Buchrezension: The Secret Footballer. Ein Premier-League-Profi packt aus

Viele Fans glauben zu wissen, wie das Leben eines gut bezahlten Fußball-Profis abläuft. Wie es wirklich abläuft, wissen aber nur diejenigen, die es zum Fußball-Profi geschafft haben. Und die halten sich in der Regel bedeckt, sowohl in Hinblick auf ihr Privatleben, als auch im Hinblick auf das Business selbst. So ist es kein Wunder, dass dieses Buch vor allem in England für Furore gesorgt hat. Denn der „Secret Footballer“ macht die Tür ganz weit auf und lässt die Öffentlichkeit einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Seit Januar 2011 schreibt der SF Kolumnen für die englische Zeitung „The Guardian“ und gibt seinen Lesern Einblicke in das Fußball-Business, die Premier-League und das Leben als Profi, die ein Außenstehender sonst nicht bekäme. 2012 erschien das Buch, dessen Titel „I Am The Secret Footballer: Lifting The Lid On The Beautiful Game“ im englischen Original schon weitaus weniger reißerisch klingt als in der deutschen Übersetzung, die Mitte 2013 auf den Markt kam.

Keine Namen

In der Tat ist das Buch kein brandheißer Enthüllungsreport, denn der SF beschreibt zwar auch schonungslos Episoden von Charakterschwächen und schlechtem Benehmen, nennt dabei aber grundsätzlich keine Namen. Wenn Namen in negativen Zusammenhängen fallen, dann nur in Fällen, in denen die Geschichten ohnehin bereits bekannt sind. Er haut keinen in Pfanne, obwohl er das aufgrund der anonymen Schreibform natürlich könnte.

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Er geht bisweilen hart mit seinen Kollegen ins Gericht, stellt aber auch immer wieder klar, dass er sich selbst nicht ausnehme und bekennt, in vielen Dingen auch nicht besser zu sein. Er spricht über Alkoholkonsum und Spielsucht, beschreibt wilde Partys, bei denen schnell mal 150.000 Pfund auf den Kopf gehauen werden, weil man einen „Champagnerkrieg“ mit ein paar Spielern des FC Barcelona in Las Vegas anfängt. Beschämt schildert er, wie er seine ältesten und besten Freunde auf seinem Geburtstag mit der Einladung in ein Nobelrestaurant und dem Kauf einer 2.000-Pfund-Flasche Wein in Verlegenheit bringt. Verständnislos schreibt er über das Verhalten vieler Frauen in Anwesenheit von Fußball-Profis und wie schamlos viele Spieler ihre Prominenz diesbezüglich ausnutzen.

Zehn Kapitel

Diese Episoden sind aber nur ein kleiner Teil des Buches, das sich in zehn Kapitel gliedert: Erste Schritte, Trainer, Fans, Die Medien, Taktik, Die Premier League, Spielerberater, Geld, Schlechtes Benehmen und Das Ende naht. Der SF beschreibt den immensen Druck, dem man als Fußball-Profi seitens der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, aber auch das geile, mit nichts zu vergleichende Gefühl, wenn man vor den eigenen Fans ein wichtiges Tor geschossen hat. Er gibt einen detaillierten Einblick in die Mechanismen der Premier League, in Werbeverträge, Vereinswechsel, Rolle der Spielerberater, Konfliktlösungen innerhalb einer Mannschaft, die Macht und das teilweise hinterhältige und willkürliche Verhalten der Trainer und den Umgang mit den Medien, der bisweilen einem Spaziergang in einem Minenfeld gleichen muss.

Auch über Geld spricht er, von den „ganz neuen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung“, die das Salär eines Fußball-Profis bietet. Er beschäftigt sich mit den Vorwürfen der Fans, die Spieler seien überbezahlt und macht sich auch Gedanken darüber, warum dieser Vorwurf häufig als Erstes kommt. Generell spielen die Fans eine große Rolle in seinem Buch, er widmet ihnen gar ein eigenes Kapitel. Es ist deutlich zu spüren, dass er grundsätzlich ziemlich viel Verständnis für sie aufbringt und er sagt ganz klar, dass ihr Klub in erster Linie ihnen gehört. Gleichzeitig ist er aber auch der Meinung, dass viele Fans wenig Ahnung von Fußball haben und beschreibt auch den enormen Druck, den sie gegenüber einem gegnerischen Spieler aufbauen können.

Immer wieder Druck

Druck spielt immer wieder eine Rolle in seinem Buch und er selbst scheint zeitweise sehr darunter zu leiden. Im letzten Kapitel geht er auf das Tabu von Depressionen im Profi-Fußball ein und bekennt, selbst seit vielen Jahren daran zu leiden und auf starke Medikamente angewiesen zu sein.

Wer dieser „Secret Footballer“ ist, weiß man nicht. Es gibt sogar eine Internetseite (whoisthesecretfootballer.co.uk), auf der alle Fakten zusammengetragen und über seine Identität spekuliert wird. Liest man sein Buch, so gelangt man zu der Überzeugung, dass man es mit einem ziemlich klugen Menschen zu tun hat, der nicht nur seine Umwelt, sondern auch sein eigenes Tun stark reflektiert. Er schreibt selbst, dass er aus der Arbeiterklasse kommt und es ist deutlich zu spüren, dass er dazu auch stehen will, sich andererseits aber an seinen exklusiven Lebensstil gewöhnt hat und auch für seine Kinder nichts anderes will. Und auch wenn er selbst schreibt, er sei „arrogant“ und ein „Kotzbrocken“, wirkt er nicht unsympathisch, weil er mit seinen Einschätzungen ein Unrechtsbewusstsein und gewisse Moralvorstellungen zeigt.

Gute Schreibe

Seine Schreibe ist sehr unterhaltsam: ehrlich, direkt, zuweilen ironisch-bissig, zynisch, desillusioniert und trotzdem manchmal auch witzig. Die Einblicke, die er in das „Business Profi-Fußball“ gibt, dürfte auch Leuten, die nicht naiv und treuherzig an die Mär von den „elf Freunden“ glauben, noch einmal eine ganz andere Dimension aufzeigen.

Nun sind seine Schilderungen zwar auf die Premier-League bezogen, aber vieles von dem, was er schreibt, dürfte auch für die Bundesliga in dieser oder zumindest ähnlicher Form Gültigkeit haben – auch wenn die Verhältnisse in England sich zum Teil doch noch von denen in Deutschland unterscheiden. Doch gerade wenn es um die Strukturen innerhalb einer Mannschaft oder eines Vereins geht, um den Umgang mit dem Reichtum und der Berühmtheit schon in jungen Jahren, die Bedeutung der Taktik, die Rolle der Spielerberater oder auch den Druck durch Medien und Fans, dürften seine Beschreibungen auf Deutschland einigermaßen übertragbar sein.

Leseempfehlung

Fazit: Der „Secret Footballer“ hat ein ausgesprochen interessantes und zudem gut lesbares Buch geschrieben, das mit der einen oder anderen romantischen Vorstellung aufräumt. Er beschreibt die angenehmen Seiten, aber ganz offen auch die Schattenseiten des Business und des Lebens als Fußball-Profi und die Mechanismen des Geschäfts. Wer mehr darüber wissen will, als das, was nach außen hin präsentiert wird und zufällig keinen Fußball-Profi persönlich kennt, den er fragen könnte, der sollte unbedingt dieses Buch lesen. Klare Empfehlung!

The Secret Footballer. Ein Premier-League-Profi packt aus, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2013, 205 S., 12,90 €

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2 Gedanken zu „Buchrezension: The Secret Footballer. Ein Premier-League-Profi packt aus

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