Eine Würdigung: unser Tempel wird 40

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden schon festgestellt haben, dass sich in den letzten Wochen hier wenig getan hat. Das hatte einen Grund – und er hatte in gewisser Weise mit diesem schönen Bauwerk an der Strobelallee zu tun, das für so viele Menschen die Heimat bedeutet und das am heutigen Tage seinen 40. Geburtstag feiert.

 

Es ist schwer, in Worte zu fassen, was dieses Stadion für mich ganz persönlich bedeutet. Kennt ihr das, wenn ihr von der A 40 oder der B 54 in Richtung Dortmund fahrt und dann am Horizont auf einmal diese leuchtend gelben Pylone auftauchen? In diesem Moment durchströmt mich immer ein Gefühl der Freude und die Gewissheit, dass ich zuhause bin. Dass ich am anderen Ende von Dortmund wohne spielt keine Rolle. Speziell wenn ich von weiter her komme, dann bin ich in dem Moment wieder zuhause angekommen, wenn ich zum ersten Mal das Westfalenstadion sehe.

Persönliche Geschichte

 

Jeder hat seine ganz persönliche Geschichte, die ihn mit diesem Stadion verbindet. Natürlich sind es die vielen Schlachten des BVB, die in dort geschlagen wurden. Selbst ich habe in meinem noch recht zarten Alter bereits legendäre Spiele dort gesehen, die in die Geschichtsbücher eingegangen sind und die den ganz besonderen Zauber des Ortes prägten. Wer an dem Abend im April 2013 im Stadion war, als der BVB praktisch aus der Champions League ausgeschieden waren und dann das Wunder geschah, als Santana den Ball über die Linie stocherte, der hat gespürt, was dieses Westfalenstadion kann.

 

Ich habe schon viele Spiele dort erlebt, wo die Stimmung lau vor sich hin plätscherte und man sich fragte, was eigentlich aus dem Mythos Westfalenstadion geworden ist. Und dann, wenn man gerade beginnt, sich damit abzufinden, dass die Zeiten wohl ein für alle Mal vorbei sind, kommt so ein Spiel. Ein Spiel wie Malaga, bei dem jeder auf einmal wieder weiß, warum dieses Stadion so verdammt einzigartig ist und warum die Gegner im In- und Ausland wenn schon nicht Angst, so doch aber gehörigen Respekt vor dieser Spielstätte haben.

 

Nächtliche Besuche

 

Aber es sind ja nicht nur die sportlichen Aspekte, die diesen Ort zu einem ganz besonderen machen. Woran liegt es also, dass ich während jeder elend langen Sommerpause mindestens ein oder zwei Mal zu fort gerückter Nachtstunde den Weg über die Lindemannstraße Richtung Süden einschlage und dann mit Freunden und einer Flasche Bier versonnen vor dem leer und verlassen liegenden Tempel sitze? Stundenlang haben wir dort schon gesessen und zugesehen, wie die Sonne ganz langsam über der Strobelallee aufging und ein weiterer fußballloser Sonntag in Dortmund anbrach.

 

Warum ist die Sehnsucht nach diesen schlichten Betonbau so stark? Es ist, als ob um dieses Stadion herum ein Energiefeld existiert, dass alle Emotionen verstärkt und uns auch dann magisch anzieht, wenn der BVB nicht spielt. Emotionen sind die Essenz des Fußballs, sie sind der Grund, warum Fußball eben kein normales Hobby ist. Im Westfalenstadion haben wir wohl schon die ganze Palette an Emotionen durchlebt, die die Seele zu bieten hat: Freude, Glück, Liebe, Euphorie, Überraschung, Schadenfreude, Triumph, aber natürlich auch Hass, Schmerz, bittere Enttäuschung, ja und natürlich auch Angst. Wer beim letzten Heimspiel vor der Molsiris-Entscheidung 2005 im Stadion war, konnte diese Angst mit Händen greifen. Eine ganz merkwürdige Stimmung griff um sich und die nackte Angst um das Überleben unseres Vereins schwebte wie ein Damoklesschwert über den Tribünen.

 

Heimat und Erinnerung

 

Es ist aber auch der Ort, an dem wir Menschen treffen, die uns etwas bedeuten. Meine Freundin Anna, die mit mir im Block steht und vor ein paar Jahren des Studiums wegen nach Marburg gezogen ist, und trotzdem fast für jedes Heimspiel nach Dortmund fährt, hat das einmal so erklärt: „Die Heimspiele geben mir einen Grund, regelmäßig nach Hause zu kommen und meine Freunde hier im Ruhrgebiet zu sehen.“ Sie kommt nicht nur wegen Borussia, sondern eben auch um uns zu sehen und um in ihre Heimat zu kommen, was sie sonst aufgrund von Arbeit und Uni-Stress sicher nicht so oft machen würde.

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Für mich ganz persönlich ist das Westfalenstadion auch der Ort, der mich mit einem besonderen Menschen verbindet, der leider vor etwas über zwei Jahren viel zu früh verstorben ist: mein Vater. Er hat mich im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal mit ins Stadion genommen und ich stand viele Jahre gemeinsam mit ihm auf der Süd. Nach seinem plötzlichen Tod stehe ich nun ohne ihn dort. Und zu den anderen emotionalen Ebenen, die mich mit dem Stadion verbinden, ist eine weitere hinzugekommen. Freude und Wehmut liegen manchmal ganz eng beieinander.

 

Westfalenstadion als Abschluss-Thema

 

In den letzten Monaten kam noch ein weiterer Aspekt hinzu, durch den das Westfalenstadion eine bedeutende Rolle in meinem Leben einnimmt: es wurde zum Thema meiner Abschlussarbeit an der Uni. Letzte Woche habe ich meine Masterarbeit an der Ruhr-Universität Bochum eingereicht und sie trägt den etwas sperrigen Titel „Stadionbau und Finanzierung im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 im Ruhrgebiet“. Es gab zwei WM-Stadien im Ruhrgebiet: die mittlerweile größtenteils abgerissene Betonschüssel unseres ungeliebten Nachbarn in Herne-West und unser schönes Westfalenstadion. Ich habe Wochen damit verbracht, den Bestand im Dortmunder Stadtarchiv zum Bau des Stadions zu sichten und bin dabei tief in die Geschichte seiner Entstehung eingetaucht. Dabei habe ich auch manche Kuriosität zu Tage gefördert, z.B. die Wahrheit über das Vereinslied unserer Nachbarn. Diese Arbeit war der Grund, warum ich so wenig geschrieben habe in letzter Zeit, denn sie hat mich so in Anspruch genommen, dass dafür schlicht und ergreifend keine Zeit mehr blieb.

 

Ich werde in einem gesonderten Blogbeitrag über diese Recherchen noch mal etwas schreiben, denn die Entstehungsgeschichte unseres Stadions ist zum Teil wirklich spannend und dürfte manchen Fan sicher interessieren.

 

Die Sache mit dem Namen

 

Bevor ich diese Würdigung schließe, soll eine Sache noch zur Sprache kommen: die Sachen mit dem Namen. Vor ein paar Jahren mussten wir die fette Kröte schlucken, dass der Name unseres Stadions an einen ortsansässigen Versicherungskonzern verkauft wurde. Für diesen erheblichen Traditionsbruch hatten die meisten seinerzeit wohl Verständnis, schließlich ging es um nichts weniger als das Überleben des Vereins. Und sicher hätte man einen unpassenderen Sponsor finden können, als eine Dortmunder Firma, deren Schönheitsfehler lediglich in ihrem blauen Logo liegt. Nichtsdestotrotz weigern sich viele Fans (darunter auch ich), den neuen Namen zu benutzen. Er klingt einfach scheußlich im Vergleich zu dem geschichtsträchtigen und klangvollen Namen Westfalenstadion. Der Vertrag mit der Versicherung wurde vor einiger Zeit bis 2021 verlängert und die exzessive Betonung des neuen Namens seitens des Vereins wirkt manchmal schon etwas verzweifelt. Relativ unverständlich finde ich hingegen, dass die Medien in vorauseilendem Gehorsam ebenso exzessiv darauf pochen. Im Grunde grenzt das an Schleichwerbung.

 

Die Haltestelle wurde umbenannt. (Foto: Bundespolizei Dortmund/St.Augustin)

Die Haltestelle wurde umbenannt. (Foto: Bundespolizei Dortmund/St.Augustin)

Einstweilen haben pünktlich zum 40. Geburtstag ein paar Unbekannte den Bahnhof am Stadion schon einmal wieder umbenannt. Und selbst die Bundespolizei, die nun wegen Sachbeschädigung ermittelt, konnte sich einiger Gefühlsregungen offenbar nicht erwehren, denn sie gab eine eher ungewöhnliche Presseerklärung heraus. Betitelt war sie mit „Unbekannte beklebten Hinweisschilder am Haltepunkt SIP „Dortmund Westfalenpark“ Täter trauern alten Zeiten hinterher“ und in die anschließende Mitteilung schlich sich ein Hauch von Wehmut: „Die vor Ort getätigten Ermittlungen erweckten auch bei den Beamten der Bundespolizei Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.“. Die Abkürzung SIP im Titel der Mitteilung stammt übrigens nicht von mir, sondern unverändert aus der Polizeimeldung.

 

Vorschlag zur Güte

 

Mein Vorschlag zur Güte an den Verein wäre folgender: schreibt einstweilen ans Stadion dran, was ihr wollt, akzeptiert einfach, dass die Fans ihn nicht mögen und den alten Namen benutzen und hört auf, den neuen in sie rein prügeln zu wollen und in einigen Jahren, wenn man sich vielleicht wirklich als „zweiter Leuchtturm“ in Deutschland (© Aki Watzke) etabliert hat, tut das, was ein Leuchtturm für gewöhnlich tut: Signale aussenden. Ein solches Signal und ein Bekenntnis zur seitens des Vereins viel beschworenen Tradition könnte es zum Beispiel sein, auf ein paar Millionen im Jahr zu verzichten und den Vertrag mit der Signal Iduna nicht noch einmal zu verlängern. Wenn der BVB als erster Verein in Deutschland die Rückkehr zum traditionellen Namen verkündet und dafür auf Geld verzichtet, dürfte ihm das eine unbezahlbare Publicity bescheren und eine Glaubwürdigkeit, die man für kein Geld der Welt kaufen kann. Es würde den BVB von einem großen zu einem ganz großen Verein machen.

 

Aber das ist Zukunftsmusik. Im Moment bleibt uns nur, dem großartigsten Stadion der Welt alles Gute zum 40. Geburtstag zu wünschen und die Feststellung, dass 32.615.039,13 DM selten so gut angelegt wurden wie 1974 in Dortmund. Am Samstag steigt die große Geburtstagsparty. Alle, die ihr eine Eintrittskarte besitzt: beschert unserem Tempel eine würdige Sause!

 

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5 Gedanken zu „Eine Würdigung: unser Tempel wird 40

  1. An dieser Stelle sei erwähnt das a.) Der Blog über unsere Heimat wirklich wunderbar geschrieben ist und b.) ich Deinen Blog sehr gerne lese, weil er in unaufgeregter Weise geschrieben ist und es sich ablesen lässt, wie tief Deine Beziehung zum Verein ist und das Du treffend beschreibst was aktuell mit ihm und um ihn herum geschieht. Dafür Danke ! Mach weiter so. Ein treuer Leser :))

  2. Pingback: Borussia Dortmund nach 30 Spieltagen in der Saison 2013/2014 > Borussia Dortmund > Bundesliga, BVB, Champions League, DFB-Pokal, Rückblick, Saison 20132014

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