Buchrezension: Franz-Josef Brüggemeier – Weltmeister im Schatten Hitlers

Kurz vor der WM 2014 in Brasilien und passend zum 60. Jubiläum des „Wunders von Bern“ erschien die überarbeitete Studie des Historikers Franz-Josef Brüggemeier  zu „Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954“ im Klartext-Verlag. Die erste Ausgabe erschien 2004, doch nach den Erlebnissen der WM 2006 wurde das Werk einer Neubetrachtung unterworfen.

Hartnäckig hält sich seit Jahrzehnten in Deutschland der Mythos vom Titelgewinn in der Schweiz als gefühlte „Stunde Null“ der jungen Bundesrepublik Deutschland. Von diesem Moment an, so die landläufige Meinung, die durch viele Filme, Artikel und populärwissenschaftliche Publikationen gestützt wurde, habe sich das deutsche Volk als Einheit begriffen. In diesem Moment habe man erstmals in der Gesellschaft neun Jahre nach dem von Deutschland begonnenen und verlorenen Zweiten Weltkrieg das Gefühl gehabt: „Wir sind wieder wer.“

Politische Schwierigkeiten

An diesem Mythos wird in Fußballdeutschland ungerne gewackelt. Erst recht nicht seit der WM 2006 im eigenen Land, wo man in Deutschland den „unverkrampften Patriotismus“ wiederentdeckte und nur zu gerne Parallelen zu 1954 zog.

Wer weiter unbehelligt daran glauben möchte, sollte die Finger von Brüggemeiers Studie lassen, denn er weckt durchaus Zweifel an diesem Mythos. Minutiös beschreibt er in mehreren Kapiteln die junge bundesrepublikanische Gesellschaft. Der Fokus liegt hierbei auf dem DFB und dem Wiederaufbau der Fußball-Nationalmannschaft. Doch er nimmt auch Bezug auf die politischen Anfänge und Schwierigkeiten, die Problematik von Flüchtlingen und Kriegsheimkehrern, die wirtschaftliche Lage und dem gesellschaftlichen Umgang mit den Verbrechen der NS-Diktatur. Auch die Wahrnehmung Deutschlands im Ausland vor, während und nach der Fußball-WM in der Schweiz spielt eine Rolle. Am Schluss konzentriert er sich hier besonders auf den sozialistischen Ostblock, vor allem die DDR und Ungarn, das im Finale Deutschland unterlag.

Doping-Gerüchte

Zutreffend ordnet er den gesellschaftlichen Stellenwert der Sportart Fußball und der WM ein, der deutlich niedriger war als heutzutage. Er beschreibt die Wirkung des Titelgewinns auf die Bevölkerung, die in der Tat in den ersten Tagen sehr euphorisch ausfiel, aber nicht lange anhielt und sich in der Presse und der Politik kaum wiederfand. Ebenfalls Bezug nimmt er auf die Doping-Gerüchte, die immer mal wieder in den letzten Jahren um die Weltmeistermannschaft von 1954 aufkamen und ordnet sie schlüssig ein.

Brüggemeier versucht sich an einem Deutungsansatz, wieso das Finale plötzlich so viele Menschen mitriss, die sonst mit Fußball nichts am Hut hat. Seine Erklärungen sind zwar nachvollziehbar, allerdings legt er keine wirklich stichhaltigen Beweise dafür vor. Er geht davon aus, dass sich eine Spannung während des Turniers aufgeladen hat, die sich nach dem Finale entluden. Die Meldungen von Spielen in der Schweiz hätten eine Parallelen zu den Kriegssondermeldungen gebildet, jedoch ohne deren Dramatik und negative Begleiterscheinungen.

Schwächen

Das ist eine der Schwächen des Buches, denn am Ende wird es etwas schwammig. Zwar hat Brüggemeier viele Quellen, vor allem Presseberichte, ausgewertet, doch er schreibt richtigerweise selbst, dass man von denen nicht zwingend Rückschlüsse auf die Meinung der Bevölkerung ziehen kann. Das heißt aber im Umkehrschluss aber auch, dass man letztlich anhand der benutzten Quellen nicht zwingend feststellen kann, welche Wirkung der Titel langfristig auf die Menschen, die in dieser Gesellschaft lebten, hatte. Wobei man definitiv feststellen kann, der der Titel den Fußball in Deutschland noch nicht die Beachtung schenkte, die er heute hat. Dazu liegen mittlerweile genügend wissenschaftliche Publikationen vor.

Somit liefert dieses eigentlich gute Buch zwar viele Hintergründe und Zusammenhänge und auch Reaktionen auf dem Titel, lässt aber auch einige Fragen offen, die möglicherweise anhand anderer Quellen noch überprüft werden müssen, möglicherweise aber auch schlicht nicht ganz aufzuschlüsseln sein werden, weil die Quellen fehlen.

Lektorat

Eine formale Schwäche ist das Lektorat. Durch fast das ganze Buch ziehen sich unsinnige Abstände mitten in Wörtern, vereinzelt auch Rechtschreibfehler und Fehler bei der Groß- und Kleinschreibung. Es wirkt ein wenig, als habe man das Buch überhastet in Druck gebracht, um es pünktlich zur WM 2014 auf dem Markt zu haben. Das ist gerade bei einer wissenschaftlichen Publikation wirklich ärgerlich, weil es leider etwas schlampig wirkt und letztlich auch zu häufig im Buch vorkommt, um es an dieser Stelle zu ignorieren.

Fazit: Franz-Josef Brüggemeier hat in seiner Studie minutiös und kenntnisreich aufgearbeitet, vor welchen politischen und gesellschaftlichen Hintergründen der deutsche WM-Gewinn 1954 stattfand und wie er speziell in Europa, gerade im politischen Milieu rezipiert wurde. Trotz der angesprochenen Kritikpunkte und mancher offener Fragen, die zum Teil aber auch einfach der Quellenlage geschuldet sind, bietet das Buch einen neuen Blickwinkel auf das „Wunder von Bern“. Brüggemeiers These über die Rezeption des Titels innerhalb der deutschen Gesellschaft ist zwar denkbar und schlüssig, müsste aber durch weitere Quellen untermauert werden.

Franz-Josef Brüggemeier: Weltmeister im Schatten Hitlers. Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954, Klartext-Verlag, Essen 2014, 316 S., broschiert, 19.95 Euro

Advertisements

Ein Gedanke zu „Buchrezension: Franz-Josef Brüggemeier – Weltmeister im Schatten Hitlers

  1. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 37 in 2014 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2014

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s