Der BVB in der Krise: Too big to fail?

Fünf Niederlagen, ein Unentschieden und nur zwei Siege: So liest sich die aktuelle Saisonstatistik von Borussia Dortmund – eine Statistik des Grauens. Die 1:2-Niederlage beim 1. FC Köln am Samstag war ein weiterer Tiefpunkt. Bedenkt man dazu, dass zumindest der Sieg gegen Augsburg noch beinahe aus der Hand gegeben worden wäre, das Remis gegen den VfB Stuttgart am Ende mehr als glücklich war und eine der fünf Niederlagen ausgerechnet die im Derby war, kann man nur festhalten, dass die Saison 2014/15 bisher für den BVB ein echter Griff ins Klo ist.

Hatte die Tabelle am Saisonbeginn noch wenig Aussagekraft, so bildet sie nach acht Spieltagen und damit immerhin 24 zu vergebenen Punkten mittlerweile doch etwas ab. In nackten Zahlen sieht das beim BVB zurzeit so aus: Sieben von 24 möglichen Punkten, eine Tordifferenz von minus 4 und bereits 14 Gegentore. Nur Hertha BSC Berlin (16) und der VfB Stuttgart (15) haben mehr Tore kassiert. Und besagter HSV kann bei einem Sieg am Sonntag gegen Frankfurt sogar noch an Dortmund vorbei ziehen.

Schönreden bringt in dieser Lage nichts mehr. Mittlerweile muss man von einer Krise reden. Auch wenn die Medien mit diesem Wort heutzutage sicherlich schnell bei der Hand sind, darf man auch die Augen nicht vor dem Offensichtlichen verschließen, denn die Realität auszublenden, kann gerade im Sport auch mal fürchterlich ins Auge gehen.

Die eine Frage

Woran liegt es, dass der BVB in der Liga einfach nicht in die Spur findet? An dieser Frage verzweifeln Fans, Spieler, Trainer, Offizielle, Experten und Journalisten gleichermaßen. Sicher war die extreme Verletzungsmisere, die der BVB von der alten in die neue Saison mitnahm, nicht hilfreich. Wenn Spieler wie Ilkay Gündogan, Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan, Jakub Blaszczykowski, Mats Hummels, Nuri Sahin und noch mehr ausfallen, dann wird es schwierig, das noch zu kompensieren. Zumal es dazu führt, dass Spieler wie Lukasz Piszczek oder Kevin Großkreutz jedes Spiel über 90 Minuten machen müssen und keine Pausen bekommen.

Natürlich ist die Mannschaft auch noch in einer Findungsphase. Mit Robert Lewandowski hat ein Weltklassestürmer, der über 20 Tore in der Saison praktisch garantiert, den BVB verlassen. Mit Adrian Ramos und Ciro Immobile hat man gut eingekauft, zudem mit Shinji Kagawa noch einen Mittelfeldspieler der Extraklasse dazu geholt, aber natürlich brauchen vor allem die beiden Erstgenannten noch Zeit, die Idee des Klopp’schen Fußballs zu verinnerlichen. Fast alle neuen Spieler haben dazu mindestens eine halbe Saison benötigt. Klopps Fußball ist taktisch anspruchsvoll, da bleiben Startschwierigkeiten nicht aus.

Aber all das erklärt nicht die grausamen individuellen Fehler, die keineswegs nur von den Neuen kommen, sondern auch von arrivierten Spielern wie Mats Hummels. Schon durch die ganze Saison zieht sich eine erschreckende Schwäche im Passspiel, gefühlt landet jeder zweite oder dritte Pass beim Gegner. Diese Ballverluste verunsichern die Mannschaft und führen im Spielverlauf oft dazu, dass sich kein Spieler mehr irgendetwas traut. Oft fatal, weil man bis dahin oft schon ein Gegentor kassiert hat und dann die dringend benötigte Kreativität in der Offensive nicht auf den Platz bekommt.

Klopps Ratlosigkeit

Mit einfachen Mitteln gelingt es den Gegnern derzeit, das BVB-Spiel lahmzulegen. Ein wenig Geduld reicht meistens, denn irgendwann haut sich die verunsicherte BVB-Mannschaft die Dinger fast schon zwangsläufig selbst rein. Das Spiel gegen den 1. FC Köln bildete einen neuen Tiefpunkt. Und zwar nicht wegen der fast schon slapstickartigen Gegentore. Sondern, weil selbst Jürgen Klopp am Ende nur noch ratlos aussah. Selbst er scheint im Moment keine Antwort auf die Unzulänglichkeiten seiner Elf zu haben.

Woran liegt es? Überlastung? Verunsicherung? Mangelnde Konzentration? Oder gar mangelnde Einstellung in der Bundesliga, wie es den Spielern mittlerweile zum Teil auch schon vorgeworfen wird?

Die WM kann sicher kein Argument sein, jedenfalls nicht für den BVB. Let’s face it: Nur Mats Hummels hat bei der WM tatsächlich Belastung erfahren. Die anderen waren früh wieder zuhause oder haben zwar trainiert, aber nicht gespielt. Von Überlastung kann hier also nicht die Rede sein, da hätte beispielsweise der FC Bayern sicher mehr Grund zur Klage.

Verunsicherung und fehlende Konzentration

Verunsicherung spielt sicher mittlerweile eine Rolle. Aufgrund der vielen Fehler hat wahrscheinlich jeder Spieler inzwischen Angst, Fehler zu machen. Dass Angst vor Fehlern unweigerlich zu neuen Fehlern führt, dürften die meisten Menschen auch am eigenen Leib schon erlebt haben.

Mangende Konzentration? Nun, Konzentration wäre zumindest mal ein guter Weg, Fehler abzustellen und in der Tat hat es derzeit den Anschein, als ob es hier ein wenig hapert – und zwar insbesondere, wenn in der Champions League drei Tage später ein Spiel ansteht.

Champions League ist auch so ein Stichwort. Denn alle Erklärungsversuche – auch jene vom angeblich kollabierenden System Klopp – kranken daran, dass auf magische Art und Weise in diesem Wettbewerb alles funzt. Da wird Arsenal souverän nach Hause geschickt und auch der RSC Anderlecht auswärts 3:0 besiegt. In der Champions League klappt es – trotz Überlastung, trotz Verletzungspech, trotz Verunsicherung.

Zweikämpfe

Obwohl man ehrlich sein muss: Anderlecht ist bei allem Respekt international bestenfalls mittelklassig. Und auch durch das Spiel in Brüssel zogen sich etliche Fehlpässe und individuelle Böcke. Eine bessere Mannschaft als Anderlecht hätte das vielleicht auch bestraft. Somit stimmt auch die These „In der CL läuft es komischerweise“ nur so halb. Allerdings zeigen die Spieler hier in den Zweikämpfen mehr Biss – sicher auch eine Sache, die Dortmund in der Liga zurzeit abgeht, was vor allem im Derby gut zu beobachten war. Die Blauen haben weiß Gott nicht die Sterne vom Himmel gespielt, aber sie sind entschlossener in die Zweikämpfe gegangen. Das soll an dieser Stelle erst mal gar nicht gewertet, sondern nur festgestellt werden.

Nach der Heimniederlage gegen den HSV kam von der Südtribüne eine beeindruckende und sicher auch einzigartige Treuebekundung. Die Spieler waren davon sichtlich bewegt und man war schon geneigt, zu hoffen, das könnte ein Wendepunkt gewesen sein. Doch nun muss man sagen: Die Reaktion war gleich null.

Und wenn man so manchem Spieler nach dem Spiel im Interview lauscht oder deren Social-Media-Kanäle verfolgt, drängt sich zu Teil doch der Eindruck auf, dass der Eine oder Andere beim BVB den  Ernst der Lage noch nicht so ganz begriffen hat. Dazu passt, dass der BVB selbst auf seiner Homepage nach wirklich schlimmen Partien wie dem Derby schönfärberische Artikel á la „Power-Play des BVB wurde nicht belohnt“ postet. Sollte das intern beim BVB die vorherrschende Einschätzung sein, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Mannschaft nicht aus dem Quark kommt. Zumal viele Fans sich von der vereinseigenen Propaganda blenden lassen und ins gleiche Horn blasen.

Nicht alles abnicken

Lasst uns doch mal ehrlich sein: Fan zu sein heißt nicht, alles kritiklos abzunicken. Und die derzeitigen Missstände muss man ansprechen, sonst streicheln wir uns alle zusammen in Richtung Abstiegskampf. Ihr findet, ich übertreibe? Es sind schon ganz andere Mannschaften unten rein gerutscht, die sich für „Too big to fail“ gehalten haben. Selbst wenn dieses Szenario übertrieben scheint: die Qualifikation für die internationalen Plätze sehe ich durchaus derzeit in Gefahr, wenn nicht bald die Wende kommt. Zu sicher sollte man sich nicht fühlen. Und wie lange werden ein Marco Reus oder ein Ilkay Gündogan in Dortmund bleiben, wenn sie nicht CL spielen können? Natürlich muss man mit dieser Mannschaft mindestens auf Platz 3 kommen. Aber das Kriterium, um das zu erreichen sind Punkte und nicht der Marktwert des Teams.

Es geht nicht darum, auf die Mannschaft drauf zu hauen. Und Missstände anzusprechen, heißt auch nicht, dass man dem Verein den Rücken kehren will. Das ist Unsinn. Auf jede Art von sachlicher Kritik mit einem Beißreflex á la „Dann geh doch zu Bayern“ zu antworten, ist hirnig. Noch einmal: Fan zu sein, heißt nicht, alles abzunicken. Dass man gerne Erfolg für seinen Verein haben möchte, ist doch das Wesen des Fanseins. Viele von uns sind auch hingegangen, als man gegen den Abstieg gespielt hat und würden das selbstverständlich wieder tun, weil wir den Verein über alles lieben. Aber aus vermeintlicher Vereinsliebe jegliche Kritik abzuwürgen ist sicher nicht zielführend.

Mittelmaß finden

Anders sieht es natürlich aus, wenn jetzt in manchen Foren schon Klopps Kopf gefordert wird, verbunden mit der Aufforderung, Zorc und Watzke mögen doch jetzt mal das Portemonnaie weit aufmachen und mindestens Messi, Ronaldo und Ibrahimovic verpflichten. Diesen Leuten möchte man dann schon sagen: „Dann geh doch zu Bayern“.

Wir als Fans müssen da ein gesundes Mittelmaß finden. Pfiffe helfen der Mannschaft nicht weiter, Schönfärberei aber ebenso wenig. Der erste Schritt, aus der Krise herauszukommen, muss sein, dass man die Krise zunächst mal annimmt. Es wäre gar nicht traurig, wenn manche Spieler ihre Aktivitäten auf Facebook oder Instagram in nächster Zeit mal etwas zurückfahren würden und sich stattdessen mal im stillen Kämmerlein klar machen würden, dass sie dabei sind, die Saisonziele zu verspielen. Ja, es ist erst der achte Spieltag. Aber wenn die anderen Mannschaften oben weiter punkten und der BVB nicht, dann wird der Abstand möglicherweise schon sehr früh sehr groß.

Der BVB braucht Punkte

Viele Worte, keine wirkliche Antwort. Die derzeitige Situation führt einem vor Augen, wie hilflos man als Fan manchmal ist. Wir können supporten, singen, Spruchbänder malen, die Mannschaft aufbauen. Doch ändern können nur die Spieler die Situation. Sie und auch wir Fans müssen einsehen, dass es keineswegs alles nur mit Pech zu tun hatte, dass mittlerweile fünf Niederlagen zu Buche stehen. Sehr unglücklich, dass jetzt schon wieder ein CL-Spiel ansteht. Gewinnt die Mannschaft in Istanbul, heißt es wieder „Wir haben uns rehabilitiert“. Gewinnt sie nicht, nimmt die Verunsicherung weiter zu.

Wir brauchen Punkte in der Bundesliga. Das muss in dieser Situation die erste Bürgerpflicht sein, damit die Abwärtsspirale gestoppt wird. Ein dreckiger Sieg meinetwegen, ein reingestolpertes Tor in der 90. Minute – völlig egal. Wie sagte es noch einst der große BVB-Philosoph Alex Frei? „Wir brauchen keinen Psychater, wir brauchen einen Heimsieg.“ Nichts mehr hinzuzufügen.

Advertisements

6 Gedanken zu „Der BVB in der Krise: Too big to fail?

  1. Die Statistik stimmt, bis auf die Ergebnisse. Wenn die Chancen vorn nicht verwertet werden und dafür hinten fast jeder Konter, wegen immer wechselnder Abwehr, zu Gegentoren führt, kommt es zu so einer Niederlagenserie. Es ist keine systemische Frage, wir werden weiter so spielen und auch wieder gewinnen, keine Panik. Gündogan hätte ich nicht so stark nach der langen Pause zurück erwartet und es hat sich Niemand verletzt, das macht mir Hoffnung. Wir sollten mal über ROMAN nachdenken, er ist seit der WM nur noch ein Schatten seiner selbst, wird immer mehr zu unserer Achillesferse. Es wäre hilfreich nicht immer das 0:1 zu bekommen, das führt, aufgrund der zuletzt gemachten Erfahrungen zu fahriger Spielweise, der dauernde Wechsel in der Viererkette, aufgrund von Verletzungen,bringt Instabilität. Es ist ein wenig wie an der Börse, die Hausse nährt die Hausse und die Baisse die Baisse. Wir werden aus dieser Abwärtsspirale wieder heraus finden, vermutlich erst nach der Winterpause, wir brauchen jetzt langen Atem und unsere Borussia volle Unterstützung, ohne wenn und aber.

    • Dass wir irgendwann auch wieder gewinnen werden, glaube ich auch. Aber diese individuellen Fehler sind in dieser Häufigkeit doch ungewöhnlich und auffällig. Roman würde ich da gar nicht gesondert sehen, ich glaube, er macht derzeit genau so unerklärliche Fehler wie etwa Hummels. Es stimmt, seit der WM ist er auch nicht mehr so sicher. Aber ich glaube, das ist kein generelles Problem, er war jahrelang ein absolut sicherer Rückhalt für die Mannschaft. Ich bin von dem System auch nach wie vor überzeugt, es wird auch irgendwann wieder greifen. Wahrscheinlich sind das kleine Stellschrauben, an denen gedreht werden muss. Aber Fakt ist, dass wir jetzt bald mal Punkte brauchen. Diese Niederlagenserie muss gestoppt werden. Die Verunsicherung ist im Moment glaube ich, eines unserer größten Probleme.

  2. Gegen Paderborn kann der HSV in der Hinrunde nicht mehr gewinnen. Das haben die bereits am zweiten Spieltag vergeigt. 😉

    Dennoch ist der aktuelle Stand beim BVB sehr überraschend und ich bin gespannt, wann (und ob) die Mannschaft sich fängt. Auch bin ich gespannt, wie die Fans damit umgehen können, nachdem man die letzten Jahre ergebnistechnisch doch sehr verwöhnt wurde. Ich glaube jedoch, dass sich alles wieder normalisieren wird, sobald man die Verunsicherung durch ein oder zwei (notfalls dreckige) Siege erstmal in den Griff bekommen hat. Schafft man das allerdings nicht, wird die Saison sehr rumpelig…

    • Das kommt davon, wenn man versucht, auswendig alle Paarungen zu kennen, statt mal eben 2 Sekunden zu investieren und bei kicker.de nachzusehen… 😉 Danke für den Hinweis, ist geändert.

      Stimme deiner Einschätzung ansonsten voll zu.

  3. Oben steht viel, was ich auch so sehen würde. Die Champions League stört derzeit tatsächlich eher; selten war da so wenig Vorfreude wie vor dem morgigen Spiel. In der Bundesliga warte ich persönlich ja immer bis zum 10. Spieltag ab, um den Start endgültig zu bewerten. Wobei natürlich schon jetzt gesagt werden kann, dass er nicht gelungen ist. Und angesichts des übernächsten Gegners ist das Spiel gegen Hannover in meiner Rechnung mal wieder eminent wichtig.

    Ob jetzt die WM für die Kaderfüller Durm, Großkreutz und Weide so ein halber Brasilien-Urlaub war, würde ich allerdings bezweifeln. Abgesehen vom Training steht man da ja auch mental unter Spannung. Es ist halt kein Abschalten möglich. Zweiter kleiner Widerspruch: Der 3. Platz kann natürlich Ziel sein, aber es gibt andere Klubs, die das Potenzial dafür haben und momentan eben weniger Verletzte. Es wäre ganz klar ein Rückschritt, wenn das nicht klappt, aber so weit voraus sind wir nicht, dass man das in jeder Saison verlangen könnte.

  4. Der Artikel ist gewohnt ausführlich und ich gebe Dir in jeder Hinsicht Recht. Allerdings bin ich davon überzeugt, daß der BVB in der Liga das Ruder bald herumreißen wird. Am Samstag gegen Hannover muß angesichts des nachfolgenden Spiels bei den Bauern dringend ein Dreier her. Wenn das NICHT gelingt, kann es nur noch darum gehen, die Nerven zu bewahren und in der restlichen Hinrunde möglichst viele Punkte einzufahren. In der Rückrunde ist dann nach wie vor vieles möglich.
    Ein Wort zu den von Dir angesprochenen „Fan-Foren“. Wer nach sechs erfolgreichen Jahren unter Jürgen Klopp bei der ersten Mini-Krise am Coach zweifelt, den kann ich gar nicht ernst nehmen. Klopp ist und bleibt für mich der bestmögliche BVB-Trainer. Ohne Wenn und Aber. Kloppo hat es sich verdient, in diesen schwierigen Zeiten nicht nur Unterstützung zu erfahren – sondern auch Vertrauen zu spüren. Vom Vorstand bekommt er dieses Vertrauen. Ich hoffe, daß es ihm auch die Fans zukommen lassen.
    Borussia kommt wieder. Wenn nicht heute, dann morgen.
    Nur der BVB!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s