Die Rückkehr der Romantik

Zwei Jahre lang haben viele BVB-Fans von der Rückkehr des verlorenen Sohnes geträumt, haben Twitter-Kampagnen gestartet und hätten Shinji Kagawa am liebsten mit dem eigenen Auto aus Manchester nach Dortmund kutschiert. Nun ist er wieder da. Doch man wird sicher nicht sofort dort anknüpfen können, wo man 2012 aufgehört hat.

Warum hat gerade Shinji Kagawa die Fans so berührt, obwohl er doch nur zwei Jahre das schwarzgelbe Trikot getragen hat, von denen er noch ein halbes Jahr wegen eines Fußbruches ausgefallen war? Natürlich hat der schnelle, trickreiche Japaner das BVB-Spiel ungemein belebt und war in seiner ersten Dienstzeit ein unumstrittener Leistungsträger.

Natürlich kam seine freundliche und bescheidene Art gut an bei den bodenständigen Westfalen. Und dass sich sein Name von der Südtribüne so schön singen lässt und dieser Gesang zeitweise jedem asiatisch aussehenden Menschen, der sich in die Nähe von BVB-Fans wagte, vergnügt entgegen geschmettert wurde, trug sicher auch zum Kultstatus des kleinen Mittelfeldspielers bei.

Verkörperung des Märchens

Aber noch etwas anderes spielt eine Rolle, ein viel romantischerer Grund. Shinji Kagawa war die Verkörperung der blutjungen Überraschungs-Meistermannschaft von 2011, die viele BVB-Fans heute noch in der Erinnerung so verzaubert. Eine Bande von 22-jährigen Milchgesichtern, die mit ihrer Begeisterung und ihrem atemberaubenden Offensivfußball Branchengrößen wie Bayern München oder Bayer Leverkusen einfach abhängt und die gebeutelte Stadt Dortmund in eine lange nicht gekannte Euphorie versetzte. Die dann in einem wochenlangen Meisterrausch gipfelte.

Dann die Wiederholung im folgenden Jahr, diesmal mit einer rasanten Aufholjagd, einem Showdown im ausverkauften Dortmunder Stadion gegen die Bayern und dem krönenden Schlusspunkt mit der 5:2-Galavorstellung im Berliner Olympiastadion. An all diesen Ereignissen hatte Kagawa nicht nur großen sportlichen Anteil. Die Geschichte des unbekannten, jungen Japaners, den der BVB irgendwo in der zweiten japanischen Liga aufstöbert, für ein Taschengeld von 350.000 Euro nach Dortmund lotst und der sich zum Superstar entwickelt – das krönte das westfälische Fußballmärchen und wurde der Beweis für die gute Scoutingarbeit der Borussen.

Hinter der jahrelangen Hoffnung auf die Rückkehr eines „verlorenen Sohnes“ steht also vielleicht auch ein kleines bisschen der Wunsch, die Romantik von damals zurück nach Dortmund zu holen. Denn die hat sich spätestens mit Mario Götzes Wechsel zu den Bayern im vergangenen Jahr verabschiedet, bei vielen Fans ist seitdem Ernüchterung zu spüren.

Kagawa braucht Zeit

Wie einst Nuri Sahin – dem zweiten Gesicht der 2011er Mannschaft – bekam  auch Kagawa der Abschied von Dortmund nicht. Sein Stolz verbot es ihm lange, sich einzugestehen, dass er den Durchbruch bei Manchester United nicht geschafft hat. Nun ist Kagawa zurück in Dortmund. Mit seiner Qualität wird er dem BVB mittelfristig sicher helfen können, zumal Jürgen Klopp im Gegensatz zu seinen Kollegen auf Insel genau weiß, wo man Kagawa einsetzen muss, damit er seine Stärken ausspielen kann.

„Ich habe schon am Tag meines Abschieds in einem Interview gesagt, dass das Kapitel Borussia Dortmund für mich nicht abgeschlossen ist. Ich wollte mir in der Premier League einen Traum erfüllen. Jetzt bin ich einfach nur froh, wieder in Dortmund zu sein. Bei dieser tollen Mannschaft, diesem Wahnsinns-Umfeld, den einzigartigen Fans. Der BVB ist wie eine Familie. Ich bin stolz, dass sie mich nie vergessen hat und ich wieder dazugehören darf.“ (Shinji Kagawa über seine Rückkehr)

Aber man muss damit rechnen, dass Kagawa Zeit braucht, um wieder an alte Glanzzeiten anknüpfen zu können. Das BVB-Spiel hat sich seit 2012 sehr verändert, das musste auch Sahin bei seiner Rückkehr feststellen. Wie alle Neuzugänge wird auch Kagawa eine Weile brauchen, um sich daran zu gewöhnen. Dazu wird Jürgen Klopp gerade in erster Zeit sicher auch als Psychologe gefragt sein, denn die zwei Jahren zwischen Bank und Tribüne im Old Trafford werden Kagawas Selbstvertrauen nicht gut getan haben.

Grundsätzlich bietet des BVB aber das richtige Umfeld für ihn, um sich davon zu erholen. Viele seiner alten Weggefährten – nicht zuletzt Kevin Großkreutz, mit dem er eng befreundet ist – sind noch da und werden ihm die Eingewöhnung erleichtern. Vielleicht wird er nicht mehr dieselbe Rolle beim BVB bekleiden wie 2011/12. Aber mit Geduld und Zeit wird er auf eine andere Weise vielleicht dann wieder ein großer Spieler für Borussia Dortmund. Und die Geschichte vom verlorenen Sohn, der nach Jahren in der Fremde nun wieder in den Schoß der BVB-Familie zurückkehrt, bietet nach all den realen und herbei geschriebenen Abgängen wieder einen Hauch von Romantik beim BVB.

Der Text ist in ähnlicher Form als Kommentar auf www.westline.de erschienen.

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