Buchrezension: Oliver Birkner – Eines Tages im Mai

Spätestens seit der Champions-League-Saison 2013/14 dürfte der SSC Neapel auch den jüngeren Fußball-Fans ein Begriff sein. Und die Älteren denken sowieso bei dem Namen gleich an Maradona. Zurecht, wie das Buch von Oliver Birkner zeigt. Aber Napoli ist nicht nur Maradona und weit mehr als Spaghetti, Müllberge und Camorra.

In Neapel wunderte sich wohl so manch einer, warum ein deutscher Journalist ein Buch über die Geschichte des SSC Neapel schreiben möchte. Nach der Lektüre muss man feststellen: gut, dass er es getan hat, denn es gibt einen detaillierten Einblick in die Mentalität eines chaotischen und irgendwie trotzdem sympathischen Vereins und dessen Tifosi, die mit „verrückt“ wohl noch zu harmlos beschrieben sind.

Autokratische Sonnenkönige

Es ist nicht nur die Geschichte des Klubs, sondern auch ein wenig die seiner Region. Beheimatet im strukturschwachen und vernachlässigten Süden Italiens, brauchte der SSC Neapel schon immer ein wenig mehr Raffinesse als die anderen italienischen Spitzenklubs, um Erfolg zu haben. Die Vereinsgeschichte ist geprägt von autokratischen Sonnenkönigen, die den Verein wie eine absolute Monarchie führten. Sie ist geprägt von persönlichen Eitelkeiten, Chaos, kuriosen Geschichten und ganz viel Herzblut.

Ohne seine leidenschaftlichen Tifosi wäre der Verein nichts und sie stehen deshalb neben den großen Stars der Vereinsgeschichte immer im Mittelpunkt des Buches. Auch dem vielleicht besten Spieler, den es je gab – Diego Armando Maradona – wird ein großer Teil des Buches gewidmet. Das ist angesichts der buchstäblich religiösen Verehrung, die der Argentinier bis heute in der Stadt genießt, sicher nicht übertrieben. Birkner schildert seine Erhebung in den Gottesstatus ebenso wie den Absturz Maradonas, der letztlich im Drogensumpf versank und Neapel bei Nacht und Nebel verließ.

Phönix aus der Asche

Das Buch hat acht Kapitel, lässt sich vom Umfang her aber daher auch unterteilen in „Vor Maradona“, „Während Maradona“ und „Nach Maradona“. Der Schlussteil beschreibt den Absturz des Klubs in den 90ern, der sich schließlich sogar in der dritten Liga wiederfand. Und weil im Grunde ihres Herzens die meisten Fußball-Fans Romantiker sind und deshalb auch das BVB-Märchen „Vom Vorzimmer der Pathologie zur Meisterschaft“ im Jahr 2011 zur Lovestory des Jahres wurde, genau deshalb mag man es vor allem den Tifosi des SSC Neapel gönnen, dass ihr Klub letztlich wie Phönix aus der Asche wieder hinauf stieg und 2013 erstmals wieder die Champions-League-Hymne im Stadio San Paolo erklang.

Die Geschichten in diesem Buch bringen einen zum Lachen und lösen auch Kopfschütteln aus, sind jedoch immer unterhaltsam. Und wer keine Gänsehaut an der Stelle bekommt, als Napoli „eines Tages im Mai“ des Jahres 1987 zum allerersten Mal in seiner Geschichte den Scudetto gewinnt und in einem zehntägigen Jubelrausch versinkt – nein, beim Barte des Fußballgottes – der hat dann wohl irgendwie kein Herz für diesen Sport!

Oliver Birkner: Eines Tages im Mai. Die Geschichte des SSC Neapel, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2013.

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