Durch München weht ein kalter Wind…

Tja, so läuft das manchmal. Da sind die Bayern Ende März schon Deutscher Meister und während noch alle Medienvertreter und sogenannte Experten damit beschäftigt sind, dem Starensemble von der Isar zu huldigen und überzeugt sind, dass dieser FC Bayern auf Jahre hinweg nicht zu schlagen sein wird, kommen zwei mutige Mannschaften daher und bescheren den „Überirdischen“ auf einmal zwei ganz irdische Niederlagen.

„Sorry, aber die Bundesliga ist vorbei“ – in dieser Aussage von Bayerns Messias Trainer Pep Guardiola manifestiert sich die kühle Bayern-Strategie: das Soll ist erfüllt, die Rendite kassiert. Vielleicht hätte er das lieber nicht sagen sollen. Während man die 0:1-Niederlage in Augsburg, bei dem ohnehin eine B-Elf auf dem Platz stand, hinterm Weißwurst-Äquator noch einigermaßen gelassen hinnahm, hinterließ die Dortmunder „Watschn“ schon schockierte (und im Falle des Steuersünders Uli H. hochrote) Gesichter.

Taktische Meisterleistung

Vor allem die Art und Weise dürfte den Bayern-Fans und Verantwortlichen mal so überhaupt nicht geschmeckt haben, denn der BVB war trotz vorsichtig geschätzten 85 Prozent Ballbesitz der Bayern klar die bessere Mannschaft und zog den Bayern, die diesmal nahezu mit der besten Kapelle aufliefen, durch einen leidenschaftlichen Einsatz und eine taktische Meisterleistung den Zahn.

Dabei war das System der Dortmunder nicht einmal neu, sondern eigentlich setzte man auf die bewährte Taktik, mit der sich die Bayern in den letzten paar Jahren schon häufig so schwer getan haben: extrem hohes Verteidigen, Doppeln der Schlüsselspieler im Bayern-Mittelfeld, konsequentes Gegenpressing nach Ballverlust und schnelles Umschalten nach Ballgewinn. Hilfreich war aber sicher auch, dass der BVB sich diesmal auch vorm Tor kaltschnäuzig präsentierte und fast jeden Bayern-Fehler gnadenlos bestrafte.

Schwachstelle des Systems

Denn so wahnsinnig schlecht spielten die Bayern eigentlich gar nicht, auch wenn die Bayern-Verantwortlichen das nach dem Spiel natürlich zu Protokoll gaben. Ist ja logisch – wenn Bayern verliert, dann war niemals der Gegner so gut, sondern die Bayern waren so schlecht. Kennt man ja. Doch eigentlich machten die Bayern großartig nichts anderes als die ganze restliche Saison über. Sie setzten auf extremen Ballbesitz und Kurzpass-Spiel. Doch die Dortmunder Taktik offenbarte die Schwachstelle dieses angeblich so dominanten und unfehlbaren Systems.

Für das Kurzpass-Spiel braucht es Räume im Mittelfeld und die sind zwangsläufig nicht gegeben, wenn eine Mannschaft so hoch verteidigt wie der BVB. So waren die Bayern schon frühzeitig gezwungen auf lange Bälle zurückzugreifen – ein eher weniger probates Mittel, wenn der Gegner solche Hünen wie Hummels und Sokratis hinten drin stehen hat. Auffällig war, dass den Bayern gegen die Dortmunder Taktik nicht viel einfiel. Und auch eine andere Konstante bewahrheitete sich mal wieder: in den letzten Begegnungen zwischen Dortmund und Bayern hat fast immer die Mannschaft mit der größeren Gier gewonnen. Und die war an diesem Abend eindeutig auf Seiten des BVB.

Götzes Sehnsucht nach schwarz-gelb

Die Doppelung lähmte die Flügelzange, weder Robben noch Ribéry entwickelten irgendeine Durchschlagskraft und waren bei Erik Durm und Kevin Großkreutz bestens aufgehoben. Und was Götze angeht: hat der eigentlich mitgespielt? Im Hinspiel war sein Tor noch der Dosenöffner für seinen Arbeitgeber, am Samstagabend bestand seine auffälligste Tat darin, nach dem Spiel in die BVB-Kabine zu marschieren und dort ein BVB-Trikot abzustauben. Von dem vielen Rot hat er wahrscheinlich schon Augenkrebs, kein Wunder, dass er einmal wieder das Verlangen nach schönen Farben hatte.

Wenn man gegen die Bayern spielt und irgendwann Robben genervt abwinken sieht, dann weiß man, dass etwas geht. Denn die Bayern kamen eigentlich kaum in Richtung BVB-Tor, zum Einen, weil die Borussen konsequent verteidigten, zum Anderen, weil sie selbst immer wieder Druck auf die äußerst wacklige Bayern-Abwehr ausübten. Folgerichtig fiel nach 20 Minuten das erste Tor für den BVB. Ein Einwurf von Großkreutz gelangte zu Aubameyang und dann ging es einfach mal viel zu schnell für die Bayern. Eine tolle Kombination über Auba und Reus brachte den Ball zu Mkhitaryan, der den Ball cool versenkte. Das sind Geschichten wie der Fußball schreibt: ausgerechnet der stille Armenier, der unter der Woche im Internet zum Teil unter der Gürtellinie für seine beiden vergebenen Großchancen gegen Real Madrid angegriffen worden war, bringt nun den BVB bei den Bayern in Führung.

Bayern unter die Raeder

Das Tor brachte die Bayern endgültig aus dem Konzept. Das lief mal gar nicht nach Plan für sie. Und auch wenn die Bundesliga ja vorbei ist – das Spiel gegen Dortmund ist für viele Bayern-Fans in Ermangelung eines Derbys auf Augenhöhe ja das wichtigste Spiel der Saison. Diese Überhöhung kann einem gefallen oder auch nicht, aber in diesem Spiel geht es um Prestige. Und eine Saison, in der man vom BVB besiegt wurde, kann für die Bayern nach den letzten Jahren keine perfekte sein.

Nach der Halbzeit verließ der ehemalige Schalker Ultra und nun Ur-Bayer Neuer angeschlagen das Feld und für ihn kam der 20-jährige Lukas Raeder. Und – ich entschuldige mich schon mal vorab für diesen Kalauer -, aber in der Folge war es ein klassischer Fall von „Nomen est omen“, denn die Bayern kamen unter die … haha.. Raeder. Kurz nach seinem Dienstantritt dürfte der Junge mit dem schönen Namen auch schon den Ball das erste Mal aus dem Netz holen: eine Kombination über Mkhitaryan und Aubameyang landete bei Reus und der spitzelte den Ball am Torwart vorbei – 2:0 für den BVB, zunehmend panische Gesichter bei den Bayern.

Rot für Rafinha

Und es kam noch schlimmer für die selbsternannten Weltherrscher des Fußballs: nur wenige Minuten später gelangte ein langer Ball von Sokratis über Reus zum jungen Jonas Hofmann und der vollendete wunderschön zum 3:0. Nun war der Moment für die mitgereisten BVB-Fans gekommen, einmal höflich nachzufragen, ob sich die Bayern wirklich ganz sicher sind, Deutscher Meister zu sein. Der beliebte Klassiker „Schießbude Neuer“ musste indes leider entfallen, da dieser sich in weiser Voraussicht der Häme durch Fahnenflucht entzogen hatte.

Guardiola versuchte noch einmal durch die Hereinnahme von Müller, etwas Druck aufzubauen und tatsächlich wurden die Bayern in der Folge stärker. Doch das sollte ihnen nichts mehr nützen. Ein vermeintliches Tor von Mandzukic wurde wegen einer Abseitsposition nicht anerkannt und dann kam auch nicht mehr sehr viel, außer dass der Unsympath Rafinha mal wieder austickte, Mkhitaryan ins Gesicht kniff und völlig zu Recht noch in der Nachspielzeit die rote Karte sah. Es dürfte lange her sein, dass die Bayern zuletzt im eigenen Stadion so verprügelt worden sind. Umso höher ist der Sieg zu bewerten, da der BVB nicht nur mit den altbekannten enormen Verletzungssorgen kämpfte, sondern mit Lewandowski und Piszczek auch noch zwei unumstrittene Stammspieler schonte, also nicht in der absoluten Bestbesetzung auflief.

Selbstvertrauen für Wolfsburg

Der BVB hat nun innerhalb von einer Woche die beiden möglicherweise besten Mannschaften der Welt besiegt und sich rechtzeitig vor dem DFB-Halbfinale gegen den VfL Wolfsburg am Dienstag einen enormen Schub an Selbstvertrauen geholt. Bei einem Sieg dürfte es eine Neuauflage des westfälisch-bajuwarischen Duells geben, denn dass der Zweitligist 1. FC Kaiserslautern den FC Bayern besiegt, ist dann trotz der momentanen Schwächephase der Bazis in keinem Szenario wirklich vorstellbar.

Dennoch kann die Liga aufatmen. Denn Augsburg und der BVB haben eine Sache bewiesen: Die Bayern sind mit Mut, Einsatz und der richtigen Taktik durchaus schlagbar. Und wenn die übrigen 17 Bundesligisten mal auf die Suche nach ihren „Cojones“ gehen, dann gibt es berechtigte Hoffnung, dass sie in der nächsten Saison nicht derart einsam ihre Kreise an der Tabellenspitze ziehen.

Bazis: Neuer (46. Raeder) – Rafinha, Javi Martínez, Dante, Alaba – Lahm, Schweinsteiger – Robben (69. Kroos), Götze, Ribéry (60. Müller) – Mandzukic
Borussia Dortmund: Weidenfeller – Großkreutz, Sokratis, Hummels (70. Friedrich), Durm – Sahin, Kehl, Mchitarjan – Hofmann (62. Lewandowski), Reus, Aubameyang (76. Jojic)
Tore: 0:1 Mkhitaryan (20.), 0:2 Reus (49.), 0:3 Hofmann (56.)
Schiedsrichter: Zwayer (Berlin)
Zuschauer: 71.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Javi Martínez (2), Kroos (5) / Hofmann (1), Mkhitaryan (6)
Rote Karte: Rafinha (90.+1, Tätlichkeit)

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2 Gedanken zu „Durch München weht ein kalter Wind…

  1. Links und rechts und zick und zack, das Münchener Schickeria-Pack,
    kriegt‘ endlich wieder auf den Sack, Bayern hat verloren.

    Ich habe das Spiel in weiser Voraussicht 2:4 getippt, und bin nun 2 Tage später von Bayerns desolater Chancenverwertung auch schwer enttäuscht. 😉
    Überhaupt, nachdem sich manche Bayernbosse doch vor dem „deutschen Clasico“ (furchtbare Betitelung if you ask me) durch verbale Frustkämpfe gegen Watzke noch etwas emotional Pushen wollten, kam das bei ihrer Mannschaft gar nicht an. Beseelt von dem Mythos der Unbesiegbaren (A-Teams der Bayern) trabten die Bayern in manch entscheidener Szene über das Grün und man sah beinahe die Fragezeichen über ihren Köpfen: WAS? Dortmund nimmt so ein Spiel noch ernst? Und wo war nach dem Spiel der Mahner Sammer? „Wir waren nicht gut, aber so ein Spiel muss man im Kontext sehen“ Bitte? Wie war das mit wir wollen jedes Spiel gewinnen und wir sind eh die Besten und der selbst mit links wichsen wir doch diesen lästigen nationalen Rivalen aus dem Stadion- Mentalität? Sammer, aalglatt und langweilig, ein Herbergsmeister ohne Konsequenz, einer der eigentlich auch nichts weiter machen könnte als Pressesprecher, die blubbern ja auch nur Satzbausteine aufs Stichwort. Also irgendwie, der neutrale Fußballfan kann mit den Bayern irgendwie auch nichts mehr anfangen, so ein richtiges Feindbild sind sie eigentlich nicht mehr und außer Titel ist das auch eher schnarchiges Getrolle in den Medien und ihr Big Boss ist im Knast, immerhin der hat noch ein kantiges Profil 😀

    Weißwurst macht träge!

    • Die Reaktion von Matthias Sammer hat mich an diesem Tag auch mit am meisten schockiert. Ich hatte eine Explosion erwartet, die Androhung von Konsequenzen und knallharter Aufarbeitung – und nicht so ein Wischi-Waschi-Gerede von Gefühlen und Menschen. Pah! 😀 Gefühle! Doch nicht beim FC Bayern!

      Nur auf eines war wie immer Verlass: auf die Gesichtsfarbe von Uli H. Mann, das wird mir fehlen, wenn der erst im Kittchen sitzt.

      Was den „deutschen Clasico“ angeht (furchtbare Bezeichnung, da stimme ich zu) – nun das hat den gleichen Hintergrund wie die verzweifelte Suche eines coolen Spitznamen für die deutsche Nationalmannschaft. Weil die anderen Nationalmannschaften ja auch so coole Namen haben wie „Azzurri“. Davon abgesehen, dass diese Spitznamen in meisten Fällen auch nur sowas bedeuten wie „Die Blauen“ oder „Die Auswahl“. 😀

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