosen und gruseligen Auftritt ab.

Der tabellarische Abstand auf Leverkusen ist mittlerweile auf sechs Punkte angewachsen und auch mit schwarzgelber Brille muss man konstatieren, dass der BVB zur Zeit zu Recht hinter den Bayern und auch hinter Bayer Leverkusen steht. Und nun muss man den Blick auch nach hinten richten, denn Gladbach hat ebenfalls im Moment einen sehr guten Lauf und so ist inzwischen selbst der dritte Platz in Gefahr. Und hier muss man doch wachsam sein, denn die direkte Champions-League-Qualifikation war vor der Saison schon ein Minimalziel und ein fünfter oder sechster Platz wäre zwar kein Beinbruch, aber nach den letzten vier Jahren auf jeden Fall ein Rückschritt.

Mkhitaryan noch nicht konstant

Natürlich ist das viele Verletzungspech ein Grund für die verhältnismäßige Schwäche. Aber es darf nicht darüber hinweg täuschen, dass beim BVB doch noch andere Dinge im Argen liegen. Man hat zu viele Punkte in dieser Saison liegen lassen und das hatte vor allem mit der schon oft angesprochenen Abschlussschwäche zu tun. Borussia braucht einfach zu viele Chancen, um ein Tor zu schießen. Das ist ein Ausdruck mangelnder Konzentration, denn abgesehen von dem Leverkusen-Spiel hat der BVB eigentlich immer seine Chancen gehabt.

Ein Problem ist auch – und das soll jetzt ausdrücklich nicht als Spieler-Bashing verstanden werden – dass Henrikh Mkhitaryan im Mittelfeld noch nicht so konstant die erhoffte Verstärkung ist. Der Armenier hat seine Klasse bereits in einigen Spielen gezeigt, in anderen angedeutet, aber ehrlicherweise muss man sagen, dass viele Spiele auch einfach an ihm vorbei liefen. Ihm scheint häufig einfach noch die Bindung zum Spiel zu fehlen und er ist noch nicht so weit, dass er die Mannschaft mitziehen kann. Man weiß, wie hart er an sich arbeitet, aber er scheint einfach noch etwas Zeit zu brauchen.

Das ist nichts Ungewöhnliches und schon gar kein Grund, ihn als „Fehleinkauf“ abzustempeln, wie es in manchem Internetforum bereits passiert ist. Wir erinnern uns: auch Ilkay Gündogan brauchte ein halbes Jahr, um beim BVB richtig anzukommen und dann drehte er richtig auf. Robert Lewandowski brauchte gar ein ganzes Jahr. Mkhitaryan hat allerdings das Pech, dass durch Gündogans Verletzung für seine Position weit und breit kein Ersatz mehr da ist. Jürgen Klopp kann ihn nicht aus der Schusslinie nehmen, er kann ihm keine Pause gönnen, Mkhitaryan muss immer spielen. Dabei würden ihm zwei, drei Spiele Pause vielleicht einmal ganz gut tun. Doch daran ist zur Zeit nicht zu denken und man kann bereits froh sein, dass er nach seiner Verletzung in der Sommer-Vorbereitung von weiteren Malaisen verschont geblieben ist.

Kuba fehlt Piszczek

Auch Aubameyang bewegt sich derzeit manchmal noch zwischen Licht und Schatten, auch wenn er insgesamt integrierter ins Spiel wirkt als Mkhitaryan. Als Alternative steht noch Kuba bereit, der aber auch nicht auf dem Leistungsniveau wie in den letzten anderthalb Jahren vor dieser Saison ist. Der Grund dafür liegt auf der Hand: ihm fehlt das fast blinde Verständnis mit seinem kongenialen Partner Lukasz Piszczek, mit dem er sonst die rechte Seite bearbeitete. Kevin Großkreutz macht einen klasse Job als Rechtsverteidiger und hat Piszczek fast über die gesamte Hinrunde praktisch gleichwertig ersetzt, doch Kuba spielt mit ihm zusammen nicht so effektiv wie mit Piszczek. Besser klappt das Zusammenspiel daher meist, wenn Aubameyang rechts spielt, was wohl auch der Grund ist, weshalb Kuba sich in dieser Hinrunde öfter als gewohnt auf der Bank wieder gefunden hat.

Zudem braucht Lewandowski trotz seiner guten Gesamtquote im Moment einfach mehr Chancen als sonst, um Tore zu machen.

Offensive Impulse von hinten heraus

Letztlich fehlen aber eben auch durch die Verletzungen einfach die offensiven Impulse von hinten heraus. Mats Hummels‘ Spieleröffnungen von hinten fehlen ebenso wie Ilkay Gündogans Ideen. Beides sind Waffen, die den BVB in der Vergangenheit stark gemacht haben und für das eine oder andere Überraschungsmoment im Spiel gesorgt haben.

Nun nützt aber all das Hadern nichts, denn am Mittwoch steht das nächste wichtige Spiel an: das Auswärtsspiel in Marseille muss gewonnen werden, wenn man in der Champions League überwintern will. Und Jürgen Klopp steht durch den Ausfall von Sven Bender einmal mehr ein Personalpuzzle bevor. Am wahrscheinlichsten erscheint im Moment die Variante, Großkreutz die zweite IV-Position neben Sokratis bekleiden zu lassen. In diesem Fall würde Lukasz Piszczek in die Startelf zurückkehren und müsste dann aber wahrscheinlich auch 90 Minuten durchhalten. Auf der Doppelsechs dürfte Sebastian Kehl zum Einsatz kommen. Falls Nuri Sahin nicht rechtzeitig fit wird, könnte Oliver Kirch spielen, der seine Sache im Pokalspiel beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken gut gemacht. Eine weitere denkbare Variante wäre Kuba, doch in diesem Fall müsste die erste Elf dann fast schon stechen, die Alternativen von der Bank wären in diesem Fall äußerst überschaubar. Es stünden dann nur noch Jonas Hofmann und Julian Schieber zur Verfügung.

Allmählich sehnt man die Winterpause herbei. Der BVB braucht sie nötiger als in all den Jahren zuvor.

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2 Gedanken zu „BVB kriecht der Winterpause auf dem Zahnfleisch entgegen

  1. Sehr schöne Zusammenfassung der Lage. Ich würde Mkhitaryan auch nie zu harsch kritisieren wollen. Sein Problem in den letzten Spielen war aber auch, dass er in einigen Situationen nicht das Auge für den Mitspieler hatte und zu viele Alleingänge gestartet hat.

    • Ja, das habe ich auch so gesehen. Nehme aber an, dass das bei ihm nicht grundsätzlicher Egoismus war, sondern der sehnliche Wunsch, den Knoten bei ihm persönlich endlich zum Platzen zu bringen. Kann man irgendwie auch verstehen!

      Ich könnte mir vorstellen, dass er in der Rückrunde so richtig durchstartet, wenn er auch die Vorbereitung mitgemacht hat. Denn das spielt sicher auch eine Rolle, dass er durch seine Verletzung einen guten Teil der Sommer-Vorbereitung verpasst hat. Das sind schon immer schlechte Voraussetzungen.

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