„Uns Kevin“ schießt den BVB in Marseille zum Gruppensieg

Souveräne Siege, bei denen der Ausgang des Spiels nach fünf Minuten feststeht? Pfff… das ist was für Bayern-Fans. Wir sind Dortmunder, wir brauchen einfach den Thrill. Und den hatte man als BVB-Fan auch beim letzten CL-Gruppenspiel bei Olympique Marseille wieder zur Genüge. Und irgendwie passte es dann auch zu diesem Abend und zur ganzen Saison, dass am Ende Kevin Großkreutz für die Entscheidung sorgte.

Ach, so langsam gewinnen wir sie ja richtig lieb, diese magischen Nächte im Europapokal. Nun war das nicht das Westfalenstadion und zur Premium-Kategorie „La Coruna und Malaga“ fehlte dann doch noch ein Stück Magie. Denn im Gegensatz zu dieser Kategorie erschien ein Sieg in Marseille doch irgendwie jederzeit möglich.

Denkwürdiger Abend

Aber allein die irre Konstellation in dieser Gruppe versprach einen denkwürdigen Abend. Für den BVB war die Devise klar: in Marseille gewinnen, dann kann man ein gemütliches Winterquartier in der Champions League nehmen. Im schlimmsten Fall wäre man in die Europa League abgestiegen – international wäre die Reise also auf jeden Fall noch weiter gegangen.

Kein Grund für den BVB, die Sache entspannt anzugehen. Obwohl es zunächst danach aussah: gerade einmal vier Minuten dauerte es, da ging Borussia durch einen schönen Lupfer von Robert Lewandowski 1:0 in Führung.

Nun hätte man eigentlich nur mal eben das zweite Tor nachlegen müssen, dann wäre das Ding vermutlich durch gewesen. Aber, hey: das wäre doch nicht unser BVB gewesen, oder?

Unnötiger Ausgleich

Das dachte sich dann wohl auch zehn Minuten später Roman Weidenfeller, als er nach einem langen Freistoß von Payet mäßig elegant am Ball vorbei segelte und Diawara das Ding im Nachschuss versenkte. Zu Weidenfellers Ehrenrettung muss allerdings gesagt werden, dass der Torschütze nicht nur im Abseits stand, sondern zuvor auch Sebastian Kehl foulte, so dass die ganze Situation eigentlich hätte abgepfiffen werden müssen. Womit die 17 Schiedsrichter zu diesem Zeitpunkt gerade beschäftigt waren, ist noch unklar, die Ermittlungen dauern an.


Ansonsten hatte die neu formierte BVB-Abwehr, in der unter anderem der erst 18-jährige Marian Sarr ein sehr gutes Profi-Debüt als Innenverteidiger feierte, aber nicht furchtbar viel zu tun und wenn sie gefordert war, dann löste sie ihre Aufgaben gut. Olympique Marseille war vor allem bemüht, den „Worst-Case“, die sechste Niederlage im sechsten CL-Spiel zu verhindern und stand extrem kompakt. Nach vorne machten sie nichts, eine Spielweise, mit der sich Borussia traditionell schwer tut.

Rohrkrepierer

Als Konsequenz daraus erreichte der BVB für seine Verhältnisse schwindelerregende Ballbesitzquoten um die 60 Prozent. Doch vor allem in der ersten Halbzeit machte er sich das Leben mit einer elenden Schlamperei im Passspiel selber schwer. Gefühlt kam in dieser Phase zwischen dem 1:1 und der Halbzeitpause nur etwa jeder vierte Ball überhaupt beim Mitspieler an.

Nur logisch, dass in der Folge auch keine zwingenden Torchancen mehr heraus gespielt wurden. Vielversprechende Ansätze endeten als Rohrkrepierer im Strafraum. Dabei spielte Marseille seit der 34. Minute in Unterzahl. Der Freistoßschütze vor dem 1:1. Payet hatte nach einem harten Foul an Kuba bereits Gelb gesehen und wurde dann im Strafraum von Nuri Sahin zu Fall gebracht. Die TV-Bilder zeigen aber klar, dass Sahin zwar Payet berührt, zuvor aber ganz klar den Ball spielt. Payet befand es in dieser Situation allerdings für notwendig, zu Boden zu gehen, als hätte er eine Pistolenkugel in den Rücken bekommen. Der kroatische Schiedsrichter Strahonja konnte der theatralischen Darbietung allerdings so gar nichts abgewinnen und bestrafte ihn postwendend mit der zweiten gelben Karte – Gelb-Rot in der Summe, au Revoir, Monsieur.

Etwas Glück

Etwas Glück hatte der BVB in dieser Situation schon. Es gibt sicher viele Schiedsrichter, vor allem in der Bundesliga, die in dieser Situation ohne zu zögern auf Strafstoß für Marseille entschieden hätten. Eine richtige Schwalbe von Payet war es indes auch nicht, denn Sahin berührt ihn schon. Auch wenn Sky-Kommentator Kai Dittmann noch die nächsten zehn Minuten fortwährend nach Luft schnappte und alle fünf Sekunden betonte, dass es ein klarer Elfer gewesen sei, so würde ich sagen: es war auf keinen Fall ein Elfmeter, aber auch nicht unbedingt eine Schwalbe. Doch für eines muss man dem Schiedsrichter Respekt zollen: in dieser, unserer Fußballwelt, in der die Müllers und Robbens und viele weitere Schwalbenkönige mit Erfolg ihr Unwesen treiben, war es erfrischend, einen Schiedsrichter zu sehen, der jedweden Ansatz von Schauspielerei konsequent unterband. Das würde ich mir in der Liga auch öfter wünschen.

hummels facebook

In der zweiten Halbzeit ging der BVB die Sache eigentlich deutlich strukturierter an, die Zuspiele kamen nun genauer und die Jungs erspielten sich eine Menge richtig guter Torchancen. Doch damit fing die Phase der grauen Haare erst so richtig an. Kuba zögerte zu lange vor dem Tor, Marco Reus traf aus guter Position nur den den Pfosten und als Gipfel allen Torchancen-Versemmelungs-Übels schoss Lewandowski nach knapp 70 Minuten völlig unbedrängt am leeren Tor vorbei. Das hatte schon fast Frank-Mill-Qualität.

Die Nummer 19 macht’s

In dieser Phase sickerte dann auch durch, dass Neapel mittlerweile gegen Arsenal 1:0 führte. Mit diesem Resultat wäre der BVB ausgeschieden. Der bereits ausgewechselte Sebastian Kehl war zur Seitenlinie gerannt und signalisierte seinen Kollegen das Ergebnis. Roman Weidenfeller fluchte. Nun verlor der BVB seine Ordnung wieder und allmählich geisterte durch den Kopf „Ausgeschieden wegen Blödheit“. Der BVB war natürlich die bessere Mannschaft, aber das bekannte Übel der Chancenverwertung drohte alle CL-Träume vorzeitig zu beenden.

In der 87. Minute passierte dann etwas, bei dem Sportkommentatoren begeistert „AUSGERECHNET!!!“ schreien. Henrikh Mkhitaryan setzte sich auf der linken Seite durch, spielte zum eingewechselten Julian Schieber, der kein freies Schussfeld hatte, aber zum Glück die Übersicht behielt und auf den heran eilenden Kevin Großkreutz zurück legte. Und Dortmunds Mann mit der Nummer 19 tat es. Was? „Ich hab das Ding in den Winkel gedroschen,“ log der Dortmunder Junge im Interview später grinsend und ohne rot zu werden. Eigentlich war es so: während er zum Schuss ansetzte, rutschte er aus, traf den Ball fest, aber eigentlich nicht richtig, doch dadurch bekam er offenbar einen so scharfen Effet, dass Torwart Mandanda zwar mit den Händen noch an den Ball kam, ihn aber trotzdem anschließend aus dem Netz fischen durfte.

Typisch Kevin

Und dieser Moment war dann doch wieder leicht „malagaesk“. „Uns Kevin“, der eine überragende Saison mehrheitlich als Rechtsverteidiger spielt und immer da ist, wo er gebraucht wird, war auch in Marseille wieder da, wo und als er gebraucht wurde. Irgendwie passt es zu seiner bisherigen Saison, dass er nun auch diese Sache – das Achtelfinale – am Ende in die Hand nahm. Das ist typisch Kevin. Und ebenso typisch für ihn, wohin das Adrenalin der Euphorie seine Schritte nach dem Tor als allererstes lenkte: er raste los, dann ein Sprung über die Werbebande und schon stand er vorm BVB-Gästeblock.

Nun galt es noch völlig übertriebene vier Minuten Nachspielzeit zu überstehen. Vier Minuten Zittern und als die Uhr bei 93:56 stand, erklang endlich der erlösende Pfiff! Der BVB hat die schwerste Gruppe dieser Saison überstanden und zieht schließlich sogar als Gruppenerster ins Achtelfinale ein. Was für eine Willensleistung und ganz wichtig für die Psyche!

Ein, zwei Bier…

Auf Twitter kursierte schon kurz darauf der Hashtag #Godkreutz und der BVB sah sich zu einer neutralen Überschrift auf seiner Homepage nicht mehr in der Lage: „Lewi und Kevin schießen Borussia ins Achtelfinale“ heißt es dort liebevoll. Das war nicht die Zeit für sachlich-kühle Analysen.

Marseille 2-1

Und was sagte der Matchwinner selbst? Auf die Frage des Reporters, ob denn noch gefeiert würde, entgegnete er freudig: „Ein, zwei Bier können wir schon trinken…“ Wieder ohne rot zu werden übrigens. Der Trainer gab aber die ausdrückliche Erlaubnis: „Heute Abend ist Happy Hour im Hotel.“ Na, dann! Lasst euch das Bierchen schmecken, Jungs. Ihr habt es euch mehr als verdient! Und gebt dem Kevin mal eins aus. 😉

Marseille: Mandanda – Lucas Mendes (46. Abdallah), Diawara, Mendy, Fanni – Cheyrou, Lemina – Thauvin (79. Imbula), Payet – Gignac, Khelifa (55. Morel)
BVB: Weidenfeller – Großkreutz, Sarr, Sokratis, Durm – Sahin, Kehl (78. Piszczek) – Blaszczykowski (66. Hofmann), Mkhitaryan, Reus (78. Schieber) – Lewandowski
Tore: 0:1 Lewandowski (4.), 1:1 Diawara (14.), 1:2 Großkreutz (87.)
Schiedsrichter: Marijo Strahonja (Kroatien)
Zuschauer: 30.000
Gelbe Karten: Gignac / —
Gelb-Rote Karte: Payet (34., unsportliches Verhalten)

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4 Gedanken zu „„Uns Kevin“ schießt den BVB in Marseille zum Gruppensieg

  1. Kai Dittmann sah einen Elfmeter für Marseille? Interessant selbst Bela the red-nosed reindeer sah das als die Schwalbe!! die es war. Also wenn nur Andi Möller (tut mir leid Andi, du sollst nicht auf die Schwalbe reduziert werden) Sturzflüge noch klare Schwalben sind, dann wäre das ja Käse. Das war ne Schwalbe und den Flattermann den Payet danach machen durfte, hat er sich echt redlichst verdient. Du hast den Pfeifenmann in seiner stärksten und zweitschlechtesten Szene beschrieben, die schlechteste war aber als er ein glasklares (es war fast durchsichtig) Foul an Herrn Lewandowski nicht ahndete. DAS hätte auch der deutsche Durchschnittsschiri gepfiffen!! ^^

    • Ja, Herr Dittmann kriegte sich gar nicht mehr ein ob der Ungeheuerlichkeit des ausbleibenden Elfmeterpfiffes. Glasklare Schwalbe? Naja, ich hab schon schlimmere gesehen – eine davon nanntest du 😉 (Die Heulsuse, unforgettable…). Er fällt einfach deutlich zu theatralisch. Steht er danach sofort wieder auf, passiert ihm nichts. Das Foul an Lewandowski hab ich vergessen zu erwähnen. Das war allerdings ein klarer Elfmeter und den hätte vermutlich sogar Wolfgang Stark gegeben. Allerdings hätte er ihn bestimmt wiederholen lassen. 😉

      • Ok, also Schwalbe weil: Verzögerter Sturz, Theatralik, der Ich-will-nen-Elfer-Blick zum Schiri und wegen der Doofheit erst 2 min vorher Gelb bekommen zu haben und so nen Stunt dann noch abzuziehen. Möller hat ja seinen Elfer bekommen und so gesehen alles „richtig“ gemacht 😀

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