Ganz knapp am Wunder vorbei und doch irgendwie magisch

Manchmal gibt es Abende, an denen selbst langjährigen BVB-Fans die Worte fehlen, um das Phänomen Borussia zu erklären. Das Wunder von Dortmund wurde am Dienstagabend im Westfalenstadion knapp verpasst. Vergessen wird diesen Abend trotzdem so schnell niemand, der dabei war. Denn es waren gute zwei Stunden, in den wirklich alles, das diesen Verein ausmacht, geballt aufeinander trafen. Ein Abend, der trotz des verpassten Wunders in die Geschichte und ins kollektive Dortmunder Gedächtnis eingehen dürfte.

Die Ausgangslage war ja wirklich denkbar mies: 0:3 bei Real Madrid verloren und es brauchte ein 4:0 gegen das weiße Star-Ensemble, um ins Halbfinale der Champions League einzuziehen. Nach dem Hinspiel herrschte Ernüchterung und wohl die wenigsten hätten spontan nach dem Spiel ihre Dollars auf ein Wunder gesetzt. Zu unterlegen war der BVB an diesem Abend im Estadio Santiago Bernabeu und zu groß schien in diesem Jahr die sportliche Diskrepanz zwischen den Ronaldos und Bales dieser Welt auf der einen Seite und der von massivem Verletzungspech gebeutelten und ersatzgeschwächten schwarz-gelben Truppe zu sein.

#bvbmiracle

In der Presse setzte niemand mehr einen Pfifferling auf den BVB und gewisse Aushilfsmoderatoren wollten sogar Jürgen Klopp dazu bringen, schon vor dem Rückspiel die Segel zu streichen. Und in Dortmund erwachte der Trotz. Hatten die Spieler unmittelbar nach dem Hinspiel noch desillusioniert und pessimistisch präsentiert, so wirkten sie unter der Woche schon wieder deutlich kämpferischer. Das Spiel gegen Wolfsburg, das die Mannschaft nach Rückstand drehte und gewann, mag moralischen Auftrieb gegeben haben. Und die Fans? Die weigerten sich einfach, die objektive Unmöglichkeit des Wunders gegen Madrid anzuerkennen. Der Hashtag #bvbmiracle kursierte auf Twitter und die Geschichte des Malaga-Spiels wurde wahrscheinlich seit dem April 2013 nicht mehr so oft erzählt, wie in diesen Tagen.

„Wir haben keine Chance, also lasst uns sie nutzen!“ Unter diesem Motto präsentierte sich das Westfalenstadion von Beginn an lautstark und zelebrierte eine Stimmung, wie es sie in dieser Saison selten gegeben hat. Es zeigte sich mal wieder: trotz Stimmungsdiskussion und schwachen Auftritten bei einigen Spielen ist dieses Stadion da, wenn es gebraucht wird.

Vielversprechender Anfang

Der Anfang war vielversprechend, der BVB attackierte Real Madrid früh, während die Madrilenen zunächst abwartend agierten. In der 17. Minute dann der vermeintliche Alptraum: der extrem schwache Schiedsrichter Skomina, der an diesem Abend unzählige Fehlentscheidungen – leider meist gegen den BVB – traf, gab Handelfmeter für Real nachdem der Ball im Strafraum die Hand von Piszczek berührte. Di Maria trat an, doch Weidenfeller hielt den Strafstoß. Der Mann hat sich tatsächlich auf seine alten Tage noch zum Elfmeterkiller entwickelt, wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht.

Das Stadion erbebte zum ersten Mal an diesem Abend in seinen Grundfesten und in diesem Moment hatte wohl jeder das Gefühl, dass der Fußballgott vielleicht wirklich schwarz-gelb trug. Der gehaltene Elfmeter war eine Initialzündung, die Mannschaft drückte nun noch aggressiver in Richtung Casillas und das Stadion peitschte sie nach vorne. Einige Chancen wurden vergeben, doch in der 24. Minute stand es 1:0 durch Marco Reus und das Stadion explodierte zum zweiten Mal.

Madrid geschockt

Das Tor schockte die Madrilenen, die sich ohnehin an diesem Abend relativ zweikampfschwach und passiv präsentierten, kein Vergleich zum Hinspiel. Keine zehn Minuten später stand es 2:0 und wieder war es Reus, der nach einer schönen, von ihm selbst eingeleiteten Kombination Robert Lewandowski bediente und dessen Abpraller versenkte. Das Westfalenstadion explodierte zum dritten Mal und jetzt ging Real Madrid der Arsch sichtlich auf Grundeis.

Zu Beginn hatten sie den BVB offensichtlich völlig unterschätzt und nun schnupperte Dortmund tatsächlich am Wunder. Denn es war noch fast eine Stunde zu spielen und der BVB kann jederzeit im eigenen Stadion zwei Tore in sechzig Minuten schießen. Die Mannschaft wurde mit donnerndem Applaus für ihren couragierten Auftritt in die Halbzeit verabschiedet.

Tragischer Held

Nach der Pause fand Madrid etwas besser ins Spiel und schien den Gegner nun deutlich ernster zu nehmen. Doch nach einigen Minuten und Torchancen für Madrid kam der BVB wieder besser ins Spiel. Henrikh Mkhitaryan wurde zum tragischen Helden, als er zwei Großchancen hintereinander nicht im Tor unterbrachte. Zwanzig Minuten vor dem Ende prüfte Kevin Großkreutz Casillas noch einmal mit einem guten Schuss, doch seine Chance sollte leider die letzte Dortmunder Großchance sein.

Denn nun spielte Madrid das ganze Repertoire an Zeitspiel, Wechseln, Verletzungsunterbrechungen und sonstiger „Cleverness“ aus und die Zeit begann, dem BVB davon zu laufen. Allmählich machte sich auch der Kräfteverschleiß bemerkbar, nicht jeder Spieler konnte die Sprints noch mitgehen. Dennoch gaben sie niemals auf, was einfach symptomatisch für den BVB-Fußball der Ära Klopp stand. Ebenso symptomatisch die Aktion von Großkreutz, der nach einem Zusammenprall mit einem Real-Spieler erst halb bewusstlos liegen blieb, die herbeigerannten Sanitäter dann aber resolut wegschob, sich aufrappelte und schnurstracks zur Seitenlinie rannte und dem Schiedsrichter mit ungeduldigen Gesten signalisierte, er möge bitte sofort wieder am Spiel teilnehmen. Die Nehmerqualitäten des „Dortmunder Jung“ sind ja mittlerweile schon legendär und auch ein Sinnbild für die Zähigkeit und Verbissenheit des aktuellen BVB.

Raus mit Applaus

Doch die Zeit lief unerbittlich weiter, ohne dass Borussia sich noch gute Torchancen hätte erspielen können. Real rettete den knappen Rückstand über die Zeit und drehte die Systematik aus dem letztjährigen Halbfinale damit um. Schließlich war die Nachspielzeit um und es war klar: der große Kampf des BVB würde diesmal nicht belohnt werden. Real Madrid steht im Halbfinale der Champions League und Borussia fliegt raus mit Applaus. Die Spieler standen minutenlang völlig fertig am Mittelkreis, während die Südtribüne den Lautstärkeregler noch mal ein wenig nach oben schob und die geschlagenen Helden schließlich empfing, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen.

Das Stadion sang das „Europapokal“-Lied, „Und wenn du das Spiel verlierst“ „Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz“ und „Und wir werden immer Borussen sein“ – und fast noch niemand war gegangen. Auch die Sitzplätze waren noch gut gefüllt und verabschiedeten die Mannschaft mit Standing Ovations. Dieser Abend hat alles, aber auch wirklich alles gehabt, was den BVB ausmacht: Dramatik, großen Kampf, Verbissenheit, Leidenschaft, Treue und überbordende Emotionen. Und wer an solch einem Abend wirklich immer noch behauptet, es käme im Fußball nur auf das Ergebnis an, der hat das Wesen dieses Sports einfach nicht begriffen.

Wir kommen wieder

Natürlich war die Enttäuschung groß, denn das Wunder war an diesem Abend definitiv möglich. Das war unglaublich stark in jeder Hinsicht. Verloren wurde dieses Viertelfinale im Hinspiel, denn mit einem Auswärtstor hätte der 2:0-Sieg gereicht. Dieses Spiel war wie ein Finale – am Ende leider mit dem schlechteren Ende für den BVB. Doch ein Finale kann man mal verlieren. Das wirft uns nicht um. Liebe Champions League: mach’s gut. Wir kommen bald wieder. Und vielleicht bleiben wir dann auch wieder etwas länger.

BVB: Weidenfeller – Piszczek (81. Aubameyang), Friedrich, Hummels, Durm – Jojic, Kirch – Großkreutz, Mkhitaryan, Reus – Lewandowski
Real: Casillas – Carvajal, Pepe, Ramos, Coentrão – Xabi Alonso, Modric – Bale, Illarramendi (46. Isco), Di María (73. Casemiro) – Benzema (90.+2 Varane)
Tore: 1:0 Reus (24.), 2:0 Reus (37.)
Zuschauer: 65.829 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Damir Skomina (Slowenien)
Gelbe Karten: Reus / Ramos, Xabi Alonso, Carvajal, Casemiro
Bes. Vork.: Weidenfeller hält Handelfmeter von di Maria (17.)

Advertisements

Ein Gedanke zu „Ganz knapp am Wunder vorbei und doch irgendwie magisch

  1. Auf den Punkt gebracht ! Ich war an dem besagten Abend vor Ort und werde dieses Erlebnis im Stadion & das tolle Spiel unserer Borussia nicht vergessen. Es war unglaublich. Genau darin begründet sich meine Liebe zu diesem Verein. #NurderBVB

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s