Die Entstehung des Westfalenstadions – Teil 1: Die marode Rote Erde

Wie vor einiger Zeit angekündigt, will ich hier anlässlich des 40. Geburtstag des schönen Tempels an der Strobelallee in einer kleinen Serie einen Einblick in meine Masterarbeit geben, die sich mit dem Bau und der Finanzierung des Westfalenstadions beschäftigt hat. 1971 wurde nach langen Querelen mit dem Bau des Stadions begonnen. Aber die Geschichte des Westfalenstadions fängt viel eher an. Sie beginnt mit dem Stadion Rote Erde.

Am 30.4. diesen Jahres erschien in den Ruhr Nachrichten ein Artikel, der einen Plan des BVB enthüllte: Borussia Dortmund will das Stadion Rote Erde von der Stadt Dortmund kaufen und es modernisieren, um es als Spielstätte für die U23 und die A-Jugend zu erhalten. Denn die Erhaltung des Spielbetriebs war vor allem in den Wintermonaten oft nicht möglich, unter anderem deshalb weil das alte Stadion keine Rasenheizung besitzt. Der Stadt Dortmund fehlen die Mittel, um das Stadion zu sanieren, während der BVB finanziell dazu mittlerweile wieder in der Lage wäre. Sollte das tatsächlich so kommen, werden die Leichtathleten wohl umziehen. Ein kleiner Treppenwitz der Geschichte, denn einer der Gründe, weshalb die Stadt Dortmund das Westfalenstadion unbedingt bauen wollte, war der, dass man die Rote Erde wieder für die Leichtathleten nutzbar machen wollte.

Zuschauermassen beim BVB

Mitte der 1960er Jahre, als der glorreiche Ballspielverein sich nicht nur in der neugegründeten Bundesliga etabliert hatte, sondern auch den DFB-Pokal (1965) und als erste deutsche Mannschaft den Europapokal (1966) gewann, spielte man in Dortmund Fußball unter Bedingungen, die dem DFB und sämtlichen Sicherheitsbehörden kalte Schauer über den Rücken jagen würden. Das 1927 errichtete Stadion Rote Erde, eine typische Kampfbahn aus den 1920er Jahren, fasste offiziell 39.000 Zuschauer. Das war nicht einmal ansatzweise genug Platz für die Massen, die den BVB spielen sehen wollten. Daher stellte der Verein 1966 mit Genehmigung der Stadt an der Südseite Zusatztribünen aus Holz auf, wodurch sich die Kapazität auf 43.000 erhöhte. (Wie viele Leute ohne Eintrittskarte außerdem ins Stadion gelangten, ist heute schwer zu sagen)

Das Stadion Rote Erde - in den 1960ern viel zu klein geworden. (Foto: Sylvia Schemmann)

Das Stadion Rote Erde – in den 1960ern viel zu klein geworden. (Foto: Sylvia Schemmann)

Wie aus Akten im Dortmunder Stadtarchiv hervorgeht, sollte das eigentlich nur eine vorübergehende Lösung für drei Jahre sein und der Verein verpflichtete sich, die Tribüne vor jedem Spiel auf seine Standfestigkeit hin zu überprüfen. Begeistert war die Stadt Dortmund nicht von dieser Lösung, denn sie bedeutete, dass das Stadion für die Leichtathletik nicht mehr genutzt werden konnte, weil die Tribüne die Laufbahn bedeckten. Dortmund verstand sich aber damals nicht hauptsächlich als „Fußballstadt“, sondern allgemein als „Sportstadt“ und verständlicherweise gab es seitens der Leichtathletikverbände scharfe Kritik.

Größter sportlicher Imageträger

Doch letztlich hatte die Stadt keine Wahl: der BVB war auf die Zuschauereinnahmen existenziell angewiesen. Denn in der Frühzeit der Bundesliga und auch noch in den 70er Jahren waren die Ticketverkäufe die Haupteinnahmequelle der Vereine. TV-Gelder spielten noch keine große Rolle, auch Sponsoring und Merchandising steckten noch in den Kinderschuhen. Der Bundesligist Borussia Dortmund war für die Stadt aber gerade nach den großen Erfolgen der Jahre 1956-1966 der größte sportliche Imageträger, auch wenn sich der Verein nach dem Gewinn des Europapokals sportlich auf dem absteigenden Ast befand. Deshalb erlaubte sie die Zusatztribünen, auch wenn das für die Leichtathleten den Verlust ihrer sportlichen Heimat bedeutete.

Das Spielfeld der Roten Erde war damals wellig und dringend sanierungsbedürftig - und heute wieder. (Foto: Sylvia Schemmann)

Das Spielfeld der Roten Erde war damals wellig und dringend sanierungsbedürftig – und heute wieder. (Foto: Sylvia Schemmann)

Das war aber nicht das einzige Problem mit den Behelfstribünen: im Sommer 1971 standen die ursprünglich als Übergangslösung geplanten Konstruktionen immer noch und wuchsen sich allmählich zu einem Sicherheitsproblem aus. Im Spätsommer 1971 ging bei der Staatsanwaltschaft Dortmund die Anzeige eines besorgten Zuschauers ein, der sich darüber beklagte, dass die Holztribüne extrem schwanke und knirsche. Er schrieb, ein Polizeibeamter habe ihm erzählt, dass die Tribüne eigentlich schon längst abgerissen werden sollte und dass sie vor jedem Spiel kontrolliert werden müsse, ob sie die Last der Zuschauer überhaupt noch tragen könne. Den betreffenden BVB-Fan versetzte das in Angst und Schrecken. Nach außen hin wiegelte man ab und ein Gutachter erklärte, er habe keine Bedenken hinsichtlich der Stadtfestigkeit der Tribüne.

Tribüne gesperrt

In Wirklichkeit sah die Sache aber schon besorgniserregender aus: bereits im Februar 1971 – ein knappes halbes Jahr vor der Anzeige –  hatte das Bauordnungsamt der Stadt Dortmund eine Ordnungsverfügung erlassen, aus der hervorging, dass die Tribüne nicht ausreichend gegen Frostschäden abgesichert war und auch die vorgeschriebenen Überprüfung offenbar nicht in der gebotenen Gründlichkeit durchgeführt wurden. Das Bauordnungsamt drohte dem BVB unmissverständlich mit der Sperrung der gesamten Tribüne, sollten die Auflagen weiter nicht erfüllt werden.

So unberechtigt waren die Ängste des besorgten Zuschauers also tatsächlich nicht! Das wurde auch aus einem Schreiben des Prüfamtes für Baustatik deutlich: dort wies man darauf hin, dass wichtige Baubestimmungen bei der Errichtung der provisorischen Südtribüne nicht eingehalten worden seien. Im Herbst 1971 schließlich untersagte das Bauordnungsamt die Benutzung der Behelfstribüne endgültig.

Veraltete Technik

Die geringe Zuschauerkapazität war aber nicht das einzige Manko am Stadion: Das Spielfeld musste dringend saniert werden, da es mittlerweile eher einer Hügellandschaft als einer ebenen Fläche glich. Umkleidekabinen, sanitäre Einrichtung, Presseräume und die ganze technische Ausstattung waren komplett veraltet und genügten nicht mehr den Anforderung der Bundesliga. Und last but not least schaffte die alte Flutlichtanlage gerade einmal mickrige 200 Lux, während sowohl DFB als auch die FIFA bereits mindestens 400 Lux verlangten und allgemein die Erhöhung der Vorgaben auf 1.200 Lux im Rahmen der Verbreitung des Farbfernsehens erwartet wurde.

Es war unmöglich, Abendspiele aus einer Entfernung von 60 oder 70 Metern noch zu verfolgen. Der Journalist Walter Schmittdiel spottete schon im November 1969 in der „Westfälischen Rundschau“, das Flutlicht im Stadion Rote Erde sei „lediglich dazu angetan, mittelmäßige Vorstellungen der Borussen zu verschleiern“. Die unzureichende Beleuchtung sei aber „nur ein Symptom für das völlig überalterte Stadion“.

Es war also Ende der 60er völlig klar: das altehrwürdige Stadion Rote Erde hatte seine besten Zeiten hinter sich.

Der Plan vom „Zwillingsstadion“

Eigentümerin des Stadions war die Stadt Dortmund und somit war sie auch zuständig für einen Aus- oder Neubau. Die Unzulänglichkeiten der Roten Erde waren in den städtischen Gremien schon 1962 ein Thema, so dass man bereits vor der Gründung der Bundesliga über einen Neubau nachdachte. Schon bei den ersten Planungen setzte sich die Idee vom „Zwillingsstadion“ durch – also die Errichtung eines Neubaus auf dem freien Gelände unmittelbar neben der Rote Erde. Die Lage war absolut perfekt, so dass ein anderes Areal während der Planungen eigentlich nie in Erwägung gezogen wurde: es war an die A40 und die A 45 angebunden, außerdem an die B1 und die B54. Der Haltepunkt der Deutschen Bahn war bereits vorhanden, ebenso die Straßenbahnhaltestellen und Bushalteplätze. Die Stadtväter schwärmten von der sinnvollen Ergänzung der Westfalenhalle, des Westfalenparks, der Leichtathletikhalle und des Stadion Rote Erde durch einen Neubau.

Heute liegt die Rote Erde im mächtigen Schatten des Westfalenstadions. (Foto: Sylvia Schemmann)

Heute liegt die Rote Erde im mächtigen Schatten des Westfalenstadions. (Foto: Sylvia Schemmann)

Die Sache hatte nur einen Haken: ein neues Fußballstadion verschlang auch in den 1960ern Millionen von Mark. Für ein Stadion mit 60.000 oder 70.000 Plätzen veranschlagte man 25 Millionen DM. Davon abgesehen, dass diese Schätzung mehr als optimistisch war, hatte die Stadt Dortmund auch keine 25 Millionen Mark. Das Ruhrgebiet wurde zu dieser Zeit von der Bergbaukrise hart getroffen, später dann von der Stahlkrise. Alle Ruhrgebietsstädte waren hochverschuldet und die Haushaltslage der Stadt Dortmund ließ es nicht zu, just for fun mal eben ein neues Stadion zu bauen.

Einmalige Chance

Es wäre der Bevölkerung auch nicht zu vermitteln gewesen, denn auch wenn der BVB damals schon beliebt war und große Zuschauermassen anlockte, so war das nicht mit der heutigen Begeisterung zu vergleichen. Viele Leute betrachteten Fußball damals als „Proletensport“. Es gab daher aus der Bevölkerung auch durchaus Protest gegen den Bau des Westfalenstadions, worauf ich später noch kommen werde.

Pläne gab es also, aber das Geld war nicht da. Dann kam das Jahr 1966 und mit ihm eine Entscheidung, die eine absolut einmalige Chance für die klammen deutschen Städte bieten sollte, mit erheblichen Zuschüssen neue Stadien zu bauen: die FIFA erteilte der Bundesrepublik Deutschland den Zuschlag für die Ausrichtung der WM 1974. Und dies sollte ein Meilenstein für die Professionalisierung des deutschen Fußballs werden.

Teil 2 folgt bald!

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