Leidenschaft kommt von Leiden, oder: Die Essenz des Fußballs

Ihr habt es schon gemerkt, ich hatte absolut keinen Bock über das Pokalfinale zu schreiben. Wozu auch? Worüber hätte ich schreiben sollen? Darüber, dass der BVB sich bei einem Schiedsrichtergespann mit funktionsfähigen Sehorganen jetzt vermutlich „DFB-Pokalsieger 2014“ nennen könnte?

Oder hätte ich darüber schreiben sollen, dass der BVB sich vielleicht auch trotz der Fehlentscheidung den vierten Pokalgewinn der Vereinsgeschichte in den Briefkopf hätte nageln dürfen, wenn man nicht so merkwürdig gehemmt gegen die Bayern agiert hätte? Wenn man den typischen BVB-Fußball durchgezogen hätte und besser ins Spiel gefunden hätte?

Guter Rat

Hätte ich ein weiteres Mal über die grandiosen Bayern-Fans herziehen sollen, die lieber ihr Handy auf der Toilette aufladen statt die Übergabe des Pokals an ihre Mannschaft zu verfolgen? Die schon den ganzen Tag über in Berlin weder optisch noch tonal irgendeine Rolle gespielt hatten, weil die Hauptstadt von 65.000 verrückten Schwarzgelben heimgesucht wurde? Oder hätte ich ihnen den guten Rat geben sollen, sich mal eine Videozusammenfassung der Dortmunder Feierlichkeiten von 2012 anzuschauen, damit sie mal sehen, wie man ein Double anständig feiert?

Das alles hätte ich machen können. Und es würde nichts ändern. Der FC Bayern ist DFB-Pokalsieger 2014. Und seine Fans a.k.a. Kunden sind einfach nur aus tiefstem Herzen zu bedauern. Denn die routinierte Gleichmütigkeit, mit der die meisten von ihnen die Erfolge ihrer Mannschaft und die zahlreichen Titel konsumieren, nimmt ihnen auf ewig die unglaubliche Intensität der Emotionen, die richtige Fußballfans durchleben und durchleiden. Und wenn sich mal einer von denen wirklich freut, sieht es manchmal so aus, als freue er sich mehr über die Tatsache, dass Dortmund den Titel nicht gewonnen hat, als darüber, dass Bayern ihn gewonnen hat.

Keine Ahnung von Verzweiflung

Mir tun diese Menschen aufrichtig leid. Sie werden am Ende ihres Lebens auf ein erfolgreiches Fußball-Leben voller Titel und Feierlichkeiten zurückblicken. Sie werden zufrieden sein. Und doch nie etwas davon begreifen, um wie viel intensiver Freude über einen Titel sein kann, wenn er im Anschluss an ein tiefes Tal der Tränen erfolgt. Sie ahnen nichts von der bodenlosen Verzweiflung, die einem echten Fußball-Fan das Herz fast zerreißen kann. (Und jetzt komme mir bitte keiner mit „Finale dahoam“ oder einem anderen verlorenen Champions-League-Finale an – das sind nun wirklich Luxusprobleme!)

Nun mag es Leute geben, die sagen: „Na und? Wozu braucht man das? Ist Verzweiflung nicht etwas Negatives?“ Ich sage: nein, ist es nicht. Sie ist notwendig, um wahres Glück überhaupt messen und begreifen zu können. Das gilt im Großen für das ganze Leben und im Kleinen auch für den Fußball.

Man braucht diese Verzweiflung, um die ganz intensiven Sternstunden zu spüren. Einem Bayern-Fan kann man niemals erklären, dass es nicht nur Titel sind, auf die wir zurückblicken, sondern Highlights wie Malaga oder Beinahe-Wunder wie Madrid in diesem Jahr. Das werden sie aber nie verstehen. Und dafür tun sie mir Leid: dafür, dass sie solche Momente niemals erleben werden.

Essenz des Fußballs

Was ist ein verpasster Titel gemessen an der Beinahe-Insolvenz des BVB vor neun Jahren? Mein Tipp an alle BVB-Fans: Lest euch mal die Zeitungsartikel von 2005 durch. Das erdet ungemein. Hans-Joachim Watzke spricht immer wieder davon, dass er den BVB „zum zweiten Leuchtturm des deutschen Fußballs“ machen möchte. Grundsätzlich bin ich d’accord. Aber der BVB soll nie, nie, nie so werden wie der FC Bayern und seine erfolgsverwöhnte Bagage von Fans. Sollte ich mich jemals bei dem Gedanken erwischen, dass ich einen BVB-Titel mit solcher Selbstverständlichkeit hinnehme wie viele Bayern-Fans das tun, dann verabschiede ich mich vom Fußball. Denn dann hat das Ganze seinen Sinn verloren.

Das nächste Finale kommt bestimmt!

Das nächste Finale kommt bestimmt!

Leidenschaft ist die Essenz des Fußballs und der Grund, wieso es ihn überhaupt gibt. Wenn er zur Pflichtveranstaltung verkommt, hat er seine Existenzberechtigung verloren.

Ich freue mich nach wie vor eigentlich auf jedes BVB-Spiel, erst recht auf jedes Heimspiel. Und das war auch schon in der Prä-Klopp-Ära so, als der BVB grausigsten Rumpelfußball spielte. Diese Zeiten sind zum Glück erst mal vorbei. Selbst in dieser Saison, in der man von üblem Verletzungspech gebeutelt wurde und etliche Stammspieler ganz oder zumindest zeitweise ersetzen musste, bescherte die Mannschaft ihren Fans zahlreiche Sternstunden und tolle Spiele. Sie wurde Vizemeister, Vize-DFB-Pokalsieger und kam bis in Viertelfinale der Champions League, wo sie am Ende knapp gegen Real Madrid, einen der diesjährigen Finalisten ausschied. Zudem kommt mit Robert Lewandowski der Torschützenkönig aus Dortmund.

Großartige Saison

Unterm Strich war es also eine großartige Saison. Aber das sind nur die „zählbaren“ Erfolge. Viel wichtiger ist, dass die Mannschaft uns speziell in der Rückrunde mit Herz, Leidenschaft und mitreißendem Fußball begeistert hat. Dass sie uns zittern und jubeln lassen hat. Und dass sie in dieser Saison anders als letztes Jahr in den beiden Derbys wieder der Bedeutung dieses Spiels angemessen aufgetreten ist und die Blauen auch in der Endabrechnung zwar nur einen Platz, aber etliche Punkte hinter sich gelassen hat.

Zu guter Letzt haben mit Roman Weidenfeller, Marcel Schmelzer, Kevin Großkreutz, Erik Durm, Marco Reus und Mats Hummels gleich sechs Borussen die Chance, mit der deutschen Nationalmannschaft zur WM nach Brasilien fahren zu können. Auch Sokratis wird mit Griechenland dabei sein. So wenig mich die Nationalmannschaft sonst interessiert, so sehr freut es mich für unsere Jungs. Eine WM ist ein absolutes Highlight in der Karriere eines Profi-Fußballers, die ja ohnehin nicht länger als 15 oder 20 Jahre dauert. Und obwohl ich natürlich inständig hoffe, dass sie alle gesund nach Dortmund zurückkehren, gönne ich jedem Einzelnen dieses Highlight.

Und immerhin: 13 Wochen Sommerpause sind sowieso elendig lang. Eine Sommerpause mit Fußball ist immer noch besser als ein kalter Entzug mit völliger Fußball-Abstinenz.

In diesem Sinne: Ich wünsche euch allen einen schönen Sommer! 🙂

Advertisements

2 Gedanken zu „Leidenschaft kommt von Leiden, oder: Die Essenz des Fußballs

  1. Pingback: #Link11: Kein Fußball den Faschisten | Fokus Fussball

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s