Das Derby – Sporthighlight oder Sicherheitsproblem?

Für viele Fußballfans ist es nichts weniger als das wichtigste Spiel des Jahres, für die Medien immer wieder ein schöner Anlass, an dem sie die komplette Berichterstattung über einen Spieltag aufziehen können. Es ist ein Klassiker des deutschen Fußballs, manche sagen gar, es sei „Die Mutter aller Derbys“. Doch vor allem in den letzten Tagen kann man beim Blick in die Zeitung oder diverse Online-Sport-Portale den Eindruck gewinnen, es gehe beim Spiel zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 eher um einen drohenden Bürgerkrieg als um den sportlichen Vergleich zweier Vereine, die nur 30 Kilometer voneinander entfernt beheimatet sind.

Die Rückrunde der Bundesliga-Saison hat noch nicht einmal angefangen, da ist die Debatte über das „Gewaltproblem“ im Fußball schon wieder in vollem Gange. Auslöser dafür war das Treffen einer größeren Gruppe Intelligenzbefreiter aus Köln, Dortmund und Gelsenkirchen, die das Testspiel zwischen dem 1. FC Köln und Schalke zum Anlass nahmen, praktisch mitten in der Kölner Innenstadt eine Massenschlägerei untereinander anzuzetteln. Einer der Vollhirnis im blauen Gewand wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Passiert schon mal in so einer veritablen Schlägerei unter Hooligans. Zumindest das hat vermutlich jeder aus dem vor einigen Jahren so populären Film „Green Street Hooligans“ gelernt.

Ausschreitungen befürchtet

Man weiß als normaler, aktiver Fan nicht, worüber man sich zuerst aufregen soll: über diese Horde von Ignoranten, die nichts Besseres zu tun haben, als sich gerade zum Zeitpunkt des Fankongress (!) in aller Öffentlichkeit aufs Maul zu hauen und dann auch noch dumm genug sind, sich verhaften zu lassen, damit ihre Zugehörigkeit zu diversen Fangruppierungen auch zweifelsfrei bewiesen werden kann? Oder über die Populisten in Politik und Polizei, die ob dieser Prügelei unter Hooligans bereits schon wieder den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören und bereits jetzt fest mit Ausschreitungen beim Revierderby Ende März rechnen?

Mal ehrlich, mir ist das völlig egal, wenn die Hools sich irgendwo auf der grünen Wiese treffen und sich gegenseitig die Fresse einschlagen. Der eine steht auf Alkohol, um sich aufzuputschen, der nächste auf Sport und der dritte sucht sich seinen Adrenalinkick eben durch Gewalt. Wenn alle Beteiligten an einer solchen Schlägerei darüber einen Konsens haben und keine Außenstehenden mit hinein gezogen werden, sehe ich kein größeres Problem darin.

Sollen sie doch machen, solange sie mich damit in Ruhe lassen. Und wenn sie glauben, mit einer solchen Schlägerei die Ehre ihres Vereins zu verteidigen, dann ist mir auch das egal, solange alles innerhalb ihrer eigenen Szene bleibt und sie damit nicht den Ruf meines Vereins schädigen. Aber eine solche Prügelei medienwirksam in aller Öffentlichkeit anzuzetteln, wohl wissend, welche Debatten das wieder auslösen wird, ist an Dummheit nicht zu überbieten. Der schwerverletzte Schalke-Fan ist 40 Jahre alt und einschlägig bekannt. 40 Jahre und immer noch kein sinnvollerer Lebensinhalt? Was für traurige Gestalten.

Schaden für die Fanszene

Fest steht, dass sie mit dieser an Blödheit und Ignoranz nicht mehr zu überbietenden Aktion den Hardlinern in Politik und Polizei wieder einmal in die Karten gespielt haben. Dass das passiert, muss eigentlich jedem klar gewesen sein. Dass es die Beteiligten offenbar nicht interessiert hat, ist augenscheinlich. Wer weiß, vielleicht wollten sie sogar bewusst der Fanszene schaden. Ich kann mir zwar keinen logischen Grund dafür denken, aber ich habe auch keine logische Erklärung dafür, warum man Fans anderer Vereine unbedingt aufs Maul hauen muss.

Ich befürworte in diesem Fall scharfe Sanktionen gegen diejenigen, die zweifelsfrei an der Schlägerei beteiligt waren. Stadionverbot und Meldeauflagen während jedes noch so unbedeutenden Testspiels. Aber nicht, weil ich befürchte, dass diese Leute demnächst im Stadion randalieren. Sondern weil ich in diesem Fall einfach sauer bin, wie man alles, was an Fanarbeit geleistet wurde, an einem Nachmittag zunichte machen kann und diese Vollidioten einfach bestraft sehen möchte. Das ist allerdings eine ganz subjektive und möglicherweise auch nicht ganz rationale Sichtweise.

Problem der Öffentlichkeit

Hier kommen wir zu dem großen Problem der Rezeption dieses Vorfalls in der Öffentlichkeit. Denn fast zeitgleich sickerte durch, dass der FC Schalke fast 500 Geländeverbote gegen BVB-Fans verhängt hat, die beim letzten Derby „konspirativ“ über Essen angereist waren und dort einen Zug per Nothalt lahmgelegt hatten. Es wird vermutet, dass einige der Leute, die dann später in der Arena den Gästeblock in Schutt und Asche legten und Raketen in die Zuschauerblöcke schossen, sich in dieser Gruppe befanden.

Den meisten dieser 500 wird man wahrscheinlich individuell aber keine Straftat nachweisen können, weswegen diese Strafe mal wieder nach dem Gießkannenprinzip und bar jeder rechtsstaatlichen Grundsätze (Stichwort: Unschuldig bis zum Beweis der Schuld) verteilt wurde. Es stellt sich zudem die Frage, weshalb die Polizei die persönlichen Daten der 500 kontrollierten Fans überhaupt so einfach an den FC Schalke weitergeleitet hat. Da braucht man sich gar nicht über die NSA aufzuregen, wenn Datenschutz schon im Kleinen offenbar nicht funktioniert.

Wieder ein Tag später diskutierte plötzlich die ganze Sportpresse darüber wie man denn nun Ausschreitungen beim kommenden Derby, das erst im März stattfindet, verhindern kann. Kommt ihr bei diesen Gedankensprüngen gerade auch ein wenig schlecht mit?

Derby am Abend?

Okay, man geht davon aus, dass die Schalker sich möglicherweise für die Aktion im Hinspiel rächen können. Man geht weiterhin davon aus, dass die Dortmunder sich für die Geländeverbote rächen könnten. Wenn man aber mal ehrlich ist, findet sich fast vor jedem Derby irgendein Grund, den irgendjemand zum Anlass nehmen könnte, sich für irgendetwas zu rächen. Trotzdem verlaufen die meisten Derbys friedlich. Natürlich kann der Zuschauer am Fernseher da durchaus einen anderen Eindruck gewinnen. Das liegt aber nur daran, dass die Presse und nicht zuletzt die Polizei mittlerweile jeden Bengalo im Fanblock als „schwere Ausschreitungen“ verkaufen. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

Der zweite Punkt – und hier vermisse ich seitens der Medien mal eine deutliche Nachfrage bei der DFL – betrifft die Ansetzung des Spiels. Fakt ist nämlich, dass die Besorgnis auch daher rührt, dass das Spiel in einer englischen Woche stattfindet und bei der normalen Anstoßzeit von 20 Uhr somit auf jeden Fall im Dunkeln ausgetragen wird. Beste Bedingungen also für Krawallmacher und solche, die es werden wollen, so die Logik der Hardliner. Aber hieß es nicht vor relativ kurzer Zeit noch: KEINE Derbys mehr nach Einbruch der Dunkelheit? Die Tatsache, dass es Ende März in Deutschland um acht Uhr abends dunkel ist, kam für die DFL aber offenbar ebenso überraschend wie die Temperaturen im katarischen Sommer für die FIFA. Somit könnte die DFL zunächst mal in ihrem eigenen Saustall nachschauen, welches Organisationstalent das Spiel auf diesen Spieltag gelegt hat.

Unverhältnismäßig

Nun war sogar die Rede davon, beim Derby keine Gästefans zuzulassen. Das wird jetzt zwar zumindest für das kommende Derby nicht umgesetzt, aber die Absage war mit der Drohung verbunden, das sei nun wirklich die „letzte Chance für alle friedlichen Fans“. Letzte Chance wofür? Warum muss man friedlichen Fans drohen? Wie soll eine große, heterogene Masse von Menschen denn verhindern, dass Einzelne aus der Reihe tanzen? Und wer sagt, ob die Idee mit den Gästesperren nicht beim übernächsten Derby wieder aufkommt. Oder beim nächsten Niedersachsenderby. Oder Nordderby.

Ich finde den Anblick einer blauen Nordtribüne wirklich alles andere als erbaulich, aber ein Derby ohne Gästefans?! Habt ihr sie eigentlich noch alle?! Allein die Idee ist doch asozial. Mal ganz davon abgesehen, dass es nun wirklich überhaupt keinen Sinn ergibt, die Schalker auszuschließen, weil sich die Dortmunder im Hinspiel daneben benommen haben, wäre eine solche Maßnahme wirklich mehr als unverhältnismäßig.

Zudem wäre es eine Kapitulation vor den wenigen Vollidioten, die das Spiel des Jahres dazu nutzen, um ihren persönlichen Frust abzubauen. Ich bin jederzeit dafür, überführte Randalierer individuell auch hart zu bestrafen. Es hat schon seinen Grund, warum ich „Gegen alle Stadionverbote“ aus Prinzip niemals mit rufe. Es gibt Leute, die sich sich ihr Stadionverbot mehr als redlich verdient haben. Dazu gehören Typen wie der Knilch, der auf der Südtribüne den Hintlergruß gezeigt hat, aber eben auch die Leute, die im letzten Derby Raketen in die Zuschauerblöcke geschossen haben. Nun aber pauschal alle Schalker auszuschließen, würde bedeuten, pauschal jedem der 8.000, die sonst gekommen wären, zu unterstellen, er sei ein potenzieller Straftäter. Zudem würde es auch gar nichts bringen. Wer wirklich Randale machen will, muss dazu bestimmt nicht das Stadion betreten.

Notbremse ziehen

Das Derby ist immer noch ein Fußballspiel, eines der attraktivsten überhaupt, weil es von einer traditionellen und gewachsenen Rivalität lebt und von der geografischen Nähe zueinander. Hunderttausende von Fußballfans freuen sich das ganze Jahr auf dieses Spiel. Es ist sicherlich sinnvoll, wenn sich die Vereine im Vorfeld mal zusammen setzen und über ein gemeinsames Sicherheitskonzept beraten. Das stellt ja auch niemand in Frage. Aber wenn plötzlich Maßnahmen wie Gästesperren oder Alkoholverbote im Stadion im Gespräch sind, dann muss man wirklich mal die Notbremse ziehen. Wer wirklich Randale machen will, plant dies in der Regel und braucht dazu bestimmt keinen Alkohol, sondern er holt sich seinen Kick ja gerade durch die Gewalt. Gästesperren sind inakzeptabel, sie stellen tausende Fans unter einen Generalverdacht und nehmen dem Derby doch letztlich auch seinen Charakter und bieten der Heimmannschaft überdies auch noch einen Wettbewerbsvorteil, weil der Gegner keinerlei Unterstützung erfährt.

Ja, vielleicht gäbe es dann im Stadionumfeld ein paar Schlägereien weniger. Aber ein Derby ohne den Reiz, den Gegner zu verspotten, ein Derby ohne Feuer, das sich doch gerade durch die Anwesenheit des Gegners aufbaut? Das kann doch bis auf Rainer Wendt niemand im Ernst wollen. Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun, das ist dann nur noch eine sterile Beschäftigungstherapie für 80.000 Menschen.

Zurück auf die Sachebene

In Tagen wie diesen fühle ich mich hilflos angesichts der Meldungen und der immer neuen Debatten. Ich will nicht, dass sie das schöne Spiel, das „Beautiful Game“, wie die Engländer sagen, kaputt machen. Wer „sie“ ist? Beide Seiten. Die Hardliner. Und die Randalierer.

Warum kann man nicht einfach mal wieder auf die Sachebene zurückkehren? Wenn Vorfälle passieren wie im Hinspiel-Derby, kann man gegen die Täter ermitteln und sie bestrafen und dann den Fall zu den Akten legen. Wenn irgendwo im Gästeblock mal ein oder zwei Bengalos abgefackelt werden, kann man doch einfach mal sagen, dass das nichts mit Randale zu tun hat, sondern speziell bei Gästefans einfach nur das Signal an den gastgebenden Verein ist, das sagt „Wir haben euch ein Schnippchen geschlagen.“ Und ansonsten könnte man doch mal aufhören, den Fußball medial zu einer Art Schlachtfeld zu machen und endlich einmal einen Blick auf die Zahlen werfen, die ganz deutlich machen, dass ein deutsches Fußballstadion vermutlich einer der am wenigsten gefährlichen Orte überhaupt ist.

Sinnlose Debatte

Doch ich bezweifle, dass das passiert. In drei Tagen beginnt die Rückrunde und ursprünglich hatte ich mich darauf gefreut. Aber manchmal bin ich dieser ganzen Debatte so überdrüssig, dass sie mir den Spaß am Fußball nimmt. Das gilt speziell für die Derbys. Die waren für mich immer das absolute Highlight der Saison. Jetzt muss man vor dem Spiel ja fast mehr darüber zittern, ob es ruhig bleibt, als darüber, ob dem BVB die Derby-Revanche, Teil 2, gelingt.

Und jeder neue Vorfall, sei er noch so klein, treibt die Welle höher. Ich will von dieser unsäglichen Debatte nichts mehr hören und ich will nicht, dass sie weiter so geführt wird. Sie entbehrt jeder Berechtigung, weil sie die Gräben immer nur weiter aufreißt und nicht mal ansatzweise zuschüttet. Eine Debatte, die nicht konstruktiv ist, hat für mich keinen Sinn. Eine konstruktive Diskussion kann aber nur stattfinden, wenn sie sich auf der Sachebene bewegt. Und das tut sie nicht derzeit. Bei den Hardlinern führt das zu immer absonderlicheren Vorschlägen. Bei vielen Fans zu einer falsch verstandenen oder bisweilen auch fragwürdig adressierten Solidarität. So kann es nicht weitergehen.

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2 Gedanken zu „Das Derby – Sporthighlight oder Sicherheitsproblem?

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