Eine Lanze für Kevin Großkreutz

Es gibt diese Folge von „How I met your mother“, in der Ted seinen Kindern den Rat gibt: „Wenn es nach zwei Uhr nachts ist, geht schlafen. Es passiert nie etwas Gutes nach zwei Uhr nachts.“ Man kann sich darüber streiten, ob das tatsächlich so ist, auf jeden Fall hätte Kevin Großkreutz diese Regel in der Nacht nach dem verlorenen Pokalfinale wohl besser befolgt. Dann wären ihm einige unangenehme Schlagzeilen und der Öffentlichkeit einige unappetitliche Details aus seinem Privatleben erspart geblieben. Wie die Presse und die Öffentlichkeit mit dem Thema umgeht, gibt aber mal wieder einen guten Einblick in die widerwärtig-geifernde Sensationsgier rund um alles, was mit dem Fußball zu tun hat.

Ohne Zweifel hat sich Großkreutz in dieser Nacht unglaublich dumm und ohne jede Frage volle Kanne asozial verhalten. Dass ihn das verlorene Pokalfinale vielleicht noch etwas mehr getroffen hat als seine Mannschaftskollegen, kann man sich denken. Ihn trifft jede Niederlage doppelt: einmal als Profi und dann noch einmal als Fan.

Missbilligung für die Sache

Dass er sich aus Frust darüber ordentlich einen hinter die Binde gegossen hat, ist irgendwo auch verständlich. Er war an diesem Abend sicher nicht der Einzige, der sich für diese Art der Frustbewältigung entschieden hat. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob das für einen Nationalspieler, der drei Tage später zur WM-Vorbereitung ins Trainingslager fährt, tatsächlich so gesund ist, aber diese Frage hat eigentlich niemanden zu kümmern. Großkreutz ist ein erwachsener Mann und muss sich wohl kaum von irgendwelchen ihm unbekannten Hobby-Bundestrainern darüber belehren lassen, was er zu tun und zu lassen hat, solange seine sportliche Leistung stimmt.

Dass er sich im Suff dann offenbar nicht im Griff hatte, rumgepöbelt hat und angeblich in einem Hotelfoyer uriniert hat, ist natürlich eine ekelhafte Geschichte und ein Verhalten, das man nur missbilligen kann. Wäre er ein Bekannter von mir, hätte ich ihm sicherlich darauf gesagt: „Alter, wenn du den Alk nicht verträgst, dann lass ihn aus dem Balg!“

Diskussion ist ein Witz

Doch dass aufgrund dieser Geschichte nun schon wieder darüber diskutiert wird, ob er für die Nationalmannschaft noch tragbar ist, ist ein schlechter Witz. Es gab bis in alte Schwarz-Weiß-Zeiten hinein immer Spieler, die über die Strenge geschlagen haben und mit Eskapaden aufgefallen sind. Interessanterweise waren das am Ende häufig Spieler, die den Unterschied ausgemacht haben, man denke etwa an Helmut Rahn oder an Stefan Effenberg. Sicher hatte Großkreutz jetzt etwas Glück, dass die Personallage beim DFB so angespannt ist, denn bekanntermaßen steht der Bundestrainer auf glattgebügelte Profis und nicht auf Typen. Er kann es sich aber eigentlich nicht leisten, einen so variablen Spieler wie Großkreutz, der noch dazu eine großartige Saison gespielt hat Zuhause zu lassen.

Und ich finde es auch absolut nicht notwendig. Klar fällt Großkreutz häufiger mal durch provokante Aktionen auf. Für die Medien war diese Geschichte jetzt ein gefundenes Fressen, denn Kevin polarisiert natürlich wie kaum ein anderer Spieler im deutschen Fußball. Man liebt ihn oder man hasst ihn, dazwischen gibt es nichts. Und dann gab es da ja kürzlich die ominöse „Döner-Geschichte“, in deren Tradition die Medien die neuste Eskapade von Großkreutz stellen konnten.

Gewisses Talent für Ärger

Völlig unter den Tisch gefallen ist hierbei, dass es in diesem Fall „Aussage gegen Aussage“ steht und nach allem, was man bisher über den Fall weiß, das angebliche Opfer seine Version doch zumindest sehr kreativ ausgeschmückt hat. Völlig unter den Tisch gefallen ist auch, dass Großkreutz mittlerweile, wie zu lesen war, seinerseits eine Anzeige wegen Falschaussage gegen das angebliche Opfer erstattet hat. Diese Sache hat also mit der Geschichte vom vorletzten Samstag überhaupt nichts zu tun und lässt sich auch nicht damit vergleichen. Vielmehr liegt hier die Vermutung nahe, dass da irgendein Held eine günstige Gelegenheit gewittert hat, seine 15 Minuten Ruhm und im Idealfall vielleicht noch ein paar tausend Euro Schmerzensgeld abzukassieren.

Das einzige, das man daraus und aus vergangenen Ereignissen schließen kann, ist, dass Kevin Großkreutz ein gewisses Talent hat, sich in Schwierigkeiten zu bringen, auch weil er oft impulsiv handelt und manchmal anscheinend erst hinterher darüber nachdenkt, was er so tut oder sagt. Er hat sich bisher aber noch jedes Mal glaubhaft entschuldigt und hat sein Fehlverhalten eingesehen. (Btw: Die Geschichte mit Gerald Asamoah damals in Fürth betrachte ich nach wie vor nicht als Fehlverhalten. Asamoah hat alle BVB-Fans mit seinen Aussagen so oft provoziert, dass er sich nicht wundern muss, bei passender Gelegenheit mal einen Spruch zurück zu kriegen.)

Kirche im Dorf lassen

Die Sache nach dem Pokalfinale hatte mit Impulsivität aber wohl nichts zu tun, er war besoffen, er war gefrustet und er hat sich daneben benommen. War scheiße, sollte einem vielleicht auch nicht passieren, erst recht nicht, wenn man in der Öffentlichkeit steht, aber es ist nun mal passiert. Er hat sich dafür entschuldigt, hat vom Verein eine fette Geldstrafe und vom Bundestrainer eine strenge Ermahnung bekommen. Damit sollte das Thema dann eigentlich auch erledigt sein.

Kevin Großkreutz hat niemanden umgebracht oder verletzt, er hat keine Häuser angezündet, keine Bank überfallen, niemanden vergewaltigt und er hat auch keine 30 Millionen Euro Steuern hinterzogen. Herrgottnochmal. Er hat im Suff an eine Säule gepisst. Sonst nichts. Da sieht man jeden Samstagabend in der Dortmunder Innenstadt weitaus schlimmere Dinge. Wenn man die aktuelle Berichterstattung verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, dass 30 Jahre Kerkerhaft noch das Mindeste sind, was Großkreutz sich mit dieser Aktion verdient hat. Lasst die Kirche mal im Dorf!

Drei Tage Schlagzeilen

Nein, er hat mit dieser Aktion sicher kein tolles Vorbild abgegeben. Aber wer wirklich glaubt, dass wegen dieser Geschichte demnächst tausende von kleinen Jungs ins nächste Hotel rennen und dort ins Foyer pissen, glaubt wahrscheinlich auch, dass Spieler „wegen der tollen Perspektive“ nach Wolfsburg wechseln.

Kriegt euch mal alle wieder ein. Es ist wirklich nicht zu fassen, dass diese Episode selbst den seriösen Medien mittlerweile seit drei Tagen Schlagzeilen liefert. Das sagt über die deutschen Medien weitaus mehr aus als über den Charakter von Kevin Großkreutz. Der mag seine Ecken und Kanten haben und sich bisweilen wie ein Vollasi aufführen. Dafür ist er wenigstens nicht so ein entsetzlicher Langweiler wie 99,9 Prozent aller Fußballprofis. Außerdem hat jede Medaille hat zwei Seiten und wenn einer im positiven Sinne verrückt ist, schlägt das Pendel eben ab und an auch mal in die andere Richtung aus. Das sieht man ja auch bei Jürgen Klopp, der ja auch hin und wieder mal richtig ins Klo greift. Andersherum fordern doch alle immer „mehr Typen“, gerade in der Nationalmannschaft. Nun, Großkreutz ist halt einer der wenigen „Typen“, die es heute noch gibt. „Typen“ zeichnen sich eben nicht dadurch aus, dass sie immer nur positiv auffallen.

Keine Frage

Doch groß gemacht werden all diese Geschichten erst durch die Berichterstattung. Erst sie entscheidet, was ein schlimmes Vergehen ist und was eine harmlose Ausfallerscheinung. Im Moment ist Sommerloch. Und es ist Kevin Großkreutz, der ohnehin immer für Schlagzeilen gut ist. Es war ja eigentlich keine Frage, in welche Richtung die Sache laufen wird. Fair ist das nicht. Großkreutz hat Mist gebaut, aber man muss die Sache wirklich auch nicht größer machen, als sie ist.

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Ein Gedanke zu „Eine Lanze für Kevin Großkreutz

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