Ein Anflug von Vernunft?

Eine Ankündigung der Polizei NRW Anfang der Woche verwunderte die meisten und hinterließ zumindest bei vielen Fußballfans durchaus verhaltene Freude. Verhalten deswegen, weil noch nicht so ganz klar ist, wie ernst es dem Innenministerium damit ist: Die Polizeipräsenz bei Fußballspielen soll deutlich verringert werden.

Die Debatte läuft seit Jahren und die Gegensätze zwischen den Parteien schienen unüberbrückbar und gegensätzlich. Die Polizei beklagte sich, die Belastung der Beamten sei aufgrund der aufwendigen Einsätze bei Bundesliga-Spielen an jedem Wochenende viel zu hoch. In diesem Zusammenhang fiel dann auch gerne die Forderung mancher Politiker und Polizeigewerkschaftler, die Vereine müssten an der Kosten der Einsätze beteiligt werden.

Kein privater Ordnungsdienst

Eine Forderung, die sowohl Vereine als auch Fans vehement ablehnten, zumal die rechtliche Lage nicht ganz klar ist. Denn die Vereine zahlen Steuern und die Polizei ist schließlich kein privater Ordnungsdienst, den ein Veranstalter bei Bedarf engagiert, sondern die von Steuergeldern finanzierte Exekutive der Bundesrepublik Deutschland, zu deren Hauptaufgabe es nun einmal gehört, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu gewährleisten.

Wie sehr man sich seitens der Vereine und auch der Verbände gegen solche Ideen wehrt, zeigt sich nicht zuletzt in Bremen. Dort hat die Landesregierung angekündigt, in Zukunft den Fußball an den Kosten für die Polizeieinsätze bei den Spielen beteiligen zu wollen. Der DFB positionierte sich schnell und ungewohnt deutlich: Als Reaktion will der DFB nun offenbar das im November anstehende Länderspiel gegen Gibralter, das ursprünglich im Bremer Weserstadion stattfinden sollte, neu vergeben. Die Botschaft lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Man will sich nicht erpressen lassen.

Ein Testballon

Nur wenige Tage später, überraschte ausgerechnet Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger, der beim Thema Fußball vielen Fans schon als Populist und Hardliner unangenehm aufgefallen ist, mit der Ankündigung, man werde die Polizeipräsenz bei Bundesliga-Spielen deutlich verringern. Es handelt sich zunächst mal um einen Testballon.

An den ersten vier Spieltagen will sich die Polizei aus den Stadien zurückziehen und auch keine Bereitschaftspolizei mehr zur Eskorte von Gästefans zum Stadion mehr bereit stellen. Die sogenannten „Risikospiele“ bleiben davon unberührt. Verringert wird die Polizei ausschließlich bei Begegnungen, die in den letzten drei Jahren „ohne Krawalle geblieben sind“. Als Grund nannte Jäger vor allem, dass man dem Steuerzahler die hohen Kosten für die Einsätze beim Fußball nicht mehr vermitteln könne.

Skepsis

In die verhaltene Freude der Fans mischt sich Skepsis, die auch zeigt, wie tief die Gräben immer noch liegen. Eine aus Fansicht so logische und nachvollziehbare Maßnahme hat dem Innenministerium irgendwie niemand mehr zugetraut nach all den Diskussionen über Vollkontrollen, Stehplatzverbote und sonstigen Maßnahmen, die seit Jahren immer nur einem Trend folgten: der zunehmenden Entmündigung und pauschalen Kriminalisierung von Fußballfans.

Dabei ist die Maßnahme absolut logisch. Niemand wird bestreiten, dass Polizeipräsenz bei einem Revierderby angesichts der teils recht hohen Vollpfostenrate auf beiden Seiten (!) nicht die dümmste Idee ist. Aber jeder Fußballfan hat auch das schon erlebt: unspektakuläre Sonntagsspiele gegen Gegner, bei denen dann plötzlich gefühlt drei Uniformierte auf jeden angereisten Gästefan kamen. Der unverhältnismäßige Einsatz von Bereitschaftspolizei selbst bei Spielen mit null Skandalpotenzial war auch eines der Argumente, mit denen Kritiker dem unentwegten Lamento der Polizei über zu hohe Belastung begegneten. Zu hohe Belastung? Warum muss dann auch eine Hundertschaft 250 Wolfsburger bewachen?

Neue Tonart

Insofern ist der Test der NRW-Polizei eine Maßnahme, von der sich viele fragen, warum man auf diese schlaue Idee nicht schon vor Jahren gekommen ist. Auffällig ist neben dieser Maßnahme die neue Tonart, die sich in Jägers Äußerungen geschlichen haben: „Gespräche mit den Fans haben gezeigt, dass sie bereit sind, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das können sie jetzt unter Beweis stellen.“ Auch hier klingt Skepsis durch, ob das Ganze wirklich gelingen kann. So eingeschliffen wie die Meinung vieler Fans über politische Hardliner und deren Unbelehrbarkeit ist, so festgefahren ist auf der anderen Seite offenbar die Mär vom alkoholisierten, unbeherrschten Rowdy, zu dem jeder noch so brave Familienvater unweigerlich mutiert, sobald ein rollender Ball im Spiel ist.

Auch Polizeigewerkschaftler Rainer Wendt – seines Zeichens Chef-Populist – schlägt für seine Verhältnisse moderate Töne an und begrüßt den Plan: „Ich halte den Vorstoß für mutig und richtig. Wir müssen von den hohen Einsatzstunden der Polizei runterkommen. Das Modell überträgt einen Teil der Verantwortung an die Vereine, die Fans und die Fanvertreter.“

Eine Chance

Eines muss allen Fans klar sein: Mag Ralf Jäger vielleicht selbst nicht daran glauben, dass das funktionieren kann, doch dies hier ist eine vorerst vielleicht einmalige Chance, das Bild vom marodierenden Fußballfan, das sich in der breiten Öffentlichkeit festgesetzt hat, endlich zu revidieren. Es ist für jeden Fußballfan eine Chance, zu zeigen, dass es eben nicht nötig ist, uns zu entmündigen, zu schikanieren und bis ins kleinste zu kontrollieren, damit wir friedlich sind. Es ist schlimm genug, dass anständige und friedliche Menschen diesen Beweis überhaupt erbringen müssen, aber diese Chance sollte dennoch genutzt werden.

Denn machen wir uns doch nichts vor. Demokratie hin oder her, am Ende sitzt halt immer der Staat und seine Exekutive am längeren Hebel. Das hat man spätestens bei der Stürmung der Schalker Nordkurve und den Nachwehen im vergangenen Jahr gesehen. Und es gibt gesellschaftliche Schubladen, aus denen man nicht wieder herauskommt, egal wie viele Gegenbeispiele es gibt.

Einstellung muss sich ändern

Doch ein Problem gibt es: an den überwiegenden Teil der Fans muss man nicht appellieren, friedlich zu sein. Und es stellt sich die Frage, ob man mit einem Appell an Vernunft und Verantwortungsgefühl die paar hirnlosen Idioten überhaupt erreicht, denen es egal ist, wenn sie mit ihren Aktionen alle deutschen Fußballfans einer Hexenjagd aussetzen.

Somit ist dieser Test der NRW-Polizei löblich und ein Schritt in die richtige Richtung. Doch er ist letztlich wertlos, wenn sich nicht endlich drei Dinge im Denken der Verantwortlichen festsetzen können:

1. Eine vollständig gewaltfreie Fußball-Bundesliga wird man ebenso wenig erreichen wie eine völlig gewaltlose Gesellschaft. Das ist leider einfach eine Utopie, die sich auch mit den größten Repressionen niemals durchsetzen lassen wird.

2. Wenn man die Gewalttäter isolieren will, ist es nicht hilfreich, alle anderen Fans erst mit ihnen in eine Schublade zu stecken und dann zu fordern, diese müssten sich aber bitteschön jetzt endlich mal von den Gewalttätern distanzieren.

3. Gewalt erzeugt Gegengewalt.  Der einzige zivilisierte Weg zur Konfliktlösung ist und bleibt Dialog.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Ein Anflug von Vernunft?

  1. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 33 in 2014 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2014

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s