Buchrezension: Stefan Tillmann – Nie wieder Fußball!

Nachdem in diesem Blog bisher vor allem Rezensionen über Fußball-Sachbücher erschienen sind, widmen wir uns heute mal einem Roman über Fußball. „Nie wieder Fußball!“ ist die Geschichte von vier sehr unterschiedlichen Männern, die von der Sucht loskommen wollen, die ihr Leben seit vielen Jahrzehnten bestimmt: Fußball.

Alles beginnt, als Daniel, Fan des 1. FC Nürnberg, auf dem Weg zurück in seine Wahlheimat Düsseldorf im Zug eine Begegnung hat, die ihn erkennen lässt, dass sein Leben komplett vom Fußball bestimmt wird – und dass ihn das zunehmend stört. Er kommt ins Grübeln und gelangt zu der Erkenntnis, dass der Fußball und speziell die Tatsache, dass er „Club“-Fan ist, ihn immer auf der Verliererseite des Lebens hat stehen lassen. Er stellt fest, dass der Fußball ihm nicht nur etliche Tage und Wochenenden in seinem Leben versaut hat, weil die Ergebnisse nicht wie gewünscht waren, sondern führt auch seinen mangelnden Erfolg beim weiblichen Geschlecht darauf zurück, dass Fußball praktisch sein einziges Gesprächsthema ist.

Kalter Entzug

So kann es nicht weitergehen, denkt Daniel sich, und beschließt, die Notbremse zu ziehen. Ein kalter Entzug muss her und er gründet eine Selbsthilfegruppe mit drei Leidensgenossen: Karl, langjähriger Fan von Fortuna Düsseldorf, der vor allem aus gesundheitlichen Gründen dem Fußball künftig entsagen will, Sven, linksalternativer Werder-Bremen-Fan Anfang 40 und Ralf, Fan von Hertha BSC und Althool. Diese Selbsthilfegruppe trifft sich nun jeden Samstag um 15.30 Uhr in einer Kneipe, die garantiert keine Bundesliga und auch sonst keine Fußballspiele überträgt.

Foto: Verlag Die Werkstatt

Foto: Verlag Die Werkstatt

Das Programm: Radtouren, Trödelmarktbesuche, Schwimmen – egal, Hauptsache nichts, wo man mit Bundesliga-Ergebnissen in Berührung kommt. „Es gibt in Deutschland zig Millionen Menschen, die jeden Samstag irgendetwas machen. Frag mich nicht, was!“ Das Ziel: völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Fußball. Das System: irgendwie nicht ganz klar.

Etliche Fallstricke

Es versteht sich von selbst, dass auf dem Weg zu diesem Ziel etliche Fallstricke lauern und die vier Männer stellen bald fest, dass es in Deutschland gar nicht so einfach ist, dem Fußball einfach aus dem Weg zu gehen. Und dann zieht in Daniels Haus auch noch Fußballprofi Dani Schahin ein. Bravo. Dazu können sich die vier auch nach einer halben Saison noch auf keine gemeinsame Linie einigen: der Eine will aus dem Projekt einen bewaffneten politischen Kampf machen, der andere will die ganze Menschheit dazu bringen, dem Fußball zu entsagen.

Das Buch begleitet die Männer über eine ganze Saison und beschreibt auf urkomische Art und Weise ihren Kampf gegen die Sucht und die unerwarteten Konsequenzen, die er für ihr aller Privatleben mit sich bringt. Dazu scheint manch einer in der Gruppe dunkle Geheimnisse zu haben. Sie gehen sich auf die Nerven, entwickeln über die Monate aber doch eine Verbundenheit zueinander, die wohl nur im gemeinsamen Kampf für oder gegen eine Sache entstehen kann.

Witzige Lektüre

Am Ende liegen bei allen Protagonisten die Nerven blank. Natürlich führen sie einen Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Und so schafft es am Ende auch nur einer von ihnen, den Kampf aufrecht zu erhalten. Für die drei anderen endet die Saison dort, von wo sie tief im Inneren eigentlich gar nicht weg wollten: im Stadion. Am Ende des Buches überschlagen sich die Ereignisse und vieles wirkt auch überzeichnet und vielleicht auch nur bedingt realistisch. Aber das macht das Buch nicht schlechter, denn es ist schließlich eine Komödie und da sollte ein wenig Übertreibung gestattet sein.

Wer selbst Fußball-Fan ist, weiß, welch ein Fulltime-Job das sein kann und wie viele Tage im Leben einem der Fußball schon versaut hat. Man merkt beim Lesen, dass der Autor selbst Fußball-Fan ist, denn die Einblicke in die Seele der Fußballsüchtigen kann wahrscheinlich jeder nachvollziehen, der dem runden Leder ebenso hoffnungslos erlegen ist. Tillmann schreibt sehr unterhaltsam und witzig, was das Buch zu einer locker-leichten und amüsanten Lektüre macht. Und am Ende ist man doch irgendwie erleichtert: jemand, der es wirklich schaffen würde, dem Fußball abzuschwören, wäre doch irgendwie suspekt, oder nicht?

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