Lost in Schland

Wenn die Autos in den Straßen wieder schwarz-rot-goldene Kondome tragen, Nachbarn ihre Fenster mit Flaggen verhängen, man in keinem Geschäft mehr irgendein Produkt ohne Fußball- oder Deutschland-Bezug kaufen kann und sich plötzlich jeder wieder brennend für Fußball interessiert, dann weiß man Bescheid: es ist WM. Oder EM. Aber diesmal ist es WM.

Und in diesem Moment teilt sich die Welt. Nein, nicht in Gut und Böse. Auch nicht in Fußballfan und Nicht-Fußballfan. Sie teilt sich in Schlandige und Nicht-Schlandige. Die Gruppe der Nicht-Schlandigen ist eine im besten Fall belächelte, im schlimmesten Fall als „Vaterlandsverräter“ beschimpfte Minderheit. Und ich gehöre zu ihr. Jawohl, ich gehöre zu einer Minderheit und das ist oft kein schönes Gefühl.

Was mir am Fußball besonders gut gefällt, ist die Gemeinschaft auf der Tribüne und inmitten der anderen Fans. Schlandige pflegen diese Gemeinschaft auch während der Länderspiele einfach weiter. Sie bilden gar Gemeinschaften mit Menschen, denen sie sonst die Pest an den Hals wünschen: Dortmunder mit Schalkern, Bayern mit Sechz’gern und Gladbacher mit Kölnern.

Neid

Und es geht noch weiter: sie können sich mit Spielern identifizieren, denen sie sonst insgeheim in einem extrem schwachen Moment vielleicht auch schon mal einen doppelten Schien- und Wadenbeinbruch, mindestens aber fiese Hämorriden gewünscht haben. Schießt dieser Spieler aber ein Tor für Deutschland, dann versetzt das die Schlandigen in Ekstase.

Nicht einmal mehr im Möbelgeschäft kommt man an Schland vorbei...

Nicht einmal mehr im Möbelgeschäft kommt man an Schland vorbei…

Das soll nicht abfällig klingen. Ich wünschte, ich könnte das auch! Mein Leben wäre so viel angenehmer, wenn ich mich nicht ständig über die Nationalmannschaft ärgern müsste, weil zu viele Bayern in der Mannschaft sind, zu wenige Dortmunder, die wenigen Dortmunder sich auch noch verletzen, weil Deutschland nach einem gewonnenen Spiel eigentlich schon wieder Weltmeister ist, weil die anderen ja ohnehin alle nichts können. Ich wünschte manchmal, ich könnte mich auch einfach kritiklos darüber freuen, wenn der Ex-BVB-Angestellte Götze für seinen Schwächeanfall im Strafraum mit einem Elfmeter belohnt wird und Thomas Müller diesen dann verwandelt und danach noch zwei Tore schießt.

Der Schwalbenkönig

Überhaupt Müller. Wenn bei mir nach 2008 noch ein kleiner Rest von Identifikation mit der Nationalmannschaft vorhanden war, dann wurde er mit dem Erscheinen des Schwalbenkönigs von der Isar endgültig vernichtet. Der Mann ist mir auf so vielen Ebenen unsympathisch, dass es selbst die Weiten des Internet sprengen würde, wenn ich sie alle aufzählen würde. Ich kann mich nicht über Tore von Thomas Müller freuen. Ich. Kann. Es. Einfach. Nicht. Es ist biologisch nicht möglich, vielleicht fehlt mir ein entsprechendes Enzym.

Ich habe auch einige Schlandige in meinem Freundeskreis, mit einigen von ihnen gehe ich regelmäßig ins Westfalenstadion. Wenn ich mit ihnen darüber spreche, sagen sie immer nur: „Ja, aber das ist Deutschland. Das ist dann was anderes.“ Aber niemand kann mir erklären, WAS denn da so anders ist. Begreife ich vielleicht einfach das Konzept von Patriotismus nicht? Haben die Leute am Ende Recht, wenn sie mich als „Vaterlandsverräterin“ bezeichnen?

Vereinsbrille

Man ist ausgeschlossen als Nicht-Schlandiger. Als Thomas Müller den geschenkten Elfmeter im Gruppenspiel gegen Portugal souverän zum 1:0 verwandelt, gebe ich mir alle Mühe in Anwesenheit meiner noch neuen Arbeitskollegen zumindest nicht allzu sehr das Gesicht zu verziehen oder gar laut zu fluchen. Ganz anders meine Reaktion, als Mats Hummels das 2:0 schießt. Tore von BVB-Spielern freuen mich immer. Und als ich Mats Hummels später verletzt vom Platz humpeln sah, war das Turnier im ersten Impuls für mich vorbei.

Das ist wohl auch des Rätsels Lösung. Die schwarzgelbe Brille ist in meinem Gesicht festgelötet. Ich kann sie ebenso wenig abnehmen, wie ich mein linkes Ohr abnehmen kann. Ich habe es wirklich versucht. Ich glaubte, sogar erfolgreich zu sein. Als Kevin Großkreutz vor ein paar Wochen sein erstes Länderspiel nach über drei Jahren machte, gelang es mir gar, ein wenig Freude bei Deutschland-Toren zu empfinden. Ich glaubte mich auf dem Ausweg vom Ausgeschlossen-Sein. Es war ein Trugschluss.

WM ist trotzdem toll

Die Identifikation mit der Nationalmannschaft hängt weiter stark vom Grad der Borussen in der Mannschaft ab. Und dass es bei Großkreutz‘ Comeback einen Ausschlag nach oben gab, ist wohl nicht verwunderlich, denn er ist ja nicht einfach nur BVB-Spieler, sondern der Ur-Borusse im Kader schlechthin.

Eigentlich genieße ich es, dass WM ist. Als Fußballfan interessiert es mich natürlich, wenn die besten Mannschaften der Welt sich untereinander messen. Abgesehen von der Müdigkeit am nächsten Tag, weil die interessantesten Spiele immer erst um Mitternacht kommen, finde ich es toll, dass den ganzen Abend Fußball läuft. Und eine Sommerpause mit Turnier ist immer erträglicher als eine ohne.

Niemals ein Schlandiger

Nur wenn Deutschland spielt, gerate ich ins Abseits. Es ist ein unangenehmes Gefühl, nicht Teil der Gemeinschaft zu sein. Der Mensch ist nun einmal – bis auf wenige misanthropische Ausnahmen – ein Herdentier. Aber ich kann es nicht ändern. Ich fürchte, ich werde nie wirklich zu den Schlandigen gehören. Vielleicht werde ich irgendwann in einer Post-Löw-Ära mal wieder bei einem Turnier für Deutschland mitfiebern, falls der Kern der Mannschaft aus einem BVB-Block besteht.

Aber auch das wäre nur eine Illusion. Denn ich wäre dann auch nicht für Deutschland, weil es Deutschland ist, sondern weil es größtenteils BVB wäre. So wie ich mich mit der aktuellen Nationalmannschaft nicht identifizieren kann, weil es im Wesentlichen der FC Bayern ist.

Temporäre Ausgrenzung

Aber  Nicht-Schlandige sollten sich die WM nicht versauen lassen. Es ist immer noch Fußball. Es gibt andere Mannschaften, denen man die Daumen drücken kann, bei denen man sich aber auch nicht allzu sehr grämen muss, wenn sie raus fliegen. Ich feuere zum Beispiel seit den BVB-Zeiten von Alex Frei gerne die Schweiz an. Schönes Land, nur ein Bayer im Kader – passt. Wenn sie ausscheiden, finde ich es schade, aber es wird mir keine schlaflose Nacht bescheren. Eigentlich ist das endlich mal entspanntes Fußballschauen. Und Deutschland spielt ja nicht immer, die Ausgrenzung ist also temporär. In ein paar Wochen ist der ganze Spuk eh wieder vorbei.

Ich wünsche allen BVB-Spielern eine erfolgreiche (und verletzungsfreie) WM und ganz allgemein, dass der Beste am Ende gewinnen möge.

Und am 22. August hat das Leben endlich wieder einen richtigen Sinn.

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12 Gedanken zu „Lost in Schland

  1. Kann ich gut nachvollziehen! Meine Schland Gene scheinen seit 2010 auch nicht mehr zu funktionieren. Früher war ich begeisterter Fan der Nati, aber das wurde massiv weniger.

    Meine Reaktionen zum Spiel:

    1:0 Ohh Götze bekommt die Hitze nicht. Ach … das ist in Serbien also Elfmeter würdig. Schlampiger Anlauf und doch drin … kommt vor …

    2:0 Guter getreten von Kroos. Dann HUMMMMMMMMELS! … TOR für den BVB!

    3:0 Ohh Müller

    4:0 Mähh

  2. Sehe ich ähnlich. Bei Toren der wilden „13“ (Oh Gott diese Wortspielerei von uns Mehmet) haut es mich auch nicht aus dem Sessel. Als Mats zum 2:0 köpfte, da regte sich was in mir (also nicht das was manche vielleicht nun denken). Da spürte ich Freude und Stolz. Anschließend die Verletzung von Mats….. Bitte nicht dachte ich. Hätte sich der ungeliebte Ex-Angestellte nicht verletzen können (böser Kerl ich). Nun, so lange Bajuffen in der Nati sind werde ich anstandshalber nur den Sieg feiern. Nicht jedoch die Schützen. Das geht nicht. Also hoffen wir mal das Mats und evtl. Kevin noch ein paar Buden machen können. Ach ja der Eric muss auch noch mitmachen dürfen. Und Manuela könnte doch noch Schulter bekommen……… Ich will mehr BVB´ler in der Nati PUNKT

  3. ich saß gestern ebenfalls wie ein Zombie unter wild feiernden Menschen. Ich kann auch nichts dafür – NULL kribbeln und Freude in mir. Aber Gott sei Dank bin ich nicht allein 😉

    • Ja, ich gebe zu, dass ich da ordentlich ausgeholt habe. Ich betone ja auch ausdrücklich in dem Text, dass das sicher keine mehrheitsfähige Meinung ist, aber es entspricht einfach meiner Gefühlswelt. Ich war nie ein großer N11-Fan und seit unsere N11 ein erweiterter FC Bayern ist (mit Spielern, die ich einfach kreuzunsympathisch finde, wie etwa Müller oder Neuer) ist es mir einfach schlechterdings unmöglich, noch irgendein positives Gefühl mit der N11 zu verbinden.

      Ich will es auch ausdrücklich niemandem absprechen, sich für die N11 zu begeistern, habe wie erwähnt selbst viele Leute im Bekannten- und Freundeskreis. Ich finde nur, man muss akzeptieren, dass es auch ein paar Leute gibt, die sich eben nicht freuen können, wenn Thomas Müller drei Tore schießt und denen der Spaß an der N11 durch diese teils sehr unsympathische Mannschaft bzw. den Trainer einfach verleidet ist, weil sie die Vereinsbrille nicht abnehmen können. Mehr wollte ich mit dem Text eigentlich gar nicht aussagen. 😉

  4. Pingback: Links anne Ruhr (18.06.2014) » Pottblog

  5. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 25 in 2014 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2014

  6. @Sylvia
    Der comment hat ja schon fast etwas Entschuldigendes – und das ist völlig unnötig. Eigentlich schulden einem vielmehr die eine Entschuldigung, für die es ein Frevel ist, wenn man nicht die DFB Elf anfeuert bzw. eine andere Mannschaft (die also suggerieren, es wäre sozusagen eine vaterländische Verpflichtung, Neuer und Co. zu unterstützen).

  7. Was soll das mit der Küche?! In der würd ich mich gezwungen fühlen brennendes Fett mit Wasser zu löschen. Und das mit nem Lächelm im Gesicht…
    *kopfschüttel*

  8. Pingback: Ein Hoch auf die Sommerpause – aber halt… | Any Given Weekend

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