Von einem Verein, der niemals unterging

Ist es falsch, wenn ein Topverein, der mit einer Topmannschaft nach dem 16. Spieltag auf Platz 16 herumdümpelt, am Trainer festhält? Wenn die Verantwortlichen dieses Vereins nicht nach jedem der zahlreichen verkorksten Spiele die Spieler öffentlich anzählen? Ist es richtig, wenn die Fans dieses Vereins ihre Mannschaft auch nach den enttäuschenden Spielen nicht auspfeifen?

Machen wir uns nichts vor: Nach der wohl verkorkstesten Hinrunde der Vereinsgeschichte, mindestens aber seit Thomas Doll, ist auch bei manchem Borussen der Geduldsfaden inzwischen ein wenig kürzer als sonst.

Hier eine Zusammenfassung der Meinung meines Hintermannes auf der Südtribüne im Block 11, beim Heimspiel gegen Wolfsburg: „Boah, der Kehl kann gar nix!“, „Alter, der Durm ist so ’ne Wurst!“, „Großkreutz, beweg dich mal!“, „Der soll den Aubameyang endlich raus nehmen!“,  Boah, ist das schlecht“.

Manch einer wird jetzt schreien: „Erfolgsfan! Geh doch zu Bayern!“. Aber so einfach ist es nicht, glaube ich. Er sah so aus, als wenn er schon lange auf der Südtribüne steht. Und er war auch keiner dieser typischen Ruhrpott-Mecker-Oppas, die schon beim ersten Heimspiel der neuen Saison anfangen zu moppern: „Kear, dat is do dieselbe Scheiße wie inna letzten Säsong!“

Kritische Stimmen

Tatsächlich mehren sich die kritischen Stimmen, und zwar nicht nur bei denen, die sich Fan nennen, weil die Facebook-Seite des Vereins geliked haben. Und bei einigen scheint selbst Jürgen Klopp als Trainer nicht mehr völlig unantastbar zu sein.

Angesichts der Tatsache, dass der BVB mit einem hochkarätig besetzten Spitzenteam im Tabellenkeller steht und nicht um einen Champions-League-Platz kämpft, sondern nur gegen den Abstieg, ist es aber noch aber vergleichsweise ruhig im schwarzgelben Umfeld. Statt zu pfeifen singt die Südtribüne „Es gibt nie einen anderen Verein“.

Nun hat der Verein natürlich auch fette Jahre hinter sich, die Fans sind seit Jürgen Klopps Amtsübernahme 2008 reichlich verwöhnt worden: Mit schönem Fußball, mit positiver Dramatik, mit Euphorie und nicht zuletzt auch mit Titeln. Und umso schöner und intensiver war all das, weil es gefühlt aus dem Nichts kam. Jürgen Klopp kam, als der Verein am Boden lag und führte ihn in den Olymp. In etwa so geht die viel zitierte Geschichte.

Keine Signale

Neben der Tatsache, dass Klopp als Typ von jeher gut ankam in Dortmund, ist das sicher ein Grund dafür, wieso ihn auch nach einer völlig versauten Halbserie noch kaum jemand in Frage stellt. In letzter Zeit sah der Übungsleiter sich selbst hin und wieder dazu genötigt, Statements zu seiner Zukunft abzugeben. Aber immer deshalb, weil Journalisten nach ihm fragten. Nicht etwa, weil es seitens der Fans Signale gegeben hätte, dass man sich einen Wechsel auf der Trainerposition wünscht.

Und wer wollte ihn den auch ersetzen? Der derzeitige Tabellenplatz kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der BVB über einen der besten Trainer in Europa verfügt. Und nun kann er beweisen, was wirklich in ihm steckt.

Ein wenig ist man sicher auch in Schockstarre. Vor einem halben Jahr noch Pokalfinale, jetzt Abstiegskampf. Von 100 auf Null in wenigen Monaten. Das geht für viele zu schnell, um es zu begreifen. Offenbar auch für manche Spieler. Zwar betonen alle, dass sie wüssten, was die Stunde geschlagen hat. Dass man genau wisse, dass man im Abstiegskampf stecke.

Gefühltes Spitzenteam

Schaut man sich Spiel wie gegen Hamburg oder gegen Hertha an, ist offensichtlich, dass das nicht der Fall ist. Aber wie sollen die Spieler es so schnell begreifen, wenn es selbst vielen Fans immer noch schwer fällt, es zu begreifen? Wenn selbst viele Fans reflexartig eher auf die Ergebnisse von Bayern, Leverkusen oder Wolfsburg schauen, als auf die von Bremen, Stuttgart oder Freiburg?

Gefühlt ist der BVB immer noch ein Spitzenteam. Schaut man auf die Namen, kann man nicht glauben, dass der Verein dort steht, wo er nun einmal steht. Das letzte Mal, als der BVB um den Klassenerhalt zittern musste, waren die Namen auch noch ganz andere. Damals hätte man nicht einmal im Traum daran gedacht, mal einen Weltklasse-Spieler wie Marco Reus in den eigenen Reihen zu haben. Der Transfer eines Oliver Kirch wäre damals wohl – ohne ihn schlecht reden zu wollen – als Toptransfer gefeiert worden.

Warum der BVB mit solch einer Spitzenmannschaft im Tabellenkeller herumdümpelt? Verletzungspech, Schwächung durch Abgänge, Unruhe durch Transfergerüchte, ungleiche Gewichtung zwischen Champions League und Bundesliga (ja, angeblich ja nicht….), mangelnde Kampfbereitschaft, die Erwartung, dass man in einem Spiel gegen Hertha nicht 100 Prozent geben muss…. Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht spielt all das eine Rolle, vielleicht gibt es auch noch andere Gründe, vielleicht ist auch alles falsch.

Unerklärlich

Es ist von außen betrachtet völlig unerklärlich. Mit solch einer Mannschaft darf man eigentlich niemals dort stehen, wo der BVB nun steht. Aber im Fußball wird es eben bestraft, wenn man die Punkte nicht holt. Vielleicht ist es auch nicht hilfreich, wenn man dann alle zwei Wochen CL spielen muss und allein durch die Teilnahme an dem Wettbewerb suggeriert bekommt, dass man doch eigentlich zu den Besten in Europa gehört. Aber das ist ja auch nicht zu ändern. Schließlich kann und will man ja auch nicht absichtlich raus fliegen.

Dass das Umfeld beim BVB trotzdem noch ruhig ist, hat vielleicht auch damit zu tun, dass man hier schon Schlimmeres durch gemacht hat. Ein Abstieg wäre sicher ein Rückschlag, würde den Verein auch sicher um einige Jahre zurück werfen. Aber er würde ihn nicht in seiner Existenz bedrohen. Und wenn der Herzensverein einmal ernsthaft in seiner Existenz bedroht war, dann verändert sich vielleicht die Wahrnehmung.

Der Dortmunder Weg

Vor einigen Jahren war man auch beim BVB auch noch schneller damit bei der Hand, die eigene Mannschaft auszupfeifen. Heute ist eher die verbreitete Meinung, dass kein einziger Spieler eine bessere Leistung bringt, wenn man auch noch auf ihn drauf haut. Vielleicht haben die schweren Jahre damals im kollektiven BVB-Gedächtnis das Bewusstsein gesät, dass man nur gemeinsam stark ist. Vielleicht ist das Vertrauen zu den handelnden Personen heute aber auch einfach größer als früher.

Ist es falsch, die eigene Mannschaft nach einer völlig verkorksten Hinrunde und etlichen verschenkten Punkten nicht auszupfeifen? Ist es richtig, auf Platz 16 am Trainer festzuhalten?

Ob das richtig war, werden wir am Ende der Saison wissen. Aber geht es hier überhaupt um richtig oder falsch? Denn es ist vor allem eines: Ziemlich einzigartig. Es ist der Weg, für den man sich in Dortmund entschieden hat und den man nun konsequent weiter geht.

Wenn es gut läuft, ist es ziemlich einfach von ewiger Liebe und Treue und Einzigartigkeit zu reden. Wie viel hinter solchen Worten wirklich steckt, zeigt sich in der Krise. Und da muss man bisher festhalten, dass bei vielen Dortmund-Fans ziemlich viel dahinter steckt. Und so lange so viel Herzblut, Leidenschaft und Treue hinter einem Verein steht, braucht der sich keine Sorgen zu machen. Selbst wenn der schlimmste Fall eintreten würde: Untergehen würde dieser Verein ganz sicher nicht.

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3 Gedanken zu „Von einem Verein, der niemals unterging

  1. Komische Sache das. Versteht kein Mensch…

    Ich finds interessant, dass du so offen von Aufstieg redest; was man sonst so liest beschäftigt sich eigentlich nur mit der Frage ob Dortmund es noch in die CL schafft oder es „nur“ die Euro League wird.

  2. Pingback: Links anne Ruhr (19.12.2014) » Pottblog

  3. Wenn man jetzt auch noch das Bremen-Spiel mit einbezieht, sollte man tatsächlich erst mal nur von Abstiegskampf reden. Ansonsten finde ich, du hast den ‚Geist von Dortmund‘ schön auf den Punkt gebracht in dem Artikel.
    Zur Ursachenforschung: Es war schon ein massives Problem, dass es neben den Spielern, die tatsächlich ausfielen noch die gab, die zwar spielten, aber noch längst nicht wieder bei 100 Prozent waren. Das merkst du als einzelner Spieler wie auch als Mannschaft und hinterfragst dich. Und dann kommt dieser Negativlauf. Natürlich ist das nur eine Teilerklärung, aber eben der Teil, der Hoffnung macht für eine Rückserie mit einer hoffentlich gelungenen Vorbereitung und allen Schlüsselspielern an Bord.

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